Die haitianische Revolution 1791-1804. Das Stiefkind des "revolutionären Zeitalters"?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014
25 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

Einführung

I. Voraussetzungen und Entwicklungen bis 1791
a. Die französische Perle in der Karibik: die Zuckerrohrplantage-Insel Haiti.
b. Diderot, Rousseau und Abbé Raynard: die Philosophie der Aufklärung und die Frage der Sklaverei

II. Der Sklavenaufstand und die Ausrufung des neuen Staates Haiti 1804
a. Der Sklavenaufstand
b. Toussaint Louverture und Napoleon Bonaparte
c. Die Verfassung von 1804 - ein neue Staat entsteht

III. Auswirkungen und Bewertungen der haitianischen Revolution im usland
a. Ein Warnruf an alle Sklavenhaltergesellschaften
b. Wasser auf die Mühle der Abolitionisten
c. Eine „vergessene“ Geschichte

Zwischen Alte und Neue Ordnung? - Ein Bilanz der haitianischer Revolution.

Quellen- und Literaturverzeichnis

Einführung

„Liberté ou la mort [͙]. ujourdhuy, 1 er Janvier 1804.1

„Freiheit oder Tod“, „lieber sterben als unter fremder Herrschaft leben“, so pathetisch es in unseren Ohren klingen mag, mit diesen Wörter bekundeten die Führer des haitianischen Widerstands gegen die französische koloniale Herrschaft ihre Unabhängigkeit. In der Tradition vieler emanzipatorischer Bewegungen vor ihnen waren diese militärischen Anführer voller Sendungsbewusstsein und Tatendrang. Sie wünschten nicht weniger als die Gründung einer neuer Nation - die erste demokratische Staatsgründung in Latein- und Südamerika - nach ihrer eigenen Vorstellungen. Sie wussten, dass ihr Staat nur bestehen konnte, wenn es von anderen, schon existierenden Staaten anerkannt würde. Schließlich hatten die Unabhängigkeitsführer, die einer durchaus privilegierteren Schicht entstammten als die meisten haitianischen Freiheitskämpfer2, im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg und der französischen Revolution schon einige Vorbilder für geglückte emanzipatorische Kämpfe vor Augen.

Obwohl die Revolution in Haiti als dritter wichtiger revolutionärer Umsturz innerhalb des so genannten „Zeitalter der Revolutionen“ ausgemacht werden kann, fristet sie, vor allem im Vergleich zur amerikanischen und französischer Revolution ein klägliches Dasein in der Historiographie. Man könnte gar von einer „vergessenen“ Revolution reden, die nur in kleinen und zumeist exotisch klingenden Forschungszweigen der Geschichtswissenschaft3 Berücksichtigung findet. Der Sklavenaufstand von Haiti wird als eine direkte Auswirkung der französischen Revolution gesehen - so zu sagen als deren Ausprägung bzw. Verlängerung in der Karibik. Es gibt viele Gründe die dafür sprechen, dennoch erscheint mir diese karibische Revolution auch einen eigenen, indigenen Kern zu besitzen, der nicht vernachlässigt werden soll. Gemäß des globalhistorischen nsatzes „Glokal“ (aus Global und Lokal) scheint mir die Untersuchung des revolutionären Vorgangs auf Haiti eine gute Möglichkeit zu sein, die komplexen Wechselwirkungen globaler Phänomene wie Migration, Sklaverei, Frei- und Welthandel, Menschenrecht- und Freiheitsdiskurs, nationale Staatsbildung, Identität und Kolonialismus auf eine lokale Ebene aufzuzeigen.

Im ersten Teil der Arbeit werden einige Phänomene, Ideen, Personen und Ereignisse dargestellt werden, die entscheiden waren für die Auslösung des Sklavenaufstand von St. Domingue und letztendlich zur Gründung des Staates Haiti geführt haben. Dieses Kapitel bildet sozusagen den Grundstein, auf dem die eigentliche Revolution im nachfolgenden Kapitel nacherzählt und analysiert werden kann. Wobei der Schwerpunkt der Erzählung auf den berühmte Sklavengeneral Toussaint Louverture und der Proklamation beziehungsweise der Verfassung von 1804 - als Unabhängigkeitsdokument - gelegt wird. Im dritten Kapitel wird der lokale Raum der Insel Hispaniola (dessen westlichen Teil zur Haiti wurde) verlassen, indem gefragt wird, welche Auswirkungen und Bewertungen die Revolution im Ausland bewirkt beziehungsweise erfahren hat. Im letzten Teil der Untersuchung wird Bilanz gezogen, wie die Revolution von Haiti insgesamt zu betrachten ist und inwiefern sie als ein weiteres Hinweis auf die Existenz einer „globalen“ Sattelzeit dienen kann.

Diese Arbeit stützt sich vor allem auf spezielle Literatur über die Geschichte Haitis und seinem Unabhängigkeitskampf gegenüber Frankreich sowie einigen globalhistorischen Werke.4 Eingebunden in die Analyse wurden außerdem zum einen ideengeschichtliche Abhandlungen über die Aufklärung und zum anderen Monographien über die Bewegung der Abolitionisten. Die Untersuchung basiert mit einigen wenigen Ausnahmen vorwiegend auf sekundäre Literatur. Zeitlich werde ich mein Vorhaben mit der Französischen Revolution von 1789 beginnen und mit der formalen Anerkennung von Haiti durch Frankreich und somit seinem Eintritt auf dem internationalen Parkett enden lassen - ein Zeitraum von etwa 36 Jahre.

In der Forschung wurde die Revolution von Haiti unter zahlreichen Aspekten untersucht. Während Historiker der Postemanzipation sich vor allem mit Fragen beschäftigen, in wie fern die Überwindung der Sklaverei mit zahlreichen, neuartigen gesellschaftlichen Konflikte verbunden war, interessierten sich Literaturwissenschaftler und Medienhistoriker für die breite zeitgenössischer Rezeption dieses Ereignisses in Haiti selbst und im Rest der Welt. Globalhistoriker untersuchten vor allem die globalen Implikationen der Revolutionen im so unterschiedlichen Bereiche wie Politik, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft. Kulturwissenschaftler setzten ihren Schwerpunkt auf die engen transkulturellen Beziehungen zwischen Afrika und Amerika, die durch den transatlantischen Sklavenhandel deutlich intensiviert wurden. Am Beispiel Haiti ging man der Frage nach, welche afrikanischen Elemente eine entscheidende Rolle im Sklavenaufstand spielte - 1791 betrug der Anteil der haitianischen Sklaven, die noch in Afrika geboren waren, etwa Zweidrittel. Eng mit dieser Perspektive waren viele Studien, die versucht haben, die Revolution von Haiti vor allem als einen Dekolonisierungsprozess avant l’heure, als eine Herausforderung der europäischen Kolonisation zu verstehen. Postkolonialen Studien zur haitianischen Revolution gingen vor allem der Frage nach, in wie fern Fremd- und Eigenwahrnehmung sowohl der europäischen Gesellschaften als auch der Haitianer nachträglich und entscheidend durch den Sklavenaufstand beeinflusst worden sind. Diese Studien versuchten aber auch zu zeigen, dass die haitianischen Revolutionär durchaus um das tragische Schicksal der karibischen Ureinwohner wussten - die von den Europäern durch Waffengewalt und Krankheiten ausgerottet wurden - und diese Umstand ausnutzten, um sich als ihren „Rächer“ darzustellen beziehungsweise als Träger ihren Vermächtnis.5 Ich werde in dieser Untersuchung an vielen verschiedenen Forschungsfäden anknüpfen, je nachdem welcher Erkenntnisgewinn beziehungsweise Fragestellung im Vordergrund stehen wird.

I. Das Vorspiel: Voraussetzungen und Entwicklungen bis 1791

a. Die französische Perle in der Karibik: die Zuckerrohrplantage-Insel Saint-Domingue

Die Insel Hispaniola wurde am 6. Dezember 1492 von Christoph Columbus entdeckt. Die Ureinwohner - die Kariben - wurden innerhalb von nur dreißig Jahren von den spanischen Kolonisten nahezu ausgerottet und versklavt. Nachdem er selber Zeuge zahlreicher Gewalttaten an den Indios geworden war, setzte sich der Dominikanermönch Las Casas beim König Karl V. für eine friedliche Bekehrung der Ureinwohner ein. Um aber den steigenden Bedarf an Arbeitskräfte für die Gold- und Silberminen weiterhin bedienen zu können, schlug Las Casas vor anstelle der Indigene auf afrikanische Sklaven zurückzugreifen, die nach seiner Einschätzung viel widerstandfähiger waren - etwa gegenüber den Krankheiten, die von den Europäern aus der Alten Welt eingeschleppt worden waren. Der Untergang der Kariben konnte trotz dieser Intervention nicht mehr vermieden werden. Dafür begann aber im Jahr 1503 mit der ersten Schiffsladung von Sklaven aus Afrika eine neue Episode in der Geschichte der Insel. Weil einerseits die Insel weitgehend entvölkert und geplündert schien, andererseits mit der Entdeckung der Reiche der Maya und Azteken weit verlockendere Eroberungsziele ausgemacht wurden, verließen die meisten Spanier die Insel. An ihrer Stelle traten europäische Seeräuber, vorwiegend aus Frankreich, die als Bukanier6 bekannt wurden. Aus den Seeräubern wurden im Laufe der Zeit Bauern, die sich weder von den Briten noch von den Spaniern aus ihren Stützpunkten vertrieben ließen. Diese Bauern bestellten das Land mit Hilfe schwarzer Sklaven, die sie den Spaniern abgenommen hatten. Neben so genannten Engagés - die ihre Überfahrt durch einen dreijährigen Arbeitsdienst in den Kolonien finanzieren mussten - wurden zahlreiche Sträflinge und Prostituierte von der französischen Regierung im Westen Hispaniolas angesiedelt. Im Jahr 1697 wurde die schleichende französische Inbesitznahme West-Hispaniola im Frieden von Ryswijk von Spanien unter den Namen Saint-Domingue offiziell anerkannt.7

Im Jahr 1644 kam der Zuckerrohranbau über die kanarischen Inseln in die Karibik und löste dort eine ökonomische Revolution aus. Diese wirtschaftliche Innovation wird viele karibische Inseln, allen voran Hispaniola, tiefgreifend verändern. Kleine, selbstgenügsame Farmen wurden in kurzer Zeit von großflächigen Pflanzungen und Manufakturen verdrängt: an die Stelle der Freibeuter und Bukaniere traten kapitalistische Unternehmer, die mit modernster Technik und großem ökonomischen Aufwand den Boden bewirtschafteten. Neben Zucker wurde aber auch Kaffee, Baumwolle und Kakao eingeführt. Durch die Erschaffung einer kolonialen Industrie erlebte St. Domingue eine rasche Modernisierung seiner Infrastruktur wie Straßen, Brücken, Bewässerungssysteme. Mit diese Modernisierung nahmt die Zahl der importierten afrikanischen Sklaven deutlich zu: 30 000 Sklaven wurden in den 1780er Jahren jährlich eingeführt. Mit 793 Zuckerrohrmanufakturen, 3117 Kaffeepflanzungen, 3150 Indigo- und 789 Baumwollplantagen, 182 Rumbrennereien und 50 Kakaopflanzungen belief sich der jährliche Gesamtwert des Ein- und Ausfuhrhandels der Kolonie im Jahr 1789, kurz vor der französischer Revolution, etwa auf 250 Millionen Francs - was ein Viertel des gesamten französischen Handels ausmachte. Allein 15 000 Matrosen waren mit der Auslieferung der Kolonialwaren beschäftigt; ganze Wirtschaftszweige und mindestens eine Million Einwohner der Metropole waren von diesem Handel abhängig. Es sei hier nur auf die verehrende Wirkung eines Mangels an Zucker, Kakao oder Tabak für die zahlreichen Cafés und Luxus- bzw. Kolonialwarenläden Paris' und der Provinz hingewiesen. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts war Saint-Domingue sowohl die reichste französische Kolonie als auch eine der weltweit produktivsten. Sie bedeutete für das englische Monopol auf dem Welthandel eine ernsthafte Gefahr, da nur ein Drittel der Waren in Frankreich selbst konsumiert wurde, wohingegen zwei Drittel ins europäische Ausland exportiert wurde. So kann man Anbetracht der Behauptung von Moreau de Saint-Mèry, einem Exilant der vor dem Sklavenaufstand nach Philadelphia flüchtete, dass:

„der französische nteil der Insel Saint-Domingue ist von allen Besitzungen Frankreichs in der Neuen Welt die wichtigste wegen der Reichtümer, die sie dem Mutterland liefert und wegen des Einflusses, den sie auf dessen Wirtschaft und Handel ausübt.“8 nur zustimmen, dass Saint-Domingue“ - so wie Indien zur „Kronjuwel“ des britischen Empire wurde - zur französische „Perle des Antilles“9 wurde.10

Als Prototyp einer Sklavenhaltergesellschaft lässt sich Saint-Domingue hervorragend analysieren. Es gab nämlich drei verschiedene gesellschaftliche Gruppen: eine herrschende, weiße Oberschicht, eine Art Mittelschicht aus Mulatten - auch freie Farbige genannt - und eine besitzlose und rechtslose Schicht aus schwarzen Sklaven. Wie oft bei gesellschaftlichen Zusammenhängen sah aber die Realität weit komplexer aus als diese einfache dreigliedrige Einteilung. Denn in jeder dieser Gruppierung befanden sich unterschiedliche Interessengruppen. Allein zu der Gruppe der Weißen lassen sich drei verschiedene Untergruppen ausmachen: die „Grand Blanc“ - also wohlhabende Weißen aus der Aristokratie11 und aus dem Großbürgertum -, die „Petit Blanc“ - einfachere Leute aus dem Kleinbürgertum und der Arbeiterklasse - und die so genannten displaced persons - also geflohene Sträflinge, entlaufene Matrosen und weitere „Untergetauchten“ aus ganz Europa und Amerika. Die soziale Schicht der Mulatten bildeten vorwiegend die Nachkommen weißer Kolonialherren mit ihren schwarzen Sklavinnen. Denn der Gesetzkodex des Code noir12 von 1685 sah für Kinder solcher Verbindungen vor, dass sie mit 21 Jahren in die Freiheit entlassen werden mussten. Der Code hatte nämlich das Konkubinat mit schwarzen Sklavinnen unter Verbot gestellt und dafür die Ehe mit ihnen für zulässig erklärt. Da ein akuter Frauenmangel - vor allem an europäischen Frauen - über den gesamten Zeitraum herrschte, wuchs dieser Bevölkerungsgruppe stetig. Zu den Mulatten gehörten aber auch zahlreiche freigelassene Schwarzen, die sich ihre Freiheit entweder selbst erkauft hatten oder von ihren Herren freigelassen wurden, meistens aus Anerkennung langjähriger Dienste. Da die bezahlte Freilassung für die Sklavenhalter eine zusätzliche, ertragsreiche Quelle wurde und der Fiskus einen ständigen Bedarf an höheren Steuern hatte, kam es in den 1770er Jahre zu einem sprunghaften Anstieg der Zahl der Mulatten - begünstigt durch eine Zunahme gemischtrassiger Ehen. Mit diesem Anstieg wuchs auch das Selbstbewusstsein der Mulatten, die im Jahr 1790 schon ein Drittel des Bodens und ein Viertel aller Sklaven besitzen. Dies verschärfte deutlich die schon angespannte soziale Lage zwischen den Bevölkerungsgruppe der Insel: die Mulatten wurden einerseits von den schwarzen Sklaven als neue, unterdrückende Klasse wahrgenommen - die ihnen gegenüber genau so unerbittlich waren wie die Weißen - andererseits vor allem von den „kleinen Weißen“ und displaced person als eine widernatürliche Konkurrenz, da sie sich nämlich angesichts eigener Diskriminierungs- und Ausbeutungserfahrungen nur noch auf ihr „Weißsein“ als ein besonders Privileg berufen konnten und daher den steigenden Wohlstand der Freigelassenen mit viel Hass und Neid sahen. Es muss aber gesagt werden, dass die rechtliche und gesellschaftliche Gleichstellung der Mulatten überwiegend nur auf dem Papier stand, sie machten nämlich in der Praxis - den Juden in Europa nicht unähnlich13 - aufgrund ihre Hautfarbe eher die schmerzhafte Erfahrung Bürger zweiter Klasse zu sein. Schließlich machten die schwarzen Sklaven aus Afrika unterschiedliche Erfahrungen: während die Mehrheit auf Feldern und in Fabriken regelrecht „verheizt“ wurde, genoss eine (starke) Minderheit als so genannte „Haussklaven“ deutlich bessere Lebensbedingungen. Außerdem teilten schwarze Sklaven, die noch in Afrika geboren waren14, und solchen die als „Creole“15 erst in der Karibik das Licht der Welt erblickten, vor allem im religiösen und kulturellen Bereich unterschiedliche Auffassungen. An der Spitze der gesellschaftlichen Pyramide, bei den Grand Blanc, gab es nicht weniger Animosität: während die wohlhabenden Weißen auf alle anderen mit Herablassung herunterblickten, waren die Finanzier und Unternehmer aus dem Großbürgertum verärgert über das Monopol der Handelsflüsse, da dieser nicht in ihrer Hand lag, sondern bei den Aristokraten dank deren besseren Beziehungen zum französischen Königshaus. Die schwarzen Sklaven bildeten um 1789 mit 450 000 Personen bei weitem die größte Bevölkerungsgruppe der Inseln, gefolgt von den Weißen mit 40 000 Menschen und den Mulatten mit 30 000 Individuen. Bei diesen Verhältnissen lässt sich sagen, dass Saint- Domingue am Vorabend der Revolution einem riesigen sozialen Pulverfass gleich kam.16

b. Diderot, Rousseau und Abbé Raynard: die Philosophie der Aufklärung und die Frage der Sklaverei

Im 18. Jh. geriet die Institution der Sklaverei in ihre erste große Krise. Das Zusammenführen der aufklärerischen Forderung nach Gleichheit aller Menschen mit der Erfahrung von Freiheits- und Befreiungsbestrebungen - zuerst in der amerikanischen und dann in der französischen Revolution - hatte dazu geführt, dass immer mehr Menschen - Gelehrte aber auch politische „ ktivisten“ - sich mit der Sklavenfrage beschäftigten: ob und wie das Problem der Sklaverei gelöst werden könnte. Einer der erste Entwürfe bildete Montesquieus „L’Esprit des Loi“ von 1748. Obwohl der Philosoph die Sklaverei als ein Verbrechen gegen Humanität und Menschenrechte bezeichnete, machte er eine usnahme für Schwarzafrikaner. Denn diese seien aus klimatischen Gründen in ihrer Entwicklung gehemmt und dementsprechend den Weißen unterlegen. Montesquieu lehnte sich nicht gegen deren Versklavung auf, er plädierte vielmehr für einen „humaneren“ Umgang mit ihnen - nur die gewalttätigen Exzesse einiger Sklavenhalter sollten bekämpft werden. In die gleiche Richtung argumentierte Georges-Louis Leclerc Buffons in seiner „Histoire naturelle, générale et particulière“ von 1749. Obwohl Montesquieu und Buffons die gesamte Menschheit als etwas einheitliches sahen, lieferten ihre Vorschläge eine Rechtfertigung der durch Kolonialismus und Imperialismus bedingte Unterwerfung „dunkleren“ Rassen durch die Weißen - also Europäer. Man könnte ihre rgumentation als eine so genannte „humanitaristischen Kolonialismus“ definieren. Denn, wie auch von Voltaire in seinem „Essai sur les moeurs“ von 1756 dargestellt, stellte ein solcher Gedankengang die Sklaverei geradezu im Dienst der ufklärung.17 Demnach würde die Versklavung „wilder“ und „primitiver“ Völker gleichzeitig ihre Zivilisierung nach sich ziehen, da diese Völker ohne ußenwirkung nie aus „ihrer selbstverschuldeter Unmündigkeit“ herausfinden würden - wenn ich mir erlauben darf die berühmte Definition der ufklärung von Immanuel Kant hier zu zitieren.

Viel weitergehend in ihrer Kritik der Sklaverei waren Diderot und Guillaume Thomas Raynal - auch bbé Raynal genannt. Raynal beschäftigte sich in seinem kolossalem Werk „Histoire des deux Indes“ mit der europäischen Expansion in Indien und in der Karibik, das er in zehn Jahren (1770-1780) und in Zusammenarbeit mit Diderot verfasste, ausführlich mit der Sklavenfrage. Wie fast alle vor ihm teilte Raynal die uffassung, dass Menschenhandel und Sklaverei gegen die Moral verstießen. Er beschuldigte die Kolonialmächte die natürlichen Lebensformen der versklavten Menschen zerstört zu haben und ihnen elementare menschliche Rechte, wie das Recht auf Leben, auf Eigentum oder sogar das Recht über sich selbst bestimmen zu können - Stichwort Selbstbestimmungsrecht - geraubt zu haben. Der interessanteste Punkt in Raynals rgumentation scheint mir aber der Umstand zu sein, dass die Sklaverei nicht nur verheerende uswirkungen auf die Versklavten hatte, sondern auch auf die Sklavenhalter bzw. Kolonialherren selbst. Denn diese liefen einerseits ständig Gefahr von ihren eigenen Sklaven überwältigt und vernichtet zu werden, andererseits in ihrer Sittlichkeit und ihrem Habitus zu verrohen und selber zum verhassten beziehungsweise verachtenden „Wilden“ zu werden. Die ngst vor harten Repressalien der Unterdrückten und die Unausweichlichkeit eines Sklavenaufstandes schildert Raynal eindrucksvoll und metaphorisch wie folgt „Il paroitra, n’en doutons point, il se montrera, il élèvera l’étendard sacré de la liberté.18

Für ihn würde die Revolte nur noch auf einen fähigen Anführer warten. Das Recht stünde des Weiteren eindeutig auf Seite der Aufständischen, die im Namen der Freiheit und der Menschlichkeit gegen ein amoralisches, internationales Unterdrückungsregime ins Feld ziehen würden. Obgleich er nicht ausdrücklich und explizit das Wort Saint-Domingue in den Mund nimmt, scheint mir plausibel, dass Raynal diese Kolonie als eine der wahrscheinlichsten Schauplätze für dieses revolutionäre Ereignis ansah.

Die zahlreichen Passagen, die die Rückständigkeit von primitiven Völkern beschreiben, deuten aber darauf hin, dass Raynal - trotz eines aus unserer heutigen Perspektive fortschrittlichen Geistes - auch nur ein Kind seiner Zeit war, und keineswegs frei von Vorurteilen bezüglich der menschlichen Unterschiede war:

[...]


1 Siehe Jenson, Deborah (Hg.): The Haiti Issue: 1804 and Nineteenth-Century French Studies. Yale 2005, S. 3.

2 In dieser Arbeit steht aus Gründen der Übersichtlichkeit der Plural in männlicher Form immer auch für das weibliche.

3 Unter anderem in Teile der Literaturwissenschaft, in der Sklavengeschichte oder genereller in den postkolonialen Studien.

4 Dass die Revolution von Haiti in globalhistorischen Publikationen ein gewisses „Comeback“ beziehungsweise eine ufwertung erfährt, lässt sich am monumentalen Werk „Die Verwandlung der Welt“ des deutschen Wirtschaft-, Sozial- und Globalhistorikers Jürgen Osterhammel feststellen, der diesem Ereignis immerhin drei volle Seiten und zahlreiche Vermerke einräumt. Siehe Osterhammel, Jürgen: Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts. München 2011[6]

5 Zum Forschungsstand vgl. Dubois, Laurent: Avengers of the New World. The Story of the Haitian Revolution. London 2004, S. 2-7. Viel detaillierter vgl. Gliech, Oliver: Saint-Domingue und die Französische Revolution. Das Ende der weißen Herrschaft in einer karibbischen Plantagenwirtschaft. Köln 2011, S. 5-18. Der Forschungsstand bezüglich der Darstellung der Revolution von Haiti im europäischen Ausland liefert Onana, Marie Biloa: Der Sklavenaufstand von Haiti. Ethnische Differenz und Humanitätsideale in der Literatur des 19. Jahrhunderts. Köln 2010, S. 14-20.

6 Von „Boucan“: offene Feuerstelle. Die Bukaniere brieten nämlich das Fleisch von verwilderten Rindern, die sie ihren Verbündeten, den Freibeutern, verkauften.

7 Vgl. Bernecker, Walther L.: Kleine Geschichte Haitis. Frankfurt am Main 1996, S. 11-22.

8 Siehe Buch, Hans Christoph: Haiti. Nachruf auf einen gescheiterten Staat. Berlin 2010, S. 21.

9 So wurde die Kolonie um 1789 genannt. Siehe Onana: Sklavenaufstand, S. 26.

10 Ganzer Abschnitt vgl. Buch: Haiti, S. 20-21.

11 Ebd. S. 3. Ein Teil der lokalen Aristokratie teilte das Interesse der Metropole während die Mehrheit eigene Interessen verfolgte. Das Gleiche lässt sich für viele Großgrundbesitzer und Unternehmer sagen.

12 Dieses Gesetzbuch wurde von König Ludwig XIV erlassen, um das Leben in den Kolonien zu regulieren, indem die unterschiedlichen Rechte und Pflichten ihrer Bewohner akribisch festgelegt wurden.

13 Vgl. Buch: Haiti, S. 24.

14 Ebd. S. 29: die Sklaven kamen aus unterschiedlichen Regionen Afrikas - Westafrika, Kongo, Angola oder Ostafrika. Dementsprechend vielfältig waren ihre religiösen, politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Vorstellungen.

15 Ebd. S. 42: als Kreolen wurden ursprünglich Weißen bezeichnet, die seit Generationen ihren Wohnsitz in den karibischen Kolonien hatten; später - wie in diesem Fall - wurde die Bezeichnung auf alle Einwohner der dortigen Kolonien erweitert.

16 Ganzer Abschnitt Buch: Haiti, S. 22-29. Vgl. Onana: Sklavenaufstand, S. 25.

17 Vgl. Onana: Sklavenaufstand, S. 30-31.

18 Raynald zitiert nach Onana: Sklavenaufstand, S. 32.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Die haitianische Revolution 1791-1804. Das Stiefkind des "revolutionären Zeitalters"?
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Die „globale Sattelzeit“
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
25
Katalognummer
V294540
ISBN (eBook)
9783656923084
ISBN (Buch)
9783656923091
Dateigröße
872 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Revolution, Haiti, Karibik, Menschenrechte, Frankreich, Sklaverei
Arbeit zitieren
B.A. Mohamet Traore (Autor), 2014, Die haitianische Revolution 1791-1804. Das Stiefkind des "revolutionären Zeitalters"?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/294540

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