Das Verständnis des Iǧtihād gehört sowohl in den islamischen Gesellschaften als auch in den islamischen Institutionen zu den gefährlichsten und umstrittensten diskutierten Themen. Eine von diesen Institutionen ist die Al-Azhar in Ägypten, die als älteste und höchste Lehrinstanz des sunnitischen Islams angesehen wird.
Die vorliegende Arbeit setzt sich mit folgenden Fragen auseinander: Kann man die wissenschaftliche religiöse Forschung als moderne Rechtsfigur des Iǧtihād betrachten? War die Al-Azhar in ihrer langen Geschichte eine Vertreterin der rationalen Strömung? Konnte die Al-Azhar die islamische Welt vor Extremisten schützen?
Wie ist die Haltung der Al-Azhar gegenüber den Muǧtahidūn und den Wissenschaftlern, die in wissenschaftlichen Arbeiten dem Al-Azhar-Ansatz widersprochen haben?
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Theoretischer Teil
1. Iǧtihād
1.1 lexikalische Bedeutungen des Iǧtihād
1.2 Iǧtihād als Terminus Technicus
1.3 Entwicklung und Etablierung des Iǧtihād
2. Muǧtahid
2.1 Wer ist Muǧtahid?
2.2 Voraussetzungen um Muǧtahid zu werden
3. Zusammenfassung
Praktischer Teil
4. Al-Azhar
4.1 Aufbau und frühe Entwicklung
4.2 Al-Azhar von französischer Besatzung bis Muḥammad ʿAbduh
4.3 Muḥammad ʿAbduhs Reformbestrebungen
5. Al-Azhar und die Apostasie-Vorwürfe gegen Wissenschaftler und Schriftsteller
5.1 Al-Azhar und ʿAlī ʿAbd ar-Rāziq
5.2 Al-Azhar und Ṭāhā Ḥusain
5.3 Al-Azhar und Muḥammad Ḫalafallāh
5.4 Apostasie-Vorwürfe gegen Faraǧ Fūda
5.5 Al-Azhar und Naṣr Ḥāmid Abū Zaid
6. Reformprozess und die Al-Azhar-Gesetze
7. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle der Al-Azhar als führende Institution des sunnitischen Islams und ihre Haltung gegenüber dem Konzept des Iǧtihād (rationale Deduktion) sowie gegenüber kritischen Denkern im 20. Jahrhundert. Dabei wird analysiert, inwieweit die Institution in der Lage ist, wissenschaftliche Forschung in einem modernen Sinne zuzulassen, ohne diese mit Apostasie-Vorwürfen zu belegen.
- Bedeutung und theoretische Grundlagen des Iǧtihād und des Muǧtahid.
- Historischer Aufbau und Wandel der Al-Azhar-Universität.
- Reformbestrebungen von Muḥammad ʿAbduh innerhalb der Institution.
- Konfliktlinie zwischen dogmatischer Tradition und modernistischen Intellektuellen.
- Strukturelle Reformprozesse der Al-Azhar im 20. und 21. Jahrhundert.
Auszug aus dem Buch
1.1 lexikalische Bedeutungen des Iǧtihād
In den Lexika wird der Begriff Iǧtihād aus der Wurzel ǧuhd/ǧahd als „Bemühung“, „Fleiß“ und auch als „ Mühe geben“ wiedergegeben. Al-Iǧtihād ist „die Bemühung um die Anforderung in einer Angelegenheit“.
Daraus lässt sich folgern, dass die lexikalischen Bedeutungen des Wortes Iǧtihād in drei Kategorien klassifiziert werden können:
A: Kraft/Stärke: Nach Imām al-Ḫalīl Ibn Aḥmad al-Farāhīdī (718-786) bezieht sich ǧahd auf die Beschäftigung mit allen eigenen körperlichen und geistigen Fähigkeiten in einem bestimmten Prozess.
B: Beschwerlichkeit/Anstrengung: „Die Bemühung um die Anforderung in einer Angelegenheit, die nur viel Anstrengung und Mühsal kostet.“ Nach al-Ǧawharī (1979), Ibn al-Aṯīr al-Ǧazarī (1979), Ibn Manẓūr (1968), al-Fīrūzābādī (2005) und Aḥmad al-Fayyūmī (1999) bedeutet ǧahd mit fatḥa Beschwerlichkeit/ Anstrengung.
C: Streben/Kämpfen: Ibn al-Aṯīr al-Ǧazarī schrieb: dass beide ǧuhd mit ḍamma und ǧahd mit fatḥa im Sinne des Kampfes (al-Ǧazarī 1979) verwendet werden. Ibrāhīm Anīs (1980) meinte, wenn ǧahd mit fatḥa verwendet wird, dann bedeutet „es sich bemühen“. Dazu wird auch gesagt: „ǧahada fī-l-ʾamr“ und bedeutet, dass jemand in dieser Sache bemüht ist.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Vorstellung des Forschungsinteresses an der Al-Azhar und ihrer Haltung zu rationalen Strömungen und zum Iǧtihād im 20. Jahrhundert.
Theoretischer Teil: Definition und lexikalische Herleitung des Begriffs Iǧtihād sowie die Bestimmung der Qualifikationen eines Muǧtahid.
1. Iǧtihād: Eingehende Analyse der etymologischen Wurzeln und der Entwicklung des Iǧtihād als Rechtsinstrument im Islam.
2. Muǧtahid: Beschreibung der Rolle und der notwendigen Voraussetzungen, die ein qualifizierter Gelehrter erfüllen muss.
3. Zusammenfassung: Synthese der theoretischen Grundlagen und Bestätigung des Iǧtihād als zeitloses Mittel zur Problemlösung.
Praktischer Teil: Untersuchung der Al-Azhar als Institution und ihrer historisch-politischen Transformation.
4. Al-Azhar: Historischer Überblick über die Entstehung und Entwicklung der Institution von den Fatimiden bis zu den Reformen von ʿAbduh.
5. Al-Azhar und die Apostasie-Vorwürfe gegen Wissenschaftler und Schriftsteller: Analyse der Konflikte zwischen der Institution und Intellektuellen wie ʿAlī ʿAbd ar-Rāziq oder Ṭāhā Ḥusain.
6. Reformprozess und die Al-Azhar-Gesetze: Darstellung der gesetzlichen Reformschritte im 20. Jahrhundert bis zur Verfassung von 2012.
7. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Rolle der Al-Azhar und das Ergebnis, dass organisatorische Reformen ohne eine Reform der Vernunft unzureichend bleiben.
Schlüsselwörter
Al-Azhar, Iǧtihād, Muǧtahid, Islamische Reform, Apostasie, Religion und Staat, Moderne, Scharia, Muḥammad ʿAbduh, Religionsfreiheit, Wissenschaftliche Forschung, Tradition, Ägypten, Säkularisierung, Rechtsgelehrte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Spannungen zwischen traditionellen islamischen Institutionen, konkret der Al-Azhar, und den Anforderungen an eine moderne, wissenschaftliche und rationale Religionsforschung.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Begriffe Iǧtihād und Muǧtahid, die Geschichte der Al-Azhar-Institution sowie die Konflikte um Apostasie-Vorwürfe gegen Intellektuelle im 20. Jahrhundert.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Die Arbeit fragt, ob die Al-Azhar als Institution eine rationale Strömung vertreten kann und ob moderne wissenschaftliche Forschung unter ihrem Dach möglich ist, ohne dass Wissenschaftler Repressionen oder Apostasie-Vorwürfe fürchten müssen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit gliedert sich in einen theoretischen Teil zur Begriffsdefinition und einen praktischen Teil, der historische Entwicklungen und Fallstudien analysiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der historischen Entwicklung der Al-Azhar, den Reformansätzen von Muḥammad ʿAbduh und analysiert detailliert fünf prominente Fälle, in denen Wissenschaftler und Schriftsteller aufgrund ihrer Arbeiten von der Al-Azhar angegriffen wurden.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Iǧtihād, Al-Azhar, Apostasie, Reform, Tradition, Vernunft und intellektuelle Freiheit charakterisiert.
Wie reagierte die Al-Azhar konkret auf das Werk von ʿAlī ʿAbd ar-Rāziq?
Die Al-Azhar verurteilte sein Buch über die Grundlagen der Herrschaft, entzog ihm die Richterlizenz und erkannte ihm den Status eines „Gelehrten der Religion“ ab.
Was war der zentrale Vorwurf der Al-Azhar gegenüber Naṣr Ḥāmid Abū Zaid?
Abū Zaid wurde wegen seiner hermeneutischen Arbeit am Koran als Apostat diffamiert, was schließlich zu einer gerichtlich verfügten Annullierung seiner Ehe führte.
Wie bewertet der Autor den Reformprozess der Al-Azhar?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass sich bisherige Reformen primär auf Verwaltungsstrukturen konzentrierten, während eine substanzielle Erneuerung der islamischen Vernunft und der Lehrmethoden ausblieb.
- Citation du texte
- Ahmed Abd El Aal (Auteur), 2015, Al-Azhar und Iǧtihād. Rationale Deduktion und reformistische Strömungen des 20. Jahrhunderts, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/294306