Die Konsumrevolution zwischen 1945 und 1989


Hausarbeit, 2014
17 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Exkursion zu den ersten Kontakten

zwischen der Jazzmusik und der Sowjetunion

Die Entwicklung des Jazz und des Rock ab

den 50ern des 20. Jahrhunderts

Resümee

Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Seminararbeit beschäftigt sich mit der historischen Entwicklung der Musik und der Massenkultur zwischen 1945 und dem Beginn von Glasnost und Perestroika. Die Fragestellung lautet ob es zwischen 1945 und 1989 in Osteuropa zu einer Konsumrevolution kam. Diese Arbeit widmet sich der Musikkultur in dieser Zeitspanne, da dieses Thema in dem Seminar nur kurz Erwähnung fand.

Besonders hilfreich bei der Recherche waren die Bücher ÄRock and Roll in the Rocket City“ von Sergei I. Zhuk und ÄNotes From Underground“ von Thomas Cushmand. Zhuk zeigt in seinem Werk sehr anschaulich, inwiefern die Rockmusik in einer der wichtigsten Industrie- und Technologiestädte in der UdSSR ihren Einfluss auf die dort lebende Jugend ausweiten konnte. Trotz aller Bemühungen zur Abwehr des Einflusses waren diese nicht erfolgreich. Cushman beschreibt in seinem Werk wie sich mit der Verbreitung der Rockmusik eine Äcounterculture“ zu der sich in der Modernisierung befindenden Öffentlichkeit bilden konnte und warum sie für die Staatsführung so gefährlich wurde.

Verfasst man eine Arbeit über die Entwicklung und den Einfluss der westlichen Musik in der Sowjetunion ab 1953, so muss berücksichtigt werden, dass es Städte gab, die für Westbürger offen zugänglich waren (Moskau, Leningrad) und Städte die nicht für Westbürger offen zugänglich waren. Diese Tatsache muss berücksichtigt werden, da eine Verallgemeinerung des Themas auf die gesamte Sowjetunion nicht möglich ist. Diese Arbeit orientiert sich an dem Werk von Sergei I. Zhuk. In seiner Monografie beschreibt er die Entwicklung der Musik in der Stadt Dnietpropetrovsk. Die Stadt war ab 1959 aufgrund ihrer strategisch wichtigen Stellung als hochmodernes Rüstungs- und Technologiezentrum für Westbürger nicht offen zugänglich.

Es wird versucht zu zeigen wie sich der Jazz und die Rockmusik innerhalb weniger Jahre vom Untergrund hin zu einer Massenkultur entwickelte, warum die politische Führung der UdSSR versuchte eine ÄVerwestlichung“ seiner Bevölkerung zu verhindern. und warum es ihnen nicht erfolgreich gelang den Einfluss der westlichen Kultur aufzuhalten. Das folgende Dokument stellt eine Liste dar, welche die Namen von 38 verbotenen Bands enthält. Diese Liste wurde von einem Komsomolbeauftragten erstellt. Die Bands wurden als ideologisch bedenklich eingestuft. So wurden beispielsweise Iron Maiden wegen Gewaltverherrlichung und okkulter Riten, oder Kiss aufgrund ihres angeblichen Neofaschismusses verboten.1

2. Exkursion zu den ersten Kontakten zwischen der Jazzmusik und der Sowjetunion

In den Jahren nach der Oktoberrevolution erreichte der amerikanische Jazz die Sowjetunion. Dieser fand insbesondere innerhalb der intellektuellen Elite große Begeisterung, weitete im Laufe der Zeit seinen Einfluss jedoch auch auf die unteren Schichten aus.2 Wurde dem Jazz zu Beginn in der Sowjetunion noch Toleranz von Seiten der Staatsführung und des NEP entgegengebracht, so beendeten die Einführung des ersten ÄFünf-Jahres-Plans“, der Beginn der Kollektivierung und der stalinistischen Terror die Haltung gegenüber der (West)Musik.3 Ein Grund für die Agitationen gegen die Musik waren die Werte des Jazz die in Kontrast zu den Werten der Kulturrevolution stand. Bedeutete Jazz körperliche Freiheit, Begeisterung zum Tanzen, Emanzipation, Sexualität, Spontanität und Rhythmus, so sah sich die Kulturrevolution als Rückkehr zu alten und konservativen Werten und zum Puritanismus.4

Ab 1932 mit der Erfüllung des ersten ÄFünf-Jahres-Plans“ erlangte die Jazzmusik eine neue Welle der Begeisterung innerhalb der Öffentlichkeit5 1936 änderte sich die Stimmung in der Sowjetunion aufgrund der Säuberungen Stalins wieder. Musiker die bisher von den Säuberungen verschont wurden mussten sich in den Untergrund zurückziehen.6 In der Zeit nach den Säuberungen wurde der Jazz nach und nach sowjetisiert um somit eine staatstreue und ideologisierte Popkultur und Popmusik zu schaffen.7

Während des 2. Weltkrieges erhielt der amerikanische Jazz wieder Einzug in das öffentliche Leben der Sowjetunion. Zwischen 1946 und 1948 änderte sich die Kulturpolitik erneut.8

Mit dem Tod Stalins am 05.März 1953 und der Entstalinisierung unter Nikita S. Chruschtschow erhofften sich viele eine Wende in der bisherigen Kulturpolitik.9

3. Die Entwicklung des Jazz und des Rock ab den 50ern des 20. Jahrhunderts

Wie bereits in der Einleitung erwähnt, bezieht sich diese Arbeit auf die Vorgänge in der Stadt Dnietpropetrovsk in der Westukraine. Die Stadt war bis 1959 für Touristen und Arbeiter aus europäischen und anderen Westländern möglich, jedoch nahm die Bedeutung der Raketenfabrik in der Stadt im Zuge des Wettrüstens zwischen den USA und der UDSSR zu, sodass sie 1959 für alle Ausländer Ägeschlossen“ wurde.10

Im Zuge der Verriegelung der Stadt für Ausländer ebbte im Laufe der Zeit die Einfuhr von Westware in die Stadt ab. So war es kurz nach der Schließung nur noch möglich über Radiosender und über den Schwarzmarkt an Musik aus dem Westen zu gelangen.

Insbesondere die dortige Jugend lauschte den Tönen der Äkapitalistischen Bourgeoisie“ in Form von Jazz und Rock and Roll. Dies wurde von den Behörden als antisowjetisches Verhalten eingestuft und führte angeblich zum Verfall der Sitten in der sozialistischen Gesellschaft.11

Besonders der aktive Austausch zwischen den jungen Zuhörern und den Radiosendern stellte ein Problem für die staatlichen Führungsorgane dar. So fragten einige Jugendlichen nach besonderen Liedern, oder baten um die Hilfe des Radiosenders bei der Vermittlung von Brieffreunden in westlichen Ländern. Für die politische Führung ergab sich das Bild einer Jugend die sich mehr für die Kultur der Bourgeoisie, als für die Politik ihres eigenen Landes interessierten.12

Jedoch übertrugen nicht nur ausländische Radiosender auf ihren Frequenzen Musik aus dem Westen, sondern genauso inländische Radiostationen. So nahm die Anzahl der illegalen Radioübertragungen stark zu, woraufhin eine Vielzahl von Razzien von der Polizei ausgeführt wurden, welche in vielen Fällen zu Verhaftungen und Beschlagnahmungen des Equipments führten.13

Auch wenn bisher nur von der Jugend die Sprache war, so ist nicht anzunehmen, dass lediglich sie von der westlichen Musik begeistert war. Selbst in der Nomenklatur und der intellektuellen Elite hielt die Begeisterung für Westmusik Einzug.14 So war der Student Leonid Kuchma, Mitglied des Komsomol und später Ministerpräsident und Präsident der Ukraine, in den 50ern und 60ern ein begeisterter Jazzmusiker. Zusammen mit seinen Freunden gründete er eine Band und war auch nicht den westlichen Kleidungstrends abgeneigt.15 Aufgrund der Stipendien die die Studenten erhielten, war es ihnen möglich auf ihren Ausflügen nach Moskau neue und eher westlich geprägte Kleidung zu erwerben und mit in ihre Stadt zu bringen. Aufgrund der sozialen Kontakte innerhalb der Jugend konnten sich somit leicht neue Trends verbreiten.16

Hilfreich für die Verbreitung der Musik waren Jazzclubs. Diese stellten Musiker ein die amerikanischen Jazz spielten. Diese Clubs waren jedoch nicht nur ein Treffpunkt zum Musikhören, sondern auch ein Ort des Kontakts, des Auftretens und Präsentieren neuer Trends. Aus einer anfänglichen Musikbegeisterung heraus, entwickelten sich innerhalb kürzester Zeit ein Trend, ein neuer Äway of life“. Dieser wurde jedoch von den örtlichen Behörden als kapitalistisch und dekadent erachtet, sodass es wiederholt zu Versuchen kam diese Clubs zu schließen. Von Erfolg waren die Versuche jedoch nicht gekrönt.17

Während der Phase der ersten Jazzcluberöffnungen in den 60ern erkannten die Veranstalter, dass sich mit den Auftritten der Bands Geld verdienen lässt. Viele Clubs wurden so zu Restaurants und Bars umgebaut um den Gästen mit Hilfe der Musik dazu zu verleiten für Essen und Getränke zu bezahlen. Diese Clubs spielten neben dem Jazz nun auch die sogenannte ÄBeat“-Musik (abgeleitet von The Beatles). Ermittler des KGB versuchten sich mit dem neuen Phänomen auseinander zu setzen und es zu analysieren. Jedoch mangelte es ihnen an einem grundlegenden Verständnis für die Musik und gewissen Maß an Toleranz für die neue Musik und ihre Trends. So betrachteten sie die Musik als Propagandamittel des Westens um die Jugend mit kapitalistischer Ideologie zu verderben und sie gegen ihre sowjetische Heimat auszuspielen. Trotz der andauernden Kritik und den Versuchen die Entwicklung zu unterbinden, waren jedoch sämtliche Versuche in den ersten Jahren nach Beginn der Entstalinisierung nicht erfolgreich. Grund dafür war unter anderem die Legitimation durch den Komsomol.18 Bereits hier lässt sich eine Entwicklung erkennen, die im Gegensatz zu der Ideologie der Sowjetunion steht, die Monetarisierung von Musik und einer ersten, schleichenden Demokratisierung in Form der Legitimation durch die staatliche Obrigkeit.

Neben der Jazzmusik trat ab Ende der 60er die Rockmusik in das öffentliche Leben der Sowjetunion und entwickelte sich in den folgenden Jahren zu einer Massenkultur.

Bestanden während der Anfänge des Rock die Konsumenten noch aus der intellektuellen Elite, so änderte sich der Markt ab Mitte der 60er mit Erscheinen des ersten Beatles Album auf dem sowjetischen Markt. Zwar stammten die Konsumenten noch immer aus der Schicht der wohlhabenderen Gesellschaft, jedoch lag das Durchschnittsalter unter dem der Jazzkonsumenten. Hilfreich für die Verbreitung der Musik in dieser Zeit waren die staatlichen Tonstudios. Dort konnten musikbegeisterte Bewohner Grußkarten mit einer Audiospur anfertigen lassen. Diese wurden neben der populären Estrada auch mit Beatmusik bespielt. Aufgrund der wachsenden Nachfrage wuchs das Angebot der ausländischen Musik in diesen Studios wodurch sich die Musik über die regionalen Grenzen hinaus verbreiten konnte.19

Im Zuge der wachsenden Popularität der Rockmusik entwickelte sich die Jazzszene ebenfalls. So wurden aus ehemaligen Jazzbands Rockbands. Jedoch besaßen diese Bands keinen offiziellen Status. Diesen konnten sie erlangen, wenn sie eine Kooperation mit der Regierung eingingen. Diese sogenannten VIA’s (vocal instrumental ensenmble) standen unter der Schirmherrschaft des Komsomol und mussten sowjetischen Rock spielen. Diese Form von Rock entsprach jedoch häufig einer russischen Version der Beatles (sie sangen in russisch, während sie die Beatles imitierten). Die zunehmende Popularität der Rockmusik und des Hypes um die Beatles ließen das Misstrauen gegenüber der neuen Musik und ihren Einflüssen auf die Bevölkerung nicht abnehmen.20

Die Musik der Beatles öffnete ebenso wie die Jazzmusik für weitere Musikrichtungen den Einzug in das öffentliche Leben der Sowjetunion. Zudem führte die Begeisterung der Bevölkerung für die Rockmusik zu einem zunehmenden Interesse der Jugend an der englischen Sprache. Ihnen reichte es nicht mehr nur den Bandnamen und Titel ihrer Lieblingslieder zu kennen, sondern es interessierte sie zunehmend der Inhalt der von ihnen mitgesungenen Lieder. Im Zuge dieser Entwicklung stieg die Anzahl der Amateur- und Coverbands populärer Westmusiker.21

Im Gegensatz zum amerikanischen Jazz und Rock stellte die ukrainisch- nationalistische Rockmusik ein geringeres Problem für die politische Führung dar, sie diente zur Abschwächung der zunehmenden Popularität: ÄIt is better to have Soviet young people dance to their national song ‚Cossacks‘ than to American Rock and Roll.“ Dies änderte sich jedoch sobald die Band eine Kooperation mit Komsomol einging. Für die Fans stellte dies den Verlust von authentischem Rock dar.22

Im Zuge der steigenden Popularität der englisch-sprachigen Rockmusik nahm das Interesse der Jugend an der englischen Sprache zu.

[...]


1 List of Songs 1986, in: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/8/89/List_of_songs_1986.jpg (2014-10-09 16:51 Uhr)

2 Stites, Richard: The Ways of Russian Popular Music to 1953, in: Neil Edmunds (Hg.): Soviet Music and Society under Lenin and Stalin. The Baton and the Sickle (BASEES, 9), New York 2004, S. 23-24. (Im Folgenden zitiert als Stites: The Ways).

3 Starr, Frederick S.: Red and Hot. The Fate of Jazz in the Soviet Union 1917-1980, New York 1983, S. 80. (Im Folgenden zitiert als Starr: Red).

4 Starr: Red, S. 91.

5 Starr:Red, S. 109.

6 Starr: Red, S. 170.

7 Stites: The Ways, S. 28.

8 Stites: The Ways, S. 29-30.

9 Taubman, William: Khrushchev. The Man and his Era, New York 2003, S. 270f.

10 Zhuk, Sergei I.: Rock and Roll in the Rocket City, Baltimor 20010, S. 22. (Im Folgenden zitiert als Zhuk: Rock).

11 Zhuk: Rock, S. 65.

12 Zhuk: Rock, S. 65.

13 Zhuk, Rock: S. 67.

14 Zhuk: Rock, S. 68.

15 Zhuk: Rock, S. 68ff.

16 Zhuk: Rock, S. 72. 5

17 Zhuk: Rock, S. 74.

18 Zhuk: Rock, S.74ff. 6

19 Zhuk: Rock, S. 82f.

20 Zhuk: Rock, S. 85ff.

21 Zhuk: Rock, S. 87f.

22 Zhuk: Rock, S. 91; zum Stichwort Authentizität siehe Cushman, Thomas: Notes from Underground, Albany 1995, S. 127. (Im Folgenden zitiert als Cushman: Notes).

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die Konsumrevolution zwischen 1945 und 1989
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Die Konsumrevolution der Sowjetunion ab 1945
Note
2,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
17
Katalognummer
V294366
ISBN (eBook)
9783656920632
ISBN (Buch)
9783656920649
Dateigröße
693 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Konsum, UDSSR, Revolution, Ost, Europa, Russland, Osteuropa, Seminar, Seminararbeit, Rock, Rock and Roll, Schwarzmarkt
Arbeit zitieren
Falk Eckhoff (Autor), 2014, Die Konsumrevolution zwischen 1945 und 1989, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/294366

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