Die Einbindung pädagogischer Laien in den Alltag von Ganztagsschulen


Forschungsarbeit, 2014

53 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Problemstellung und Untersuchungsziel
1.2 Aufbau der Arbeit

2. Theoretischer Hintergrund
2.1 Charakteristik von Ganztagesschulen
2.2 Identifikation der pädagogischen Laien
2.3 Rechtlicher Status und Beschäftigungsverhältnisse der pädagogischen Laien
2.4 Funktion und Aufgaben der pädagogischen Laien im Alltag von Ganztagesschulen
2.5 Funktion und Aufgaben der Erzieher im Alltag von Ganztagesschulen
2.6 Ausmaß der Einbindung pädagogischer Laien in Ganztagesschulen
2.7 Pädagogische Kompetenz der pädagogischen Laien
2.8 Kommunikation und Zusammenarbeit zwischen Erziehern und pädagogischen Laien
2.8.1 Gegenseitige Wahrnehmung
2.8.2 Kommunikationsstrukturen
2.8.3 Problemfelder zwischen Erziehern und pädagogischen Laien

3. Empirisches Forschungsvorhaben
3.1 Stand der Forschung
3.2 Hypothesen
3.3 Untersuchungsmethodik
3.4 Beschreibung der Untersuchungsstichprobe
3.5 Inhalte des Leitfadens
3.6 Auswertung der Interviews
3.6.1 Darstellung des beruflichen Hintergrundes der pädagogischen Laien
3.6.2 Einschätzung der pädagogischen Kompetenz der Laien
3.6.3 Pädagogisch-didaktischer Einfluss der pädagogischen Laien auf die Entwicklung der Schüler
3.6.4 Institutionalisierte Kommunikation
3.6.5 Kooperation im pädagogischen Arbeitsalltag
3.6.6 Kompetenz- und Rollenkonflikte
3.6.7 Strukturelle Bedingungen in der Organisation
3.6.8 Ideen der Erzieherinnen zur Verbesserung der Zusammenarbeit
3.6.9 Analyse des Interviewverlaufs

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Ausprägung unterschiedlicher Kooperationsformen

Abbildung 2: Pädagogische Kompetenzen der pädagogischen Laien

Abbildung 3: Integration der pädagogischen Laien

Abbildung 4: Den pädagogischen Laien entgegengebrachte Wertschätzung

Abbildung 5: Den Erziehern entgegengebrachte Wertschätzung

1. Einleitung

1.1 Problemstellung und Untersuchungsziel

In vielen Ganztagsschulen ist es üblich, dass neben den regulären Lehrkräften und Erziehern auch Personen ohne pädagogische Ausbildung tätig sind, wie beispielsweise Eltern oder Angehörige nichtpädagogischer Berufe. Diese Personen, die als pädagogischen Laien bezeichnet werden, können den Schulalltag beispielsweise durch Kurse oder Projekte bereichern. Aufgrund ihrer Erfahrungen und ihrer Expertise können sie das Wissen und die Kompetenzen der Schüler fördern. Dies entspricht einem breiten bzw. ganzheitlichen Bildungsverständnis, das für Ganztagsschulen kennzeichnend ist. Gerade in Ganztagesschulen wird häufig Wert auf die Erweiterung des Erfahrungshorizontes an außerschulischen Lernorten sowie auf komplexe, praxisnahe Projekte gelegt. Im Zuge des Engagements der pädagogischen Laien kommt es zu einer multiprofessionellen Zusammenarbeit mit den Erziehern und Lehrkräften. Diese Kooperation kann aus Perspektive der pädagogischen Fachkräfte mit Problemen behaftet sein. So können zum Beispiel Meinungsverschiedenheiten oder Streitigkeiten auftreten, die ihren Hintergrund darin haben, dass die pädagogischen Laien zwar Experten auf ihrem beruflichen Gebiet sind, aber keine Kompetenz darin haben, das Wissen den Schülern sinnvoll zu vermitteln.

In der vorliegenden Arbeit soll nun untersucht werden, wie die Zusammenarbeit zwischen Erziehern und pädagogischen Laien an Ganztagsschulen gestaltet ist. Konkret soll erörtert werden, welche spezifischen Kommunikations- und Kooperationsformen und -probleme zwischen diesen beiden Gruppen bestehen. Zur Bearbeitung des Untersuchungsziels erfolgt neben der Behandlung der theoretischen Ansätze auch die Durchführung einer empirischen Erhebung, in deren Rahmen Erzieher einer Ganztagsschule interviewt werden. Eine weitere Zielsetzung besteht darin, Handlungsoptionen aufzuzeigen bzw. zu entwickeln, die auf Verbesserung der Zusammenarbeit von Erziehern und pädagogischen Laien ausgerichtet sind.

1.2 Aufbau der Arbeit

Im theoretischen Teil der Arbeit wird zunächst dargelegt, welche Charakteristik Ganztagesschulen aufweisen und welche Personen als pädagogische Laien in Ganztagesschulen tätig sind. Anschließend wird der rechtliche Status der pädagogischen Laien aufgezeigt, bevor die Funktionen und Aufgaben dieser Personen im Alltag von Ganztagesschulen untersucht werden. Daran anknüpfend wird erörtert, wie die pädagogische Kompetenz der pädagogischen Laien einzustufen ist, also ob diese sich auf Niveau der Normalbevölkerung bewegt oder höher zu bewerten ist. Im weiteren Verlauf erfolgt eine Auseinandersetzung darüber, wie die Kommunikation und Zusammenarbeit zwischen Erziehern und pädagogische Laien gestaltet ist. Von Relevanz sind hierbei die gegenseitige Wahrnehmung, die Kommunikationsstrukturen und die Problemfelder, die im Zuge der Kooperation entstehen.

Im empirischen Teil wird zunächst der Stand der Forschung aufgezeigt, indem aktuelle und relevante Studien zur Thematik der pädagogischen Laien an Ganztagesschulen herangezogen werden. Hierbei wird auch aufgezeigt, welche Entwicklung sich in der Zusammenarbeit von Erziehern und pädagogischen Laien abzeichnet. Anschließend werden aus dem theoretischen Hintergrund und dem Forschungsstand Hypothesen für das eigene Forschungsprojekt abgeleitet. Im weiteren Verlauf wird die Untersuchungsmethodik, die überwiegend einen qualitativen Charakter aufweist, dargelegt. Zum Schluss der Beschreibung der Stichprobe der Untersuchung werden die Fragen, die Bestandteil der leitfadengestützten Experteninterviews sind, ausgeführt. Schließlich werden die Ergebnisse der Untersuchung präsentiert.

2. Theoretischer Hintergrund

2.1 Charakteristik von Ganztagesschulen

Gemäß der Definition der deutschen Kultusministerkonferenz (KMK) wird an Ganztagesschulen an mindestens drei Wochentagen ein ganztätiges Angebot für die Schüler bereitgestellt, das mindestens sieben Zeitstunden umfasst. Ganz-tagesschulen sind dabei nicht als verlängerte Halbtagsschulen aufzufassen, da sie sich besonderen Tätigkeiten und Entwicklungsaufgaben widmen. Aus diesem Grund sind an Ganztagsschulen neben den Lehrkräften auch Erzieher, Personen der schulischen Sozialarbeit, Sonderpädagogen sowie pädagogische Laien tätig.1

2.2 Identifikation der pädagogischen Laien

Der Begriff des Laien leitet sich vom griechischen Terminus „laikos“ (zu Deutsch: zum Volk gehörig) ab und bezieht sich im deutschen Sprachgebrauch auf Personen, die im betreffenden Gebiet keine Fachkenntnisse aufweisen.2 Die Gruppe der pädagogischen Laien ist sehr heterogen zusammengesetzt, sowohl hinsichtlich der Qualifikationen als auch bezüglich Umfang und Art der Beschäftigung.3 Zu den pädagogischen Laien gehören Eltern, die Angebote bereitstellen oder in Gremien vertreten sind, Ehrenamtliche (Ehemalige, Nachbarschaft, Senioren etc.) sowie außerschulische Kooperationspartner (Vereine, Jugendliche, Experten etc.).4

2.3 Rechtlicher Status und Beschäftigungsverhältnisse der pädagogischen Laien

Der rechtliche Status und die Beschäftigungsverhältnisse der pädagogischen Laien hängen von den Schulbehörden der einzelnen Bundesländer ab. Gemäß dem Runderlass „Die Arbeit in der Ganztagesschule“ der Niedersächsischen Landesschulbehörde vom 1.8.2014 dürfen die Ganztagesschulen in Niedersachen folgende Vertragsarten für außerschulische Angebote angewendet werden: Kooperationsvertrag zur Arbeitnehmerüberlassung, Kooperationsvertrag ohne Arbeitnehmerüberlassung sowie freier Dienstleistungsvertrag.5 Ein freier Dienstleistungsvertrag kann dabei nur dann angewendet werden, wenn „das außerunterrichtliche Angebot von […] dem Vertragspartner eigenverantwortlich und frei von jeglichen Weisungen der Schulleitung ausgeführt wird; eine Eingliederung […] des Vertragspartners in den Betriebsablauf der Schule darf nicht stattfinden“.6

2.4 Funktion und Aufgaben der pädagogischen Laien im Alltag von Ganztagesschulen

Ganztagesschulen haben häufig Schwierigkeiten, eine kontinuierliche Beaufsichtigung der Schüler zu finanzieren, sodass pädagogische Laien bedeutsam sind, um die Kosten für den Schulbetrieb zu begrenzen.7 Die pädagogischen Laien sollen vor allem dazu beitragen, den Schulalltag zu gestalten, beispielsweise durch außerschulische Projekte. Auch sollen sie Übergänge von der Kindertagesstätte in die Schule sowie Übergänge von der Schule in den Beruf erleichtern und einzelne Schüler mit speziellem Förderbedarf unterstützen.8

2.5 Funktion und Aufgaben der Erzieher im Alltag von Ganztagesschulen

Erzieher haben an Ganztagesschulen die Funktion, einen zentralen Beitrag zur Alltagsversorgung der Schüler vorzunehmen, d.h. sie auf emotionaler, physischer und psychischer Ebene zu versorgen bzw. zu unterstützen. Hierbei ist eine Kooperation mit anderen pädagogischen Schulakteuren (insbesondere Lehrkräfte und Sozialarbeiter) umzusetzen, da es erforderlich ist, die Erziehungsaufgaben aufeinander abzustimmen. Im Rahmen der emotionalen Betreuung sind die Erzieher durchgängig Ansprechpartner für Probleme aller Art. Hierbei kann es auch von Nöten sein, als Vermittler zwischen schulischen Hilfen und den Eltern zu fungieren. Auch begleiten die Erzieher den kognitiven Lernprozess der Schüler, indem sie beispielsweise Einzelförderungen vornehmen. Darüber hinaus betreiben die Erzieher Kooperationen mit außerschulischen Akteuren (Vereine, Beratungsstelle, Jugendamt, Jugendheimen etc.), um so eine ganzheitliche Unterstützung der Schüler vorzunehmen.9

2.6 Ausmaß der Einbindung pädagogischer Laien in Ganztagesschulen

Es ist jeder Ganztagesschule selbst überlassen, in welchem Maße sie pädagogische Laien einbindet. Aus der „Studie zur Entwicklung von Ganztagesschulen“ (StEG) geht hervor, dass „nur eine randständige Zahl von Schulen die Ganztagsgestaltung gänzlich mit Lehrkräften bestreitet“.10 Im Jahr 2007 verfügten 39 Prozent aller Mitwirkenden an Ganztagsschulen über keinen pädagogisch Berufs- oder Studienabschluss, so dass ein beachtlicher Anteil der an Ganztagesschulen Tätigen pädagogische Laien darstellen. Somit sind pädagogische Laien – in einer Gesamtbetrachtung aller Ganztagesschulen in Deutschland – in starkem Maße in den Schulalltag eingebunden.11

2.7 Pädagogische Kompetenz der pädagogischen Laien

Vor allem die Eltern von Ganztagesschülern erwarten, dass die pädagogischen Laien eine gewisse pädagogische Kompetenz mitbringen, da die Laien in vielen Fällen den Schülern Wissen und Fähigkeiten vermitteln. Die pädagogische Kompetenz der Laien wird mitunter angezweifelt, was mitunter sogar dadurch beeinflusst wird, als dass der Begriff des Laien häufig als Synonym für Unzulänglichkeit verwendet wird.12 Wie stark „die pädagogischen Kompetenzen bei Ehrenamtlichen, die in Bildungseinrichtungen aktiv sind, tatsächlich ausgebildet sind – beispielsweise auch durch informelles Lernen - dazu gibt es derzeit noch keine gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnisse“.13 Aus diesem Grund soll in der empirischen Untersuchung, die im Rahmen der vorliegenden Arbeit durchgeführt wird, auch evaluiert werden, wie Erzieher die pädagogische Kompetenz der pädagogischen Laien bewerten.

2.8 Kommunikation und Zusammenarbeit zwischen Erziehern und pädagogischen Laien

In Bezug auf die Kommunikation und Zusammenarbeit zwischen Erziehern und pädagogischen Laien ist vor allem relevant, wie sich die Akteure wahrnehmen, wie die Kommunikationsstrukturen gestaltet sind und welche typischen Problemfelder bei dieser Kommunikation auftreten.

2.8.1 Gegenseitige Wahrnehmung

Die Wahrnehmung der pädagogischen Laien durch die Erzieher wird vor allem dadurch geprägt, aus welchem beruflichen Bereich die pädagogischen Laien entstammen oder welche berufliche Position einnehmen. Engagieren sich beispielsweise Unternehmensmitarbeiter, die im Beruf eine Führungsrolle einnehmen, haben es die Erzieher tendenziell mit dominanten und charismatischen Persönlichkeiten zu tun, die über ein hohes Maß an Selbstvertrauen und Selbstsicherheit verfügen. Die Vielfalt der beruflichen Anforderungen bringt mit sich, dass solche Personen viele Entscheidungen auf Basis eines umfangreichen Erfahrungswissens getroffen werden, also gewissermaßen aus dem Bauch heraus. Indirekte Folge der Ausprägung praktisch denkender und erfahrungsgeleitet handelnder Unternehmenspersönlichkeiten ist häufig ein tief verwurzeltes Misstrauen gegen theoretische Konzepte, die auf den ersten Blick nicht praktikabel sind.14 Auch wenn eine solche Darstellung klischeehafte Züge hat, wird deutlich, dass es sich bei den pädagogischen Laien um Personen handeln kann, die andere Wesensmerkmale aufweisen als dies bei Erziehern üblicherweise der Fall ist.

2.8.2 Kommunikationsstrukturen

Im Hinblick auf die Kommunikationsstrukturen kann zwischen institutionalisierter und informeller Kommunikation differenziert werden.

2.8.2.1 Institutionalisierte, formelle Kommunikation

Zu den institutionalisierten, formellen Kommunikationsstrukturen, in denen Erzieher und pädagogische Laien partizipieren, gehören die Sitzungen der multiprofessionellen Teams. Dabei ist zu betonen, dass in solchen Teamsitzungen neben den Erziehern und pädagogischen Laien insbesondere auch die Lehrkräfte teilnehmen. Idealerweise erfolgt in solchen Meetings eine Reflektion über die Rolle und Perspektiven der verschiedenen Teammitglieder. Gerade bei der Einbindung außerschulischer pädagogischer Laien ist es wichtig, dass ein strukturierter, regelmäßiger Austausch über deren Erwartungen und Handlungskonzepte erfolgt.15

2.8.2.2 Informelle Kommunikation

Es erscheint nahezu unmöglich, allgemeingültige Aussagen über die Qualität der informellen Kommunikation zwischen Erziehern und pädagogischen Laien zu machen. So hängt die Ausgestaltung informeller Kommunikation bekanntermaßen entscheidend von den beteiligten Personen ab. Die empirische Erhebung, die im Rahmen der vorliegenden Arbeit vorgenommen wird, soll dazu beitragen, in einer kollektiven Perspektive Aufschluss über den Stellenwert der informellen Kommunikation zwischen Erziehern und pädagogischen Laien zu geben.

2.8.3 Problemfelder zwischen Erziehern und pädagogischen Laien

Im Folgenden werden die Problemfelder zwischen Erziehern und pädagogischen Laien dargelegt, wobei auf die unklare Rollen- und Kompetenzabgrenzung sowie auf die Beeinflussung der Unterrichtskonzeption und Lernentwicklung von Seiten der Laien eingegangen wird.

2.8.3.1 Unklare Rollen- und Kompetenzabgrenzung

Aufgrund ihrer verschiedenen Aufgaben und ihres unterschiedlichen beruflichen Hintergrunds nehmen Erzieher und pädagogische Laien spezifische Rolle ein und erwarten von der jeweils anderen Gruppe bestimmte Verhaltensweisen. Wenn die verschiedenen Rollen und Erwartungen nicht zusammen passen, können Rollenkonflikte entstehen. In Abhängigkeit von persönlicher Fähigkeit und Flexibilität kann ein Rollenkonflikt entweder problemlos bewältigt werden, oder sich zu einem andauernden Rollenstress entwickeln, der den jeweiligen Rollenträger stark belasten

2.8.3.2 Beeinflussung der Unterrichtskonzeption und Lernentwicklung

Wenn die pädagogischen Laien aus Wirtschaftsunternehmen entstammen, kann bei ihnen die Sichtweise vorherrschend sein, dass Schulen in ihrer Bildungsfunktion lediglich als Dienstleister für eine berufsbezogene Bildung betrachtet werden. In einer derartigen Perspektive wird oftmals versucht, die Unterrichtsgestaltung in inhaltlich-methodischer Weise zu beeinflussen. Es ist offensichtlich, dass die Erzieher eine nicht abgesprochene Beeinflussung der Unterrichtskonzeption ablehnen, so dass hierin ein mögliches Konfliktpotenzial besteht. Es ist anzunehmen, dass es bei unterrichtsbezogenen Engagements von Unternehmen ein schmaler Grat ist zwischen erwünschter Bereicherung des Unterrichts durch Fachwissen und unerwünschter Umgestaltung des Unterrichts.16 kann.17

3. Empirisches Forschungsvorhaben

3.1 Stand der Forschung

Generell gibt es nicht allzu viele empirische Studien, die sich auf die Einbindung von pädagogischen Laien in Ganztagesschulen beziehen. Insbesondere im Hinblick auf die Kooperation zwischen pädagogischen Laien und Erziehern gibt es ein Forschungsdefizit.

Steiner (2013) hat auf Grundlage des fortlaufenden Projekts “Studie zur Entwicklung von Ganztagesschulen“ (StEG) eine Sekundäranalyse durchgeführt. Die Untersuchung von Steiner gründet dabei auf den Daten der StEG aus dem 2009, in dem 1.584 Mitarbeiter aus 262 Ganztagesschulen befragt wurden. In der Studie wird zwischen pädagogischen Fachkräften, professionalisierte Laien und Laien differenziert, wobei sich die professionalisierten Laien dadurch auszeichnen, dass sie (im Gegensatz zu den Laien) an Fortbildungen teilgenommen haben oder bereits an Schulen tätig waren.18 In der Studie konnten die Befragten auf einer Skala von 1 („gar nicht wichtig“) bis 4 („sehr wichtig“) Items bewerten, die sich auf die Motive für das schulische Engagement beziehen. Es zeigte sich, dass sich die Laien und professionalisierten Laien kaum von pädagogischen Fachkräften unterscheiden. Sowohl bei den gemeinwohlorientierten Motiven (z.B. „Ich tue damit etwas für das Gemeinwohl“) als auch bei den individuellen Nutzenmotiven (z.B. „Ich erweitere meine Kenntnisse und Erfahrungen“) gab es nahezu identische Mittelwerte.19

Ein Autorenteam hat im Auftrag der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (2013) eine Auswertung der Schulstudien IGLU (Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung) und TIMSS (Trends in International Mathematics and Science Study) aus dem Jahr 2011 vorgenommen. Das Untersuchungsinteresse lag vor allem auf den außerschulischen Gestaltungselementen von Ganztagsschulen. Im Rahmen dieser Schulstudien gaben die Schulleitungen Auskunft auf folgende Frage: „In welchem Umfang sind die folgenden Personengruppen an der Durchführung der außerunterrichtlichen Gestaltungselemente des Ganztags aktiv beteiligt?“20 Eine hohe Einbindung bzw. aktive Partizipation wurde Honorarkräften aus Vereinen und Verbänden, Ehrenamtlichen und Honorarkräften aus privaten Unternehmen bescheinigt. Eine wesentlich geringe Partizipation wurde dagegen den Eltern, den innerschulischen Sozialpädagogen sowie den außerschulischen Sozialpädagogen bescheinigt.21

Das Bundesministerium für Forschung und Bildung (2012) führt die Untersuchung „Formen der Lehrerkooperation und Beanspruchungserleben an Ganztagesschulen“ der Bergischen Universität Wuppertal an, in deren Rahmen 1.783 Lehrer von Ganz- und Halbtagesschulen befragt wurden. Dabei wurde unter anderem evaluiert, welche Kooperationsformen die Lehrkräfte mit außerschulischen Akteuren eingehen. Wie aus der folgenden Abbildung hervorgeht, ist die Kooperationsform „schülerbezogener Austausch“ an Ganztagesschulen am höchsten, gefolgt von der Kooperationsform „fachlicher Austausch“.22

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Ausprägung unterschiedlicher Kooperationsformen23

3.2 Hypothesen

Aus dem theoretischen Hintergrund und dem Forschungsstand können folgende Hypothesen abgeleitet werden:

Es bestehen nur unzureichende institutionalisierte Kommunikationsformen (Supervision, Teambesprechungen etc.) zwischen Erziehern und pädagogischen Laien

Es bestehen ausgeprägte Kompetenz- und Rollenkonflikte zwischen den Erziehern und den pädagogischen Laien

Pädagogische Laien nehmen in der Wahrnehmung der Erzieher zu starken bzw. kontraproduktiven Einfluss auf pädagogisch-didaktische Entwicklung der Schüler

3.3 Untersuchungsmethodik

Die Untersuchungsmethodik besteht in der Anwendung von leitfadengestützten Interviews. Der Vorteil dieser Methode wird vor allem darin gesehen, dass die Befragten selbst Zusammenhänge entwickeln können, was durch Zwischenfragen von Seiten des Interviewers unterstützt werden kann. Der Leitfaden dient dazu, auf die zentralen Themen hinzuleiten und dadurch den Experten gegenüber ein ebenbürtiger Gesprächspartner zu sein. Im Idealfall führen die Befragten Aspekte an, die der Interviewer bis dato nicht bedacht hat. Die eigene Position in dieser Methode ist somit dadurch gekennzeichnet, dass das Gespräch vom Forschenden geleitet und geführt wird, wobei darauf geachtet wird, dass die Interviewten gewissermaßen aus sich heraus kommen. Durch die Orientierung an einem Leitfaden wird vermieden, dass sie das Gespräch in Themen verliert, die nicht zur Sache gehören. Darüber hinaus gewährleistet der Einsatz eines Leitfadens, dass die Vergleichbarkeit zwischen den einzelnen Experteninterviews gewährleistet wird. Denn da sämtlichen Experten entlang desselben Leitfadens Fragen gestellt werden, sind die Interviews dahingehend vergleichbar, als sich alle Experten zu denselben Themen äußern mussten.24

Die Auswertung der Experteninterviews erfolgt durch eine Inhaltsanalyse. Generell können drei Grundformen qualitativer Inhaltsanalysen voneinander abgrenzt werden, nämlich die inhaltsanalytische Explikation, die Strukturierung und die Zusammen-fassung. Bei der explikativen Inhaltsanalyse steht im Mittelpunkt, zu einzelnen fraglichen Textteilen zusätzliches Material zu recherchieren, das die Textstelle erklärt und das Verständnis erweitert. Die strukturierende Inhaltsanalyse ist vor allem darauf ausgerichtet, bestimmte Aspekte aus dem Material herauszufiltern oder das Material auf Basis bestimmter Kriterien einzuschätzen. Ziel der zusammenfassenden Analyse ist es, die Textbeiträge so zu kürzen, dass die zentralen Inhalte erhalten bleiben, also einen überschaubaren Corpus zu schaffen, der immer noch Abbild des Grundmaterials darstellt.25 Für die Auswertung der Interviews wird die strukturierte Analyse gewählt, um so die für die Überprüfung der aufgestellten Hypothesen (siehe Abschnitt 3.2) Themenfelder herauszuarbeiten.

Einige Fragen innerhalb der Experteninterviews werden eine quantitative Ausrichtung aufweisen. Dabei werden die Erzieher gebeten, Statements auf einer Skala von 1 („trifft überhaupt nicht zu“) bis 10 („trifft voll zu“) zu bewerten. Hieraus lassen sich Durchschnittswerte bzw. das arithmetische Mittel bilden. Diese quantitativen Daten werden aufgrund der überschaubaren Größe der Stichprobe keine Repräsentativität aufweisen, doch können sie weitere aussagekräftige Hinweise darüber geben, wie Erzieher den Einfluss der pädagogischen Laien auf den Arbeitsalltag bewerten.

3.4 Beschreibung der Untersuchungsstichprobe

Die Stichprobe setzt sich aus 2 Erziehern einer Ganztagsschule zusammen. Beide Interviewpartner sind seit ihrer gesamten Berufslaufbahn zusammen in einem Team und kennen die Einrichtung als Alleinstehender Hort (Träger Stadt Neu-Isenburg) und als neu Zusammengeführte Einrichtung (Zusammenschluss von Grundschule, Nachmittagsbetreuung und Hort als Ganztagsschule).

1. Interviewpartnerin hat 16 Jahre Berufserfahrung
2. Interviewpartnerin hat 11 Jahre Berufserfahrung

3.5 Inhalte des Leitfadens

Welche pädagogischen Laien sind an ihrer Schule tätig?

Wie gestaltet sich die Kommunikation und Kooperation mit diesen Personen?

Welche Probleme zwischen Erziehern und pädagogischen Laien tauchen im Arbeitsalltag auf?

Zeigen Sie bitte Beispiele auf, in denen pädagogische Laien zu starken Einfluss auf die pädagogisch-didaktischer Erziehung der Schüler nehmen? Treten diese Fälle häufig auf?

Wie bewerten Sie die pädagogische Kompetenz der pädagogischen Laien auf einer Skala von 1 („keine besondere pädagogische Kompetenz“) bis 10 („sehr hohe pädagogische Kompetenz“)?

Beschreiben Sie bitte die Rollenkonflikte, die zwischen Erziehern und pädagogischen Laien auftreten können?

Wie treten die pädagogischen Laien gegenüber den Erziehern auf?

Haben Sie den Eindruck, dass sich die Zusammenarbeit zwischen Erziehern und pädagogischen Laien in den letzten Jahren verändert hat? Wie beschreiben Sie diese Entwicklung?

Inwiefern bestehen institutionalisierte Kommunikationsformen zwischen Erziehern und pädagogischen Laien?

Gibt es im Hinblick auf die multiprofessionellen Teams Ganztagsgremien sowie feste Vereinbarungen und Ansprechpartner?

Würde ein Ausbau der institutionalisierten Kommunikation das Verhältnis zwischen Erziehern und pädagogischen Laien verbessern?

Wie ist die informelle Kommunikation zwischen den Erziehern und den pädagogischen Laien gestaltet?

Sind Sie der Ansicht, dass sich die Kooperation zwischen Erziehern und pädagogischen Laien in Ganztagesschulen gegenüber der Kooperation in Normalschulen unterscheidet?

Wie bewerten sie die Wertschätzung und das Vertrauen, das den Erziehern von den pädagogischen Laien entgegengebracht wird? (Skala von 1 „keine Wertschätzung durch pädagogische Laien“ bis 10 „große Wertschätzung durch pädagogische Laien“)

Wie gut integrieren sich die pädagogischen Laien in das gesamte multiprofessionelle Team? (Skala von 1 „gar nicht“ bis 10 „sehr stark“)

Wie geht die Schulleitung mit Konflikten zwischen Erziehern und pädagogischen Laien um?

Wie ließe sich die Kooperation von Erziehern und pädagogischen Laien verbessern?

3.6 Auswertung der Interviews

Ausgehend von den bisherigen theoretischen Darstellungen werden in den folgenden Abschnitten die Aussagen der beiden Interviewpartnerinnen im Hinblick auf die forschungsleitende Frage nach den Kommunikations- und Kooperationsformen zwischen den Erzieherinnen und den pädagogischen Laien in der Ganztagsschule dargestellt, wobei die oben aufgestellten Hypothesen (siehe Abschnitt 3.2) überprüft werden sollen. Im Anschluss daran folgt eine kurze Analyse des Interviewverlaufs und der sich daraus ergebenden Verbesserungsmöglichkeiten bei der Gestaltung von leitfadengestützten Interviews.

3.6.1 Darstellung des beruflichen Hintergrundes der pädagogischen Laien

Die in der Institution tätigen pädagogischen Laien sind durchwegs Mitglieder des nahestehenden Fördervereins. Über ihre Qualifikationen bzw. ihren beruflichen Werdegang hat sich die erste Interviewpartnerin nur wenige Gedanken gemacht. Auf die Frage nach deren beruflichen Hintergründen kann die Befragte nur die Tätigkeiten Frisör und Büroangestellte nennen.26 Ihr Fokus liegt vor allem darauf, dass es keine ausgebildeten Pädagogen sind, sie fasst dies zusammen und spricht von „Laien, [die] aus Fremdberufen halt sind.“27

Die zweite Interviewpartnerin nennt ebenfalls die Frisörin und die Bürokauffrau, nach längerer Überlegung fällt ihr auch noch der Beruf des Zahntechnikers ein. Sie weist darauf hin, dass einige der pädagogischen Laien über keine Berufsausbildung verfügen. Ansonsten gäbe es noch jemanden aus dem Kosmetikbereich und mehrere Studentinnen, wobei sie hier einschränkt, dass die Studentinnen nicht wie die pädagogischen Laien über den Förderverein, sondern über die Stadt eingestellt worden sind und als Vertretungen in der Institution arbeiten.28 Die ungelernten Kräfte hätten zuvor „in irgendwelchen Einkaufscentern gearbeitet“, entweder im Verkauf oder auch in anderen Bereichen, in denen sie „einfach alles Mögliche gemacht haben.“ 29

[...]


1 Vgl. Oelkers (2011), S.3 ff.

2 Vgl. Schmidt-Hertha / Müller (2013), S.2.

3 Vgl. Oelkers (2011), S.4.

4 Vgl. Wichmann (2014), S.61.

5 Vgl. Niedersächsische Landesschulbehörde (2014), S.389.

6 Niedersächsische Landesschulbehörde (2014), S.389.

7 Vgl. Schmidt-Hertha / Müller (2013), S.4.

8 Vgl. Wichmann (2014), S.62.

9 Vgl. Ellinger (2007), S.206.

10 Steiner (2013), S.66.

11 Vgl. Steiner (2013), S.66.

12 Vgl. Steiner (2013), S.65.

13 Deutsche Kinder- und Jugendstiftung (2014), im Internet unter: http://www.ganztaegig-lernen.de/paedagogische-laien-der-ganztagsschule.

14 Vgl. Stuhldreier (2002), S.58 ff.

15 Vgl. Wichmann (2014), S.63 ff.

16 Vgl. Bastisch (2004), S.55.

17 Vgl. Buddeberg (2004), S.85.

18 Vgl. Steiner (2013), S.70 f.

19 Vgl. Steiner (2013), S.78.

20 Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (2013), S.85.

21 Vgl. Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (2013), S.84 f.

22 Vgl. Bundesministerium für Forschung und Bildung (2012), S.30.

23 Quelle: Bundesministerium für Forschung und Bildung (2012), S.30.

24 Vgl. Nohl (2009), S.20 f.

25 Vgl. Gassmann (2013), S.207 f.

26 Vgl. Interview 1, Zeile 14 f.

27 Interview 1, Zeile 15.

28 Vgl. Interview 2, Zeile 19 ff.

29 Interview 2, Zeile 19 ff.

Ende der Leseprobe aus 53 Seiten

Details

Titel
Die Einbindung pädagogischer Laien in den Alltag von Ganztagsschulen
Hochschule
Hochschule Darmstadt
Note
1
Autor
Jahr
2014
Seiten
53
Katalognummer
V294163
ISBN (eBook)
9783656921547
ISBN (Buch)
9783656921554
Dateigröße
718 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
einbindung, laien, alltag, ganztagsschulen
Arbeit zitieren
Julia Mahr (Autor), 2014, Die Einbindung pädagogischer Laien in den Alltag von Ganztagsschulen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/294163

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