Die Seminararbeit beschäftigt sich mit der historischen Entwicklung der Musik und der Massenkultur zwischen 1945 und dem Beginn von Glasnost und Perestroika. Die Fragestellung lautet ob es zwischen 1945 und 1989 in Osteuropa zu einer Konsumrevolution kam. Diese Arbeit widmet sich der Musikkultur in dieser Zeitspanne, da dieses Thema in dem Seminar nur kurz Erwähnung fand.
Besonders hilfreich bei der Recherche waren die Bücher „Rock and Roll in the Rocket City“ von Sergei I. Zhuk und „Notes From Underground“ von Thomas Cushmand. Zhuk zeigt in seinem Werk sehr anschaulich, inwiefern die Rockmusik in einer der
wichtigsten Industrie- und Technologiestädte in der UdSSR ihren Einfluss auf die dort lebende Jugend ausweiten konnte. Trotz aller Bemühungen zur Abwehr des Einflusses waren diese nicht erfolgreich. Cushman beschreibt in seinem Werk wie sich mit der Verbreitung der Rockmusik eine „counterculture“ zu der sich in der Modernisierung befindenden Öffentlichkeit bilden konnte und warum sie für die Staatsführung so gefährlich wurde.
Verfasst man eine Arbeit über die Entwicklung und den Einfluss der westlichen Musik in der Sowjetunion ab 1953, so muss berücksichtigt werden, dass es Städte gab, die für Westbürger offen zugänglich waren (Moskau, Leningrad) und Städte die nicht für Westbürger offen zugänglich waren. Diese Tatsache muss berücksichtigt werden, da eine Verallgemeinerung des Themas auf die gesamte Sowjetunion nicht möglich ist.
Diese Arbeit orientiert sich an dem Werk von Sergei I. Zhuk. In seiner Monografie beschreibt er die Entwicklung der Musik in der Stadt Dnietpropetrovsk. Die Stadt war ab 1959 aufgrund ihrer strategisch wichtigen Stellung als hochmodernes Rüstungs- und Technologiezentrum für Westbürger nicht offen zugänglich. Es wird versucht zu zeigen wie sich der Jazz und die Rockmusik innerhalb weniger Jahre vom Untergrund hin zu einer Massenkultur entwickelte, warum die politische Führung der UdSSR versuchte eine „Verwestlichung“ seiner Bevölkerung zu verhindern. und warum es ihnen nicht erfolgreich gelang den Einfluss der westlichen Kultur aufzuhalten.
Das folgende Dokument stellt eine Liste dar, welche die Namen von 38 verbotenen Bands enthält. Diese Liste wurde von einem Komsomolbeauftragten erstellt. Die Bands wurden als ideologisch bedenklich eingestuft. So wurden beispielsweise Iron Maiden wegen Gewaltverherrlichung und okkulter Riten, oder Kiss aufgrund ihres angeblichen Neofaschismusses verboten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Exkursion zu den ersten Kontakten zwischen der Jazzmusik und der Sowjetunion
3. Die Entwicklung des Jazz und des Rock ab den 50ern des 20. Jahrhunderts
4. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die historische Entwicklung der Musikkultur in der Sowjetunion zwischen 1945 und 1989, um zu analysieren, ob es in diesem Zeitraum zu einer sogenannten Konsumrevolution kam und warum die staatliche Unterdrückung westlicher Musikstile letztlich scheiterte.
- Entwicklung von Jazz und Rockmusik von einer Untergrundkultur hin zur Massenkultur.
- Rolle von Schwarzmärkten und Radiosendern als Verbreitungswege westlicher Kultur.
- Einfluss der staatlichen Kulturpolitik, Entstalinisierung und Reglementierung durch den Komsomol.
- Soziologische Aspekte der Identitätsfindung und Rebellion gegen die staatliche Ideologie.
- Bedeutung der Konsumrevolution für den Zusammenbruch des sowjetischen Systems.
Auszug aus dem Buch
3. Die Entwicklung des Jazz und des Rock ab den 50ern des 20. Jahrhunderts
Wie bereits in der Einleitung erwähnt, bezieht sich diese Arbeit auf die Vorgänge in der Stadt Dnietpropetrovsk in der Westukraine. Die Stadt war bis 1959 für Touristen und Arbeiter aus europäischen und anderen Westländern möglich, jedoch nahm die Bedeutung der Raketenfabrik in der Stadt im Zuge des Wettrüstens zwischen den USA und der UDSSR zu, sodass sie 1959 für alle Ausländer „geschlossen“ wurde.10
Im Zuge der Verriegelung der Stadt für Ausländer ebbte im Laufe der Zeit die Einfuhr von Westware in die Stadt ab. So war es kurz nach der Schließung nur noch möglich über Radiosender und über den Schwarzmarkt an Musik aus dem Westen zu gelangen. Insbesondere die dortige Jugend lauschte den Tönen der „kapitalistischen Bourgeoisie“ in Form von Jazz und Rock and Roll. Dies wurde von den Behörden als antisowjetisches Verhalten eingestuft und führte angeblich zum Verfall der Sitten in der sozialistischen Gesellschaft.11
Besonders der aktive Austausch zwischen den jungen Zuhörern und den Radiosendern stellte ein Problem für die staatlichen Führungsorgane dar. So fragten einige Jugendlichen nach besonderen Liedern, oder baten um die Hilfe des Radiosenders bei der Vermittlung von Brieffreunden in westlichen Ländern. Für die politische Führung ergab sich das Bild einer Jugend die sich mehr für die Kultur der Bourgeoisie, als für die Politik ihres eigenen Landes interessierten.12
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit thematisiert die historische Entwicklung der westlichen Musikkultur in der Sowjetunion und untersucht deren Rolle im Kontext einer möglichen Konsumrevolution zwischen 1945 und 1989.
2. Exkursion zu den ersten Kontakten zwischen der Jazzmusik und der Sowjetunion: Dieses Kapitel beleuchtet die wechselhafte Haltung der sowjetischen Führung gegenüber dem Jazz von der Oktoberrevolution bis zur Entstalinisierung.
3. Die Entwicklung des Jazz und des Rock ab den 50ern des 20. Jahrhunderts: Hier wird der Prozess der zunehmenden Verbreitung westlicher Musik durch Schwarzmärkte, Radiosender und Discotheken sowie der staatliche Widerstand gegen diese Entwicklung analysiert.
4. Resümee: Das Fazit fasst zusammen, dass die Musikkultur als Ausdruck von Rebellion und Individualismus wesentlich zum Zusammenbruch der Legitimation des sowjetischen Systems beigetragen hat.
Schlüsselwörter
Sowjetunion, Konsumrevolution, Jazzmusik, Rockmusik, Komsomol, Westliche Kultur, Schwarzmarkt, Ideologie, Massenkultur, Widerstand, Entstalinisierung, Identitätsfindung, Jugendkultur, Politische Führung, Modernisierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die historische Entwicklung westlicher Musik – insbesondere Jazz und Rock – in der Sowjetunion von 1945 bis 1989 und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen die staatliche Kulturpolitik, die Verbreitungswege westlicher Musik, die Rolle der Jugend sowie der ideologische Konflikt zwischen sozialistischen Werten und westlichem Konsumverhalten.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die zentrale Frage ist, ob es in Osteuropa zwischen 1945 und 1989 zu einer Konsumrevolution kam und warum die staatliche Unterdrückung der als „kapitalistisch“ eingestuften Musik nicht erfolgreich war.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine historische Seminararbeit, die auf einer fundierten Literaturanalyse und der Auswertung zeitgenössischer Dokumente und Berichte basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit detailliert behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Entwicklung der Jazz- und Rockszene, den Problemen der staatlichen Akteure bei der Kontrolle dieser Musikstile und dem Einfluss von Radio und Schwarzmarkt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Sowjetunion, Konsumrevolution, Rockmusik, Schwarzmarkt, Ideologie, Komsomol und gesellschaftliche Modernisierung.
Wie reagierten die sowjetischen Behörden auf die "Beat"-Musik in den 60er Jahren?
Die Behörden versuchten zunächst, die Musik zu verbieten, erkannten aber später durch die Monetarisierung der Veranstaltungen (z.B. in Kulturhäusern) ein Profitpotenzial, was die Entwicklung inoffiziell legitimierte.
Warum spielte die Stadt Dnietpropetrovsk eine besondere Rolle im Text?
Die Stadt diente als Fallbeispiel, da sie aufgrund ihrer strategischen Bedeutung als Raketenzentrum für Ausländer gesperrt war, was die Dynamik der Schwarzmarkt-Versorgung mit westlicher Musik besonders verdeutlicht.
Was besagt die Theorie der "Reaktanz" in diesem Kontext?
Der Autor führt an, dass der staatliche Versuch, den Zugang zu westlicher Musik zu verhindern, die Attraktivität dieser Musik für die Bevölkerung paradoxerweise sogar noch steigerte.
- Citar trabajo
- Falk Eckhoff (Autor), 2014, Die Konsumrevolution zwischen 1945 und 1989, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/294366