Geschichte und Konzept der Eliteschule des Sports


Akademische Arbeit, 2011

23 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1 Die Eliteschulen des Sports

2 Die geschichtliche Entwicklung der Verbundsysteme

3 Das Konzept der Eliteschulen des Sports
3.1 Der Hintergrund der Eliteschulen des Sports
3.2 Das Internat als Teilaspekt eines Verbundsystems

4 Zusammenfassung

5 Literaturverzeichnis (inklusive weiterführender Literatur

1 Die Eliteschulen des Sports

Der Leistungssport boomt und ist zu einem riesigen Geschäft geworden. Die Sportler und Sportlerinnen[1] beginnen eher mit dem leistungssportlichen Training und trainieren öfter als zuvor, um in der internationalen Spitze mithalten zu können. Die Karriere kann aber auch am Höhepunkt des leistungssportlichen Könnens schnell vorbei sein. Eine schwerwiegende Verletzung führt dazu, seinen Sport nicht mehr ausüben zu können. Auch das Burnout- bzw. Erschöpfungssyndrom führte bei Leistungssportlern, wie Hannawald oder Deisler, zu einem plötzlichen Ende der sportlichen Laufbahn. An diese Stelle tritt der Werdegang mit Hilfe der schulischen Bildung. Sie kann nicht außen vor gelassen werden. Kein Mensch kann und will sich heutzutage auf den Leistungssport reduzieren.

Um aber dennoch sein sportliches Talent nutzen zu können, muss ein Weg gefunden werden, den Leistungssport und die Schule zu vereinbaren. Dies geschah mit Hilfe der Verbundsysteme Leistungssport – Schule, die sich seit dem Jahr 1950 in Deutschland entwickelt haben.

2 Die geschichtliche Entwicklung der Verbundsysteme

Verbundsysteme sind Einrichtungen, welche die Funktionsbereiche Schule, Internat und Leistungssport in enger Kooperation und Verzahnung vereinen und „das gesamte Ausbildungs-, Unterstützungs- und Betreuungspotential unter eine gemeinsame Zielsetzung stellen“, formulierte die Ständige Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland, Kommission „Sport“ (2000, S. 6). Im Folgenden wird die Entwicklung der Verbundsysteme auf der Grundlage der Ausführungen von Elflein (2004, S. 181-198) beschrieben.

In Westdeutschland wurde im Jahr 1955 formell die Zusammenarbeit zwischen der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder (KMK) und dem Deutschen Sportbund (DSB) festgelegt. In der Praxis zeigte sich allerdings nur wenig Kooperation. Ein neues pädagogisches Konzept des Schulsports brachte Ende der sechziger Jahre eine veränderte Einstellung gegenüber dem Leistungssport. Darauf folgte eine Resolution zur Förderung des Leistungssports des DSB 1967, welche von der KMK unterstützt wurde. Die Bildung von Neigungsgruppen, Schulsportvereinen und Sportgymnasien, sowie Tests zur Findung der Talente waren das Ergebnis. 1971 wurden flächendeckende Maßnahmen zur Talentfindung eingeführt und ein Jahr darauf das „Aktionsprogramm für den Schulsport“ gemeinsam erlassen. Nach weiteren praktischen Schwierigkeiten verabschiedete der DSB 1983 eine Grundsatzerklärung zum pädagogischen Auftrag. Im Jahre 1986 wurden die „Grundsätze für die Kooperation zur Förderung des Leistungssports“ veröffentlicht, die eine bis heute gültige Grundposition der Schule im Verhältnis zum Leistungssport aufzeigt. Die Kooperation geschieht mit der Bedingung der „Verantwortung vor dem Schüler als Athlet und [einer] klare[n] Zentrierung auf dessen Wohl sowie Entwicklung seiner Gesamtpersönlichkeit vor dem Hintergrund der schulischen und beruflichen Ausbildung“ (Waschler, 1996, S. 40). Ende der achtziger Jahre bestanden in der Bundesrepublik zehn Schulen mit angeschlossenen Internaten und 18 selbstständige, schulexterne Sportinternate. Unter schulischen Sonder-bedingungen wurden etwa 1000 jugendliche Athleten aus 20 Sportarten gefördert (vgl. Brettschneider, Drenkow, Heim & Hummel, 1993, S. 378f).

Bei der leistungssportlichen Entwicklung in Ostdeutschland standen seit 1950 die Kinder- und Jugendsportschulen (KJS) im Zentrum. Am Vorbild der Sowjetunion ausgerichtet, sollten „besondere Schulen zur Förderung des sportlichen Nachwuchses eingerichtet werden, in denen die Körpererziehung einen breiten Raum einnehmen würde“ (Helfritsch, 1997, S. 113). Die rasante Entwicklung wurde schnell deutlich. Waren es im Jahre 1952 noch vier KJS, wurde Ende der fünfziger Jahre mit 23 Einrichtungen schon fast die Höchstzahl erreicht. Sie wurden zu Zentren des Nachwuchsleistungssportes und der allgemeine Schulsport bzw. Sportunterricht entfiel (vgl. Helfritsch, 1997, S. 117). Nach den Olympischen Spielen 1968 wurde der Beschluss gefasst, Sportarten „auszugliedern und sich aus ökonomischen Gründen auf medaillenintensive Sportarten zu konzentrieren“ (Helfritsch, 1997, S. 120). Die Kinder- und Jugendsportschulen basierten auf einer dominierenden sportpolitischen Ausrichtung. Helfritsch und Becker (1993, S. 72) stellten fest: „[Die] Schule zog meist den kürzeren auf Grund der staatlichen Hinwendung zum Hochleistungssport“. Die KJS-Schüler wiesen eine gewisse Lebensfremdheit durch die relative Isoliertheit der Einrichtungen auf. Die Internatsunterbringung war Teil des Systems der Kinder- und Jugendsportschulen.

Mit der Wiedervereinigung Deutschlands wurden die Förderstrukturen der DDR aufgelöst. Die Umwandlung der KJS wurde ab dem Jahr 1993 durch die Förderung des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie als Modellversuch „Schulen mit sportlichen Schwerpunkt“ ermöglicht. Drei Jahre später zog der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees, Walther Tröger, Bilanz:

„Sportbetonte Schulen und Sportinternate mit Partnerschulen sind ein zentraler Baustein im nationalen System der Nachwuchsförderung. Hier werden den jugendlichen Talenten Rahmenbedingungen geboten, damit sie das notwendige umfangreiche Training, die schulische Ausbildung und die individuelle Persönlichkeitsentwicklung reibungslos verbinden können“ (zit. nach Knecht, 1999).

Weitere Ausführungen zur KJS-Forschung und der Wandlung zu Sportbetonten Schulen geben unter anderem Helfritsch und Becker (1993) oder Knecht (1999). In den alten Bundesländern entwickelten sich weiterhin verschiedene Formen von Schulen zur Förderung des Leistungssports.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1 . Grundmodelle der Verbundsysteme von Leistungssport und Schule (Deutscher Sportbund/Bereich Leistungssport, 1998, S. 11)

Mittlerweile haben sich in Deutschland zwei besonders erfolgversprechende Modelle von Verbundsystemen Leistungssport – Schule herauskristallisiert (vgl. Abb. 1). Dem Kooperationsprojekt „Sportbetonte Schule“ werden alle Verbundsysteme mit Sportklassen/Sportzügen und eingebundenem Internat zugeordnet. Diese gingen, bis auf zwei Ausnahmen (CJD Berchtesgaden und Heinrich-Heine Gymnasium Kaiserslautern) aus den ehemaligen Kader- und Jugendsportschulen der DDR hervor. Der Name „Sportbetonte Schule“ wurde 1993 bei einem Treffen der Leiter der KJS Nachfolgeeinrichtungen bestimmt (vgl. Seidelmeier, I., 2005, S. 39ff). „Alle anderen Verbundsysteme, in denen an den partnerschaftlich mit dem Leistungssport zusammenarbeitenden Schulen keine Sportklassen/Sportzüge bestehen, sind als Kooperationsprojekt „Partnerschule des Leistungssports[2] “ definiert“ (Ständige Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland Kommission „Sport“, 2000, S. 6). Der Deutsche Sportbund bezeichnet diese Einrichtungen als „Sportinternate mit angebundenen Partnerschulen“ (vgl. Deutscher Sportbund/Bereich Leistungssport, 1998). Die Partnerschule des Leistungssports stützt sich auf ein Zweisäulengebilde. Der Sportverein bzw. Sportverband stellt den organisatorischen Kern dar und sichert das sportliche Training. Die kooperierenden Schulen in der Nähe stellen die schulische Ausbildung (vgl. Guhs, 1998, S. 120). Der Unterricht erfolgt in heterogenen Klassen mit leistungs- und breitensportlich orientierten Schülern. Empirische Untersuchungen haben gezeigt, dass dies für die leistungssporttreibenden Athleten kein Problem darstellt (vgl. Brettschneider, 1998, S. 107; Stibbe, 2005, S. 306).

Altmeyer (1997, S. 96) fasst die Entwicklung in den Jahren nach der Wiedervereinigung zusammen:

„Während in den neuen Bundesländern im Rahmen eines Modellversuchs „Schule mit sportlichem Schwerpunkt“ an 21 Standorten einige tausend Schüler mit Millionenaufwand in den Genuss einer dem Alter entsprechenden, pädagogisch vertretbaren Koordination von allgemeiner schulischer Bildung und leistungssportlichen Training kamen (vgl. Senatsverwaltung des Landes Berlin, 1996), sind in den alten Bundesländern in den letzten Jahren neben den bereits bestehenden Sportgymnasien und Schulen mit Sportzweig, wie z. B. dem Heinrich-Heine-Gymnasium in Kaiserslautern (vgl. Becker, 1990), sogenannte Partnerschulen des Sports im Einzugsbereich der Olympiastützpunkte eingerichtet worden.“

Die Verbundsysteme „Sportbetonte Schule“ und „Partnerschule des Leistungssports“ können als Vorstufe zur „Eliteschule des Sports“ gesehen werden (vgl. Radtke & Coalter, 2007, S. 37f). Um dieses Prädikat zu erhalten, müssen Qualitätskriterien erfüllt werden (siehe dazu Kapitel 3.1).

Aktuell werden „an 40 Eliteschulen des Sports mit zirka 102 Haupt-, Real- und Gesamtschulen sowie Gymnasien […] derzeit mehr als 11.300 Talente gefördert“ (Deutscher Olympischer Sportbund, 2011; vgl. Abb. 2; Stork, 2008). Bei der 3. Konferenz der Eliteschulen des Sports 2003 in Essen beschreibt Stork jedoch „hochsignifikante Unterschiede im Angebot an EDS-Plätzen zwischen alten und neuen Bundesländern“. Die Eliteschulen des Sports sind nicht flächendeckend organisiert. Vor allem im Norden und Nordwesten Deutschlands fehlen Einrichtungen dieser Art.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2 . Anzahl der Sportschüler an den Eliteschulen des Sports 2003 (Stork, 2008, S. 10)

Auch die internationale Entwicklung zeigt, „dass erfolgreiche Sportnationen entweder „integrative Modelle“ oder „kooperative Modelle“ eines nationentypischen Verbundes zwischen Nachwuchstraining und Schule praktizieren“ (Rost, 2002, S. 120). Im Jahr 2001 wiesen sieben Leistungssysteme „Spezialschulen im öffentlichen Schulwesen für den Leistungssport auf“ (Digel, 2001, S. 253). Eine ausführliche Betrachtung über die internationalen „sports schools“ und einen länderübergreifenden Vergleich geben Radtke und Coalter (2007).

Die Entwicklung und Optimierung der Verbundsysteme führte zu Eliteschulen des Sports, welche als Partnerschulen des Leistungssports oder als Sportbetonte Schulen existieren. Im Folgenden soll das Konzept dieser Schulen erläutert werden. Was macht eine solche Schule aus und wofür steht sie? Zudem soll die Einrichtung des Sportinternats, die zumindest den Verantwortungsbereich „Wohnen“ abdeckt, näher betrachtet werden.

3 Das Konzept der Eliteschulen des Sports

3.1 Der Hintergrund der Eliteschulen des Sports

Der Titel „Eliteschule des Sports“ ist ein bundesweites Qualitätskriterium, welches seit 1998 durch den Initiativkreis „Sport und Wirtschaft“ an Verbundsysteme mit besonders leistungssportfördernden Strukturen im Vierjahresrhythmus vergeben wird (vgl. Teubert, Borggrefe, Cachay, & Thiel, 2006, S. 12). Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) (2008, S. 5) definiert Eliteschulen des Sports wie folgt:

"Eine Eliteschule des Sports ist eine Fördereinrichtung, die im kooperativen Verbund von Leistungssport, Schule und Wohnen Bedingungen gewährleistet, damit talentierte Nachwuchsathleten sich auf künftige Spitzenleistungen im Sport bei Wahrung ihrer schulischen Bildungschancen vorbereiten können".

Die Eliteschule des Sports bietet dabei viele Gelegenheiten „ Herausforderungen zu meistern und Leistungssituationen aktiv und selbstständig zu bewältigen“ (Elbe & Beckmann, 2005, S. 148). Sie konzentriert sich mit der sportlichen Förderung, der schulischen Ausbildung und den sozialen und pädagogischen Unterstützungsmaßnahmen auf drei zentrale Aspekte (vgl. Teubert et al., 2006, S. 12). Das Nachwuchsleistungssport-Konzept 2012 des Deutschen Sportbundes/ Bereich Leistungssport (2006, S. 26) gibt die Bedeutung der Eliteschulen des Sports „als Fördereinrichtungen für Talente, die nach mehrjährigem Training zur Förderung ausgewählt werden, nicht für die anfängliche Talentsuche oder -sichtung“ an.

Die Verbundsysteme sind zumeist keine eigenständigen Organisationseinheiten, sondern Kooperationsformen mit unterschiedlichen Zielen. Laut Teubert et al. (2006, S. 23) sind Schulen „pädagogische Einrichtungen, deren Aufgabe in der gesellschaftsadäquaten Qualifizierung und Erziehung von Kindern und Jugendlichen liegt“. Sport dagegen ist „in Gestalt von Vereinen und Verbänden viel spezifischer an der Ausbildung von Kindern und Jugendlichen interessiert, nämlich nahezu ausschließlich mit Blick auf deren zukünftigen sportlichen Erfolg“ (vgl. Teubert et al., 2006, S. 23). Diese unterschiedlichen Zielstellungen führen oft zu Interessens-konflikten und Schwierigkeiten zwischen den einzelnen Instanzen (vgl. Neumaier, 1998). Daher ist es entscheidend, „dass Schule und Spitzensport jeweils die Normen und Bedürfnisse der anderen Seite anerkennen und ein intensiver Austausch zwischen den Kooperationspartnern stattfindet“ (Borggrefe, Teubert, Cachay & Thiel, 2005, S. 299). Viele Experten sind der Meinung, dass nur in Verbundsystemen die Möglichkeit besteht, den Trainingsumfängen des Hochleistungssports nach-zukommen (vgl. Feldhoff, 2002).

[...]


[1] Zur besseren Lesbarkeit wird im Text ausschließlich die männliche Form verwendet, wenn nicht zwischen den Geschlechtern unterschieden werden muss. Inhaltlich sind sowohl die männliche als auch die weibliche Form zu betrachten.

[2] In Baden-Württemberg werden diese als „Partnerschule des Olympiastützpunkts“ bezeichnet.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Geschichte und Konzept der Eliteschule des Sports
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Department Sportwissenschaft)
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
23
Katalognummer
V294295
ISBN (eBook)
9783656918844
ISBN (Buch)
9783656918851
Dateigröße
458 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
geschichte, konzept, eliteschule, sports
Arbeit zitieren
André Starke (Autor), 2011, Geschichte und Konzept der Eliteschule des Sports, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/294295

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