Die Machtbegriffe von Michel Foucault im Spiegel von Hobsbawms Epochenverständnis


Hausarbeit, 2012
14 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Wie definiert sich der Begriff der Macht?
2.1. Der Machtbegriff nach Max Weber
2.2. Der Machtbegriff nach Michel Foucault
2.2.1. In „Überwachen und Strafen“
2.2.2. In „Der Wille zum Wissen“
2.3. Zusammenfassung der Machtbegriffe

3. Foucaults Machtbegriff im Spiegel von Hobsbawms Epochenverständnis
3.1. Fazit

4. Quellen-/Literaturangaben

1. Einleitung

Eric Hobsbawm stellte fest, dass sich eine Epoche nicht durch den Anfang / das Ende eines Jahrhunderts abgrenzen lässt. So fängt für ihn das Lange 19. Jahrhundert mit der Französischen Revolution (1789) an und hört mit dem Ersten Weltkrieg auf, während das darauf folgende Kurze 20. Jahrhundert mit dem Untergang der Sowjetunion (1991) endet. Die Bezeichnungen gehen darauf zurück, dass das 19. Jh. über die traditionell veranschlagten100 Jahre hinausgeht und das 20. Jh. nur rund 75 Jahre dauert.

Diese Hausarbeit befasst sich mit Hobsbawms Arbeit zum Kurzen 20. Jahrhundert. Hobsbawm bemüht sich darin gar nicht erst um eine objektive Betrachtung1, weil er selbst in dieser Epoche gelebt hat und seine eigenen Erfahrungen, Meinungen und Erlebnisse nicht ausblenden kann. Er beschreibt innerhalb des Kurzen 20. Jahrhunderts drei Zeitalter2, in welche die Ereignisse der Zeit grob eingeordnet werden. Diese Einteilung hat keinen absoluten Charakter.

Der moderne Machtbegriff wird der zweite Fixpunkt dieser Arbeit sein. Dabei wird ein Schwerpunkt auf dem französischen Philosophen Michel Foucault liegen. Dessen Machtdefinition unterscheidet sich von der alltäglichen Verwendung des Begriffs Macht, welche anhand von Max Webers Definition erörtert werden soll.

Als Foucault im Jahre 1970 den Lehrstuhl für die Geschichte der Denksysteme am renommierten Pariser Collège de France bekam, behandelte er in seiner Antrittsvorlesung mit dem Titel „Die Ordnung des Diskurses“ Diskurssysteme unter Aspekten von Macht. Im Diskurs finden innere wie äußere Prozeduren der Reglementierung, Ausschließung, Unterdrückung ihres unberechenbar Ereignishaften statt. Diese Vorstellungen Foucaults beruhen im Wesentlichen auf der Repression von Diskurs und Macht. In den darauf folgenden Jahren verwirft er diesen Ansatz wieder und wendet sich gegen eine reine Repressionshypothese.3 Foucault konstruiert nun einen Machtbegriff, der nicht nur Unterdrückung, sondern zeitgleich auch Identität produziert. Macht ist dabei dezentral und nicht hierarchisch. Sie wird nicht länger als ein Gut, das sich erwerben lässt, sondern vielmehr als ein komplexes Gebilde aus Machtstrategien betrachtet. Diese völlig neue Vorstellung kam einer soziologischen Revolution nahe. Macht wird nicht mehr von Einzelpersonen, sondern von jedem Mitglied einer Gesellschaft vollzogen. Somit reicht es nicht mehr, zu fragen, wie Diktator XY sich die Macht in einem Land angeeignet hat. Man muss vielmehr hinterfragen, wie er es geschafft hat, die Kraftverhältnisse zu seinen Gunsten zu verändern bzw. wie er es schafft, diese Kraftverhältnisse beizubehalten. Macht stellt sich als etwas dar, das in jeden Lebensbereich einer jeden Person eingreift. Somit reicht es nicht mehr aus, nur eine Gruppe von Herrschern zu betrachten, um einen Gesamteindruck der soziologischen Strukturen zu erlangen.

Im Folgenden soll aufgezeigt werden, wie genau Foucaults Machtbegriff aufgebaut ist und worin er sich von Webers Definition unterscheidet. Dabei sollen gleichzeitig die Anwendungsfelder von Foucaults Macht sichtbar gemacht werden. Am Ende der Arbeit wird Hobsbawms „Das Zeitalter der Extreme“ betrachtet und es wird überprüft, ob dieser in seinem Werk Foucaults Machtbegriff verwendet. Somit lautet die Leitfrage wie folgt: Inwieweit spiegelt sich Foucaults Machtverständnis in Hobsbawms Arbeit wider?

2. Wie definiert sich der Begriff der Macht?

Im folgenden Kapitel werden zwei unterschiedliche Machtdefinitionen vorgestellt und ausgiebig erläutert, die beide keine ontologische oder metaphysische Wirklichkeit beschreiben, sondern vielmehr als Werkzeuge betrachtet werden sollten.

Die erste Definition stammt von dem deutschen Soziologen Maximilian Carl Emil Weber (1864-1920). Die Wahl fällt auf Weber, weil dieser die wohl allgemeingültigste und prägnanteste Definition von Macht liefert, die sich gleichzeitig mit dem alltäglichen Machtverständnis überschneidet. Dabei wird das postum erschiene Wirtschaft und Gesellschaft (1922) im Fokus der Untersuchung stehen.

Die zweite Definition stammt von dem französischen Philosophen Paul-Michel Foucault (1923-1984). Foucault hat ein wesentlich differenzierteres Verständnis von Macht, was besonders aus seinen Forschungen zur Entstehung der Gefängnisse und zur Sexualität hervorgeht. Aufgrund der Komplexität seines Machtbegriffs werden im Unterkapitel 2.2. gleich zwei von Foucaults Werken untersucht: Überwachen und Strafen (1976) und Der Wille zum Wissen (1977). Dabei soll letztlich die Anwendbarkeit von Foucaults Machtverständnis auf gesellschaftliche Verhältnisse aufgezeigt werden. Im Anschluss an die Darstellung der unterschiedlichen Definitionen von Macht werden beide noch einmal kurz zusammengefasst und auf ihre praktische Anwendbarkeit überprüft.

2.1. Der Machtbegriff nach Max Weber

Weber begreift zunächst das Handeln als ein Handeln in einer sozialen Beziehung. Indem er subjektive Intentionen voraussetzt, schließt er ein objektiv richtiges Handeln aus. Dieses Verständnis von Handlungen liegt Webers Definitionen von Macht und Herrschaft zugrunde.4

„Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht.“5 Es geht Weber hierbei um das Verhältnis zwischen zwei oder mehr Individuen, die in einer sozialen Beziehung zueinander stehen. Die Individuen kämpfen6 darum, ihren eigenen Willen gegen den Widerstand der anderen durchzusetzen, doch nur der Mächtigere ist dazu in der Lage. Dabei ist eine klare Hierarchie innerhalb der sozialen Beziehung vorhanden. Eine Partei setzt den eigenen Willen durch, während eine andere Partei nicht im Stande ist, die Durchsetzung dieses Willens zu verhindern bzw. den eigenen Willen gegen den Widerstand durchzusetzen. Dies setzt eine Ungleichheit der Chancen voraus, andernfalls könnte ein Widerstand nicht überwunden werden.7 Wille und Widerstand sorgen für Instabilität innerhalb der sozialen (Beziehung. Macht kann auch auf der bloßen Möglichkeit beruhen, den eigenen Willen durchzusetzen, eine Praxis ist dafür nicht erforderlich. Die Formulierung jede Chance bezieht sich auf den amorphen Charakter der Macht: „Alle denkbaren Qualitäten eines Menschen und alle denkbaren Konstellationen können jemand in die Lage versetzen, seinen Willen in einer gegebenen Situation durchzusetzen.“8 Es ist gleichgültig, worauf diese Qualitäten beruhen. Macht kann also völlig unterschiedliche Erscheinungsformen, unzählige verschiedene Voraussetzungen und Auswirkungen haben. Jeder ist im Grunde in der Lage das Gut Macht zu erlangen, wenn die Konstellation der Umstände genau entsprechend günstig ist.

Aufgrund des sehr variablen Charakters von Macht spielt dieser Begriff für Weber nur eine untergeordnete Rolle. Viel wichtiger ist der Begriff der Herrschaft, den er wie folgt definiert: „Herrschaft soll heißen die Chance, für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden.“9 Diese wesentlich spezifischere Erscheinungsform von Macht zeichnet sich jeweils durch einen gegebenen Befehl und den durch die Ausführung des Befehls ausgedrückten Gehorsam aus. Herrschaft setzt also eine gewisse Fügsamkeit voraus. Im Gegensatz zur formlosen Macht benötigt eine (streichen) Herrschaft ein gewisses Maß an Dauerhaftigkeit bzw. eine anerkannte Ordnung. Sie ist letztlich eine strukturierte Form von Über- und Unterordnung.10 Dabei ist sie nur „… an das aktuelle Vorhandensein eines erfolgreich andern Befehlenden, aber weder unbedingt an die Existenz eines Verwaltungsstabes noch eines Verbandes geknüpft.“11 Es muss also zunächst jemand vorhanden sein, der Befehle gibt, und es muss jemand vorhanden sein, der diese Befehle ausführt. Ein spekulatives Vorhandensein von Herrschaft, wie es bei der Macht möglich ist, ist ausgeschlossen.12 Eine feste staatliche oder gesellschaftliche Struktur ist (in der einfachsten Erscheinungsform von Herrschaft) nicht zwingend erforderlich. Welche Motive dem Gehorsam zu Grunde liegen, ist irrelevant: „…von dumpfer Gewöhnung angefangen bis zu rein zweckrationalen Erwägungen […]. Ein bestimmtes Interesse am Gehorchen wollen […] gehört [aber] zu jedem Herrschaftsverhältnis.“13 Herrschaft erfordert demzufolge also auch immer Disziplin, welche die Herrschaft stabilisiert. Weber beschreibt ausführlich drei reine Typen legitimer Herrschaft, auf die in dieser Arbeit jedoch nicht weiter eingegangen werden soll.14

Webers Definitionen sollen dazu dienen, gesellschaftliche Konflikte zu erforschen. Dabei geht er von idealtypischen Begriffen aus, die lediglich für die Hypothesenbildung geeignet, aber keinesfalls empirisch falsifizierbar sind. Bei Webers Begriffsdefinitionen handelt es sich also lediglich um analytische Werkzeuge.15

2.2. Der Machtbegriff nach Michel Foucault

Im Folgenden soll Foucaults Machtverständnis anhand seiner beiden (im Bezug auf die Thematik) zentralen Werke veranschaulicht werden. Dabei wird in Überwachen und Strafen auf die Disziplinierung und Kontrolle des Körpers, in Der Wille zum Wissen auf die gesellschaftlichen Diskurse bzw. die unterschiedlichen Strategien eingegangen. Diese beiden Erscheinungsformen sind wiederum in das Prinzip der Bio-Macht eingelassen.

2.2.1. In „Überwachen und Strafen“

In diesem Werk Foucaults geht es primär um die Entwicklung des Strafsystems in Frankreich und Großbritannien. Zudem wird das sogenannte Panopticon, das perfekte Gefängnis nach Vorlage des englischen Utilitaristen Jeremy Bentham, vorgestellt, in welchem die Gefangenen unter ständiger potenzieller Beobachtung stehen.16 Wie es der Titel schon vermuten lässt, legt Foucault hier den Fokus auf die in der Erziehung bzw. an Gefangenen ausgeübte Macht. Dabei beschäftigt er sich mit der Frage, „…weshalb sich die Einsperrung seit dem Ende des 18. Jahrhunderts als generelle Bestrafungsart durchgesetzt hat, obwohl sie […] [als] die Kriminalität fördernde Einrichtung bezeichnet wird.“17

Die Zucht wird definiert als „ …eine Macht, die, anstatt zu entziehen und zu entnehmen, vor allem aufrichtet, herrichtet, zurichtet – um dann allerdings um so mehr entziehen und entnehmen zu können. Sie legt die Kräfte nicht in Ketten, um sie einzuschränken, [sondern um sie zu] vervielfältigen und nutzbar [zu machen].“18 Hierbei ist ein hierarchisches Machtverständnis im Spiel, was allerdings mit der Fokussierung des Themas zu tun hat. Im Verhältnis von Gefangenen und Wärtern oder von Erziehern und Zöglingen gibt es zwangsläufig eine gewisse Hierarchie. Macht hat aber nicht zwangsläufig etwas mit Gewalt zu tun. Wenn jemand gezielt in eine Richtung gelenkt wird, spielt Gewalt im herkömmlichen Sinne keine Rolle, dennoch wird Macht auf den Gelenkten ausgeübt. Dies ist keine Macht, wie sie von großen Staatsapparaten ausgeübt wird, im Vergleich dazu sind diese Machtausübungen winzig.19 Macht ist dabei, wie am Beispiel der Zucht gezeigt wurde, nicht nur unterdrückend, sondern auch äußerst produktiv. Erst durch die Machtstrukturen entstehen die Subjekte, die die Gesellschaft bilden, auf die sich dann wiederum die Machtstrukturen auswirken. „Man muß aufhören, die Wirkungen der Macht immer negativ zu beschreiben, als ob sie nur ausschließen, maskieren, verdrängen, zensieren, abstrahieren, maskieren, verschleiern würden. In Wirklichkeit ist die Macht produktiv; und sie produziert Wirkliches. […] [D]as Individuum und seine Erkenntnis sind Ergebnisse dieser Produktion.“20

Das Konzept des Panopticons überträgt Foucault auf sein Machtverständnis. Der menschliche Körper sollte im Zuge der Industrialisierung immer effizienter gemacht werden. Um dies zu gewährleisten, fand eine immer stärkere Disziplinierung statt, die mit dem üblichen repressiven Machtverständnis nicht mehr erfassbar ist. Diese Disziplinierung geht von diversen alltäglichen Anstalten wie Schulen, Kasernen oder Fabriken aus, durch die der Mensch ständig von allen Seiten reguliert und kontrolliert wird. Unter diesem Gesichtspunkt muss er ständig befürchten, von einer beliebigen Stelle überwacht zu werden, sodass jedes Individuum aus Angst vor der Überwachung schließlich damit anfängt, sich selbst zu überwachen. Es findet also eine Disziplinierung unabhängig von der tatsächlichen Überwachung statt, was auf längere Sicht zu einer Verinnerlichung der gestellten Erwartungen und Normen führt. Dieses Prinzip nennt Foucault Panoptismus.21 "Derjenige, welcher der Sichtbarkeit unterworfen ist und dies weiß, übernimmt die Zwangsmittel der Macht und spielt sie gegen sich selber aus; er internalisiert das Machtverhältnis, in welchem er gleichzeitig beide Rollen spielt, er wird zum Prinzip seiner eigenen Unterwerfung."22 Eine solche Art der Überwachung kann nicht von einem rein hierarchischen Machtbegriff ausgehen.

Foucaults Machtverständnis spiegelt sich in der Disziplinierung des Körpers unter Bezugnahme auf die Überwachung desselben wider. Dabei geht es weniger um große Akte der Machtausübung als um viele kleine Handlungen, die auf den ersten Blick in keinem Zusammenhang zueinander stehen, die von allen möglichen öffentlichen Institutionen ausgehen und den Körper des Individuums disziplinieren.23 Man könnte diese Handlungen auch als Macht der milden Mittel bezeichnen.24

2.2.2. In „Der Wille zum Wissen“

Während Foucault sich in Überwachen und Strafen auf disziplinarische Aspekte der Macht konzentriert, geht er in Der Wille zum Wissen über diesen Bereich deutlich hinaus und behandelt hier die diskursiven Aspekte der Macht. Dabei begreift er den Diskurs als einen Gegenstand von Kämpfen, Strategien und Auseinandersetzungen.25 Machtstrategische Verknüpfungen von Diskursen sowie Praktiken stellen dabei sogenannte Dispositionen dar. Die meistbehandelte Disposition in Der Wille zum Wissen ist, wie der Name des Gesamtbandes bereits verrät, die Sexualität. Foucault spricht sich deutlich gegen einen rein repressiven, unterdrückenden Charakter der Macht aus.26

„Die Analyse, die sich auf der Ebene der Macht halten will, darf weder die Souveränität des Staates, noch die Form des Gesetzes […] voraussetzen; dabei handelt es sich eher um Endformen.“27 Es gilt also nicht wie bei Weber das repressive Top-Down-Prinzip, nach welchem nur von oben nach unten Macht ausgeübt werden kann. Macht „…liegt [eben] nicht in der ursprünglichen Existenz eines Mittelpunktes, nicht in einer Sonne der Souveränität, […] [die auf] niedere Formen ausstrahl[t]; sondern in dem bebenden Sockel der Kraftverhältnisse, die durch ihre Ungleichheit unablässig Machtzustände erzeugen, die immer lokal und instabil sind.“28 Weiter beschreibt Foucault Macht als „…die Vielfältigkeit von Kraftverhältnissen, die ein Gebiet bevölkern und organisieren.“29 Diese Kraftverhältnisse werden innerhalb des sogenannten Spieles durch unaufhörliche Auseinandersetzungen immer wieder verstärkt bzw. umgewandelt. Durch die (streichen) Stützen werden die Kraftverhältnisse in Systeme eingebettet bzw. isolieren sie sich voneinander. Und innerhalb der Strategien werden Kraftverhältnisse in Form von z.B. Gesetzen und Staatsapparaten ausgeübt.30 Macht geht also von jedem Mitglied einer Bevölkerung aus und erstreckt sich entsprechend auch in jeden Winkel einer Gesellschaft, gleichgültig in welcher Position sich die Individuen befinden. Die Machtverhältnisse sind allgegenwärtig in einer Gesellschaft, und zwar nicht nur, weil sie alles umfassen, sondern weil sie von jedem Punkt der Bevölkerung ausgehen.31 Zudem verändern sich die Verhältnisse ständig, wie sich ebenfalls die Verhältnisse der Individuen zueinander, zu verschiedenen Gruppierungen / Organisationen und zur eigenen Identität wandeln. Macht ist also nicht etwas, was man erwerben oder verlieren kann. Macht ist vielmehr etwas, das von unzähligen Punkten ausgeht und aus sich ständig verändernden Beziehungen zwischen diesen Punkten resultiert.32

„Wo es Macht gibt, gibt es Widerstand.“33 Macht und der Widerstand gegen die bestehenden Machtbeziehungen lassen sich als zwei Seiten derselben Medaille verstehen. Widerstand befindet sich daher nicht außerhalb der Machtbeziehungen, sondern ist deren fester, unabkömmlicher Bestandteil. Da die Machtverhältnisse allgegenwärtig sind, gibt es auch kein Außerhalb. Der Widerstand hat dieselben Charakterzüge wie die Macht. Es gibt nicht den großen Widerstand gegen die bestehenden Machtbeziehungen, sondern er vollzieht sich von vielen Widerstandspunkten innerhalb des Machtnetzwerkes aus.34 „Und wie der Staat auf der institutionellen Integration der Machtbeziehungen beruht, so kann die strategische Codierung der Widerstandspunkte zur Revolution führen.“35 Das Endresultat der Machtbeziehungen ist also die Staatsgewalt, während das Endresultat des Widerstands den Umsturz der vorhandenen Staatsgewalt bedeutet.

Foucaults Machtverständnis lässt sich am einfachsten mithilfe der Metapher eines gewaltigen Netzwerkes verstehen, in welchem jedes Individuum unzählige Fäden in den Händen hält, die in alle Lebensbereiche der Person hineinragen. Nun wird an einigen dieser Fäden gezogen, dabei hat das Individuum die Möglichkeit dem Ziehen nachzugeben oder dagegenzuhalten. Entsprechend kann die Person selbst auch an den verschiedenen Fäden ziehen. Durch das Zupfen/ Ziehen/ Zerren an den Fäden verändern sich die Kraftverhältnisse zwischen den beteiligten Parteien.

[...]


1 Welche in der Geschichte zwar angestrebt werden soll, aber nie in Gänze erreicht werden kann.

2 1. Das Katastrophenzeitalter (1914 – 1950), 2. Das goldene Zeitalter (1950 – 1973), Der Erdrutsch (1973 – 1991/92)

3 Vgl. SCHÄFER, Thomas/ Lutz, Bernd (hg.): Metzler-Philosophen-Lexikon – Von den Vorsokratikern bis zu den neuen Philosophen. Stuttgart, Weimar; 1995, S. 283 f.

4 Vgl. NEUENHAUS, Petra: Max Weber und Michel Foucault – Über Macht und Herrschaft in der Moderne. Pfaffenweiler; 1993, S. 9 f.

5 WEBER, Max: Wirtschaft und Gesellschaft – Grundriß der verstehenden Soziologie. Tübingen, Mohr; 1976, S. 28.

6 Mit Kampf ist hier nicht zwangsläufig eine gewalttätige Handlung gemeint, Kampf wird auch von Weber in einem sehr weitem Sinn verstanden: Vgl. Ebd. S. 20.

7 Vgl. NEUENHAUS, S. 12.

8 WEBER, S. 28 f.

9 WEBER, S. 28.

10 Vgl. NEUENHAUS, S. 13 ff.

11 WEBER, S. 29.

12 Mit spekulatives Vorhandensein ist der Besitz von Herrschaft o. Macht gemeint, der unabhängig von dem Vollzug der selben ist. Vgl. NEUENHAUS, S. 13

13 WEBER, S. 122.

14 Zu den drei reinen Formen der legitimen Herrschaft: Vgl. Ebd. 124 ff.

15 Vgl. NEUENHAUS, S. 42 ff.

16 Zum Panopticon: Vgl. FOUCAULT, Michel: Überwachen und Strafen – Die Geburt des Gefängnisses. Frankfurt a.M.; 1977, S. 256 ff.

17 MARTI, Urs: Michel Foucault. München; 1988, S. 83.

18 FOUCAULT: Überwachen und Strafen. S. 220.

19 Vgl. Ebd. S. 220-221.

20 Ebd. S. 250.

21 Vgl. Ebd. Kap. 3, S. 251 ff.

22 Ebd. S. 260.

23 Vgl. RUOFF, Michael: Foucault-Lexikon – Entwicklung, Kernbegriffe, Zusammenhänge. Paderborn; 2007, S. 40 ff.

24 Vgl. Ebd. S. 149 f.

25 Vgl. KÖGLER, Hans Herbert: Michel Foucault. Stuttgart, Weimar; 1994, S. 80.

26 Zu Foucaults Kritik an der Repressionshypothese: Vgl. FOUCAULT, Michel: Der Wille zum Wissen – Sexualität und Wahrheit 1. Frankfurt a.M.; 1976, Kap. 2, S. 25 ff., oder: DREYFUS, Hubert; RABINOW, Paul/ Michel Foucault – Jenseits von Strukturalismus und Hermeneutik/ Frankfurt a.M.; 1987, S.157 ff.

27 FOUCAULT: Der Wille zum Wissen, S. 113.

28 Ebd. S. 114.

29 Ebd. S. 113.

30 Ebd. S. 113 f.

31 Vgl. Ebd. S. 114.

32 Vgl. Ebd. S. 115.

33 Ebd. S. 116.

34 Vgl. Ebd. S. 116 ff.

35 Ebd. S. 118

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Die Machtbegriffe von Michel Foucault im Spiegel von Hobsbawms Epochenverständnis
Hochschule
Universität Hamburg  (Historisches Seminar)
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
14
Katalognummer
V294465
ISBN (eBook)
9783656920410
ISBN (Buch)
9783656920427
Dateigröße
431 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
machtbegriffe, michel, foucault, spiegel, hobsbawms, epochenverständnis
Arbeit zitieren
David Kühlcke (Autor), 2012, Die Machtbegriffe von Michel Foucault im Spiegel von Hobsbawms Epochenverständnis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/294465

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