Die Abtreibungsdebatte. Soziologische und philosophische Auseinandersetzung vor dem Hintergrund der "Neuen Frauenbewegung"


Hausarbeit, 2015

13 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung in die Thematik

2 Hintergrund der Abtreibungsdebatte
2.1 Die „Neue Frauenbewegung“
2.2 Folgen der Frauenbewegung auf die Abtreibungsdebatte

3 Soziologische und philosophische Standpunkte der Abtreibungsdebatte
3.1 Argumentation in der „Neuen Frauenbewegung“
3.2 Zwischen Recht auf Leben und Moral

4 Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1 Einführung in die Thematik

In unserer modernen Gesellschaft gehört die Frage der Abtreibung zu den am meist kontrovers diskutierten Themenbereichen. Bislang konnte sich weder eine breite gesellschaftliche Akzeptanz etablieren, noch offen und vor allem sachlich darüber diskutiert werden. Das Thema der Abtreibung befindet sich immer noch in einer gesellschaftlichen Grauzone, obwohl das Recht auf Abtreibung in der „Neuen Frauenbewegung“ hart umkämpft wurde. So ist es nicht verwunderlich, dass sich im Laufe der vergangenen Jahre ungleiche Positionen herausgestellt haben, welche auf unterschiedlichen Standpunkten beruhen. Das Abtreibungsthema ist auch innerhalb feministischer Gruppierungen umstritten. Die feministischen Ansätze basieren in diesem Zusammenhang auf die soziale Bewegung der Frauenbewegung und können unter sozialwissenschaftlichem Aspekt als Perspektiven verstanden werden, „(…) die explizit Frauen, weibliche Lebenszusammenhänge und die Beziehungen zwischen den Geschlechtern ins Zentrum der Betrachtung und der wissenschaftlichen Analyse rücken“.[1] Vor diesem Hintergrund soll die Ausarbeitung auf folgende Fragestellung eingehen: Lässt sich aus den verschiedenen Ansichten der Feministinnen eine allgemeine Einstellung zur Abtreibung abzeichnen?

Um sich dieser Thematik annähern zu können, soll zunächst auf den Hintergrund der Abtreibungsdebatte eingegangen werden. Neben der Darstellung der „Neuen Frauenbewegung“, werden die Folgen der Frauenbewegung auf die Abtreibungsdebatte erläutert. Im dritten Kapitel erfolgt eine soziologische und philosophische Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Standpunkten. Hierbei soll herausgestellt werden, welche Ansichten und Meinungen vertreten werden und ob sich eine Tendenz abzeichnen lässt. Hierzu wird auf die Argumentation in der „Neuen Frauenbewegung“ sowie auf das Recht auf Leben und Moral eingegangen. In der Schlussbetrachtung erfolgen die Beantwortung der Forschungsfrage sowie ein kurzer Ausblick. Die Bearbeitung dieses Themenfeldes erfolgt anhand einer Literaturrecherche.

2 Hintergrund der Abtreibungsdebatte

Um einen guten Einstieg in diese Ausarbeitung zu erhalten, sollen zunächst die Hintergründe der allgegenwärtigen Abtreibungsdebatte aufgezeigt werden. Neben dem Ausgangspunkt der „Neuen Frauenbewegung“, geht es in diesem Kapitel auch um die Folgen der Mobilisation.

2.1 Die „Neue Frauenbewegung“

Die „Neue Frauenbewegung“ in den 1970er Jahren bewirkte, dass hunderte von Frauen mit einer Selbstanklage und öffentlich gegen das strafrechtliche Verbot der Abtreibung demonstrierten. Der Kampf gegen das Abtreibungsverbot wird in ganz Westeuropa zum Auslöser der Frauenbewegung. Im Jahre 1971 publizierte die Zeitschrift „Stern“ den Appell der Frauen „Ich habe abgetrieben“, so dass insgesamt 375 Frauen diese Aufforderung unterschrieben. Die große Mehrheit bestand hierbei aus Hausfrauen, Studentinnen, Angestellte und Arbeiterinnen, jedoch waren darunter auch bekannte Schauspielerinnen und Schriftstellerinnen.[2] Des Weiteren solidarisierten sich zunehmend mehr Männer mit dieser Bewegung. So bekannten sich rund 230 Ärzte und Professoren mit der Aussage: „Ich war Komplize einer Abtreibung". Ebenfalls kam in diesem Zusammenhang eine weitere Parole auf, die bis in der heutigen Zeit im politischen Bereich gängig ist: „Mein Bauch gehört mir“.[3]

Die Frauenbewegung ab den 1970er Jahren gilt noch bis heute als eine große soziale Bewegung, welche sich landesweit ausbreiten konnte. Die Abschaffung des §218 stand hierbei im Vordergrund des politischen Engagements, obwohl auch die Themen um Mutterschaft, öffentliche Kinderbetreuung, Lohndiskriminierung, Frauenbildung und Frauen im Beruf debattiert wurden.[4] Dabei handelt es sich keinesfalls um eine neuartige soziale Bewegung, denn bereits schon in den Anfängen moderner Nationalstaaten konnten sich erste Frauenbewegungen entwickeln. In dieser Zeit wurde unter dem Einfluss von Wissenschaft und Kirche die Abtreibung zu einer Straftat. Hierbei wirkten sich nationale, christliche und neopatriarchale Normen aus.[5] Dieses Verbot führte dazu, dass eine Fremdbestimmung über die Entscheidung eines Schwangerschaftsabbruchs vollzogen wurde. Denn die Frauenbewegung vertrat die Auffassung, dass Frauen selbstständig entscheiden sollen und können, ob ein Kind zu ihrer Lebensplanung gehört oder auch nicht.[6]

In dieser Zeit kam es auch zu der Bildung von unterschiedlichen intellektuellen Strömungen: Neben dem sozialistischen Feminismus und dem radikalen Gleichheitsfeminismus um Alice Schwarzer, formierten sich zudem der radikale Differenzfeminismus sowie der lesbische separatistische Feminismus. Diese Strömungen wurden zum einen durch das europäische Emanzipationsdenken und zum anderen durch internationale Impulse beeinflusst.[7] Welche Folgen die Frauenbewegung auf die Abtreibungsdebatte hat, soll im nachfolgenden Unterkapitel geklärt werden.

2.2 Folgen der Frauenbewegung auf die Abtreibungsdebatte

Nach der „Neuen Frauenbewegung“ ist deutlich die Kontroverse zwischen Abtreibungsbefürworter und -gegner zu erkennen. So kam es im Jahre 1974 zur Liberalisierung des Schwangerschaftsabbruches durch die so genannte Fristenlösung. Eine Abtreibung war nun bis zu Beginn der 12. Schwangerschaftswoche nach einer ärztlichen Beratung möglich.[8] Dies wurde jedoch durch den Einspruch des Verfassungsgerichtshofes außerkraftgesetzt, mit der Folge der Einführung der erweiterten Indikationsregel 1976. Diese Regelung ließ eine Abreibung bis zur 12 Schwangerschaftswoche nur dann zu,

- „(…) bei Gefahr schwerer Behinderung des Fötus (eugenische Indikation),
- bei Gefahr für die körperliche und seelische Gesundheit der Frau (medizinische Indikation oder Vitalindikation),
- bei Schwangerschaft durch Vergewaltigung (ethische oder juristische Indikation),
- bei schwerer sozialen Notlage der Schwangeren (soziale Indikation)“.[9]

Nach weiteren Neuregelungen der Fristenlösung, welche zum Teil wieder für verfassungswidrig erklärt wurden, ist Abtreibung in Deutschland innerhalb der ersten drei Monate straffrei. Hierfür wird jedoch eine Beratungspflicht oder ein kriminologische sowie medizinische Indikation vorausgesetzt.[10]

Ein Blick in anderen europäischen Ländern zeigt, dass dort der Schwangerschaftsabbruch ganz unterschiedlich geregelt ist. So besteht in den Niederlanden eine sehr liberale Regelung, während Frankreich, Italien, Deutschland und Österreich gemäßigt liberalisiert sind. In Spanien existiert eine restriktive Regelung und in Irland und Polen sogar ein Abtreibungsverbot. In den meisten Ländern werden die bestehenden Regelungen von Abtreibungsgegnern und -befürwortern immer wieder zum Gegenstand der öffentlichen Diskussion gemacht.[11]

1979 löst sich die Frauenbewegung im politischen Sinne auf, lebt aber in Projekten und Institutionen weiter. Der Feminismus hingegen ist allgegenwärtig und fester Bestandteil der modernen Gesellschaft.

3 Soziologische und philosophische Standpunkte der Abtreibungsdebatte

Dieses Kapitel beschäftigt sich mit den sozilogischen und philosophischen Argumenten der Abtreibungsdebatte. Neben der Argumentation in der „Neuen Frauenbewegung“, soll zudem auf das Recht auf Leben und auf die Moral eingegangen werden.

3.1 Argumentation in der „Neuen Frauenbewegung“

In der „Neuen Frauenbewegung“ wurde die Auffassung vertreten, dass Frauen selbst entscheiden sollen, ob sie Mutter werden oder nicht. Aufgrund der engen Beziehung zwischen Embryo und Schwangere und dem Aspekt, dass Mütter lebenslang für das Kind verantwortlich sind, obgleich sie nicht selbst über ihre Schwangerschaft entscheiden dürfen, kam es zu unterschiedlichen Positionierungen. Des Weiteren wurde die Lage zur Fremdbestimmung in Westdeutschland scharf kritisiert, denn Frauen wurden in dieser Zeit nur unzureichend aufgeklärt und es bestand ein rechtlicher Anspruch auf Geschlechtsverkehr. Überdies trafen in den 1970er Jahren noch überwiegend Männer die Entscheidung über den Schwangerschaftsabbruch, da rund 80 Prozent der Mediziner männlich waren. Kam es zu Gerichtsverhandlungen, so waren diese Stellen auch fest in Männerhänden. Selbst bei einer Vergewaltigung, konnte die katholische Kirche keine Indikation zulassen.[12]

Die Frauenbewegung bewirkte einen feministischen Diskurs, welcher für die Thematik der Abtreibung und der Selbstbestimmung bedeutsam war. Dieser feministische Diskurs beinhaltete einen kritischen Umgang mit den patriarchalen Strukturen der Gesellschaft sowie die Auseinandersetzung mit den stereotypischen Vorstellungen von Frauen, Mütterlichkeit und Weiblichkeit. Die Selbstbestimmung über den eigenen Körper umfasste jedoch auch die körperliche Individualisierung und den Selbstzwang.[13] In diesem Zusammenhang argumentiert Hahn (2015): „Die Auseinandersetzung mit sich selbst, die Selbstbestimmung in Verbindung mit den von außen zugewiesenen aber auch verinnerlichten weiblichen Eigenschaften machte Frauen anfälliger für das Argument psychischer Folgen und tun dies bis heute“.[14] So stellte die in Frankfurt gegründete „Frauenaktion 70“ Argumente und Forderungen gegen den § 218 zusammen, welche der Frage nachgingen, warum eine gesetzliche Erlaubnis für einen Schwangerschaftsabbruch gefordert wird. Sie argumentierten, dass jede Frau ein Recht hat, über ihren Körper selbst zu bestimmen. Des Weiteren hat auch jedes Kind das Recht, willkommen geboren zu werden. Auch jeder Mann hat das Recht, nur bei gewollter Elternschaft Vater zu werden.[15] Überdies stellten die liberalen Frauen dar, dass ein Schwangerschaftsabbruch völlig überflüssig sei, wenn Frauen und Männer ein sicheres Verhütungsmittel benutzen würden. Solange dies jedoch nicht der Fall ist, wird es auch in Zukunft immer weitere Abtreibungen geben und geben müssen. Überdies haben viele Frauen Angst vor den angedrohten Strafen bei einem Schwangerschaftsabbruch. Eine Vielzahl an Frauen führte zum damaligen Zeitpunkt eine Abtreibung häufig selber durch oder ließ sie illegal durch Ärzte oder Kurpfuscher durchführen. Bei diesen Eingriffen kam es oftmals zu Todesfällen oder schweren gesundheitlichen Verletzungen. Ebenfalls waren alle Beteiligten, aufgrund dieses Tatbestandes, für mehrere Jahre erpressbar.[16]

Da das Bewusstsein und die Strafbarkeit der Abtreibung bei jeder Frau vorhanden war und eine schwere seelische Belastung darstellte, wurde hierdurch häufig die Freude an der Sexualität beeinflusst. Sollte zudem noch ein illegaler Eingriff misslungen sein, so führte dies zu seelischen Schäden sowohl für die Eltern als auch für das ungewollte Kind. Ebenfalls beruft sich die „Frauenaktion 70“ auf die Benachteiligung von wirtschaftlich schwächeren Frauen. Denn ein illegaler, aber fachgerechter Abbruch, produzierte hohe Kosten, die sich die meisten Frauen nicht leisten konnten. Die Frauen forderten zudem eine klare Lösung und argumentierten, dass in einigen Ländern wie Japan oder Indien, ein Schwangerschaftsabbruch sogar gefördert wird.[17] Denn: „Auch in der Bundesrepublik ist es an der Zeit, daß [!] nur noch gewünschte Kinder geboren werden“.[18]

In der Argumentationsfolge wird deutlich, dass das Recht auf Abtreibung auf die Diskussion der weiblichen Selbstbestimmung beruht. Ebenfalls werden sozioökonomische Faktoren dargelegt, die einen Abbruch begründen sollen. Des Weiteren werden insbesondere die seelischen Probleme der Frauen nach einer Abtreibung herausgesellt. Kritisch ist jedoch zu betrachten, dass wenn nur noch gewünschte Kinder geboren werden, es zu einem selektiven Prozess kommt, welcher von den individuellen Lebenslagen der Frauen bestimmt wird.

Ferner setzt die feministische Argumentation nicht bei der zentralen Problematik an, ob das ungeborene Leben überhaupt getötet werden darf. Nach feministischer Ansicht fällt diese Fragestellung unter den persönlichen und weltanschaulichen Einstellungen der Frauen.[19] Die Thematik des Feminismus bezieht sich daher auf die Frage, „(…) ob es moralisch zu rechtfertigen ist, Frauen an der individuellen Entscheidung zu hindern oder ihnen die Entscheidung (z.B. durch Zwangsberatung oder das Vorenthalten finanzieller Mittel, und zwar sowohl im Hinblick auf die Kosten der Abtreibung als auch im Hinblick auf die Kosten der Kinderaufzucht) bewußt [!] zu erschweren“.[20] Daher beschäftigt sich das nachfolgende Kapitel mit dem Thema Recht auf Leben und Moral.

[...]


[1] Gindulis 2003, S. 38.

[2] Vgl. Lenz 2010, S. 76.

[3] Vgl. Nave-Herz 1994, S. 69.

[4] Vgl. Lenz 2010, S. 69.

[5] Vgl. ebd.

[6] Vgl. ebd., S. 70.

[7] Vgl. ebd., S. 24.

[8] Vgl. Waibl 2005, S. 219.

[9] Ebd.

[10] Vgl. ebd.

[11] Vgl. ebd., S. 220.

[12] Vgl. Lenz 2010, S. 70.

[13] Vgl. Hahn 2015, S. 55.

[14] Ebd., S. 55f.

[15] Vgl. Lenz 2010, S. 75.

[16] Vgl. ebd.

[17] Vgl. ebd., S. 75f.

[18] Ebd., S. 76.

[19] Vgl. Kaminsky 1998, S. 60.

[20] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Die Abtreibungsdebatte. Soziologische und philosophische Auseinandersetzung vor dem Hintergrund der "Neuen Frauenbewegung"
Hochschule
Universität Leipzig
Autor
Jahr
2015
Seiten
13
Katalognummer
V294297
ISBN (eBook)
9783656919957
ISBN (Buch)
9783656919964
Dateigröße
411 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Abtreibung, die neue Frauenbewegung, Frauenrechte
Arbeit zitieren
Anne Schneider (Autor), 2015, Die Abtreibungsdebatte. Soziologische und philosophische Auseinandersetzung vor dem Hintergrund der "Neuen Frauenbewegung", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/294297

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