„Die Idee des Menschen in der europäischen Geschichte drückt sich in der Unterscheidung vom Tier aus. Mit seiner Unvernünftigkeit beweisen sie die Menschenwürde. Mit solcher Beharrlichkeit ist der Gegensatz von allen Vorvorderen des bürgerlichen Denkens, den alten Juden, Stoikern und Kirchenvätern, dann durchs Mittelalter und die Neuzeit hergebetet worden, daß er wie wenige Ideen zum Grundbestand der westlichen Anthropologie gehört.“
Mit diesen Sätzen leiten Theodor W. Adorno und Max Horkheimer ihr Kapitel Mensch und Tier in der Dialektik der Aufklärung ein. Bereits daran zeigt sich, dass die Frage nach dem Verhältnis von Mensch und Natur – oder konkreter Mensch und Tier im Denken der beiden Begründer der kritischen Theorie eine wichtige Rolle spielt. Anders als in zahlreichen anderen sozialwissenschaftlichen Publikationen, in denen die Rolle des Tieres für die Gesellschaft allenfalls als Randphänomen auftaucht, scheint ihr in der kritischen Theorie eine zentralere Bedeutung zuzukommen. In verschiedenen Schriften von Horkheimer und Adorno finden sich Auseinandersetzungen mit dem Mensch-Tier-Verhältnis und seinen Implikationen für ihre Herrschaftstheorie.2 Die Interpretationen sind gleichzeitig stark umstritten. So beziehen sich radikale Tierrechtler_innen und Vertreter_innen des Antispeziesmus ebenso auf die krtische Theorie wie ihre Gegner_innen. Es scheint also durchaus interessant sich mit den Gedanken der kritischen Theoretiker zu beschäftigen und die Gründe zu untersuchen weshalb das Tier in ihre gesellschaftstheoretischen Analysen so konsequent mit aufgenommen wird. Darüber hinaus stellt sich die Frage welche Bedeutung die Tier-Dimension für die Herleitung des Menschenbildes spielt und welche grundlegenden Schlüsse die Autoren aus ihren Umwelt- und Naturbetrachtungen ziehen.
In der vorliegenden Arbeit werde ich mich zentral auf das oben bereits erwähnte Kapitel in der Dialektik der Aufklärung beziehen. Dieses kann natürlich gleichzeitig nur im Gesamtzusammenhang des Werkes gelesen und interpretiert werden, da es mit der kritischen Gesellschaftstheorie und den zugehörigen Grundannahmen unmittelbar verbunden ist.
Ausgehend von den Erfahrungen des Nationalsozialismus und der Shoah, stellen Horkheimer und Adorno zunächst fest, dass die bisher rational und aufklärerisch gedachte Geschichte der Menschheit, einen Rückfall in Barbarei und Irrationalität erlebte.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Naturbeherrschung
3. Gleichsetzung von Mensch und Tier?
4. Totalität der Herrschaft
5. Utopieentwürfe
6. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht das Mensch-Tier-Verhältnis im Denken von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer, insbesondere innerhalb ihres Werkes "Dialektik der Aufklärung", um die Rolle der Naturbeherrschung und Herrschaftsstrukturen in der modernen Gesellschaft kritisch zu hinterfragen.
- Die philosophische Analyse des Mensch-Tier-Verhältnisses in der Kritischen Theorie.
- Die kritische Reflexion des Begriffs der Naturbeherrschung und dessen Folgen für die menschliche Vernunft.
- Die Untersuchung der Verknüpfung von Naturbeherrschung, sozialer Exklusion und totalitären Herrschaftsformen.
- Die Bewertung der Möglichkeiten und Grenzen utopischer Entwürfe für ein befreites Verhältnis zur Natur.
Auszug aus dem Buch
3. Gleichsetzung von Mensch und Tier?
Zunächst kann festgehalten werden, dass Adorno und Horkheimer besondern Wert auf die artübergreifenden Gemeinsamkeiten legen. Ebenso wie die Menschen sind Tiere zur Empfindung von Schmerz und Leid fähig und streben die Befriedigung bestimmter Bedürfnisse an. Diesen Gedanken habe ich weiter oben bereits ausgeführt.
Entgegen den antispeziesistischen Positionen, wie sie etwa Witt-Stahl und ihre Mitautor_innen im genannten Sammelband vertreten, geht es Adorno und Horkheimer jedoch nicht um die Aufhebung der Grenze zwischen Mensch und Tier. Vielmehr wenden sich sogar explizit gegen die Verwischung der Grenze. „Die Welt des Tieres ist begriffslos. […] Das Tier hört auf den Namen und hat kein Selbst, es ist in sich eingeschlossen und doch preisgegeben […] Noch das stärkste Tier ist unendlich debil.“ Wie oben bereits ausgeführt, besitzt das Tier, anders als der Mensch, keine Vernunft. Es ist zur Selbsterkenntnis nicht fähig, hat keine Vorstellung von Zeitlichkeit und substantiellem Glück.
Den kritischen Theoretikern geht es um die Kritik des bestehenden Mensch-Tier-Verhältnisses und nicht um die Konstruktion einer „speziesübergreifenden“ Einheit. Eine Gleichsetzung der – zweifelsohne zum Teil grausamen – industriellen Tötung von Tieren mit der systematischen Vernichtung der Juden im Faschismus, wie sie etwa die Tierrechtsorganisation Peta anstellt, verbietet sich. Der Verweis dabei auf einzelne Textstellen aus dem Werk von Adorno und Horkheimer wird ihnen nicht gerecht. In ihren Betrachtungen ging es darum den Rückfall der Menschheit in die Barbarei zu verstehen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Bedeutung des Mensch-Tier-Verhältnisses innerhalb der Kritischen Theorie und Darstellung der Forschungsfrage.
2. Naturbeherrschung: Analyse der Loslösung des Menschen von der Natur durch Vernunft und Selbsterkenntnis sowie der daraus folgenden Legitimation der Unterwerfung.
3. Gleichsetzung von Mensch und Tier?: Untersuchung der Position von Adorno und Horkheimer zur Grenze zwischen Mensch und Tier, wobei eine reine Gleichsetzung zugunsten einer Anerkennung von Differenz abgelehnt wird.
4. Totalität der Herrschaft: Betrachtung der 'doppelten Naturbeherrschung', in der die Unterwerfung der äußeren Natur untrennbar mit der inneren Unterdrückung des Menschen verbunden ist.
5. Utopieentwürfe: Reflexion über die Möglichkeiten eines befreiten Mensch-Tier-Verhältnisses jenseits instrumenteller Vernunft und unter der Bedingung entfalteter Vernunft.
6. Fazit: Zusammenfassende Einschätzung, dass die gewaltförmige Beziehung zur Natur tief in der Gesellschaft verwurzelt ist und nur durch eine bewusste Reflexion sowie die Anerkennung der Naturhaftigkeit des Menschen überwunden werden kann.
Schlüsselwörter
Kritische Theorie, Naturbeherrschung, Mensch-Tier-Verhältnis, Dialektik der Aufklärung, Herrschaft, Vernunft, Selbsterkenntnis, Anthropozentrismus, Faschismus, Antispeziesismus, Utopie, Entfremdung, Verdinglichung, Naturgeschichte der Gewalt, Subjektivität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Mensch-Tier-Verhältnis innerhalb der Kritischen Theorie von Adorno und Horkheimer und beleuchtet dessen Bedeutung für das Verständnis gesellschaftlicher Herrschaftsverhältnisse.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zu den zentralen Themen gehören Naturbeherrschung, der Begriff der Herrschaft, die Rolle der menschlichen Vernunft und die kritische Distanz zu vereinfachten Gleichsetzungen von Mensch und Tier.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist zu untersuchen, warum das Tier in den gesellschaftstheoretischen Analysen der Frankfurter Schule eine so konsequente Rolle einnimmt und welche Bedeutung diese Perspektive für das Verständnis des menschlichen Rückfalls in die Barbarei hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine hermeneutische und ideologiekritische Herangehensweise, indem sie primäre Textquellen (Dialektik der Aufklärung) sowie sekundärliterarische Diskurse analysiert und in den Gesamtzusammenhang der kritischen Gesellschaftstheorie einordnet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Naturbeherrschung, eine kritische Prüfung der Mensch-Tier-Gleichsetzung, die Analyse der Totalität von Herrschaft und die Erörterung utopischer Entwürfe.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlüsselwörter sind Kritische Theorie, Naturbeherrschung, Dialektik der Aufklärung, Herrschaft, Vernunft und Emanzipation.
Inwiefern lehnen Adorno und Horkheimer eine Gleichsetzung von Mensch und Tier ab?
Sie betonen, dass das Tier im Gegensatz zum Menschen begriffslos und vernunftlos ist. Eine Gleichsetzung würde die spezifische Verantwortung des Menschen negieren und die ideologiekritische Intention der Theorie verfehlen.
Wie steht die Autorin/der Autor zum Tierschutz in der Moderne?
Die Arbeit legt dar, dass Adorno und Horkheimer modernen Tierschutzkonzepten mit Vorsicht begegnen, da diese oft selbst Produkte des bestehenden Herrschaftssystems sind und keine wirkliche Emanzipation oder Freiheit der Kreatur ermöglichen.
- Citation du texte
- Anonym (Auteur), 2013, Der Mensch als vernunftbegabtes Tier?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/294474