Obwohl die Revolution in Haiti als dritter wichtiger revolutionärer Umsturz innerhalb des so genannten „Zeitalters der Revolutionen“ ausgemacht werden kann, fristet sie, vor allem im Vergleich zur amerikanischen und französischen Revolution, ein klägliches Dasein in der Historiographie. Man könnte gar von einer „vergessenen“ Revolution reden, die nur in kleinen und zumeist exotisch klingenden Forschungszweigen der Geschichtswissenschaft Berücksichtigung findet. Der Sklavenaufstand von Haiti wird als eine direkte Auswirkung der französischen Revolution gesehen – sozusagen als deren Ausprägung bzw. Verlängerung in der Karibik. Es gibt viele Gründe, die dafür sprechen, dennoch erscheint mir diese karibische Revolution auch einen eigenen, indigenen Kern zu besitzen, der nicht vernachlässigt werden darf. Gemäß des globalhistorischen Ansatzes „Glokal“ (aus Global und Lokal) scheint mir die Untersuchung des revolutionären Vorgangs auf Haiti eine gute Möglichkeit zu sein, die komplexen Wechselwirkungen globaler Phänomene wie Migration, Sklaverei, Frei- und Welthandel, Menschenrecht- und Freiheitsdiskurs, nationale Staatsbildung, Identität und Kolonialismus auf lokaler Ebene aufzuzeigen.
Inhaltsverzeichnis
Einführung
I. Voraussetzungen und Entwicklungen bis 1791
a. Die französische Perle in der Karibik: die Zuckerrohrplantage-Insel Haiti
b. Diderot, Rousseau und Abbé Raynard: die Philosophie der Aufklärung und die Frage der Sklaverei
II. Der Sklavenaufstand und die Ausrufung des neuen Staates Haiti 1804
a. Der Sklavenaufstand
b. Toussaint Louverture und Napoleon Bonaparte
c. Die Verfassung von 1804 – ein neue Staat entsteht
III. Auswirkungen und Bewertungen der haitianischen Revolution im Ausland
a. Ein Warnruf an alle Sklavenhaltergesellschaften
b. Wasser auf die Mühle der Abolitionisten
c. Eine „vergessene“ Geschichte
Zwischen Alte und Neue Ordnung? – Ein Bilanz der haitianischer Revolution
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die haitianische Revolution (1791–1804) im Kontext des „revolutionären Zeitalters“ und fragt danach, warum dieses Ereignis in der Historiographie oft als „Stiefkind“ vernachlässigt wird. Das primäre Ziel ist es, unter Anwendung globalhistorischer Ansätze zu zeigen, wie lokale Ereignisse auf St. Domingue mit globalen Phänomenen wie Sklaverei, Menschenrechtsdiskursen und Staatsbildung verschränkt sind.
- Voraussetzungen der Revolution in der französischen Kolonialgesellschaft.
- Einfluss aufklärerischer Philosophie auf die Sklavenfrage.
- Die Rolle von Toussaint Louverture und die Genese des Staates Haiti.
- Rezeption der haitianischen Revolution im Ausland und deren Wirkung auf den Abolitionismus.
Auszug aus dem Buch
Diderot, Rousseau und Abbé Raynard: die Philosophie der Aufklärung und die Frage der Sklaverei
Im 18. Jh. geriet die Institution der Sklaverei in ihre erste große Krise. Das Zusammenführen der aufklärerischen Forderung nach Gleichheit aller Menschen mit der Erfahrung von Freiheits- und Befreiungsbestrebungen – zuerst in der amerikanischen und dann in der französischen Revolution – hatte dazu geführt, dass immer mehr Menschen – Gelehrte aber auch politische „Aktivisten“ – sich mit der Sklavenfrage beschäftigten: ob und wie das Problem der Sklaverei gelöst werden könnte.
Einer der erste Entwürfe bildete Montesquieus „L’Esprit des Loi“ von 1748. Obwohl der Philosoph die Sklaverei als ein Verbrechen gegen Humanität und Menschenrechte bezeichnete, machte er eine Ausnahme für Schwarzafrikaner. Denn diese seien aus klimatischen Gründen in ihrer Entwicklung gehemmt und dementsprechend den Weißen unterlegen. Montesquieu lehnte sich nicht gegen deren Versklavung auf, er plädierte vielmehr für einen „humaneren“ Umgang mit ihnen – nur die gewalttätigen Exzesse einiger Sklavenhalter sollten bekämpft werden.
Viel weitergehend in ihrer Kritik der Sklaverei waren Diderot und Guillaume Thomas Raynal – auch Abbé Raynal genannt. Raynal beschäftigte sich in seinem kolossalem Werk „Histoire des deux Indes“ mit der europäischen Expansion in Indien und in der Karibik, das er in zehn Jahren (1770-1780) und in Zusammenarbeit mit Diderot verfasste, ausführlich mit der Sklavenfrage. Wie fast alle vor ihm teilte Raynal die Auffassung, dass Menschenhandel und Sklaverei gegen die Moral verstießen. Er beschuldigte die Kolonialmächte die natürlichen Lebensformen der versklavten Menschen zerstört zu haben und ihnen elementare menschliche Rechte, wie das Recht auf Leben, auf Eigentum oder sogar das Recht über sich selbst bestimmen zu können – Stichwort Selbstbestimmungsrecht – geraubt zu haben.
Zusammenfassung der Kapitel
Einführung: Die Einleitung verortet die haitianische Revolution im „Zeitalter der Revolutionen“ und stellt das Desiderat ihrer historiographischen Vernachlässigung fest.
I. Voraussetzungen und Entwicklungen bis 1791: Dieses Kapitel analysiert die koloniale Struktur von Saint-Domingue sowie die philosophischen Diskurse der Aufklärung zur Sklaverei.
II. Der Sklavenaufstand und die Ausrufung des neuen Staates Haiti 1804: Hier wird der historische Verlauf vom Sklavenaufstand über die Rolle Toussaint Louvertures bis hin zur Unabhängigkeitserklärung nachgezeichnet.
III. Auswirkungen und Bewertungen der haitianischen Revolution im Ausland: Dieses Kapitel untersucht die unterschiedliche Wahrnehmung und Instrumentalisierung der Revolution durch zeitgenössische Beobachter und die abolitionistische Bewegung.
Zwischen Alte und Neue Ordnung? – Ein Bilanz der haitianischer Revolution: Die Bilanz bewertet die Revolution als Meilenstein im globalen Menschenrechtsdiskurs und ordnet sie in das Konzept der „globalen Sattelzeit“ ein.
Schlüsselwörter
Haitianische Revolution, Sklaverei, Toussaint Louverture, Aufklärung, Abolitionismus, Dekolonisierung, Saint-Domingue, Menschenrechte, Globale Sattelzeit, Unabhängigkeit, Kolonialismus, Gesellschaftsvertrag, Sklavenaufstand, Weltgeschichte, Identität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit analysiert die haitianische Revolution von 1791 bis 1804 und untersucht deren globale Bedeutung sowie die Gründe für ihre oft untergeordnete Rolle in der traditionellen Geschichtsschreibung.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Themen sind die sozialen Strukturen der Kolonie Saint-Domingue, die philosophischen Auseinandersetzungen mit der Sklaverei in der Aufklärung, der militärische und politische Befreiungskampf sowie die internationale Rezeption des Ereignisses.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass die haitianische Revolution einen indigenen Kern besitzt und als früher Dekolonisierungsprozess sowie als integraler Teil der „globalen Sattelzeit“ zu begreifen ist.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit basiert primär auf einer Analyse von Sekundärliteratur zur Geschichte Haitis, ideengeschichtlichen Abhandlungen zur Aufklärung und globalhistorischen Werken.
Was deckt der Hauptteil der Arbeit ab?
Der Hauptteil gliedert sich in die Voraussetzungen der Revolution, den Prozess des Aufstandes unter Führung Toussaint Louvertures und die anschließende internationale Bewertung und Wirkungsgeschichte.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Haitianische Revolution, Sklavenaufstand, Menschenrechte, Abolitionismus und die globale Sattelzeit.
Inwiefern unterschieden sich die Positionen von Diderot und Rousseau zur Sklaverei?
Während Diderot die Sklaverei aus einem naturalistisch-monistischen Weltbild als logische Unmöglichkeit ablehnte, sah Rousseau die Befreiung nicht als natürlichen Prozess, sondern als das Ergebnis eines radikalen politischen Kraftakts (Revolution) innerhalb eines neuen Gesellschaftstyps.
Welche Rolle spielte der Voodoo-Kult bei dem Aufstand?
Der Kult fungierte als spirituelle und organisatorische Triebkraft, die den Sklaven als „politischer Geheimbund“ diente, um sich über rituelle Zeremonien auf den bewaffneten Widerstand einzustimmen.
Warum wird die haitianische Revolution als „vergessene Geschichte“ bezeichnet?
Der Autor führt dies auf den Mangel an eigenen schriftlichen Primärquellen der Revolutionäre, den eurozentrischen Blick der zeitgenössischen Historiographie und die Instrumentalisierung des Themas für eigene politische Agenden zurück.
Wie bewertet die Arbeit die Verfassung von 1804?
Sie wird als „globales“ und „modernes“ Gründungsdokument gewertet, das die universellen Menschenrechte politisch einzufordern versuchte und ein bewusstes Signal gegen koloniale Tyrannei setzte.
- Citar trabajo
- B.A. Mohamet Traore (Autor), 2014, Die haitianische Revolution 1791-1804. Das Stiefkind des "revolutionären Zeitalters"?, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/294540