Chancen und Risiken der Kreativwirtschaft am Beispiel des Hamburger Gängeviertels


Essay, 2013

17 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Allgemeine Einführung
2.1. Erste Annäherung an die Kultur- und Kreativwirtschaft
2.2. Teilmärkte der Kultur- und Kreativwirtschaft
2.3. Der Hype um die Kultur- und Kreativwirtschaft
2.4. Kreativität, Kunst und Kultur als Standortfaktoren
2.5. Raum für Kunst, Kultur und Kreativität

3. Schattenseiten der Kreativwirtschaft
3.1. Gentrifizierung
3.2. Existenzgründung
3.3. Digitalisierung
3.4. Instrumentalisierung von Kunst und Kultur

4. Das Hamburger Gängeviertel
4.1. Geschichte des Gängeviertels
4.2. Strategien der Stadt Hamburg
4.3. Strategien der „Komm in die Gänge“ Initiative
4.4. „Komm in die Gänge“ Initative

5. Fazit

1. Einleitung

Besonders in Zeiten der scheinbar omnipräsenten Wirtschaftskrise nehmen wir wirtschaftliche Entwicklungen und Dynamiken als sehr strikte und planbare Prozesse wahr, die nach allen Regeln der Wirtschaftskunst einmal mehr und einmal weniger erfolgreich prophezeit und gesteuert werden können. Der verheißungsvolle Begriff der „Kreativwirtschaft“ lässt eine weitaus weniger strikte und steuerbare Herangehensweise vermuten, weswegen ich mich entschlossen habe mich im Zuge dieser Proseminararbeit näher damit auseinanderzusetzen. Vor allem die Frage nach der Steuerbarkeit von Kunst, Kultur und Kreativität wird mich in dieser Arbeit wiederholt beschäftigen.

Die Begriffe Kunst und Kultur mit Ökonomie in Zusammenhang zu bringen, wäre mir persönlich vor der Auseinandersetzung mit diesem Thema wohl nicht in den Sinn gekommen. Kreativität als wesentlicher Input eines modernen Wirtschaftszweigs hatte ich bislang schlichtweg nie als solchen wahrgenommen. Tatsächlich erscheint mir die Einbettung von Kunst und Kultur in einen wirtschaftlichen Kontext schwierig, weswegen ich mich im Zuge meiner Proseminararbeit auch mit der Frage der „Kompatibilität“ dieser Branchen beschäftigen werde. Auf der Ebene der Stadtplanung dient Kunst und Kultur als Instrument zur gezielten Aufwertung. Dieses Procedere stößt vermehrt auf Protest und gipfelte im Sommer 2009 in der Hansestadt Hamburg in der Initiative „Komm in die Gänge“. Der künstliche Versuch seitens der Stadtverwaltung die Attraktivität eines Standortes zu erhöhen, führt letztendlich zu einer Verdrängung der ansässigen Bevölkerung. In dieser Arbeit werde ich versuchen die Mechanismen die zu dieser Gentrifizierung führen anhand diverser Beispiele aufzuklären. Beginnend werde ich mich mit der allgemeinen Erläuterung der Kreativwirtschaft befassen, um mich im Hauptteil vor allem kritisch mit einigen Schattenseiten der Branche, mit Verweis auf das Gängeviertel in Hamburg, auseinanderzusetzen.

2. Allgemeine Einführung

2.1. Erste Annäherung an die Kultur- und Kreativwirtschaft

In den letzten Jahren richtete sich die Aufmerksamkeit vieler Ökonomen auf das wirtschaftliche Potential von Kunst und Kultur. Die Kreativität wurde als definierendes Merkmal dieser beiden boomenden Branchen deklariert. (vgl. Müller, Flieger & Krug 2011, S.15) Wegbereiter dieser gänzlich neuen und revolutionären Wirtschaftspolitik war der US- amerikanische Ökonom Richard Florida, der mit seinen polarisierenden Theorien über die „kreative Klasse“ große Aufmerksamkeit erregte. In seinem Buch „Cities and the creative class“, weist er unter anderem darauf hin, dass eben diese „kreative Klasse“ mitsamt ihrer künstlerischen Begabung maßgeblich an der Entwicklung einer Wirtschaftsregion beteiligt ist. In diesem Zusammenhang spricht Richard Florida auch von einem allgemeinem „gesellschaftlichen Wohlstand“, welcher mit einer positiven wirtschaftlichen Entwicklung einhergeht. (vgl. Müller, Flieger & Krug 2011, S.17) Verschiedenste künstlerische Werke die aus einem kreativen Prozess hervorgehen, wurden bislang nicht so stark im Rahmen einer wirtschaftlichen Verwertbarkeit wahrgenommen. Tatsächlich ist ein kreatives oder künstlerisches „Produkt“ weitaus schwerer hinsichtlich seiner Wertigkeit einzuordnen als beispielsweise ein materielles Gut. Hierbei verbirgt sich auch der Grund warum die Kreativwirtschaft erst sehr spät als tragender Wirtschaftszweig erkannt wurde. Tatsächlich aber ist diese Branche gesamtwirtschaftlich betrachtet alles andere als unbedeutend. Zwischen den Jahren 1996 und 2005 hat sich ihr weltweites Marktvolumen nahezu verdoppelt. (vgl. Glückler, Ries & Schmid 2010, S.15 zitiert nach UNCTAD 2008) In der Bundesrepublik Deutschland summiert sich die Bruttowertschöpfung auf 2,6 % des BIP. (vgl. Glückler, Ries & Schmid 2010, S.15 zitiert nach KEA 2006) Darüber hinaus konnte man im Krisenjahr 2009 in der Kultur- und Kreativwirtschaft einen völlig konträren Verlauf feststellen. Mit einem Gesamtumsatz von 244 Mrd. Euro kam es zu einer Steigerung um 2,4% zum Vorjahr. (vgl. Otto 2010, S.5) Trotz schlechter Konjunkturlage nahm die Zahl der Erwerbstätigen und Unternehmen weiterhin zu, wodurch die Kreativwirtschaft einen essentiellen Beitrag zur Stabilisierung der deutschen Wirtschaft leisten konnte. (vgl. Müller, Flieger & Krug 2011, S.27 f.) Spricht man in Deutschland von Kultur- bzw. Kreativwirtschaft, intendiert man meist den privatwirtschaftlichen Kultursektor. Die Enquetekommission „Kultur in Deutschland“ zählt in Ihrer offiziellen Abgrenzung jene Unternehmen zur Kultur- und Kreativwirtschaft die: „überwiegend erwerbswirtschaftlich orientiert sind und sich mit der Schaffung, Produktion, Verteilung und / oder medialen Verbreitung von kulturellen / kreativen Gütern und Dienstleistungen befassen.“ (Müller, Flieger & Krug 2011, S.19) Im Zuge einer Wirtschaftsministerkonferenz im Jahr 2008 wurden die Kultur- und Kreativwirtschaft in insgesamt 11 Teilmärkten untergliedert. Dabei ist die kulturelle Produktion Merkmal der Kulturwirtschaft, während im Bereich der Kreativwirtschaft die Kreativität als deklarierendes Merkmal gilt. (vgl. Glückler, Ries & Schmid 2010, S.19)

2.2. Teilmärkte der Kultur- und Kreativwirtschaft

In folgender Abbildung werden die verschiedenen Teilbereiche der Kultur- und Kreativwirtschaft angeführt, sowie die entsprechenden Berufe nach Originärproduktion und Produktion und Vertrieb unterschieden. Diese Abgrenzung entspricht den Ergebnissen der Wirtschaftsministerkonferenz des Jahres 2008.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Abbildung 1: Branchengliederung der Kultur- und Kreativwirtschaft nach Teilmärkten.)

2.3. Der Hype um die Kultur- und Kreativwirtschaft

Die Kultur- und Kreativwirtschaft steht unlängst auch verstärkt im Fokus der Politik. So wurde das Jahr 2009 von der europäischen Kommission zum Jahr der Kreativität und Innovation ernannt. (vgl. Glückler, Ries & Schmid 2010, S.16) Das enorme Wachstumspotential sowie die Funktion als wichtiger Motor regionaler Entwicklung erheben die Kreativwirtschaft zu einem wirtschaftlichen Themenschwerpunkt der nächsten Jahre. (vgl. Glückler, Ries & Schmid 2010, S.16) Das generelle Interesse an diesem Wirtschaftszweig hat also innerhalb kürzester Zeit stark zugenommen, sodass in verschiedenen Städten auch diverse Studien zu lokalen Kreativbranchen durchgeführt wurden. Kernelement solcher Untersuchungen ist oft die Steuerbarkeit der Kreativbranchen, die erlauben würde bestimmte Stadtteile gezielt zu Zentren des kulturellen und kreativen Schaffens zu erheben. Dementsprechend versucht man unlängst Raumstrukturen zu entwickeln, die eine Ansiedlung der sogenannten „kreativen Klasse“ begünstigen.

Aufgrund des hohen wirtschaftlichen Potentials der Kreativbranchen, werden Stadtteile mit einem hohen Anteil an künstlerischem und kreativem Output folglich zu höchst interessanten Spekulationsgebieten. Kommt es durch gezielte Aufwertungsversuche zu einer groben Umgestaltung eines Stadtviertels, geht dies meist mit sozialen Verdrängungsprozessen einher und wird somit zu einem hochinteressanten Gegenstand der Humangeographie. (vgl. Twickel 2010, S.5 f.)

2.4. Kreativität, Kunst und Kultur als Standortfaktoren

„Talentierte Menschen suchen eine Umgebung, die das Anderssein akzeptiert.“ (Florida 2004) So begründet Richard Florida in einem Artikel der Washington Monthly, warum bestimmte Stadtregionen besonders im Interesse internationaler Firmen und Unternehmen stehen.

Das Angebot an Kunst und Kultur reiht sich demnach zusammen mit dem Freizeit und Bildungsangebot in die Liste der sogenannten „weichen Standortfaktoren“ ein, die einen besonders attraktiven Nährboden für kreative Köpfe darstellen sollen. Man geht also davon aus, dass es dadurch zu einer urbanen Verdichtung der kreativen Klasse kommt. (vgl. Kawka, Lange, Streit & Hesse 2011, S.42)

Gemäß Richard Florida´s Theorie kann die Wettbewerbsfähigkeit einer Region folglich dadurch erhört werden, dass eine Vielzahl von hochqualifizierten und kreativen Arbeitskräften angezogen wird. Dementsprechend sei es erstrebenswert ein möglichst attraktives Umfeld für diese kreative Klasse zu schaffen. (vgl. Kawka, Lange, Streit & Hesse 2011, S.4 f.) Am Beispiel Hamburgs sind es vor allem die innerstädtischen Altbauviertel, die als derartige Kreativquartiere gelten. Umso paradoxer erscheint es, wenn solche soziale Wohnbauten einem rundum Aufwertungsprozess unterzogen werden sollen, der das Bild dieser Wohnviertel nachhaltig verändern würde. Eben derartige reibungsintensive und heterogene Stadtviertel sind Zentren des kreativen Schaffens und werden unlängst sogar Werbekulisse globaler Unternehmen.

Die Marke „Nike“ beispielsweise bedient sich solcher Marketingstrategien die unter dem Stichwort „Cultural Camouflage“ zusammengefasst werden können und setzt verstärkt auf Urbanismus und Subkultur.

Die Marke wird dabei Teil des urbanen Gefüges und stellt durch Werbespots in denen Fußballstars ihr Können in leerstehenden Lagerhallen oder öffentlichen Plätzen demonstrieren, ihre „street-credibility“ unter Beweis. (vgl. Twickel 2010, S.56)

Besucht man die Website „kreativeseiten-hamburg.de“, findet man unter „Kreativindex“ eine Auflistung sämtlicher der Kultur- und Kreativwirtschaft zugehörigen Firmen und Unternehmen der Stadt Hamburg. Absolut auffallend ist dabei, dass ein überwiegender Großteil der kreativen und künstlerischen „Produktion“ offenbar in den Stadtvierteln Altona und St. Pauli stattfindet. Um dabei auf das Zitat von Richard Florida zurückzukommen, scheint sich seine These durchaus zu bestätigen, da das „Anderssein“ in diesen Orten der Hansestadt erlaubt und teils sogar erwünscht ist.

Grundsätzlich wird sich kreatives und künstlerisches Handeln lediglich dort ergeben können, wo das Milieu die nötige Inspiration verleiht und die nötigen Strukturen und Netzwerke innerhalb der Kunstund Kulturszene vorhanden sind. (vgl. Kawka, Lange, Streit & Hesse 2011, S.10 f.)

2.5. Raum für Kunst, Kultur und Kreativität

Hält man sich ein charakteristisches Künstlerviertel vor Augen, denkt man wohl kaum an moderne Wohnkomplexe, teure Boutiquen oder an in Glas und Stahl gehaltene Kunstgalerien. Voraussetzung für die Ansiedlung einer „kreativen Klasse“ sind viel mehr Flächen und Räume die zur freien Gestaltung bereitgestellt werden. Sind in der Nachkriegszeit vor allem Kellerräumlichkeiten Schauplatz künstlerischer Tätigkeit gewesen, so sind es heute leerstehende Gewerbe- und Industrieflächen die genutzt werden um den künstlerischen Ambitionen freien Lauf zu lassen. In den 60er und 70er Jahren wurden kulturelle Freiräume aufgrund des Mangelangebots durch Besetzungen und Proteste erzwungen. Das ehemalige Schlachthofgebäude „Arena Wien“ ist nur eines von zahlreichen Beispielen wo vorübergehend leerstehende Gebäudekomplexe einem neuem, kulturellem Zweck dienen mussten. (vgl. Twickel 2010, S.52)

Die Kultur- und Kreativwirtschaft bettet Kunst und Kultur in einen ökonomischen Kontext ein und beschäftigt sich vor allem mit ihrer wirtschaftlichen Verwertbarkeit. Es hat sich gezeigt dass Standorte an denen ein breites Angebot an Kunst und Kultur herrschen sehr oft aufgrund zu aggressiver Aufwertungspolitik zugrunde gehen. Eine infrastrukturelle Aufwertung zieht fast immer einen generellen Preisanstieg mit sich, der wiederum von einem Teil der dort ansässigen Personen nicht tragbar ist. Es lässt sich also beobachten, dass sich ein verstärktes wirtschaftliches Interesse an der Kunst- und Kulturszene eines Standortes meist sogar innovationshemmend auswirkt und in einem Folgeschritt zu gesellschaftlichen Verdrängungsprozessen führt.

Werden solche Mittel also von außen gestellt, zielen diese meist auf die wirtschaftliche Aufwertung eines Stadtviertels ab. Ziel ist es also, unter dem Deckmantel sogenannte Problemviertel freundlicher gestalten zu wollen, den wirtschaftlichen Output eines Stadtteils zu erhöhen. Zwei Vorsätze die nur bedingt in Einklang zu bringen sind. So schreiben beispielsweise Konrad Becker und Martin Wassermair in ihrem Werk „Phantom Kulturstadt“:„Kulturelle Entwicklungen abseits ökonomischer Verwertbarkeit scheinen dabei nicht von Interesse zu sein.“ (Becker & Wassermair 2009, S.109)

Auch im Zuge meiner Recherchearbeiten musste ich feststellen, dass ein sehr hohes Interesse an dem kreativ- und kunstwirtschaftlichen Sektor besteht, doch die dahinterstehende Kunstszene meist weitaus weniger gefördert wird.

[...]

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Chancen und Risiken der Kreativwirtschaft am Beispiel des Hamburger Gängeviertels
Note
1
Autor
Jahr
2013
Seiten
17
Katalognummer
V294233
ISBN (eBook)
9783656919735
ISBN (Buch)
9783656919742
Dateigröße
960 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kreativwirtschaft, Gängeviertel, Hamburg, Gentrifizierung, Komm in die Gänge
Arbeit zitieren
Antonio Salmeri (Autor), 2013, Chancen und Risiken der Kreativwirtschaft am Beispiel des Hamburger Gängeviertels, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/294233

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