Das russische Märchen "Das Schlösschen". Sach- und Sinnpotential, Methodik, Praxis


Hausarbeit, 2014

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Sachanalyse
2.1. Inhalt
2.2. Genre
2.3. Sachstruktur
2.4. Handlungsverlauf
2.5 Figurencharakteristik
2.6 Sinnpotential
2.7. Leerstellen des Textes

3. Methodisch- didaktische Überlegungen
3.1 Alters- und geschlechtsspezifische Aspekte
3.2. Bedeutung des Erzählens für Kinder

4. Praktische Erprobungen
4.1 Ablauf
4.1.1 Erzählprojekt: „Märchen von kleinen und großen Tieren“
4.1.2 Erzählprojekt: „Katzenmärchen“
4.2 Reflexion

5. Fazit

6. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Ein Kind, dem Märchen niemals erzählt worden sind, wird ein Stück Feld in seinem Gemüt behalten, das in späteren Jahren nicht mehr bebaut werden kann.“1

Dieses aussagekräftige Zitat, welches von Johann Gottfried Herder stammt, verdeutlicht, wie wichtig es ist, Kindern Geschichten und mithin auch Märchen nicht vorzulesen, sondern sie ihnen frei zu erzählen.

Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich speziell mit dem russischen Märchen: „Das Schlösschen“. Zunächst soll der Text des Märchens bezüglich der Sachstruktur und des Sinnpotentials analysiert werden. Ein nächster Punkt geht auf methodisch- didaktische Überlegungen ein. Hierfür gilt es auch allgemein zu beschreiben, warum das Erzählen von Geschichten für Kinder so bedeutend ist und es auch im Schulalltag einen festen Bestand haben sollte.

Weiterhin werden meine zwei Erzählerprobungen und mithin die Umsetzung des oben benannten Märchens thematisiert. Dabei ist es auch wichtig zu reflektieren, wie meine Umsetzung des Märchens funktioniert hat. Durch das Niederschreiben dieser Hausarbeit erhoffe ich mir ein noch tieferes Verständnis zu Erzähl- und Märchenthematik.

2. Sachanalyse

2.1. Inhalt

In dem Märchen: „Das Schlösschen“ geht es um einen Topf, welcher von einem Bauern verloren wird. Gleich darauf kommt eine Fliege, fragt wer in dem Topf wohnt und da ihr keiner antwortet, zieht sie in den Topf ein. Eine Mücke kommt angeflogen und fragt ebenfalls, wer in dem Topf wohnt. Die Fliege antwortet ihr und bittet sie ihr beizuwohnen. Nach und nach ziehen immer mehr Tiere in den Topf, bis ein Bär kommt, sich auf den Topf setzt und alle Tiere auseinander treibt.

2.2. Genre

Das Märchen wird eingeleitet mit den Worten: „Ein Bauer fuhr mal irdene Töpfe auf den Markt und verlor einen davon“2. Der typische Eröffnungssatz: „Es war einmal […]“ kommt hier nicht zu Anwendung, da es kein deutsches Märchen ist und nicht aus dem Hause der Gebrüder Grimm stammt. Es handelt sich hingegen um ein russisches Volksmärchen.

„Das Volksmärchen ist ein ursächlich akustisches Phänomen. Es lebt von der Nennung der Dinge, die erst der Sprachklang in bunte Bilder und plastische Ereignisse verwandelt.“3 Informationen zu dem Autor sowie zur Entstehung und Verbreitung des Märchentextes sind trotz intensiver Recherchen nicht auffindbar. Dies ist typisch für Volksmärchen, da diese mündlich überliefert wurden; man erzählte sich das Märchen über Generationen weiter. Aufgrund dessen ist der Autor häufig unbekannt. Sicherlich ist das vorliegende Märchen in einem Märchenband erschienen, da das mir vervielfältigte Märchen: „Das Schlö[ss]chen“ erst auf Seite 23 beginnt. Die Tempusform des Märchentextes ist in Präteritum gehalten.

Das Märchen ist nach Aussagen von Lange und Ziesenis heutzutage eine eigene klar definierte Gattung.4 Bei dem Schlösschen handelt es sich um ein Kettenmärchen. Unter Kettenmärchen „[…] versteht man eine serielle Dichtungsform, in der die einzelnen Glieder der Aufzählung so systematisch angeordnet und miteinander verkettet werden, da[ss] in jedem neuen Glied auf den Inhalt des vorhergehenden zurückgegriffen wird[…]“5. Oft schwillt die Geschichte an, so auch bei dem Schlösschen. Bolte und Polivka sprechen deshalb von Häufungsmärchen.6 Es gibt jedoch noch viele Untergruppen von Kettenmärchen, wie beispielsweise Rund- oder Formelmärchen.

Nach Lüthi wurden grundlegende Stilmerkmale des europäischen Märchens festgelegt. In dem zu analysierenden Märchen wird der abstrakte Stil durch den Kontrast zwischen gut und böse deutlich. Des Weiteren wird er auch mit der immer wieder auftretende Formel: „Komm wohn bei uns“ begreifbar. Das Stilmerkmal der Flächenhaftigkeit lässt sich gleichermaßen am Märchentext nachweisen: Sie „[…] meint das Fehlen jeglicher Tiefendimension, d.h., es gibt keine psychologische Schilderung der Charaktere […]“7. Die Tiere zweifeln so auch nicht daran, andere gefährliche Tiere bei sich aufzunehmen. Der Leser weiß auch nichts über die Beziehungen der Tiere zur deren jeweiligen Vor- und Nachwelt. Weiterhin lassen sich noch andere typische Stilmerkmale nach der Definition von Lüthi feststellen. Das Merkmal der Eindimensionalität ist vorhanden, da der Bauer aus der realen Welt, dem Diesseits stammt und die tierischen Figuren der phantastischen Welt, dem Jenseits angehören.8 Auch die Isolation wird deutlich, weil der Ort nicht genau beschrieben wird und die Figuren, z.B. der Bauer Funktion haben. Das Merkmal der Welthaltigkeit „[…] spiegel[t] die ganze Fülle menschlicher und zwischenmenschlicher Beziehungen wider“9. Die Tiere wohnen zusammen und nehmen helfend jedes neue Tier bei sich auf. Auch die Sublimation, die sog. Entwirklichung der Dinge, zeigt sich darin, dass Grausamkeiten ohne Schmerz von statten gehen.10

2.3. Sachstruktur

Im Folgenden gilt es auf die Erzählstruktur einzugehen. Ort und Zeit ist im Allgemeinen unbestimmt. Da die Erzählzeit im Verhältnis zur erzählten Zeit kleiner ist, wird das Märchen zeitraffend in der dritten Person erzählt. Das Erzählverhalten ist neutral, da der Erzähler das Geschehen weder kommentiert, noch bewertet. Jedoch weiß er von jeder Figur den Namen, bevor sich diese vorstellt. Der Erzähler ist kein Teil der Figurenwelt; er berichtet aus der Außenperspektive. Wörtliche Rede überwiegt in dem Märchen. Der Erzähler kommt lediglich bei jedem Erscheinen eines Tiers mit der kurzen Beschreibung, um welches Tier es sich handelt, zu Wort und auch dann wenn das Tier eingezogen ist, um zu sagen wie viele an der Zahl nun zusammenwohnen.

Das Märchen ist in einer einfachen Sprache in kurzen Sätzen, sog. Parataxen, gehalten. Die im Text aufgeführte Verben und Adjektive, wie „singen“ und „armselig“11, machen die Figuren bildhafter. Bezüglich des häufigen Gebrauchs von direkter Rede und Dialoggesprächen zwischen den Figuren, fühlt sich der Leser nahe am Geschehen. Ausschließlich die Fliege hält einen Monolog, aber auch nur, da noch keiner in dem Topf wohnt, der ihr antworten könnte. Das „neue“ Tier stellt beim Auftreten immer die gleiche Frage: „Wem gehört das Häuschen- das Schlö[ss]chen und wer wohnt in dem Schlo[ss]?“12 Diese Frage wiederholt sich somit ständig und ist immer wieder der Auslöser für das Vorstellen aller in dem Topf lebenden, tierischen Figuren. Weiterhin gehen die Tiernamen oft mit Verniedlichungen, sog. Diminutiven einher: der Frosch wird beispielsweise zum „Fröschlein“ und der Hase zum „Häslein“.13 Personifizierungen machen die Märchenerzählung lebendiger, so richtet sich beispielsweise die Fliege am Anfang „häuslich“14 im Schlösschen ein. Die Tiere erhalten auch durch die vorhandenen Zeichnungen menschliche Attribute. Hierauf wird im Punkt 2.5 näher eingegangen.

Als Handlungsort des Märchens wird anfangs lediglich der Markt erwähnt, zu dem der Bauer ging und den „irdenen Topf“15 verlor. So ist davon auszugehen, dass dieser Gegenstand auf dem Weg dahin verloren wurde oder aber direkt auf dem Markt. Meiner Meinung nach ist dieses Wissen nicht wichtig, denn der Topf ist von außen ein Handlungsort, wenn das jeweilige Tier herankommt sowie auch von innen, wenn die Tiere sich aus dem Inneren heraus nacheinander vorstellen und das eben noch außenstehende Tier in den Topf bzw. „[…] das Häuschen- das Schlö[ss]chen […]“16 einzieht.

2.4. Handlungsverlauf

Die Handlung des Märchens verläuft chronologisch und geradlinig, also ohne Rückblenden und Vorausdeutungen.

Das Element der Spannung ist einer der wichtigsten Faktoren innerhalb einer Geschichte. Sie bestimmt das Temperament des Märchens und ist dazu da, den Leser bzw. Zuhörer zu fesseln und zu unterhalten. Am Anfang wird das Märchen eingeführt. Man erfährt von dem Topf und das erste Einziehen der Tiere. Auffällig ist, dass die Tiere nach ihrer Größe auftreten. Dabei ist sicherlich zu diskutieren, ob der Frosch vor der Maus kommen müsste, aber mit Blick auf die Illustrationen, lässt sich feststellen, dass die Maus kleiner gezeichnet wurde als der Frosch. Die Tiere werden nach der Reihe immer größer und gefährlicher. Als der Fuchs auftritt, könnte man denken, dass er eine böse Figur verkörpert. Spätestens bei dem Wolf geht der Zuhörer davon aus, dass jetzt die Geschichte eine Wendung nimmt, auch durch dessen Aussage: „[…] hinterm Busch her pack ich dich.“17 Die steigende Handlung baut immer mehr Spannung auf. Doch auch zu dem Wolf sagen die Tiere, dass er bei ihnen wohnen soll. Betrachtet man die zugehörigen Zeichnungen der Figuren, so wird deutlich, dass vom Fuchs und Wolf keine Gefahr ausgeht. Die Füchsin ist mit einem Kleid, Haarzöpfen und einem Lächeln dargestellt; der Wolf hat ein violettes langes Gewand an und läuft gebückt.

Der dramatische Konflikt bildet den Kern einer jeden Geschichte. Ein Konflikt entsteht, wenn sich die Interessen der Figuren voneinander abheben und sich gegenüberstehen. In dem zu analysierenden Märchen ist der Konflikt erst am Ende der Geschichte zu finden. Vorher ist alles harmonisch, ein Tier zieht nach dem anderen in das Schlösschen, die Tiere vertragen sich untereinander und lassen jedes Tier, egal ob natürlicher Fressfeind oder nicht, einziehen. Alle sieben Tiere haben das gleiche Interesse, nämlich in dem schönen Häuschen, dem Schlösschen zu wohnen. Der Höhe- und Wendepunkt wird erreicht, als der Bär sich den Tieren vorstellt und sagt, dass er sie alle zermalmen will.18 Er teilt das Interesse der anderen Tiere nicht und zerstört das gemeinsame Zuhause. Der Konflikt wird also nicht gelöst, sondern ist damit beendet.

2.5 Figurencharakteristik

Im nächsten Schritt der Analyse gilt es die Figuren näher zu betrachten. Die in dem Märchen auftretenden Figuren sind, bis auf den Bauern, welcher am Anfang nur kurz erwähnt wird, ausschließlich Tiere. Sie alle können sprechen und haben keine eigenständigen Namen, sondern sind nach ihrer Tierart benannt. Der Bauer besitzt auch keinen Namen und wird nur nach seinem Beruf genannt. Alle Figuren sind sehr allgemein gehalten und nicht in der Wirklichkeit denkbar.

„An alle Figuren sind in Bezug auf das Verhaltensmuster bestimmte Erwartungen geknüpft.“19 Jede Figur nimmt Beziehungen zu den anderen Figuren auf. Dies wird schon zu Anfang des Märchens deutlich, als die Mücke heranfliegt und fragt wer in dem Schlösschen wohnt. Die Fliege antwortet und fragt nach dem Namen der Mücke, diese stellt sich vor und die Fliege sagt daraufhin:„Komm wohn bei mir“20. Jedes Tier stellt sich vor und die Tiere die bereits im Topf wohnen, stellen sich immer mit den gleichen Worten auch nochmal für den Neuen vor, in der Reihenfolge, wie sie eingezogen sind: Fliege, Mücke, Maus, Frosch, Hase, Füchsin und Wolf.21 Sie alle sieben sind „gute“ Figuren, für den Leser sog. Sympathiefiguren. Alle Tiere, die zusammen wohnen, haben eine wohngemeinschaftliche Beziehung zueinander. Der Aufbau des Märchentextes ist gut nach den tierischen Figuren einteilbar.

Der Bär verkörpert hingegen die Rolle des Bösen, er stellt eine Kontrastfigur dar. Von ihm gibt es als einziges Tier keine bildliche Darstellung. Auch er fragt, wer in dem Schlösschen wohnt. Die Tiere antworten ihm, so wie bei den anderen Tieren auch. Der Bär stellt sich auch vor, aber will nicht in den Topf einziehen. Er möchte alles zerstören und erreicht sein Ziel, indem er sich auf den Topf setzt, ihn damit kaputt macht und alle Tiere auseinander treibt.

Jede Figur ist charakterisiert durch ihr spezielles Verhalten, Fähigkeiten, Eigenschaften, den beruflichen Stand und alles Äußerliche, so auch Kleidung und Accessoires. In dem Märchen werden die Tiere nicht weiter beschrieben, lediglich durch ihre Tierart und eine jeweilig zugeordnete Eigenschaft erhalten sie Charakter. So ist die Fliege armselig, die Mücke singt fein, das Mäuslein heißt „Knusperknäuslein“, der Frosch „Quakulein“- er quakt also. Das „Häslein Krummbein“ ist „husch über den Berg“, nach ihm zieht die „Füchsin Redeprächtig“ ein. Der Wolf stellt sich wie folgt vor: „Ich bin der Wolf, der Wolferich, hinterm Busch her pack ich dich“ und der Bär: „Ich bin der Bär mit Pranken, ich werde euch alle zermalmen“22. Diese beiden Aussagen sind für einen kindlichen Leser sicherlich grausam. Schließlich nimmt der Bär es in Kauf, alle Tiere des Topfes, die sich eben noch beim ihm vorgestellt haben, zu töten. Mit dem Bären kann sich der Zuhörer bzw. Leser nicht identifizieren, zumal dieser nicht einmal begründet, warum er alle „zermalmen“ will.

[...]


1 Mönckeberg 1972, S.13.

2 russisches Volksmärchen: „Das Schlößchen“, Text aus Seminar, S.23.

3 Mönckeberg 1972, S.100.

4 Lange/ Ziesenis 2010, S.231.

5 Ranke/ Brendnich 1993, S. 1194f.

6 vgl. ebd., S.1195.

7 Lange/ Ziesenis 2010, S. 232.

8 Lange/ Ziesenis 2010, S.232.

9 ebd.

10 vgl. ebd.

11 vgl. russisches Volksmärchen: „Das Schlößchen“, Text aus Seminar, S.23f.

12 ebd.,S.23ff.

13 vgl. russisches Volksmärchen: „Das Schlößchen“, Text aus Seminar, S.26f.

14 ebd., S.23.

15 ebd.

16 ebd.

17 ebd., S.31.

18 vgl. russisches Volksmärchen: „Das Schlößchen“, Text aus Seminar, S.33.

19 Broich 2007, S.15.

20 russisches Volksmärchen: „Das Schlößchen“, Text aus Seminar, S.23.

21 vgl. ebd.

22 russisches Volksmärchen: „Das Schlößchen“, Text aus Seminar, S.33.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Das russische Märchen "Das Schlösschen". Sach- und Sinnpotential, Methodik, Praxis
Hochschule
Universität Erfurt  (Erziehungswissenschaft)
Veranstaltung
Grundschulpädagogik- Märchen
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
20
Katalognummer
V294664
ISBN (eBook)
9783656924210
ISBN (Buch)
9783656924227
Dateigröße
489 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Märchen, Sach- und Sinnpotentialanalyse, Methoden, Praxis
Arbeit zitieren
Trine Wenzel (Autor), 2014, Das russische Märchen "Das Schlösschen". Sach- und Sinnpotential, Methodik, Praxis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/294664

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