Mapudunguwelaymi am? – Sprichst du vielleicht überhaupt kein Mapudungun mehr?
Die Mapuche in Chile sind mit mehr als 1,5 Millionen Menschen eines der größten indigenen Völker Amerikas und konnten bis in das 21. Jahrhundert Teile ihres historischen Erbes der indigenen Kultur bewahren. Gesetze wie zum Beispiel das Ley Indígena versichern dem Volk die Erhaltung ihrer Kultur, zu der unter anderem ihre eigene indigene Sprache Mapu-dungun gehört. Die Selbstverständlichkeit, Mapuche in ihrer Muttersprache Mapudungun kommunizieren zu sehen, ist gegenwärtig allerdings rar: eine Großzahl dieser indigenen Einwohner Chiles ist bilingual aufgewachsen und beherrscht Spanisch meist deutlich besser als Mapudungun. Trotz ergriffener Maßnahmen der chilenischen Regierung fehlt es Mapu-dungun an ausreichendem Schutz bzw. Werbung, sodass auch die jüngeren Generationen innerhalb des Eingeborenenvolkes die Mühe auf sich nehmen, ihre Sprachkompetenz über das Spanische hinaus zu erweitern.
Mapudungun ist und bleibt eine bedrohte Sprache innerhalb Lateinamerikas, dennoch soll in dieser Arbeit eingehender untersucht werden, inwiefern dies innerhalb der Mapuche-Gemeinschaft auch dementsprechend wahrgenommen wird. Hierfür dienen u.a. Ein-zelinterviews mit Mapuche, darüber hinaus werden auch soziale Plattformen wie Facebook oder Twitter herangezogen, in denen vor allem Jugendliche unterwegs sind.
Inhaltsverzeichnis
1 Mapudunguwelaymi am? – Sprichst du vielleicht überhaupt kein Mapudungun mehr?
2 Geschichte und Sprachidentität des Araukanischen Volkes
2.1 Historischer Bezugsrahmen
2.1.1 Von der präkolumbianischen Zeit bis hin zur Invasion der Inka
2.1.2 Die spanische Eroberung
2.1.3 Von Verschriftlichung, Bilinguismus und Substitution
2.2 Soziokultureller Bezugsrahmen
2.2.1 Identitätskonflikt Chilene/Mapuche
2.2.2 Revitalisierung des Mapudungun
2.2.2.1 Korpus: Literatur, Printmedien, Lexikographie
2.2.2.2 Status: Audiovisuelle Medien, Verwaltung
3 Bedeutung von Mapudungun im 21. Jahrhundert in Chile
3.1 Herausforderungen des Spracherwerbs
3.1.1 Gesprochenes und geschriebenes Mapudungun
3.1.2 Regionale Dialekte
3.2 Mapudungun im Schulsystem
3.2.1 Situation im 21. Jahrhundert
3.2.2 Bildungsreformen
3.2.3 Analyse von Briefen an den chilenischen Präsidenten
3.3 Mapudungun als Überlebenssprache in den Social Media
3.3.1 Tweets#mapudungun
3.3.2 Facebook
4 Chilenisierung der Mapuche?
4.1 Ethnolinguistische Vitalität der Mapuche-Sprache
4.2 Feldforschung
4.2.1 Erhebungsmethode und Konzeption der Interviews
4.2.2 Durchführung der Interviews, Erhebungskontext
4.2.3 Muttersprache
4.2.3.1 Erstsprache
4.2.3.2 Selbsteinschätzung der Sprachkompetenz
4.2.3.3 Kulturelle und sprachliche Identifikation
4.2.4 Revitalisierung von Mapudungun
4.2.4.1 Praktizieren der Sprache
4.2.4.2 Aktivwerden in Organisationen bzw. Verbänden
4.2.5 Soziale Ab- bzw. Aufwertung von Mapudungun
4.2.5.1 Chilenisches Bildungssystem
4.2.5.2 Maßnahmen der Regierung Chiles
4.2.6 Aussagen zur Sprache in der chilenischen Gesellschaft
4.2.6.1 Kontra Chilenisierung
4.2.6.2 Wichtigkeit des Überlebens von Mapudungun
5 Mapudungun – mehr als reine Überlebenssprache?
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Bedeutung der indigenen Sprache Mapudungun für die Identität der Mapuche-Gemeinschaft im Chile des 21. Jahrhunderts. Dabei wird analysiert, wie trotz eines starken chilenischen Assimilationsdrucks die Sprache durch Revitalisierungsmaßnahmen, bildungspolitische Entwicklungen und die Nutzung moderner Kommunikationsmittel (Social Media) als kulturelles Erbe erhalten bleibt.
- Historischer Kontext und soziokulturelle Grundlagen der Mapuche-Identität
- Die Rolle des Mapudungun im chilenischen Schulsystem und im politischen Diskurs
- Einfluss von digitalen Plattformen (Twitter, Facebook) auf die Sprachrevitalisierung
- Empirische Untersuchung mittels qualitativer Interviews zur Sprachkompetenz und Identifikation
- Diskussion über das Spannungsfeld zwischen Chilenisierung und sprachlichem Widerstand
Auszug aus dem Buch
2.1.1. Von der präkolumbianischen Zeit bis hin zur Invasion der Inka
Das Volk der Mapuche (mapu „Erde“, che „Menschen“) und sein Ursprung ist mythenreich und bis heute stark umstritten. Die Wurzeln der Mapuche sind laut Mythen eng mit den Elementen der Natur verwoben und gehen auf die Gefangennahme des Menschen durch Meer, Wasser und Berge zurück. Während die Überlebenden nach dem Kampf zwischen Gut und Böse ein Volk bildeten, verwandelten sich gemäß der Saga die übrigen Menschen zu Felsen und Stein. Schenkt man der historischen Erklärung von Luis Durand Glauben, stammen die Mapuche, wie die Gesamtheit der Nomadenstämme Südamerikas, ursprünglich aus dem Gebiet des Amazonas-Regenwaldes und des Gran Chaco. Die Fortführung von in der Pampa üblichen Brauchtümern bei den Mapuche, ebenso wie diverse Namen und Bezeichnungen, führen Ricardo Latcham und Francisco Antonio Encina, Pioniere der Ethnographie Mapuche, auf eine Zeit in der argentinischen Pampa als nomadische Jäger zurück. Später fanden diese über die Anden ihren Weg in das Valle de Cautín. Der Migrationsthese von Latcham stehen diverse Kritiker entgegen. Letztere präsentieren ihre eigene Hypothese und stützen sich dabei auf archäologische Funde datiert auf 500 bis 600 v. Chr. Im heutigen Territorium Chiles sollen sich bereits in frühgeschichtlicher Zeit Menschen niedergelassen haben, die sich durch Jagd und Sammeln ihr Überleben sicherten. Als Grundlage dienten den Eingeborenen vor allem Beeren, Früchte, Weichtiere, aber auch Fische und sonstige Meerestiere. Zwar besaßen diese Siedlergruppen keinen festen Wohnsitz, laut einer Gruppe von Autoren können sie jedoch als Urväter der ersten Mapuche-Siedlungen betrachtet werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Mapudunguwelaymi am? – Sprichst du vielleicht überhaupt kein Mapudungun mehr?: Einleitung in die Thematik, die die bedrohte Situation der Sprache beschreibt und das Forschungsinteresse sowie die methodische Vorgehensweise skizziert.
2 Geschichte und Sprachidentität des Araukanischen Volkes: Darstellung der historischen Wurzeln der Mapuche sowie der soziokulturellen Einflüsse durch die spanische Eroberung und die Beziehung zum chilenischen Staat.
3 Bedeutung von Mapudungun im 21. Jahrhundert in Chile: Untersuchung der aktuellen Herausforderungen im Bildungswesen sowie der Rolle neuer Medien bei der Sprachpflege im digitalen Zeitalter.
4 Chilenisierung der Mapuche?: Analyse der Ergebnisse einer Feldforschung, die Sprachkompetenz, Identität und die Wahrnehmung der Revitalisierung durch die Betroffenen selbst beleuchtet.
5 Mapudungun – mehr als reine Überlebenssprache?: Synthese der Ergebnisse, die unterstreicht, dass Mapudungun ein zentrales Identitätsmerkmal darstellt, das über die rein funktionale Kommunikation hinausgeht.
Schlüsselwörter
Mapuche, Mapudungun, Chile, Indigene Völker, Sprache, Identität, Revitalisierung, Spracherwerb, Interkulturelle Bildung, Soziale Medien, Twitter, Facebook, Assimilation, Chilenisierung, Feldforschung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Rolle der Sprache Mapudungun für das indigene Volk der Mapuche im modernen Chile und untersucht, wie die Sprache trotz des Assimilationsdrucks bewahrt werden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder der Studie?
Zentrale Themen sind die historische Identität der Mapuche, die aktuelle Sprachpolitik in Schulen, die Bedeutung digitaler Medien für die Sprachrevitalisierung sowie die Frage, wie eng Sprache mit der kulturellen Identität verknüpft ist.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist es zu untersuchen, inwieweit Mapudungun als identitätsstiftendes Merkmal im 21. Jahrhundert fortbesteht und welche Rolle soziale Netzwerke und bildungspolitische Maßnahmen bei dessen Erhalt spielen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Kombination aus Literaturanalyse zur historischen und soziokulturellen Einordnung sowie einer eigenen qualitativen Feldforschung in Form von leitfadengestützten Experteninterviews.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Analyse, eine Untersuchung der Rolle des Mapudungun im chilenischen Bildungssystem, eine Analyse der Online-Kommunikation und eine detaillierte Auswertung der geführten Interviews.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Mapuche, Mapudungun, Revitalisierung, Identität, Chile, Sprachpolitik, Interkulturalität und Chilenisierung.
Welche Rolle spielen Social-Media-Plattformen für das Mapudungun?
Plattformen wie Twitter und Facebook dienen als informelle Orte der Sprachpflege, zur Verbreitung von Lernmaterialien und zur Artikulation politischer Kritik bezüglich der Sprachpolitik.
Wie stehen die interviewten Mapuche zu ihrer Sprache?
Die Befragten messen der Sprache einen sehr hohen identitätsstiftenden Wert bei, sehen sich jedoch im Alltag häufig mit Hindernissen konfrontiert, die den aktiven Sprachgebrauch erschweren.
- Arbeit zitieren
- Christina Drechsel (Autor:in), 2013, Zur Sprachidentität der Mapuche. Die Bedeutung von Mapudungun im 21. Jahrhundert in Chile, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/294430