Menschen mit Migrationshintergrund machen 19 % der deutschen Bevölkerung aus. Für den Großteil ist ihre Zugehörigkeit zu Deutschland selbstverständlich und sie haben einen offenen und leistungsorientierten Lebensstil. Nur ein geringer Teil lebt völlig abgewandt von der Mehrheitsgesellschaft. Die Motivation, Teil der deutschen Gesellschaft sein zu wollen und sich als ein solches zu sehen steht im starken Widerspruch zu statistisch eindeutigen
Ungleichheiten im Bildungs-, Ausbildungs- und Berufsbereich. Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund haben im Verhältnis zu jenen ohne Migrationshintergrund
durchschnittlich schlechtere Schulabschlüsse oder gar keinen Schulabschluss. Im Berufsleben arbeiten sie häufiger in schlecht bezahlten oder von Stellenabbau bedrohten Jobs und sie sind häufiger von Arbeitslosigkeit betroffen. Menschen mit Migrationshintergrund fühlen sich in der Regel im Berufsleben belasteter als Menschen ohne Migrationshintergrund.
Inklusion in Sinne von gleichberechtigten Teilhabechancen wie Menschen ohne Migrationshintergrund ist so für viele Menschen mit Migrationshintergrund nicht gegeben. Ein Teil
der Menschen mit Migrationshintergrund erlebt hierdurch herkunftsbezogenen Akkulturationsstress, der auf Ablehnung durch die Gesellschaft begründet ist und ihre
Kompensationsressourcen überfordert, ein anderer Teil lernt mit der Situation aufgrund des Migrationshintergrundes eine schlechtere Ausgangsposition zu besitzen umzugehen und ein
anderer Teil fühlt sich von den Benachteiligungen nicht betroffen. Menschen mit Migrationshintergrund scheinen daher einerseits unterschiedliche Erfahrungen zu machen
und andererseits unterschiedliche Wege der Verarbeitung ihrer Erfahrungen zu haben. Die Art der Verarbeitung von Erfahrungen, die Identitätsarbeit, im Berufsleben und deren
Auswirkung auf das Individuum und dessen weitere Lebensbereiche hängt von verschiedenen Einflussfaktoren ab. Hierzu gehören die Kapitalien nach Bourdieu,
Staatsbürgerlichen Rechte, die verschiedenen Wahrnehmungsebenen des Menschen, Akkulturationsstress und wie sie im Laufe des Lebens auf den Menschen wirken. Sie können mittels qualitativer Interviews erhoben und anhand Narrativer Analysen, der Analyse Narrativer Identität und Konstrukten aus der Identitätsarbeit ausgewertet werden, sodass ein Bild der „Identitätsarbeit im Spannungsfeld von Migration und Arbeit“ entstehen kann.
Inhaltsverzeichnis
1. Abstract
2. Einleitung
3. Aufbau der Arbeit
Erster Teil: Definitionen migrationspolitischer und rechtlicher Begrifflichkeiten sowie soziostrukturelle Positionierungen von Menschen mit Migrationshintergrund
4. Begriffsbestimmungen
4.1 Migration und Menschen mit Migrationshintergrund
4.2 Ausländer
4.3 Arbeit
4.4 Arbeitslosigkeit
4.5 Bildung
5. Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland
6. Vergesellschaftung und Chancen auf Teilhabe
6.1 Die Kapitalien des Menschen nach Bourdieu
6.2 Wie kann ein „Ausländer“ ein „Inländer“ werden? Assimilation, Integration und Inklusion
6.2.1 Vom sichtbar und unsichtbar sein – Assimilation
6.2.2 „Irgendwie“ dabei sein – Integration
6.2.3 Ich-Sein in allen Bezügen – Inklusion
6.2.4 Zusammenfassende Diskussion
7. Der Einfluss von Kultur und Struktur als Einfluss auf gesellschaftlichePositionierungen in Deutschland
7.1 Die SINUS-Sociovision-Studie – Migranten-Milieus in Deutschland und das Dossier der „Heymat“-Arbeitsgruppe Foroutan, Schäfer, Canan und Schwarze
7.2 Zusammenfassung
Zweiter Teil: Die Bedeutung von Arbeit für die Teilhabe an der Gesellschaft unter Einbezug des Migrationshintergrundes
8. Arbeit und Bildung in unserer Gesellschaft
8.1 Arbeit als Voraussetzung zur Teilhabe an der Gesellschaft
8.2 Bildungsverläufe bei Menschen mit Migrationshintergrund
8.2.1 Schulbildung
8.2.2 Ausbildung und berufliche Entwicklung
8.2.3 Zusammenfassende Diskussion
Dritter Teil: Wissenschaftliche Konzeptionen von Identität und Identitätsarbeit
9. Möglichkeiten wissenschaftlicher Konzeption von Identität und Identitätsarbeit
9.1 Das Forschungsprojekt „Identitätskonstruktionen – Das Patchwork der Identitäten in der Spätmoderne“ von Keupp, Ahbe, Gmür, Höfer, Mitscherlich, Kraus und Straus
9.2 Identität – ein theoretisches Konzept
9.2.1 Die Kapitalarten nach Bourdieu als Moderatoren der Identitätsarbeit
9.2.2 Identitätsarbeit als narrativer Aushandlungsprozess
9.3 Hybride Identitäten und Dritter Stuhl – Konzepte zur Beschreibung von multikultureller Zugehörigkeiten und Identitätsarbeit
9.4 Diskussion und Umgang mit den Theorien zur Identitätsarbeit
Vierter Teil: Forschungsmethodischer Zugang
10. Methodischer Zugang
10.1 Paradigmen Qualitativer Forschung
10.2 Wissenschaftliche Forschungskriterien in der Qualitativen Forschung
10.3 Diskussion
10.4 Narrative Analysen
10.4.1 Auswertung von narrativem Interviewmaterial
10.4.2 Analyse Narrativer Identität
10.4.3 Zusammenfassende Diskussion
Fünfter Teil: Zusammenführung der drei Themengebiete und erarbeiten Forschungsansätze
11. Abschließende Zusammenführung forschungsmethodischer Zugänge zu Identitätsarbeit, Arbeit und Migration
11.1 Tabellarischer Überblick der zusammengeführten Forschungszugänge
11.2 Fazit
12. Persönliche Schlussfolgerungen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, wie Identitätsarbeit bei Menschen mit Migrationshintergrund im Kontext von Arbeit und Migration im modernen Deutschland verstanden und wissenschaftlich erforscht werden kann. Ziel ist es, Zusammenhänge zwischen gesellschaftlichen Bedingungen, individuellen Bildungs- und Berufswegen und der persönlichen Identitätskonstruktion aufzuzeigen, um Ansatzpunkte für eine inklusive Teilhabe zu identifizieren.
- Identitätskonstruktionen in der Spätmoderne
- Einfluss von soziostrukturellen Kapitalien (nach Bourdieu) auf die berufliche Teilhabe
- Bewältigungsstrategien und Akkulturationsstress im Beruf
- Methoden der qualitativen Forschung zur Erfassung biographischer Identitätsprozesse
- Theoretische Abgrenzung von Assimilation, Integration und Inklusion
Auszug aus dem Buch
6.2.1 Vom sichtbar und unsichtbar sein – Assimilation
Assimilation wird in der Literatur mit „Angleichung“ übersetzt und in den Assimilationstheorien tauchen vier Hauptuntergliederungen immer wieder und nahezu identisch auf: kulturelle, strukturelle, soziale und identifikative Assimilation von Ausländern und MmM (Aumüller, 2009; Hans, 2008). Daher beschränkt sich dieser Abschnitt auf die Erläuterung dieser vier Unterscheidungen im Assimilationskonzept und lässt alle weiteren Untergliederungen im Hinblick auf die Relevanz für diese Arbeit außer Acht.
Die Angleichung an die Gesellschaft des Einwanderungslandes unter der Bedingung, dass wir jemandem kulturell nicht mehr oder kaum anmerken, dass er jemals von außen kam, weil die Grenzen zwischen seiner Kultur und der Kultur des Einwanderungslandes verschwinden, ist in den klassischen Assimilationstheorien als kulturelle Assimilation zu verstehen (Hans, 2008; Juhasz & Mey, 2003). Die vom Einwanderungsland abweichende kulturelle Prägung mit ihren spezifischen Einstellungen, Verhaltensweisen, Normen und Werten verändert sich insofern bzw. wird soweit ergänzt, dass sie keine Teilhabebarriere darstellt und ein kulturell im Einwanderungsland vertrautes und akzeptiertes Verhaltensrepertoire existiert. Aspekte davon wären Sprache, Religion, Kunst, Musik, Gestik, Kleidung u.v.m.. Kulturelle Assimilation muss nicht die totale Aufgabe der vorigen kulturellen Prägung bedeuten, diese kann lediglich in den Hintergrund treten (Hans, 2008). Die Identifizierung mit diesem Wandel im Sinne einer authentischen kulturellen Verhaltensänderung ist die identifikative Assimilation. Es findet nicht nur ein Wandel im Verhalten, sondern auch im persönlichen Erleben statt. Beide, kulturelle und identifikative Assimilation, können je nach sozialer Position und Umgebung im Einwanderungsland ganz unterschiedlich Ausdruck finden, da wir bei der heutigen sozialen Mobilität und Entwicklung von Subkulturen nicht mehr von „der deutschen“ oder „der amerikanischen“ usw. Kultur sprechen können (Hoffmann-Nowotny, 1973; Hans, 2008; Aumüller, 2009; Breckner, 2009).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Abstract: Zusammenfassung der Problemlage bezüglich der Identitätsarbeit und der Benachteiligung von Menschen mit Migrationshintergrund auf dem Arbeitsmarkt.
2. Einleitung: Darstellung der persönlichen Motivation und der Relevanz des Themas Migration und Identität im aktuellen gesellschaftlichen Diskurs.
3. Aufbau der Arbeit: Überblick über die fünf thematischen Blöcke der Arbeit, von theoretischen Grundlagen bis hin zu forschungsmethodischen Ansätzen.
4. Begriffsbestimmungen: Definition der zentralen Termini wie Migration, MmM, Ausländer, Arbeit, Arbeitslosigkeit und Bildung für den Kontext der Arbeit.
5. Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland: Statistische Einordnung der Zielgruppe anhand von Mikrozensus-Daten zur besseren Orientierung.
6. Vergesellschaftung und Chancen auf Teilhabe: Theoretische Auseinandersetzung mit Bourdieu’s Kapitalbegriff sowie den Konzepten Assimilation, Integration und Inklusion.
7. Der Einfluss von Kultur und Struktur als Einfluss auf gesellschaftlichePositionierungen in Deutschland: Analyse der Migranten-Milieus basierend auf der SINUS-Studie und dem Dossier der „Heymat“-Arbeitsgruppe.
8. Arbeit und Bildung in unserer Gesellschaft: Untersuchung der Rolle von Bildung und Erwerbstätigkeit als Schlüssel zur gesellschaftlichen Teilhabe.
9. Möglichkeiten wissenschaftlicher Konzeption von Identität und Identitätsarbeit: Vorstellung theoretischer Identitätsmodelle wie dem „Patchwork der Identitäten“ und dem Konzept narrativer Identität.
10. Methodischer Zugang: Darlegung der qualitativen Forschungsmethodik, ihrer Gütekriterien und der narrativen Analyseverfahren.
11. Abschließende Zusammenführung forschungsmethodischer Zugänge zu Identitätsarbeit, Arbeit und Migration: Zusammenfassung der Erkenntnisse und Entwicklung von forschungsmethodischen Vorschlägen.
12. Persönliche Schlussfolgerungen: Eigene Reflexion der Autorin zu den identifizierten Handlungsbedarfen und den politischen Rahmenbedingungen.
Schlüsselwörter
Identitätsarbeit, Migration, Arbeitsmarkt, Inklusion, Assimilation, Integrationsdebatte, Bourdieu, Kapitalarten, Akkulturationsstress, Narrative Identität, Bildungsverläufe, Teilhabechancen, qualitative Sozialforschung, Identitätskonstruktion, Migrationshintergrund
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelor-Thesis grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Wechselwirkungen zwischen Identitätsarbeit, beruflicher Entwicklung und Migrationshintergrund in Deutschland unter Einbeziehung soziologischer und psychologischer Theorien.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die zentralen Themen umfassen die Definition von Migrationsbegriffen, die Bedeutung von Arbeit für die gesellschaftliche Teilhabe, die Analyse von Bildungs- und Berufswegen sowie Identitätskonzeptionen in der Spätmoderne.
Was ist das primäre Forschungsziel?
Das Ziel ist es, forschungsmethodische Ansätze zu erarbeiten, mit denen erforscht werden kann, wie Menschen mit Migrationshintergrund ihre berufliche Entwicklung subjektiv verarbeiten und wie sich dies auf ihre Identitätsarbeit auswirkt.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit basiert auf einem qualitativen Forschungsansatz. Es werden theoretische Konzepte (z.B. von Keupp und Bourdieu) mit narrativen Analysemethoden verknüpft, um Forschungsdesigns für Fallstudien zu entwickeln.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Klärung migrationspolitischer Begrifflichkeiten, die soziostrukturelle Analyse von Teilhabechancen, die Bedeutung von Arbeit als Lebensnotwendigkeit und die methodische Herleitung zur Untersuchung narrativer Identität.
Durch welche Schlüsselbegriffe wird die Arbeit charakterisiert?
Die Arbeit wird primär durch Begriffe wie Identitätsarbeit, Inklusion, Bourdieu’sche Kapitaltheorie, Akkulturationsstress und die methodische Ausrichtung auf narrative Analysen charakterisiert.
Wie definiert die Autorin den Begriff der Identitätsarbeit im Kontext der Migration?
Die Autorin versteht Identitätsarbeit als einen aktiven, lebenslangen Aushandlungsprozess, bei dem das Individuum versucht, verschiedene Teilidentitäten und Anforderungen der Umwelt (z.B. durch Akkulturationsstress) zu einer kohärenten Identität zu verknüpfen.
Welche Bedeutung misst die Arbeit der SINUS-Studie bei?
Die SINUS-Studie dient als empirische Grundlage, um zu verdeutlichen, dass Menschen mit Migrationshintergrund keine homogene Gruppe sind, sondern sich in unterschiedliche Milieus mit spezifischen Lebensstilen und Wertorientierungen gliedern.
- Citar trabajo
- Aische Westermann (Autor), 2011, Identitätsarbeit im Spannungsfeld von Migration und Arbeit, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/294673