“Histoire banale, histoire qui arrive chaque jour, des milliers de fois” : So lapidar kommentiert Marguerite Duras selbst die Handlung ihres Werks in der Synopsis zu Hiroshima mon amour. Es kann also schwerlich an dem beschriebenen Ehebruch liegen, den die namenlose Französin und der –fast ausschließlich nur in seiner Eigenschaft als ein aus Hiroshima Stammender beschriebene - japanische Mann begehen, dass Duras Drehbuch und der daraus entstandene Film von Alain Resnais 1959 einen Skandal hervorriefen. Woran aber dann?
Auch heute noch löst allein der Titel Unbehagen aus: Warum wird Hiroshima, die Stadt der Zerstörung, der Gewalt, des sinnlosen Todes, in einem Atemzug mit Liebe genannt, wird der Ort des ersten Atombombenabwurfs auf bewohntes Gebiet mit einem Kosenamen betitelt? Die Verbindung verstört.
In dieser Hausarbeit wird vor allem folgender Themenkomplex behandelt: Die Psychoanalyse Freuds wird in ihrer Eigenschaft als Traumatheorie vorgestellt, wobei vorher ein Überblick über das Verhältnis der Psychoanalyse zur Literatur gegeben wird. Anschließend wird die traumatische Erfahrung der Französin, ihre erste Liebe verloren zu haben, psychoanalytisch beleuchtet.
Anschließend wird auf die rezeptionsästhetische Frage eingegangen, weshalb gerade die Darstellung des Traumas der Französin für ein Gefühl von Beklemmung beim Leser ursächlich ist, was ihr individuelles Trauma mit dem kollektiven Trauma „Hiroshima“ gemein hat und wie und ob es gelingt, dem Leser mit Hilfe der Beschreibung des einzelnen Schicksals die Immensität der Zerstörung in Hiroshima zu offenbaren.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Verhältnis der Psychoanalyse zur Literatur
2.1. Freuds eigene Beschäftigung mit Literatur
3. Vorstellung der Psychoanalyse
3.1. Trauma
3.1.1. Begriffsklärung
3.1.2. Verlauf und Symptome von Traumata
3.2. Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)
4. Hiroshima mon amour- die (Heilungs-) Geschichte einer Traumatisierten?
4.1. Première Partie: Gesehen oder nicht gesehen haben
4.2. Deuxième partie: Die Wiederkehr des Verdrängten
4.3. Troisième partie: Annäherung an das Trauma und Fluchtgedanken
4.4. Quatrième Partie: Das Teilen des Traumas- La résurgence de Nevers
4.5. Cinquième Partie: Nachwirkungen
4.6. Fazit
5. Schlussbetrachtungen: Hiroshima mon amour- Die Darstellung kollektiven Traumas durch die Darstellung individuellen Traumas
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das filmische Werk Hiroshima mon amour von Marguerite Duras aus psychoanalytischer Perspektive, um zu analysieren, wie individuelles Trauma dargestellt wird und in welcher Beziehung es zur kollektiven Traumatisierung Hiroshimas steht.
- Psychoanalyse als Traumatheorie nach Sigmund Freud
- Verbindung von Literatur und psychoanalytischer Methodik
- Analyse der traumatischen Erfahrungen der Protagonistin
- Rezeptionsästhetische Wirkung der Trauma-Darstellung
- Interaktion zwischen individuellem Trauma und kollektiver Erinnerung
Auszug aus dem Buch
3.1.2. Verlauf und Symptome von Traumata
Freuds traumatisierte Patienten- wie unterschiedlich die Auslöser ihrer Traumata haben sein mögen- hatten gemein, dass sie an dieser bestimmten Situation in ihrer Vergangenheit wie fixiert zu sein schienen, „als ob diese noch als unbezwungene aktuelle Aufgabe vor ihnen stände“20. Er ist sich sicher, dass das Moment der Überraschung und des Schrecks, den er als Zustand definiert, „in den man gerät, wenn man in Gefahr kommt, ohne auf sie vorbereitet zu sein“21, als das Auschlaggebende einer potenziell traumatisierenden Erfahrung anzusehen ist. Das Trauma ist eine Erfahrung der Ohnmacht und des Schocks, auf die „das Verhaltensrepertoire aller Lebewesen mit Zentralnervensystem drei Möglichkeiten bietet […] zu reagieren: Kampf, Flucht oder Erstarrung“22. Zum Kämpfen oder Flüchten bedarf es Energie, „die der Körper schlagartig zur Bewältigung der Ausnahmesituation zur Verfügung gestellt hat.“23 Wird diese Energie jedoch nicht aufgebracht, verfällt die betroffene Person im Moment des traumatischen Ereignisses in eine Art Schockstarre- der psychoanalytische Begriff hierfür ist die Dissoziation: Das Erlebnis wird versucht zu bewältigen, indem man an einem bestimmten Moment des Geschehens- der „dissoziativen Abrissstelle“24- gleichsam die Situation nicht mehr als Beteiligter oder Erfahrender wahrnimmt, sondern als nicht teilnehmender Beobachter.25 Dadurch wird zwar Abstand zum traumatischen Ereignis gewonnen. Doch werden die psychische Konfrontation und der Umgang mit dem Trauma nur auf später verschoben- der Prozess des Aufarbeitens wird verzögert. Die Dissoziation- ebenso die Verdrängung- ist ein gängiger Abwehrmechanismus, der für Traumapatienten typisch ist, da sie ansonsten mit der Reizüberflutung gänzlich überfordert wären.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik ein, wie Marguerite Duras in Hiroshima mon amour Liebe und Katastrophe verknüpft, und umreißt die psychoanalytische Untersuchung des Traumas.
2. Das Verhältnis der Psychoanalyse zur Literatur: Dieses Kapitel erörtert die theoretische Legitimität, psychoanalytische Konzepte auf fiktive literarische Figuren anzuwenden.
2.1. Freuds eigene Beschäftigung mit Literatur: Hier wird gezeigt, dass Freud selbst Literatur als wertvolles Material für seine Fallstudien und die Entwicklung psychoanalytischer Modelle nutzte.
3. Vorstellung der Psychoanalyse: Die Grundlagen der Psychoanalyse als "reine Traumatheorie" werden als Basis für die weitere Analyse eingeführt.
3.1. Trauma: Dieses Kapitel definiert Trauma als Durchbruch des Reizschutzes und beleuchtet die medizinischen und psychologischen Aspekte.
3.1.1. Begriffsklärung: Eine detaillierte Bestimmung des Traumabegriffs von den medizinischen Ursprüngen bis zur psychoanalytischen Interpretation.
3.1.2. Verlauf und Symptome von Traumata: Beschreibung der Mechanismen wie Dissoziation und Flashbacks, die bei traumatisierten Patienten auftreten.
3.2. Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS): Zusammenfassung der Definition und therapeutischen Ansätze bei der Posttraumatischen Belastungsstörung.
4. Hiroshima mon amour- die (Heilungs-) Geschichte einer Traumatisierten?: Einleitung in die konkrete Filmanalyse der Liebesgeschichte zwischen der Französin und dem Japaner.
4.1. Première Partie: Gesehen oder nicht gesehen haben: Analyse des ersten Dialogs, in dem die beiden Protagonisten über das Erinnern und das Wissen um die Katastrophe streiten.
4.2. Deuxième partie: Die Wiederkehr des Verdrängten: Untersuchung der Rückblenden der Protagonistin und der Bedeutung des Ortes Nevers für ihr Trauma.
4.3. Troisième partie: Annäherung an das Trauma und Fluchtgedanken: Analyse der Annäherung zwischen den Liebenden und des bewussten Umgehens mit dem traumatischen Gesprächsstoff.
4.4. Quatrième Partie: Das Teilen des Traumas- La résurgence de Nevers: Darstellung, wie der Japaner durch gezielte Fragen die Protagonistin dazu bringt, ihr Trauma zu artikulieren.
4.5. Cinquième Partie: Nachwirkungen: Betrachtung der Folgen des Erzählens und der Veränderung im Verhältnis der Protagonistin zu ihrer Vergangenheit.
4.6. Fazit: Zusammenfassung der Ergebnisse bezüglich der Trauma-Identifikation der Französin und ihrer therapeutischen Interaktion mit dem Japaner.
5. Schlussbetrachtungen: Hiroshima mon amour- Die Darstellung kollektiven Traumas durch die Darstellung individuellen Traumas: Resümee darüber, wie Duras durch die Konzentration auf ein Einzelschicksal die Immensität der historischen Katastrophe erfahrbar macht.
Schlüsselwörter
Psychoanalyse, Trauma, Hiroshima mon amour, Marguerite Duras, Dissoziation, Verdrängung, Erinnerung, Flashback, PTBS, Literaturanalyse, kollektives Trauma, Nevers, Reizschutz, Aufarbeitung, Identität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das Drehbuch und den Film Hiroshima mon amour aus psychoanalytischer Sicht, wobei der Fokus auf dem Trauma der französischen Protagonistin liegt.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Themen sind die psychoanalytische Traumatheorie, das Verhältnis von Literatur und Psychoanalyse sowie die Verschränkung von persönlichem Leid und kollektiver Erinnerung an den Atombombenabwurf auf Hiroshima.
Was ist die primäre Forschungsfrage der Arbeit?
Die Arbeit fragt danach, wie Marguerite Duras das Trauma ihrer Protagonistin darstellt und ob es ihr gelingt, anhand eines Einzelschicksals die Immensität der kollektiven Zerstörung in Hiroshima für den Leser bzw. Zuschauer offen zu legen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Autorin wendet psychoanalytische Konzepte (nach Freud) auf literarische Figuren an, um die traumatischen Verhaltensweisen und den Heilungsprozess der Protagonistin zu analysieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil erfolgt eine detaillierte Sequenzanalyse des Werks, die den Verlauf der Geschichte in fünf Teilen nachzeichnet, sowie eine theoretische Einleitung in die Psychoanalyse und das Störungsbild des Traumas.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Psychoanalyse, Trauma, kollektives Gedächtnis, Dissoziation und Erinnerungsarbeit charakterisieren.
Wie trägt der Japaner zur Heilung der Französin bei?
Er übernimmt eine Rolle, die der eines Therapeuten gleicht, indem er sie durch geschickte, behutsame Fragen und Stichworte dazu bringt, ihre verdrängten Erinnerungen an das traumatische Erlebnis in Nevers in Worte zu fassen.
Warum verzichtet die Autorin auf eine Analyse des Japaners als Traumatisierten?
Die Autorin begründet dies damit, dass die Psychoanalyse eine westliche Theorie ist und es wissenschaftlich fragwürdig wäre, diesen Rahmen ohne tiefere Kenntnis auf eine andere Kultur anzuwenden.
- Citation du texte
- Katja Federhen (Auteur), 2012, Traumatheorie, Trauma-Analyse und die Frage nach der Darstellbarkeit des Traumas. Marguerite Duras "Hiroshima mon Amour", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/294169