Das Problem der Willensschwäche in der antiken und modernen Philosophie

Spielen Handlungsfreiheit, Rationalisierung, Status-Änderung und Handlungskonflikt eine Rolle?


Essay, 2014

17 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

Gliederung

1.Einleitung

2.Der Ursprung der Willensschwäche
2.1.Sokrates und Aristoteles Position zur Willensschwäche
2.2.Thomas von Aquins Position zur Willensschwäche
2.3.Davidsons und Kennys Position zur Willensschwäche

3.Abschließender Vergleich

4.Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Wer kennt sie nicht, die guten Vorsätze, welche sich bekanntlich gehäuft zum Jahreswechsel in die Köpfe der Menschen schleichen. Weniger rauchen, weniger trinken, pünktlicher sein, mindestens zehn Kilo Hüftspeck verlieren. Und ist ein weiteres Jahr ins Land gezogen, werden die nicht eingehaltenen Vorsätze ganz einsichtig mit der folgenschweren Willensschwäche gerechtfertigt. „Meine Frau kocht zu gut“, sagt der Pfundskerl. „Ich hatte so viel Stress im vergangenen Jahr“, sagt der Zigaretten-Liebhaber. „Mein Wecker klingelt zu leise“, so witzelt der Unpünktliche.

Das alltägliche Phänomen der Willensschwäche ist allgegenwärtig, so scheint es auf den ersten Blick. Jedoch ist es umso überraschender, dass die Existenz und sogar die Möglichkeit von Willensschwäche aus der philosophischen Perspektive außerordentlich umstritten ist.

Reichen die Meinungen dazu weit auseinander oder sind gegebenenfalls sogar Parallelen zu dieser Problematik auffindbar?

In dieser Arbeit möchte ich gerne näher auf die Problematik des Phänomens der Willens- schwäche eingehen. Zum einen geht es darum, den Ursprung und die Bedeutung von Willensschwäche abzugrenzen. Dazu werde ich mithilfe eines chronologischen Verlaufs die differenzierten Ansichten verschiedener bedeutsamer Philosophen einblenden. Zum einen werde ich Gedankengänge der antiken Philosophen Sokrates und Aristoteles mit in diese Arbeit einbeziehen, bevor ich einen zeitlichen Sprung in das 13. Jahrhundert mache, um mir die Überlegungen des Philosophen Thomas von Aquin zur Willensschwäche- Problematik anzuschauen.

Ganz besonders stark werde ich dabei den Text von Ursula Wolf „Zum Problem der Willensschwäche“ in meine individuell gebildeten Überlegungen mit einbeziehen und ihre Kommentare zu den Ansichten der verschiedenen Perspektiven, die sich über die Jahrhunderte gebildet haben, einblenden.

Diese drei zeitlichen Abrisse stellen lediglich punktuell eingeflossene Meinungen zu einer breit gefächerten und noch immer andauernden Debatte dar. Demnach ist weder die Richtigkeit noch die Falschheit des Phänomens der Willensschwäche der Fokus dieser Arbeit. Wichtig ist mir, Kenntnis zu erlangen, das dieses Phänomen zum einen in Frage gestellt wird und zum anderen ist es mir ein Anliegen auf anregende Diskussionspunkte Stellung zu nehmen. Werden wir beispielsweise bei einigen Handlungen von einer „Blindheit“ gesteuert, so wie es Aristoteles beschreibt? Ändern wir unseren Wunsch-Status nach Belieben, wie es Aquin andeutet?

2. Der Ursprung der Willensschwäche

Menschen hantieren mit dem Begriff der „Willensschwäche“ in alltäglichen Situationen ganz unterschiedlich. „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“, so treiben wir uns beispiels- weise in allen möglichen Situationen des Alltags zu erfolgreichen Leistungen an. Ebenso bekannt lautet die Aussage „Wer nicht will, der hat schon“. Das wird uns nämlich nach zu langer Grübelei ungeduldig mitgeteilt. Jeder kennt das Wort „Willensschwäche“ und recht Viele denken wahrscheinlich ebenfalls die Bedeutung des Wortes zu über-blicken. Dabei könnten die Erklärungen jedoch recht unterschiedlich ausfallen, weil eben das Phänomen der Willensschwäche komplexer ist als es vielleicht vorerst erscheint. Daher ist es vorab unumgänglich zu klären, welche Bedeutung das Wort Willensschwäche im Bereich der Philosophie generell einnimmt um Missverständnisse zu meiden, weil dem Wort eine falsche Bedeutung beigemessen wird. Im Zuge dessen, werde ich mich vor allem auf den Text „Zur Problem der Willensschwäche“ von Ursula Wolf aus dem Jahr 1985 stützen.

Ursula Wolf hat sich in ihrem Aufsatz ebenfalls dazu entschlossen, den Begriff der Willensschwäche in der Philosophie ganz zu Beginn ihrer weiteren Argumentation zunächst abzugrenzen. Ihre Recherche dazu lautet: „Das Wort Willensschwäche“ ist zum einen ein Ausdruck unserer Umgangssprache, zum anderen fungiert es in der Philosophie als Übersetzung des griechischen Wortes „akrasia“. „Akrasia“ kann man ungefähr mit „Unbeherrschtheit“ übersetzen […].“1

Dabei ist es wichtig zu bedenken, das „Unbeherrschtheit“ einzig eine Richtlinie darstellt wie der Begriff „Willensschwäche“ in der Philosophie in etwa zu deuten ist. Es kann keinesfalls Eins zu Eins übersetzt werden.

Zur Willensschwäche sagt Wolf weiter: „Aristoteles hat dieses Wort als Terminus eingeführt für das Phänomen, daß jemand nicht tut, was er für das Beste hält, obwohl er es tun könnte.“2

Eine zweite Quelle die sich ebenfalls auf den Wortursprung von „Willensschwäche“ bezieht, bestätigt Wolfs Ausführungen und erklärt: „Wille ist die Fähigkeit, sich für oder gegen etwas zu entscheiden.“ Der Begriff „Akrasia“ wird analog zu Wolfs Beschreibung mit folgender Definition aufgeschlüsselt:

„Unter Akrasia ([...] lateinisch incontinentia ‚ Willensschwäche, Unbeherrschtheit, Handeln wider besseres Wissen) versteht man den Fall, dass eine Person eine Handlung ausführt, obwohl sie eine alternative Handlung für besser hält. Die Analyse entsprechender Handlungen ist eines der zentralen Probleme der philosophischen Disziplin der Handlungstheorie, da akratische Handlungen plausibel scheinenden Annahmen über Handlungen von Personen zu widersprechen scheinen. Untersucht wird dabei, ob oder inwiefern entsprechende Handlungsphänomene mit folgendem Prinzip vereinbar sind: Personen führen, wenn sie dazu in der Lage sind, solche Handlungen aus, die sie für gut halten.“1

Anhand der Rückführung des Wortes Willensschwäche, lässt sich deutlich erkennen, dass seine Bedeutung vielmehr einen phänomenalen Charakter inne hat. Ausschließlich anhand seiner etymologischen Bedeutung ist es daher unmöglich die Komplexität von Willensschwäche aufzuzeigen.

Somit ergab sich bereits zu antiken Zeiten eine umstrittene Sichtweise, wie dieses Phänomen zu beschreiben ist und daraus folgend wiederum hat die Problematik der Willensschwäche eine gewichtige Rolle im Bereich der Philosophie eingenommen. Im Folgenden werde ich ausführen, wie weit die Diskussionen reichen und welche unterschiedlichen Meinungen im Bereich der Willensschwäche aufgetreten sind.

2.1. Sokrates und Aristoteles Position zur Willensschwäche

Wie die Überschrift vermuten lässt gibt es Diskussionen über das Phänomen der Willensschwäche bereits seit der Antike. Sie setzt ein mit Sokrates und findet ihren ersten Höhepunkt im 7. Buch der „Nikomachischen Ethik“ des Aristoteles. Die Positionen beider sind weitreichend, doch sollen sie nicht detaillierter beschrieben werden, als es für den relevanten Rahmen dieser Arbeit nötig wäre.

Einen Aufhänger der bis heute andauernden Diskussionen zur Problematik der Willensschwäche bereitete Aristoteles, als er das Wort als Terminus einführte. Und zwar „für das Phänomen, daß jemand nicht tut was er für das Beste hält, obwohl er es tun könnte.“2 Sokrates lehnte sich vehement gegen diese Begriffserklärung und entfachte somit eine breit gefächerte Diskussion.

Aristoteles beschreibt das Phänomen der Willensschwäche wie folgt: Sobald sich jemand einen festen Vorsatz fast, wird dieser jedoch von einem Verlangen übermannt, welches Einfluss auf seine folgende Handlung gewinnt. Bei Aristoteles spielt dabei vor allem der Zusammenhang zwischen Wissen und Handlungsfreiheit eine essentielle Rolle. Denn wird jemand von einer außerordentlichen Begierde überwältigt, so führt er seine Handlung fortan nicht mehr auf freiwilliger Basis aus, auch wenn er in der Lage gewesen wäre anders handeln zu können, meint Aristoteles.

Diese Beraubung an seiner eigenen Freiheit setzt Aristoteles gleich mit dem Verlust an seinem eigenen Wissen. Und es setzt demzufolge in dem Moment, in dem die Begierde wirksam wird, eine Art „Blindheit“ beim Handelnden ein. Das bedeutet soviel wie: Der Handelnde ist sich der Bedeutung seiner Handlung und der Handlungsrelevanz nicht mehr vollkommen bewusst.1

In dieser Ausführung des Aristoteles steht der Handelnde also vor keinem Schneideweg, ob er dies oder doch jenes tun sollte. Sein Verlangen und sein Unwissen, treibt ihn zu unfreiwilligen Maßnahmen, meint der antike Philosoph. Somit kappt er den Inter- pretationsspielraum seiner vorhergehenden Terminusbestimmung, welche besagte Willensschwäche steht „für das Phänomen, daß jemand nicht tut was er für das Beste hält, obwohl er es tun könnte.“2 Denn anhand dieser Beschreibung des Aristoteles, könnte man durchaus interpretieren, dass Handlungen bewusst und vor allem freiwillig allen besseren Wissens ausgeführt werden.

Wolf stellt ebenso fest: „Das gesuchte Phänomen, daß jemand sich in einer Situation, in der er so oder anders handeln könnte, in einem bewußten Konflikt zwischen unmittel- baren Wunsch und überlegter Meinung befindet und dann dem unmittelbarem Wunsch folgt, wird also sowohl von Aristoteles als auch von seinen modernen Anhängern über- sprungen […].“3

Die Willensschwäche zeigt sich vor allem dann, wenn Erstens: Der Handelnde seine Überlegungen zwar bis zum Ende durchdacht hat, sich jedoch dann doch von der Begierde oder einem Affekt überwältigen lässt oder Zweitens: Der Handelnde unmittelbar seine Handlung durchführt und unter dem Einfluss seiner Begierde in der Situation nicht mehr überlegt (sein höhergestufter Wunsch und sein allgemeines Handlungsprinzip sind dann nur noch potenziell vorhanden).4

Sowohl Ursula Wolf als auch ich, stehen der „Blindheit“, welche Aristoteles in seinen Ausführungen beschreibt, mit Skepsis gegenüber. Wolf geht sogar soweit zu sagen „Aristoteles verfehlt das Phänomen dadurch, daß er sich auf den Spezialfall des blinden Verlangens beschränkt [...].“1

Ich habe mir die Meinung gebildet, dass Handlungen zwar von Unüberlegtheit geprägt sein können, dies jedoch keine allgemeingültige Charakteristika darstellen darf, wenn wir uns das Phänomen der Willensschwäche betrachten. Wenn sich unser „Anders- Handeln“ nur darauf zurückführen lassen würde, dass wir unserem blinden Verlangen dogmatisch folgen müssen, so würden wir einen immensen Schritt ins animalische Denken be-schreiten. Wie genau ist das zu verstehen? Das wäre doch in etwa so, als würde ich meinem Hund einen Knochen vor die Nase halten und dabei ein Verbotskommando aussprechen. Auch wenn mein Hund weiß, er darf den Knochen nicht anrühren, würde er ihn bei der nächsten Gelegenheit doch fressen, weil der Eintritt von Speichel und der intensive Geruch von Fleisch der seine Nase umhüllt, ihn daran erinnert, dass er seinen Appetit nicht länger zügeln kann. Sein Verlangen ist größer als beispielsweise sein Ehrgeiz das Richtige für seine Rudelführerin zu machen. So in etwa stelle ich mir persönlich blindes Verlangen vor.

Auch wenn wir nicht jeden Schritt unseres Handelns abwägen und bis zum Ende durchdenken und besonders in vermeintlich unbedeutenden Situationen zum affektiven Handeln tendieren, so sollte es trotzdem unser Anspruch sein, keine unserer verfehlten Handlungen mit einseitigem „blinden Verlangen“ zu entschuldigen.

Ursula Wolf bestätigt in ihrem Aufsatz teilweise meine Meinung über die Problematik und sagt: „Das Phänomen, daß wir suchen muß also irgendwo zwischen dieser unteren Ebene des entweder zwanghaften oder blinden Handelns, welches kein anders-handeln-können impliziert, und der Ebene des Handelns nach den besten Gründen liegen.“2

2.2. Thomas von Aquins Position zur Willensschwäche

Tommaso d'Aquino (lebte etwa 1225 bis 1274)3 war zum einen Rechtsgelehrter und zum anderen ein Philosoph und findet demnach auch Erwähnung in vielen philosophischen Schriften. Einen Abriss zu seinem Eindruck von Willensschwäche ziehe ich aus dem Grund hinzu, weil er sich zwischen der zeitlichen Spanne der antiken Denker und der modernen Philosophen befindet und seine Meinung zur Willensschwächen ebenso interessant erscheint.

[...]


1 Wolf, S. 21.

2 Ebd.

2 Ebd.

1 http://de.thefreedictionary.com/Willensschw%C3%A4che, letzter Zugriff: 27.2.2014.

2 Wolf, S.21.

1 Wolf, S. 23 und 25.

2 Wolf, S. 23.

3 Wolf, S. 25.

4 Ebd.

1 Wolf, S. 25.

3 http://www.heiligenlexikon.de/BiographienT/Thomas_von_Aquin.htm, letzter Zugriff: 31. März 2014.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Das Problem der Willensschwäche in der antiken und modernen Philosophie
Untertitel
Spielen Handlungsfreiheit, Rationalisierung, Status-Änderung und Handlungskonflikt eine Rolle?
Hochschule
Universität Potsdam  (Philosophisches Institut)
Note
2,7
Autor
Jahr
2014
Seiten
17
Katalognummer
V294175
ISBN (eBook)
9783656918967
ISBN (Buch)
9783656918974
Dateigröße
433 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Willensschwäche, Philosophie, Vorsatz, Aristoteles, Thomas von Aquin, Ursula Wolf
Arbeit zitieren
Julia Göthling (Autor), 2014, Das Problem der Willensschwäche in der antiken und modernen Philosophie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/294175

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