Das russische Internet während der Demonstrationen „Für ehrliche Wahlen“ im Winter 2011/2012

Russlands Onlinejournalismus als potenzielle Gegenöffentlichkeit und Zivilgesellschaft


Magisterarbeit, 2012

225 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Hinführung zum Thema
1.2. Gliederung, Struktur und Methoden der Arbeit
1.3. Forschungsstand und Sinnhaftigkeit westliche Modelle auf Russland und osteuropäische Gesellschaften anzuwenden

ERSTER TEIL
2. Die Öffentlichkeit und ihr Strukturwandel
2.1. Habermas‘ Konzept der Öffentlichkeit
2.2. Kritik an Habermas: Nancy Fraser, das Modell der subalternen Gegenöffentlichkeiten und weitere Ansätze
3. Das Internet als Öffentlichkeit und Gegenöffentlichkeit
3.1. Medialer Strukturwandel im Internet - Merkmale
3.2. Journalismus im Lichte des medialen Strukturwandels
3.2.1. Was ist Onlinejournalismus und was nicht? Eine Abgrenzung.
3.2.2. Journalismus 2.0: Rollenwandel und Öffentlichkeit

ZWEITER TEIL
4. Russische Mediengeschichte: Traditionslinien
4.1. Ikonen und Sobornosť - zwei Traditionslinien aus dem Zarenreich
4.2. Die sowjetischen Traditionslinien S. 4P
4.2.1. Lenin Journalismus und Stalins Ikonen S. 4P
4.2.2 Tauwetter, Stagnation, Perestrojka: die poststalinistische Öffentlichkeit
4.2.3. Zusammenfassung (blat, Medienmisstrauen, soziale Schizophrenie)
4.3. Pokolenie P - Beschleunigter Strukturwandel in den 90er Jahren

DRITTER TEIL
5. DasRuNet
5.1. KleineChronologiedes russischenOnlinejournalismus
5.2. Die Freiheiten der journalistische Onlinecommunity
5.3. Was spricht gegen eine journalistische Onlineöffentlichkeit
5.3.1. GesetzlicheRestriktionenundinstitutionelleEinflussnahme
5.3.2. MachtstrukturenundMachtder Diskurse
5.3.2.1. Staatliche Nachrichten im RuNet
5.3.2.2. StaatsnaheAngebote: KremlnaheUnternehmen
5.3.2.3. Freie Räume: Unabhängige Newsseiten im RuNet
5.3.2.4. Zusammenfassung(Machtstrukturen)
5.3.3. NutzungundNutzungsweise
5.3.3.1. Elektronnaja Rossijal - Wer nutzt das russische Internet
5.3.3.2. VKontakte - Wie das russische Internet genutzt wird
5.3.4. Die Fragmentierung der Öffentlichkeit
6. Zusammenfassung und Urteil
7. Abkürzungsverzeichnis
8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1.1. Hinführung zum Thema

Während die westeuropäischen Gesellschaften im 18. Jahrhundert eine Form von egalitärer (und elitärer) Öffentlichkeit in Kaffeehäusern und Wochenblättern herausbildeten, verlief die Entwicklung in Russland anders. Bis zur zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts haben wir mit Russland einen feudal geprägten Staat vor uns, der über eine schwache nationale Medienkultur verfügt.[1] Selbst ein landesweites Nationalbewusstsein wird dem Vielvölkerstaat bisweilen in Abrede gestellt. So verweist Boris Groys darauf, dass Russland als Nation eine dem Westen entgegengehaltene Idee der adligen Oberschicht gewesen sei. Die Russen seien demnach mehr als Staatsvolk zu verstehen und nicht als Volkseinheit, die aus sich selber heraus existiert. Die nationale Medien- und Identitätskultur bildete sich im russischen Feudalstaat damit auf dem Transparent der westlichen Gesellschaften ab.[2] Einzig die Ikone schien zu jener Zeit die Funktion eines Mittlers zwischen den Oberschichten und dem Volk zu übernehmen. Die sowjetische Medienpolitik führte diesen Trend in Teilen fort, verquickte die ikonenhaften Bilder aber mit Propaganda und Agitation. Man rückte gleichzeitig den Journalisten in die Rolle eines Staatsdieners, der später in Zeitungen, Radio- und Fernsehberichten für die Sache der Partei kämpfen sollte.

Nach dem Ende der Sowjetunion kam eine gesellschaftliche Schicht an die Schaltzentralen der Medien, die im Zuge des politischen Wandels zu Reichtum und Macht gelangt war: weit über Russland hinaus sind die Mitglieder dieser Schicht als Oligarchen bekannt, die in den 90er Jahren für Informationskriege, aber auch für Außenpluralismus in der Medienlandschaft sorgten. Die sich bis dahin herausgebildete Verquickung zur Politik wurde spätestens seit dem Präsidentschaftswahlkampf 1996 als Polittechnologie bezeichnet und hatte das Ziel politische und ökonomische Macht mithilfe von Medienkampagnen zu sichern.[3]

Traditionell gilt die Öffentlichkeit in Russland als stark abgetrennt von dem, worüber das Volk spricht. Der Trend der 90er-Jahre zu einer stark von Machtstrukturen geprägten Medienlandschaft hat diese Charakteristik verstärkt. In der Literatur wird dabei oft von einer Art sozialer Schizophrenie gesprochen, welche für die Spaltung von öffentlich Gesagtem und am Küchentisch Besprochenem gesorgt habe.[4] Das Internet passt in dieses Konzept optimal hinein, da es sich in den 90ern unabhängig von etablierten Medieninstitutionen entwickelt hat und bald zu einem Forum für die akademische Elite des Landes wurde. Als die finanziellen Zugangsschranken sanken und die Nutzerzahlen stiegen, fand auch die Politik Interesse an dem Thema Internet, traf sich mit der Netzgesellschaft[5] und initiierte ein Förderprogramm, welches das neue Medium landesweit noch stärker verbreiten sollte.[6]

Weltweit wird in das Internet die Hoffnung gesetzt, zu einem vom Bürger getragenen Medium zu werden, das die Öffentlichkeit wieder (oder zum ersten Mal in der Geschichte) zu einem Forum für alle macht. In dieser neuen Sphäre würde zunächst alles veröffentlicht werden - Nachkontrolle, Sortierung und Aufmerksamkeitsgenerierung werden als Gatewatching[7] von einem Konglomerat aus Profession, Partizipation und Technik übernommen.[8] In Bezug auf Russland fragt es sich, inwieweit das RuNet[9] mittlerweile in der Lage ist, mit der etablierten Medienlandschaft bestehend aus Fernsehen, Zeitungen und Radio als Gegenöffentlichkeit bzw. alternativer Raum konkurrieren zu können. Hat das Bürgermedium die Macht im gesamtgesellschaftlichen Diskurs Themen zu setzen? Handelt es sich überhaupt um das vielgelobte Bürgermedium oder wird auch das Netz zunehmend von Unternehmen dominiert? Fragen nach den Machtstrukturen, der Zugänglichkeit des Internets in Russland, der Nutzung und Nutzungsweise sowie der Rolle des Staates sind von größter Relevanz, wenn man feststellen will, welche Macht das RuNet im gesamtgesellschaftlichen Kontext besitzt und inwieweit es tatsächlich die Alternative für den bisherigen Konsumenten von Broadcasting­Informationen ist, um sich selber am Diskurs zu beteiligen.

Das Konzept der Öffentlichkeit stützt sich auf die Überlegungen von Jürgen Habermas, der in seiner Habilitationsschrift Der Strukturwandel der Öffentlichkeit[10] erstmals das Bild einer freiheitlichen und nicht-staatlichen Redekultur zeichnet, die er exemplarisch in den Kaffeehäusern des 18. Jahrhunderts ansiedelt. Die These, welche hier vertreten werden soll ist, dass der Strukturwandel in Russland geraffter vorangegangen ist, als in Westeuropa. Dies hing nicht zuletzt mit der Öffentlichkeitspolitik der Bolschewiki zusammen. Jene schloss sich an das agrarisch geprägte Zarenreich an, dem nach Habermas die Voraussetzungen für eine Öffentlichkeit fehlten, die sich nur in einem urbanen Industriestaates entwickeln könne.[11] Die durch Industrialisierung und Urbanisierung in ihren Voraussetzungen selbst geschaffene Öffentlichkeit wurde während der Sowjetherrschaft konsequent in den Untergrund gedrängt, welcher Ende der 80er/Anfang der 90er-Jahre erstmals zu massenwirksamem Gehör gelangte.

1.2. Gliederung, Struktur und Methoden der Arbeit

Nachdem im nächsten Abschnitt Anmerkungen zu Forschungsstand und zur Sinnhaftigkeit einer Übertragung westlicher Modelle auf osteuropäische Kulturen gemacht werden sollen, steigen wir unmittelbar in die Habermassche Theorie der Öffentlichkeit ein. Daneben sollen kritische Stimmen aus der Forschung, im Wesentlichen Nancy Fraser, bezüglich seiner Aussagen zu Wort kommen: Sie stellt die Idee einer homogenen Öffentlichkeit in Abrede und spricht vielmehr von einer Vielheit subalterner Öffentlichkeiten.[12]

Das dritte Kapitel konkretisiert die vorgestellten Konzepte am Beispiel des Internets. Zunächst soll herausgearbeitet werden, inwiefern die Struktur des Internets andere Bedingungen an die Teilnehmer einer potenziellen Öffentlichkeit stellt. Neue Merkmale wie Interaktivität, Multimedialität, Netzwerkstruktur, Veränderlichkeit bzw. Liquidität, freier Zugang, sekundengenaue Aktualität und archivarische Omnipräsenz von Information, verändern Kommunikation und Öffentlichkeit im Netz grundlegend. Das Konzept des Gatekeepers,[13] der in den klassischen Medien den nadelöhrartigen Vermittler zwischen Realität und Publikum gespielt hat, ist im Internet größtenteils überkommen. Dafür ergeben sich Probleme mit der Informationsfülle und der Generierung von Aufmerksamkeit. Diese Neuerungen sollen logisch abgewogen werden, um in Erfahrung zu bringen, inwieweit das Internet als Öffentlichkeit dienen kann. Welche Merkmale und welche Wandlungselemente im Journalismus 2.0 machen eine freiheitliche Öffentlichkeit möglich? Welche Zweifel lassen sich daran finden? Im Zusammenhang mit der Besprechung im dritten Kapitel, soll auch festgestellt werden, was als Journalismus im Internet gelten darf und was nicht.

Um die Internetöffentlichkeit Russlands zu verstehen, ist ein umfangreicher Blick auf die Mediengeschichte der Region notwendig. Zentral sollen die medialen Traditionslinien aus dem Zarenreich und der Sowjetunion sowie die Entwicklungen der 90er und 2000er-Jahre sein. Parallel dazu begann am 19. September 1990 die Geschichte des akademisch ausgerichteten sowjetischen, später die des elitären russischen Internets. Die Entwicklung zum heutigen von immerhin einem Drittel der Bevölkerung regelmäßig genutztem Massenmedium (SMI) soll anhand einer Chronologie beschrieben werden. Der sich daran anschließende Teil wird das Für und Wider einer Gegenöffentlichkeit im RuNet besprechen. Worin liegen die Möglichkeiten für Journalisten sich freiheitlich zu äußern bzw. auf die multimedialen Kreationen einer „bürgerlichen“ Öffentlichkeit in der neuen Rolle von Gatewatchern aufmerksam zu machen?[14] Worin liegen die Beschränkungen dieses Potenzials? Vier negative Faktoren sollen ins Zentrum gerückt werden: Staatliche Eingriffe, Machtdiskurse/Kommunikative Hegemonie, Nutzung und Nutzungsweise sowie die Fragmentierung der Öffentlichkeit.

Im fünften Kapitel folgt die Darstellung der wichtigsten Websites inhaltsanalytischen Methoden. Die Thesen zu Nutzung und Nutzungsweise werden mit statistischen Daten untermauert, die auf den Studien des Fonds Öffentliche Meinung (Fond Obsčestvennoe Mnenie, kurz FOM) beruhen.[15] Am Ende soll angesichts der Abwägung von Pro und Contra ein Urteil darüber gefällt werden, inwieweit die russische Internetgemeinschaft am Beispiel der onlinejoumalistischen Angebote zur Gegenöffentlichkeit/alternative Öffentlichkeit gegenüber dem etablierten Mediensystem taugt und welche Argumente dagegen sprechen.

1.3. Forschungsstand und Sinnhaftigkeit westliche Modelle auf Russland und osteuropäische Gesellschaften anzuwenden

Über das RuNet wurde bereits viel geschrieben - lediglich eine gesonderte Betrachtung der onlinejournalistischen Angebote blieb bisher aus. Sehr eingehend hat sich Ivan Zasurskij in seinem 2001 erschienenen Buch Rekonstrukcija Rossii - Mass-media i politika v 90-e gody dem Internet und in einem Abschnitt dem Onlinejournalismus zugewandt. Er bezieht sich als einer der ersten Wissenschaftler auf die russischen Medien als Öffentlichkeit (publičnaja sfera), die sich im rasanten Wandel zum Kapitalismus in den 90er Jahren zu einem „öffentlichen Spektakel “ (publičnij spektakľ) entwickelt habe.[16] Auf das RuNet als Öffentlichkeit geht auch Alexander Marcus in seiner Abhandlung zum Internet in Putins Russland ein. Er spricht von einem zunächst potenziellen Raum, der die Grundlage einer bürgerlichen Öffentlichkeit sein könne und geht anschließend auf die Reaktion des Staates auf diese Entwicklung ein. Seine These ist, dass die Regierung regelrecht in die Konkurrenz mit den Internetangeboten hineingezogen wird.[17] A. D. Trachtenberg sieht eher die Prozesse der Schließung im Gegensatz zur Freiheitlichkeit im RuNet vorherrschen. Zwar sei das Potenzial für eine Öffentlichkeit vorhanden, jedoch sorge die zunehmende Kommerzialisierung und Ideologisierung dafür, dass sich selbige weniger gut entfalten könne. Ein alternativer Raum sei das Netz in jedem Fall - jedoch bleibe die politische Wirksamkeit eher gering.[18] [19]

Henrike Schmidt und Katy Teubener befassen sich in ihrem periodischen Projekt Russian Cyberspace (mittlerweile Digital Icons)19 intensiv mit dem RuNet als (Gegen)- Öffentlichkeit. Das gesamte Projekt, welches englischsprachige, deutsche sowie russische Forscher einbezieht, erweist sich für die Internetforschung mit Osteuropabezug als besonders ergiebig. Die Gründer des Journals haben u. a. hier ihre Ansichten zum RuNet geschildert und sind in Anlehnung an Eugene Gorny der Überzeugung, dass es sich eher um einen „Anderen

Raum“ handele, dessen Akteure die Zugehörigkeit zu einer Gegenkultur bewusst verneinen. Ohnehin sei es nach Nancy Fraser weitaus wünschenswerter keine homogene Öffentlichkeit auf der einen oder anderen Seite zu haben. Mit der zunehmenden Ausdifferenzierung der Kultur im Netz entstehe eher eine „Multiplizität von konkurrierenden Öffentlichkeiten.“20 Der ebenfalls bei Russian Cyberspace/Digital Icons veröffentlichte Eugene Gorny hat mit seiner Dissertationsschrift A Creative History of the Russian Internet einen weiteren Beitrag zur Erforschung des Internets und seiner Öffentlichkeit in Russland geleistet. Seine Bezugnahme auf die Blogosphäre mit so russlandbezogenen Internet- und Kommunikationsmetaphern wie Küchentischkultur und Samizdat bringt interessante Gedanken in den derzeitigen Forschungsdiskurs ein. Diese untermauern die Rolle des Internets als Träger einer von der etablierten Medienlandschaft abgetrennten privat organisierten Öffentlichkeit.21 Nicht unwichtig ist zudem die kritische Betrachtung des Internetpotenzials durch Floriana Fossato, die u. a. in der Schrift The Web That Failed erhebliche Zweifel an einer oppositionellen Öffentlichkeit im RuNet äußert: So sei weder eine übergreifende Vernetzung zwischen den verschiedenen Öffentlichkeits-Clustern im Netz, noch eine Übertragung in die Realität gegeben. Der Staat bleibe in diesem Geflecht der stärkste gesellschaftliche Mobilisieren22

Zu Chronologie, Entwicklung und Gegenwart russischer Onlinemedien ist die 2005 erschienene Magisterarbeit von Viktoria Brunnmeier, die detailliert die Herausbildung einer Kommunikations- und Journalismuskultur im RuNet beschreibt, informativ. Ihre Fragestellung orientiert sich dabei maßgeblich an der Rolle des Staates. Zum Schluss stellt sie die These auf, dass Eingriffe auf landesweiter Ebene eher als Reaktionstest bezüglich der Öffentlichkeit unternommen wurden, während man auf der internationalen Bühne ein demokratisches Image wahren müsse. Probleme gebe es für die weitreichende Berichterstattung des Netzes in Form von willkürlichen Maßnahmen in den Provinzen.23 Weitgehend chronologisch verfahren ebenfalls Forscher wie Frank Ellis und Sergej Kuznecov. Ellis beschreibt geradlinig die Entstehung der neuen Medien in Russland bis zum Ende des 20. Jahrhunderts aus der Situation des sowjetischen Informationsdefizits heraus, kann jedoch aufgrund der frühen Untersuchung[20] [21] [22] [23] kaum auf die Ausprägung des RuNets als massenkompatibles Medium eingehen.[24] Sergej Kuznecov darf sich als Zeitzeuge der frühen, elitären RuNet-Phase wähnen. Aus seiner Perspektive als einstiger Journalist beim ersten russischen Onlinemagazin Russkij Žurnál (RŽ) stellt er eine präzise Chronologie der ersten journalistischen Angebote im russischen Netz in Oščupyvaja slona vor.[25]

Bleibt die Frage, ob es sinnvoll ist, ein westliches Modell wie das der Öffentlichkeit auf Russland anzuwenden. Russische und osteuropäische Autoren weisen nachdrücklich auf die eigenständige Entwicklung der postkommunistischen Kulturen hin. Unterschiedliche Traditionslinien seien demnach nicht aus den Augen zu lassen und dürften nicht im Sinne einer verpassten Entwicklung und nachholenden (bürgerlichen) Revolution gewertet werden, wie dies z. B. Jürgen Habermas in Bezug auf die DDR macht.[26] Boris Buden versteht diese Angewohnheit westlicher Forscher als ein Hineinwerfen selbstständiger, mündiger Bürger in die Kinderschuhe eines bereits als utopisch begriffenen Kapitalismus.[27] Die Schuhmetapher taucht bei Buden ein weiteres Mal in einem Essay aus Zurück aus der Zukunft auf.[28] [29] Hierin deutet er an, dass die zwei im Warschauer Museum des Kommunismus ausgestellten linken Schuhe als verhöhnende Belohnung der sozialistischen Arbeiter, nur unter der Prämisse heutiger negativer Bewertung der kommunistischen Periode zu verstehen sind. Diese negative Bewertung sollte umgangen und dafür die eigenständigen Traditionen betont werden.

Hinterfragt werden muss dabei, ob die westlichen Mediensysteme freier sind als dasjenige Russlands. „[...] Auch der Kapitalismus hat ein eigenes utopisches Programm“, schreibt der russische Konzeptkünstler Pavel Pepperštejn in Postkosmos. ,,Er ist unmöglich ohne Träume und Halluzinationen, ohne Film, Reklame und die Kaskade der Illusion, mit deren Hilfe der Kapitalismus sich unaufhörlich selbst verkauft und kauft.“29 Eine dieser Illusionen ist die Mär vom freiheitlichen Pressewesen, dessen Lücken uns im Prinzip bereits Habermas aufzeigt.[30] Beinahe noch verdeckter treten Subjektivität und Diskursmacht im westlichen Mediensystem auf. In der Groyschen Sammlung an Pepperštejns Essay angehangen ist dessen kleine belletristische Gedankenführung zum Thema Utopie und Orgasmus: So utopisch wie der metaphorische Orgasmus im Kommunismus wirke, umso mehr erscheint die kapitalistische Sphäre das ewige Nichterreichen zu sein. Kapitalismus und Orgasmus seien miteinander nicht kompatibel, so Pepperštejn, da erster für eine dauerhafte Spannung stehe, die nie in der Erfüllung ende und den Kopf beschäftigt genug hält, um die Manipulationen der Außenwelt gar nicht wahrnehmen zu können[31] - Störungen im System können höchstens als Verdacht von Vektoren hinter der Oberfläche vermutet werden.[32] In den westlichen Kulturen scheint man die Fernsehausstrahlungen beispielsweise sehr viel eher unkritisch aufzunehmen, als das in Osteuropa der Fall ist. Medienphilosophen wie Gottfried Oy[33] und Hans Geser betrachten die freie Öffentlichkeit im Westen entsprechend mit Argwohn:

„Insoweit noch Meinungsfreiheit besteht handelt es sich immer häufiger um einen unternehmensinternen ,erlaubten‘ [...] Pluralismus, der nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass für die autoritäre Durchsetzung von Zensurstandards, ja eine weitgehende Gleichschaltung optimale strukturelle Voraussetzungen bestehen. “[34]

Das im Folgenden dargestellte Mediensystem Russland soll nicht als besser oder schlechter betrachtet werden. Vielmehr soll es als eigenständig im Sinne seiner geschichtlichen Entwicklung untersucht werden, wobei das prizipielle Vergleiche mit anderen Medienkulturen selbstverständlich nicht ausschließt.

ERSTER TEIL

2. Die Öffentlichkeit und ihr Strukturwandel

2.1. Habermas’ Konzept der Öffentlichkeit

Grundlegend definiert Jürgen Habermas in seiner Habilitationsschrift die Öffentlichkeit als Veranstaltungen, „wenn sie im Gegensatz zu geschlossenen Gesellschaften, allen zugänglich sind.“35 Als Subjekt gilt ihr das Publikum, sie selber ist aber eine Art von Sphäre, in welcher sich ein Geflecht von Diskursen und Gesprächen entfaltet.[35] [36] So zumindest stellt sich Habermas diese idealtypische Öffentlichkeit vor, welche er am ehesten in der bürgerlichen Gesellschaft des 18. Jahrhunderts verwirklicht sieht. Nicht die Polis mit ihrer Agora, auf welche viele Forscher gerade im Vergleich mit dem Internet immer wieder zurückgreifen,[37] [38] ist also der Inbegriff dieses freiheitlichen Informationsaustausches, sondern ein von der Bevormundung des Feudalstaates abgekoppeltes Bürgertum, dass nunmehr selbst versucht den öffentlichen Diskurs zu bestimmen bzw. ihn erst einmal zu kreieren. Wenn die Öffentlichkeit zuvor maßgeblich absolutistisch-repräsentative Züge trug und Journalismus Hofberichterstattung war, so verkehren in der bürgerlichen Öffentlichkeit, so Habermas, Gleiche mit Gleichen, „aber jeder bemüht sich hervorzustehen.“38 Der Unterschied zur feudalen

[...]


[1] Erst 1861 wurden die Bauern in Russland durch die Reform Alexanders II. aus ihrer Leibeigenschaft befreit. Da den Bauern im Anschluss an die Befreiungjedoch immer noch kein kostenloses Land zur Verfügung stand, gerieten sie zu großen Teil in neue finanzielle Abhängigkeit in Form von Frondiensten. Die Organisation der Landwirtschaft wurde seit dem von der Dorfgemeinde und der ob'sčina übernommen. Sie können in gewissem Maße als Öffentlichkeit im Kleinen gelten. Eine landesweite Medienöffentlichkeit kann aber erst mit dem Zusammenbruch des Zarenreiches und der massiven Propagandaarbeit der Nachfolger konstatiert werden.

[2] Vgl. Groys, Boris: Die Erfindung Russlands, Hanser, München 1995

[3] Vgl. u. a. Schmidt, Henrike/Teubener, Katy: Russisches Internet (Runet). Utopie, Polit-Technologie und schwarze Magie, in: http://parapluie.de/archiv/pakt/runet/. Zugriff: 20. Dezember 2010

[4] Vgl. Voronkov, Viktor: Life and Death of the Public Sphere in the Soviet Union, in: http://www.debates.nl/iournaldl52.html. Zugriff: 28. April 2011; Voronkov, Viktor/Oswald, Ingrid: The ‘Public- Private’ Sphere in Soviet and Post-Soviet Society. Perception and Dynamics of ‘Public’ and ‘Private’ in Contemporary Russia, European Societies, Vol. 6, Issue 1, 2004, S. 97-117

[5] Vgl. hierzu Bruchhaus, Jürgen: Runet 2000: Die politische Regulierung des russischen Internet, Arbeitspapiere des Osteuropa-Instituts der Freien Universität Berlin, Arbeitsbereich Politik und Gesellschaft, Heft 31/2001, in: http://www.oei.fu-berlin.de/politik/publikationen/AP31 .pdf Zugriff: 06. Oktober 2011, S. 45 ff.

[6] Vgl. Programma ,Elektronnaja Rossija‘ (2002-2010), in: http://fcp.vpk.ru/cgi- bin/cis/fcp .cgi/Fcp/ViewFcp/View/2010/13 4/, Zugriff: 21. Januar 2012

[7] Vgl. Bruns, Axel: Gatewatching - Collaborative Online News Production, Lang, New York 2000

[8] Vgl. Neuberger, Christoph: Internet, Journalismus und Öffentlichkeit, in: Neuberger, Christoph/Nuernbergk, Christian/Rischke, Melanie (Hrsg.): Journalismus im Internet. Profession - Partizipation - Technisierung, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2009

[9] In Russland hat sich die Abkürzung RuNet für die russische Sektion des Internets durchgesetzt

[10] Habermas, Jürgen: Strukturwandel der Öffentlichkeit, Luchterhand, Politica - Abhandlungen und Texte zur politischen Wissenschaft Bd. 4, Neuwied 1969 [Original 1961]

[11] Erst Mitte der 70er Jahre war die Sowjetunion zu 56,25% urbanisiert. Russland erreichte eine Urbanisierungsrate von 62,26%. Vgl. Nachkriegsvolkszählungen in: Kingkade, W. Ward: Demographic Prospects in the Republics of the Former Soviet Union, in: Kaufman, Richard F./Hardt P. John (Hrsg.): The Former Soviet Union in Transition, Joint Economy Committee, Congress of the United States, M. E. Sharpe, New York 1993, S. 799

[12] Vgl. Fraser, Nancy: Öffentlichkeit neu denken. Ein Beitrag zur Kritik real existierender Demokratie, in: Scheich, Elvira (Hrsg.): Vermittelte Weiblichkeit. Feministische Wissenschafts- und Gesellschaftstheorie, Hamburger Edition, Hamburg 1996, S. 151-182, [Original in: Calhoun, Craig (Hrsg.): Habermas and the Public Sphere, MIT Press, Cambridge 1992, S. 109-143]

[13] Der Begriff wurde von David Manning White auf die Nachrichtenwissenschaft angewandt und bezeichnet das von den Journalisten gebildete Nadelöhr zwischen Realität/Fakten und Publikum. Den Journalisten steht es in dieser Position zu, die Relevanz von Meldungen für den Zuschauer potenziell zu bewerten und nach ihren Maßstäben oder politischen/ökonomischen Mustern Informationen nach wichtig und unwichtig zu filtern, Vgl. White, David Manning: The Gatekeeper. A Case Study In The Selection of News, in: Dexter, Lewis A./White, David Manning (Hrsg.): People, Society and Mass Communication, London 1964, S. 160-172

[14] Vgl. Bruns, Axel: Gatewatching - Collaborative Online News Production, Lang, New York 2000

[15] Der FOM ist eine der wichtigsten sozialanalytischen Institutionen Russlands und stellt seit 2002 fürjedes Quartal Analysen und Statistiken zur Internetnutzung unter dem Titel Das Internet in Russland (Internet v Rossii) bereit. Es arbeitet bei der Erstellung der Daten mit den bereits weltweit erprobten Methoden von Nielsen NetRatings Inc., Vgl.: http://www.fom.ru/proiects/23.html, Zugriff: 15.03.2011

[16] Vgl. Zasurskij, Ivan: Rekonstrukcija Rossii. Mass-media i politika v 90-e gody, Izdatel’stvo MGU, Moskau 2001

[17] Vgl. Marcus, Alexander: The Internet in Putin’s Russia: Reinventing a Technology of Authoritarianism, Sitzungspapier zur Annual Conference of the Political Studies Association, University of Leicester, April 2003, in: http://www.psa.ac.uk/iournals/pdf/5/2003/Marcus%20Alexander.pdf. Zugriff: 23. Dezember 2009

[18] Trakhtenberg, A. D.: Runet kak publičnaja sfera. Chabermaskij ideal i realnosť, in: http://www.espi.ru/content/conferences/papers2006/2006razd2/Trakhtenberg.htm. Zugriff: 12. Dezember 2009

[19] Vgl. Strukov, Vlad et al. (Hrsg.): Digital Icons. Studies in Russian, Eurasian and Central European New Media, in: http://www.digitalicons.org/de

[20] Vgl. Schmidt, Henrike/Teubener, Katy: (Counter) Public Sphere on the Russian Internet, in: Schmidt, Henrike/Teubener, Katy/Konradova, Natalja (Hrsg.): Control + Shift. Public and Private Usage of Russian Internet, Books on Demand, Norderstedt 2006 sowie Schmidt, Henrike/Teubener, Katy: Russisches Internet (Runet)

[21] Vgl. Gorny, Eugene: A Creative History of the Russian Internet, Goldsmith College, London 2006

[22] Vgl. Fossato, Floriana/Lloyd, John/Verkhovsky, Alexander: The Web that Failed. How Opposition Politics and Independent Initiatives Are Failing on the Internet in Russia, Reuters Institute for the Study of Journalism, University of Oxford, Oxford 2008

[23] Vgl. Brunnmeier, Viktoria: Das Internet in Russland - Eine Untersuchung zum Spannungsverhältnis von Politik und Runet, Internet Research Bd. 24, Verlag Reinhard Fischer, München 2005

[24] Ellis, Frank: From Glasnost to the Internet. Russia’s New Infosphere, MacMillan Press, London 1999

[25] Kuznecov, Sergej: Oščupyvaja slona. Zametki po istorii russkogo interneta, Novoe Literaturnoe Obozrenie, Moskau 2004

[26] Vgl. Habermas, Jürgen: Die nachholende Revolution, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1990

[27] Vgl. Buden, Boris: Die Zone des Übergangs. Vom Ende des Postkommunismus, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2009, S. 34 ff.

[28] Vgl. Buden, Boris: In den Schuhen des Kommunismus? Kritik des post-kommunistischen Diskurses, in:

Groys, Boris/von der Heiden, Anne/Weibel, Peter (Hrsg.): Zurück aus der Zukunft. Osteuropäische Kulturen im Zeitalter des Postkommunismus, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2005, S. 339-363

[29] Pepperštejn, Pavel: Postkosmos. Träume und Kapitalismus, in: Groys, Boris/von der Heiden, Anne/Weibel, Peter (Hrsg.): Zurück aus der Zukunft, S.771

[30] Vgl. Habermas, Jürgen: Strukturwandel der Öffentlichkeit

[31] Vgl. Pepperštejn, Pavel: Utopie und Orgasmus, in: Groys, Boris/von der Heiden, Anne/Weibel, Peter (Hrsg.): Zurück aus der Zukunft, S. 786 f.

[32] Vgl. Groys, Boris: Unter Verdacht, Hanser, Berlin 2005 [Original: 2000]

[33] Vgl. u. a. Oy, Gottfried: Wir müssen reden. Kommunikation und Macht - ein gar nicht so ungleiches Paar, in: http://www.soz.uni-frankfurt.de/K.G/B4 2000 Ov.pdf. Zugriff: 20. Juni 2010

[34] Geser, Hans: Auf dem Weg zur Neuerfindung der politischen Öffentlichkeit. Das Internet als Plattform der Medienentwicklung und des sozio-politischen Wandels, in: Sociology in Switzerland. Towards Cybersociety and Vireal Social Relations, Online Publikationen, Zürich März 1998 (Release 2.0), in: http://socio.ch/intcom/t- hgeser06.htm, Zugriff: 12. Juni 2010

[35] Habermas, Jürgen: Strukturwandel der Öffentlichkeit, S.13

[36] Ebd., S. 14

[37] Besonders im russischen Diskurs zum Internet als Öffentlichkeit fällt der Agoravergleich schnell, Vgl. Fomiceva, Irina: Soziologija Internet-SMI, Serija Internet-žurnalistika, Vypusk 2, Fakultet Zurnalistiki MGU im. Lomonosova, Moskau 2005; Wojskunskij, Aleksandr: Metafory Interneta, Voprosy filosofii 2001, Nr. 11, S.64- 79, in: http://www.nethistorv.ru/biblio/1043173332.html. Zugriff: 15. April 2011

[38] Habermas, Jürgen: Strukturwandel der Öffentlichkeit, S.16

Ende der Leseprobe aus 225 Seiten

Details

Titel
Das russische Internet während der Demonstrationen „Für ehrliche Wahlen“ im Winter 2011/2012
Untertitel
Russlands Onlinejournalismus als potenzielle Gegenöffentlichkeit und Zivilgesellschaft
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Medienwissenschaft)
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
225
Katalognummer
V294519
ISBN (eBook)
9783656922186
ISBN (Buch)
9783656922193
Dateigröße
1605 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Putin, Russland, Internet, Onlinejournalismus, Journalismus, Demonstrationen, 2011, 2012, Duma, russisches Internet, Runet, Vladimir Putin, Medwedew, Medien, Medienwissenschaft, Habermas, Fraser, Nancy Fraser, Gegenöffentlichkeit, Öffentlichkeit, Strukturwandel der Öffentlichkeit, Foucault, Überwachen und Strafen, Macht, Zensur, russische Medien, Präsidentschaftswahlen, Dumawahlen, Wahlen, Duma-Wahlen, Journalisten, Redaktionen, Fernsehen, Medienkontrolle, Roskomnadzor, SORM, Russische Föderation, Moskau, Vkontakte, Facebook, Für ehrliche Wahlen, Protest, Pussy Riot
Arbeit zitieren
Markus Müller (Autor), 2012, Das russische Internet während der Demonstrationen „Für ehrliche Wahlen“ im Winter 2011/2012, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/294519

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