Kooperationen zwischen Ganztagsschulen und Sportvereinen im Land Brandenburg

Eine Auswertung empirischer Untersuchungen von 2009 bis 2011


Masterarbeit, 2013

93 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Rolle von Sportvereinen in der ganztägigen Bildung

3. Kooperationsakteure im Überblick
3.1 Ganztagsschulen als Kooperationspartner für Sportvereine
3.1.1 Motive von Ganztagsschulen zur Kooperation mit Sportvereinen
3.1.2 Situation der Ganztagsschulen in Brandenburg
3.1.3 Modelle für die Kooperationen von Ganztagsschulen mit Sport- vereinen
3.2 Sportvereine als außerschulische Kooperationspartner
3.2.1 Vorbehalte der Sportvereine gegenüber Ganztagsschulen
3.2 2 Motive der Sportvereine für eine Kooperation
3.2.3 Situation der Sportvereine im Land Brandenburg

4. Studien zur Untersuchung der Kooperationssituation im Land Brandenburg
4.1 Befragung von Ganztagsschulen (2009)
4.2 Erste Befragung von Sportvereinen (2010)
4.3 Zweite Befragung von Sportvereinen (2011)
4.3.1 Fragestellungen
4.3.2 Methodisches Vorgehen
4.3.3 Stichprobe und Rücklauf

5. Darstellung der Untersuchungsergebnisse
5.1 Umfang der Kooperationen im Land Brandenburg
5.2 Inhalt und Struktur der Kooperationen
5.3 Personaleinsatz in der Kooperation
5.4 Erfolgsfaktoren, Probleme und Hindernisse

6. Bewertung der Kooperationen im Land Brandenburg
6.1 Kooperationsqualität und Gelingensbedingungen
6.2 Regionale Disparitäten

7. Handlungsempfehlungen für die Kooperationsakteure
7.1 Professionalisierung der Sportvereine
7.2 Modelprojekt im ländlichen Raum

8. Zusammenfassung und Fazit

Literaturverzeichnis

Anlagenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Ländliche und städtische Räume in Brandenburg, (nach Statistik Berlin-Brandenburg, 2012, MIL, 2012)

Abb. 2: Anteil der kooperierenden Sportvereine im Untersuchungsgebiet (n=251)

Abb. 3: Anzahl der Partnerschulen von Sportvereinen (Vereinsbefragung 2011, n=57)

Abb. 4: Kooperationen nach Schultypen (Vereinsbefragung 2011, Mehrfachnennungen, n=43)

Abb. 5: Beginn der Kooperationen zwischen Ganztagsschulen und Sportvereinen (n=57)

Abb. 6: Initiative zur Kooperationen (Vereinsbefragung 2011, n=25)

Abb. 7: Motive der Sportvereine (Vereinsbefragung 2011, Mehrfachnennungen, n=26)

Abb. 8: Zeitliche Verteilung der Sportangebote (Mehrfachnennungen, n=51)

Abb. 9: Finanzierung der Ganztagsangebote (Vereinsbefragung 2011, Mehrfachnennungen, n=26)

Abb. 10: Angebotene Sportarten (Vereinsbefragung 2011, Mehrfachnennungen, n=26)

Abb. 11: Qualifikation der eingesetzten Übungsleiter (Vereinsbefragung 2011, Mehrfachnennungen, n=26)

Abb. 12: Ebenen der von den Sportvereinen formulierten Erfolgsfaktoren (n=21, Mehrfachnennungen)

Abb.: 13: Für Sportvereine relevante Erfolgsfaktoren (Vereinsbefragung 2011, Mehrfachnennungen, n=19)

Abb. 14: Gelingensbedingungen für eine erfolgreiche Kooperation (Lau, 2011, S. 23)

Abb. 15: Modell zur Bewertung der Kooperationsqualität

Tabellenverzeichnis

Tab. 1: Kooperationsbeginn im Schulamtsbezirk Brandenburg an der Havel (Matthews, 2009, S. 59)

Tab. 2: Unterschiedliche Terminologien bei der Klassifikation der Vereinsgrößen

Tab. 3: Rücklaufquote während der drei Erhebungswellen

Tab. 4: Feldübersicht für die zweite Befragung von Sportvereinen

Tab. 5: Kooperation mit Ganztagsschulen, geordnet nach der Vereinsgröße (n=250)

Tab. 6: Beschäftigungsverhältnisse der im Ganztag eingesetzten Übungsleiter (Vereinsbefragung 2011, Mehrfachnennungen, n=26)

Tab. 7: Die am häufigsten genannten Gründe für das Nichtbestehen einer Kooperation (n=192)

Tab. 8: Kooperationsquoten nach Raumkategorien geordnet (n=251)

1. Einleitung

Kaum ein bildungspolitisches Thema wurde in den vergangen zehn Jahren von Bund und Ländern so vorangetrieben wie die Entwicklung der Ganztagsschule. Als im Jahr 2003 das gemeinsame Investitionsprogramm „Zukunft, Bildung und Betreuung“ (IZBB) verabschiedet wurde, standen insgesamt vier Milliarden Euro des Bundeshaushalts zur Verfügung, um bis 2007 den Ausbau der Ganztagsschulen zu fördern. Diese Fördermaßnahme genoss einen derart hohen Stellenwert, dass Bund und Länder die Förderdauer sogar um zwei Jahre verlängerten, als die finanziellen Mittel noch nicht vollends ausgeschöpft waren (BMBF, 2010). Als Startpunkt der nachdrücklichen Ganztagsschulentwicklung wird oft das schlechte Abschneiden deutscher Schüler in der PISA-Studie der OECD angegeben (vgl. ebd.). Von 32 teilnehmenden Industriestaaten landete Deutschland auf dem enttäuschenden 22. Platz (OECD, 2002). Die Studie offenbarte eine Benachteiligung von Kindern aus sozial schwachen Familien und von Kindern mit Migrationshintergrund, die in weiterführenden Bildungsgängen deutlich unterrepräsentiert sind.

Dieser Chancenungleichheit sollte mit einer Erhöhung der Kontaktzeit von Schülerinnen und Schülern mit der Schule begegnet werden. Die Bundesregierung nutzt den Slogan „Zeit für mehr“ (BMBF, 2010) und meint damit in erster Linie eine größere Bildungsvielfalt. Die Ganztagschule soll keine Verlängerung der „Sitzschule vom Vormittag“ darstellen, sondern vom reinen Lernort zum Lebensort werden (vgl. Böcker & Laging, 2010, S. 9) und sich der Gesellschaft öffnen. Coelen und Otto (2008) konstatieren, dass sich Bildung nicht auf die Schule konzentrieren dürfe. Auch für Hildebrandt-Stramann (2010, S.48) muss ganztätige Bildung eine Verknüpfung von Lernorten sein, „die sich (…) lokal als Bildungslandschaft präsentieren“. Gerade weil die Ausweitung der Ganztagsschule in Deutschland eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist, muss die Beteiligung von Akteuren unterschiedlichster Ebenen als Grundvoraussetzung für das Gelingen gesehen werden (Matthews, 2009). Nur durch die Zusammenarbeit von Schulen mit außerschulischen Kooperationspartnern wird das Konzept der Ganztagsbildung nachhaltig umsetzbar sein. Da das Themenfeld Bewegung, Spiel und Sport ein wesentlicher Bestandteil des ganzheitlichen Lernens ist, sind auch die Sportvereine gefordert, sich stärker in den Ganztagsschulen einzubringen. Mit ihrer Expertise können sie Ganztagsschulen deren Öffnung gegenüber der Gesellschaft erleichtern. Beide Seiten können also im Ganztag voneinander profitieren.

Dafür ist es wichtig, mehr über Kooperationen zwischen Ganztagsschulen und Sportvereinen zu erfahren. Wie kommen sie zustande und wie sehen sie in der Praxis aus? Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt auf der regionalen Betrachtung von Kooperationen von Ganztagsschulen mit Sportvereinen im Land Brandenburg, für das es bisher nur wenig belastbare Forschungsergebnisse gibt. Als Grundlage dienen drei empirische Untersuchungen der Universität Potsdam, die im Zeitraum von 2009 bis 2010 im Auftrag des Landessportbundes Brandenburg durchgeführt wurden. Als Forschungsmethode wurde die standardisierte Befragung von Ganztagschulen (2009) und Sportvereinen (2010, 2011) gewählt. Diese Befragungen sollen einen Überblick darüber geben, wie der Forderung nach Kooperation von Ganztagsschulen und Sportvereinen in Brandenburg nachgekommen wird und wie die bestehenden Kooperationen zu bewerten sind. Von Interesse ist dabei, ob dominante Kooperationsstrukturen auszumachen sind und was sie so attraktiv für die Kooperationspartner macht. Gibt es erfolgsversprechende Strukturen oder gar Best-Practice-Modelle? Um positive Entwicklungsfaktoren auszumachen, ist es notwendig eine Operationalisierung der Kooperationsqualität vorzunehmen und im Gegenzug Kooperationen behindernde Faktoren aufzudecken. Ein weiterer, nicht zu vernachlässigender Aspekt ist die besondere demografische Entwicklung des Landes Brandenburg, welche gerade die Schulen und Sportvereine vor große Herausforderungen stellt. Eine wichtige Frage kann daher lauten, ob es zwischen ländlichen und städtisch-verdichteten Räumen messbare Unterschiede in der Kooperationshäufigkeit und Qualität der Zusammenarbeit gibt. Als Ergebnis dieser Arbeit sollen Ganztagsschulen und Sportvereinen konkrete Handlungsempfehlungen zur Verfügung gestellt werden, mit denen das eigene Entwicklungspotenzial identifiziert und gezielt ausgeschöpft werden kann.

2. Die Rolle von Sportvereinen in der ganztägigen Bildung

Die Ausdehnung der Schulzeit auf den Nachmittag erschwert es den Schülern1 zunehmend, nach der Schule Freizeitangebote wahrzunehmen. Wenn die Kinder aber nicht zum Sportverein kommen können, wie es im deutschen Vereinssport bisher die Regel war, stellt sich nunmehr die Frage, wie der Sportverein seinen Weg zu den Schülern findet. Dazu muss die Frage geklärt werden, welche Rolle Sportvereine im Konzept der Ganztagsbildung spielen.

Schon vor der flächendeckenden Einführung der Ganztagsschule waren Sportvereine begehrte Kooperationspartner für Schulen. Daran hat sich nichts geändert, wie die „Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen“ (StEG) zeigt. Alle bisherigen Auswertungen der StEG-Studie kommen zum Ergebnis, dass Sportvereine eine herausragende Rolle im Kanon der Kooperationspartner von Ganztagsschulen einnehmen (vgl. Arnoldt, 2010, Laging, 2010). Sie sind sowohl in der Primarstufe (87,5 %) als auch der Sekundarstufe I (51,7 %) die am häufigsten genannten Kooperationspartner (Arnoldt, 2010, S. 96) und stellen mit einem Anteil von 26 % das größte Kontingent aller außerschulischen Anbieter (Arnoldt, 2010, S. 89). Diese Zahlen lassen darauf schließen, dass Sportvereine für die Ganztagsschule eine wichtige Rolle einnehmen. Wie die Zusammenarbeit im Land Brandenburg konkret umgesetzt wird, wird diese empirische Untersuchung klären.

Die klassischen Berührungspunkte von Schulen und Sportvereinen waren und sind die Sport-Arbeitsgemeinschaften (Fessler, 1997). In der Ganztagsbildung sollen die Kooperation jedoch intensiviert und Sportvereine stärker in den Schulsport integriert werden. Die Grundlage aller Ganztagsschul-Kooperationen muss die inhaltliche Verzahnung der formalen Bildung mit der non-formalen Bildung sein. Dabei erarbeiten die Ganztagsschulen und die Sportvereine gemeinsam ein pädagogisch fundiertes Bildungsangebot und präsentieren sich als lokale Bildungslandschaften (vgl. Coelen & Otto, 2008, Hildebrandt-Stramann, 2010). Dadurch öffnet sich einerseits die Schule nach außen, andererseits nehmen die Sportvereine als externe Kooperationspartner einen non-formalen Bildungsauftrag gegenüber den Schülern wahr. Kurz gesagt, die Zusammenarbeit von Schulen und Sportvereine entwickelt sich vom traditionellen Nebeneinander zu einem konstruktiven Miteinander. Dem Organisationstyp der Ganztagsschule entsprechend sind verschiedene Kooperationsmodelle möglich, die im dritten Kapitel näher betrachtet werden.

Die Rolle eines Bildungspartners ist für die meisten Sportvereine neu. Sie sind in besonderer Weise gefordert, einen Perspektivwechsel von der Leistungsperspektive des Vereinssports hin zur Bildungsarbeit in heterogenen Gruppen zu vollziehen. Dabei leisten Sportvereine schon immer einen bedeutenden Beitrag zur Persönlichkeitsbildung, der auch in der Schule von unschätzbarem Wert ist. Das große Plus des Vereinssports ist der hohe Aufforderungscharakter, der durch motivierte, außerschulische Übungsleiter in die Schule getragen wird. Der Sport besticht durch seine unmittelbaren Möglichkeiten zur Teilhabe (vgl. DOSB, 2009, S. 41.) und kann so das soziale Lernen in den Schulen fördern. In Spielsportarten erlernen Schüler den Fairplay-Gedanken, gegenseitigen Respekt und Anerkennung für ihre Anstrengungen. Im 10. Sportbericht der Bundesregierung werden außerdem wertvolle Beiträge des Sports zur Demokratieförderung, zur Integration und zur Anerkennung des Leistungsprinzips dargestellt (VIBSS, 2013). Die Deutsche Sportjugend (2005) misst gerade der Förderung psychosozialer Ressourcen wie z.B. Selbstwirksamkeit, Selbstkonzept, Gruppenkohäsion und sozialer Kompetenzen eine große Bedeutung bei.

Der veränderte Lebenswandel der heutigen Kinder und Jugendlichen und dessen Auswirkungen auf deren körperliche Leistungsfähigkeit sind hinlänglich thematisiert und dokumentiert worden (Naul, 2005). Spannungsreich gestaltete Sport- und Bewegungsangebote können jedoch zusätzliche Bewegungsanlässe schaffen und die Schüler zu einem aktiven und gesunden Lebensstil motivieren. Idealerweise treten die Sportvereine auch im regulären Sportunterricht in Erscheinung, um möglichst viele Schüler zu erreichen. Matthews (2009) deutet dabei auf die herausragende Bedeutung des Schulsports hin, da dieser der einzige organisierte Sport ist, der prinzipiell an alle Kinder gerichtet ist. Eine Verbindung von Schulsport und Vereinssport erscheint vor diesem Hintergrund sinnvoll und notwendig.

Sportvereine werden von der Ganztagsschulentwicklung herausgefordert, können aber in vom gestiegenen Bedarf an Bewegungsangeboten in der Schule profitieren. Der Slogan des Bundesbildungsministeriums „Mehr Zeit für mehr“ bietet die Chance, „den [aktiven] Lebensstil mit einer täglichen Bewegungszeit zu fördern (Naul, 2005 S. 5). Dabei sind die Sportvereine kompetente Kooperationspartner. Sie sind gesellschaftlich etablierte Sportorganisationen und unterliegen auf der Ebene der Übungsleiter ständigen Aus- und Fortbildungen, wodurch ein hohes Qualifikationsniveau gewährleistet ist. In jüngster Zeit ist zu beobachten, dass die Landessportbünde vermehrt Ausbildungsinhalte für die Arbeit in Ganztagsschulen konzipieren und anbieten (vgl. LSB Brandenburg, 2012a). Somit können die Sportvereine ihre externe Expertise in die Schule einbringen, ohne die Schule mit einem zusätzlichen Aufwand für die Qualifikation der Übungsleiter zu belasten.

Diesem Kapitel ist bereits zu entnehmen, welches Potenzial die Einbindung der Vereine in die Ganztagsschulen hat. Erfolgreiche Kooperationen, die auch pädagogischen Ansprüchen genügen, sind ein enormer Gewinn für die Bildungslandschaft. Im Idealfall werden Ressourcen gemeinsam genutzt und Synergieeffekte geschaffen. Jedoch birgt die Zusammenarbeit von solch unterschiedlichen Organisationen wie Schulen und Sportvereinen auch ein gewisses Konfliktpotenzial. Im nächsten Kapitel werden die Kooperationspartner mit ihren Motiven, ihren Befürchtungen und den Grenzen ihrer Möglichkeiten vorgestellt. Daraus werden sich konkrete Fragestellungen entwickeln, welche im Hauptteil dieser Arbeit weiter verfolgt werden.

3. Kooperationsakteure im Überblick

Um eine erfolgreiche Kooperation gestalten zu können, ist es wichtig, alle Akteure zu kennen und ihre Beweggründe für die Zusammenarbeit zu verstehen. Der Aufbau und die Pflege von funktionierenden Kooperationsbeziehungen verlangt den Akteuren eine hohe Motivation ab. Natürlich engagieren sich die die Kooperationspartner nicht aus reinem Altruismus, sondern vor allem zum Erreichen ihrer eigenen Ziele. In diesem Kapitel wird ein Überblick darüber gegeben, was sowohl die Ganztagsschulen als auch die Sportvereine mit einer Kooperation beabsichtigen, was sie in diese einbringen können und welche Grenzen ihr Handeln hat.

Wichtig erscheint hierbei die Gegenüberstellung der dokumentierten Vorurteile und Bedenken der Sportvereine mit den Chancen, die aus der Ganztagsschulentwicklung für den organisierten Sport erwachsen können.

3.1 Ganztagsschulen als Kooperationspartner für Sportvereine

Viele Vorurteile über die Ganztagsschule resultieren aus der Unkenntnis über die Definition und die Eigenschaften der selbigen. Der Begriff suggeriert, dass sich der Schultag der Ganztagsschule über den ganzen Tag erstreckt. Doch diese erste Vermutung trifft nicht zu. Der Umfang der (Fach-)Unterrichtsstunden unterscheidet sich nicht von dem an Halbtagsschulen. Es wird jedoch zusätzlicher Raum geschaffen für außerunterrichtliche Aktivitäten, wie z.B. Arbeitsgemeinschaften, Projekte, Ausflüge, und nicht zuletzt, für Bewegungs-, Spiel- und Sportangebote.

Es gibt im bundesdeutschen Vergleich, eine Vielzahl verschiedener Formen und Ausprägungen der Ganztagsschulen. Als grundlegendes Kriterium für jede Ganztagsschule legte die Kultusministerkonferenz (2012) den folgenden Standard fest: Eine Ganztagsschule muss „an mindestens drei Tagen in der Woche ein ganztätiges Angebot (…) [bereitstellen], das täglich mindestens sieben Zeitstunden umfasst“. Darüber hinaus muss für die am Ganztag teilnehmenden Schülern ein Mittagessen bereitgestellt werden. Ein weiteres wichtiges Kriterium für eine Ganztagsschule ist die konzeptionelle Verknüpfung des Ganztagsangebots mit dem Unterricht. Wie bereits erwähnt, stellen wir trotz dieser einheitlichen Definition des höchsten Bildungsrates in Deutschland in der Praxis äußerst unterschiedliche Umsetzungsformen der Ganztagsschule fest. Appel und Rutz (2009) führen weitere Eigenschaften auf, die allen Ganztagsschulen gemein sind: So findet bei gleichzeitiger Ermöglichung alternativer Unterrichtsformen eine Verteilung der Aktivitäten auf den Vor- und Nachmittag statt. Dadurch kann der Schultag rhythmisiert und abwechslungsreich gestaltet werden. Der Unterricht kann in Projekten und fächerübergreifend stattfinden. Auch für das Erledigen der Hausaufgaben bietet die Ganztagsschule Platz. Ein weiterer Kernpunkt ist darüber hinaus die Einbindung außerschulischer Experten, um einen möglichst abwechslungsreichen Schultag zu ermöglichen.

Laging (2010b) fasst die Ganztagsschule in drei idealtypische Formen zusammen: die gebundene, die teilgebundene und die offene Ganztagsschule. Diese unterscheiden sich hauptsächliche in der Freiwilligkeit, mit der Schüler das ganztätige Bildungsangebot wahrnehmen.

Die Besonderheit der gebundenen Form ist die verpflichtende Teilnahme aller Schüler am Ganztag. Matthews (2009) sieht darin die Chance, alle Kinder und Jugendliche zu erreichen, sowohl den Unterricht als auch die außerunterrichtlichen Aktivitäten auf den Schultag zu verteilen und dadurch den Tagesablauf durch eine anpassungsfähigen und kindsgerechten Rhythmus zu ersetzen. Es besteht Einigkeit darüber, dass zu Letzterem die Integration von Bewegungs- und Sportangeboten in den Schultag gehört (vgl. u.a. Laging, Hildebrandt-Stramann, Naul). Oftmals wird die Schule bei der Bereitstellung des Ganztagsangebots von Kooperationspartnern, Ehrenamtlichen oder Eltern unterstützt.

Die teilgebundene Ganztagsschule entspricht annähernd den Merkmalen der gebundenen Form. Jedoch besteht nur für einen Teil der Schülerschaft eine Teilnahmepflicht am Ganztagsangebot. In der Praxis können das einzelne Klassen oder Jahrgangsstufen sein. Die Erziehungsberechtigten bzw. die Schüler müssen selbst entscheiden, ob und wann sie am Ganztagsangebot teilnehmen. Dies führt faktisch zu einer Aufspaltung der Schülerschaft in Ganztags- und Halbtagsschüler. Es ist fraglich, ob es der Verbesserung des Sozialklimas, einem erklärten Ziel der Ganztagsschule, zuträglich ist, wenn nur ein Teil der Schüler vom Mehr an Zeit profitiert.

Die offene Ganztagsschule unterbreitet ihren Schülern ein fakultatives Angebot an ganztägigen Aktivitäten. Niemand ist verpflichtet, an mindestens drei Tagen in der Woche am Ganztag teilzunehmen. Jedoch müssen diese Ganztagsangebote gemäß der Kultusministerkonferenz angeboten werden. Damit sind sowohl die teilgebundene als auch die offene Ganztagsschule aus bildungspolitischer Sicht inkonsequent. Da nur ein Teil der Schülerschaft an der Ganztagsbildung teilnimmt, muss der Fächerunterricht bereits am Vormittag stattfinden. Dies führt dazu, dass der Schultag nicht abwechslungsreich rhythmisiert, d.h. im Wechsel von An- und Entspannung stattfinden kann. Die offenen Ganztagsschulen präsentieren sich daher lediglich als „Ganztagsschule light“ (Schulze-Algie, 2010).

3.1.1 Motive von Ganztagsschulen zur Kooperation mit Sportvereinen

Viele Schulen gestalten Ihr Ganztagsangebot gemeinsam mit außerschulischen Kooperationspartnern. Die Sportvereine nehmen hier eine ganz bedeutende Rolle ein, wie die StEG-Studie zeigt. Demnach beläuft sich der Anteil der mit Sportvereinen kooperierenden Schulen in der Primarstufe auf 85,1 % und der Sekundarstufe I auf 70,5 % (Arnold, 2010, S. 29). Dem gegenüber steht eine beachtliche Zahl von Ganztagsschulen, die Ihr Bewegungs- und Sportangebot gänzlich ohne die Unterstützung von Sportvereinen zur Verfügung stellen (Laging, 2010). In diesen Schulen übernehmen die Sportlehrer und die Eltern die Gestaltung des Bewegungsprogramms. Da die absolute Mehrheit der Schulen aber Kooperationen zu Sportvereinen unterhält, sei die Schlussfolgerung gestattet, dass Schulen in der Praxis von den Sportvereinen profitieren. Dafür spricht auch die lange Tradition der Zusammenarbeit von Sportvereinen mit Schulen, deren Bedeutung bereits vor Einführung der Ganztagsschulen durch spezielle Förderprogramme auf Länderebene erkannt wurde (Fessler, 1997).

Doch welche Motive bewegen eine Schulleitung dazu, eine Kooperation mit einem Sportverein einzugehen? Zur Beantwortung dieser Fragen hat Schulz-Algie (2010) unter Schulleitern eine Befragung durchgeführt. Als häufigste Antwort nannten die Befragten die „Bewegungsförderung“ und die Vermittlung von „Freude an der Bewegung“. Das stimmt auch mit der Forderung Lagings (2010) überein, nach der Schulen den Schullalltag mit Hilfe von Sportvereinen bewegungsaktiv gestalten sollten. Die nächsthäufig genannten Ziele stellen die „Bereitstellung von Sportangeboten“ und die „Betreuung der Schüler“ dar (Schulze-Algie, 2010, S. 206). Die erste Nennung ist bildungspolitisch als legitim einzuschätzen. Sportvereine stellen in der Regel motivierte Übungsleiter zur Verfügung, die fortwährenden Qualifizierungsmaßnahmen der Landessportbünde unterliegen. Die Schule profitiert hier sowohl von der externen Expertise des Sportvereins als auch der non-formalen Auflockerung des Bildungsangebots, die eine außerschulische Lehrkraft mit sich bringt. Die zweite Nennung, die die Betreuung von Schülern, ist pragmatischer Natur. Selbstverständlich ist es eine personelle und damit auch finanzielle Herausforderung, die Betreuung für die Kinder und Jugendlichen in der ganztätigen Bildung sicherzustellen. Jedoch sollte das nicht eines der vorrangigsten Ziele von Kooperationen sein. Die Sportvereine kommen den Schulen mit ihrer Struktur in diesem Punkt sogar entgegen. Als historisch gewachsene Sportorganisationen sind viele Übungsleiter ehrenamtlich engagiert. Obwohl die Ganztagsschulen durch die Kapitalisierung von Lehrerstunden die Arbeitsleistung der außerschulischen Kooperationspartner durchaus bezahlen könnten (vgl. Sportjugend Niedersachsen, 2010), findet das in der Praxis häufig nicht statt. Somit stellen die Sportvereine in der StEG-Studie die Gruppe mit dem kleinsten Anteil an hauptamtlichem Personal dar (Arnoldt, 2010). Demnach arbeitet sogar die Hälfte aller Übungsleiter ehrenamtlich. Dadurch sind Sportvereine bereits aus rein wirtschaftlichen Gründen ein begehrter Kooperationspartner. Als letzten relevanten Punkt nannten die Schulleiter an dritter Stelle, dass die Schüler eine bestimmte Sportart kennenlernen sollen (Schulze-Algie, 2010). Erst an dieser Stelle ist Interessenkongruenz zwischen Sportvereinen und den Ganztagsschulen festzustellen.

Diese Ausführungen haben gezeigt, dass Schulen durchaus von der Kooperation mit Sportvereinen profitieren. Sie versprechen sich von den Vereinen einen bedeutenden Beitrag zur Bewegungsförderung an der Schule. Dabei bleiben jedoch die Form und die Intensität der Einbindung offen. Prinzipiell sind diese Forderungen und der Wunsch nach der Bereitstellung von Sportangeboten aber als positiv zu bewerten. Die Antwort „Betreuung von Schülern“ steht repräsentativ für ein Verständnis von „Sport, Spiel und Bewegung als (…) vormittäglicher Pausenfüller oder als nachmittägliches Beschäftigungs- und Verwahrungsprogramm“ (Fessler & Stibbe, 2011, S. 105) und muss im weiteren Verlauf dieser Arbeit kritisch hinterfragt werden.

3.1.2 Situation der Ganztagsschulen in Brandenburg

Das Thema Ganztagsschule wurde in der Öffentlichkeit noch stark diskutiert, während es von Bund und Ländern bereits in Form des Investitionsprogramms IZBB forciert wurde. Insgesamt 4 Milliarden Euro flossen zwischen 2003 und 2009 in den Ausbau der Ganztagsschulen. Über 130 Millionen Euro davon wurden im Land Brandenburg investiert (BMBF, 2010). Dies schlägt sich auch in der jährlichen Statistik der Kultusministerkonferenz (2012) nieder, die Aufschluss über die quantitative Entwicklung der Verwaltungseinheiten mit Ganztagsschulbetrieb gibt. Demnach hat sich seit dem Beginn der Fördermaßnahme die Anzahl der als Ganztagsschulen geführten Schulen mehr als verdreifacht. Gab es im Jahr 2002 nur 4.951 Ganztagsschulen in Deutschland, so waren es im Jahr 2010 bereits 16.673. Der Anteil der Ganztagsschulen an allen Verwaltungseinheiten konnte im selben Zeitraum von 16,3 % auf 51,1 % gesteigert werden. Diese beeindruckende Bilanz lässt die Einführung der Ganztagsschule als ein Erfolgsmodell erscheinen.

Da der Schwerpunkt dieser Arbeit die Kooperationen von Ganztagsschulen mit Sportvereinen im Land Brandenburg ist, ist es von großem Wert, diese Statistiken auch auf die Länderebene übertragen zu können. Im Jahr 2002 gab es im Land Brandenburg in der Summe 141 Ganztagsschulen (ebd.). Das bedeutet einen Anteil von 13,9 % der Ganztagsschulen an allen Verwaltungseinheiten. Nur acht Jahre später kann mit 475 Brandenburger Ganztagsschulen ebenfalls eine Verdreifachung festgestellt werden. Damit sind 56,1 % aller Brandenburger Verwaltungseinheiten Ganztagsschulen. Im bundesdeutschen Vergleich befindet sich Brandenburg damit im Mittelfeld auf dem siebten Platz.

Eine Brandenburger Besonderheit ist, dass alle Ganztagsangebote im Primarbereich in offenen Ganztagsschulen oder in verlässlichen Halbtagsschulen mit ganztätigen Angeboten bereitgestellt werden (Quellenberg, 2008). Von den im Schuljahr 2011/2012 geführten 194 Ganztagsschulen in öffentlicher Trägerschaft sind 101 verlässliche Halbtagsgrundschulen und 93 offene Ganztagsschulen (LISUM, 2012). In der Sekundarstufe I werden alle bereits vorgestellten Formen der Ganztagsschule gefördert. Viele der 144 öffentlichen Ganztagsschulen unterbreiten ihre Angebote in vollgebundener (59) oder in offener Form (69). Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung (2012a) besuchten im Jahr 2010 mehr als 45 % aller Brandenburger Schüler eine Ganztagsschule. Der Anteil der am gebundenen Ganztagsschulbetrieb teilnehmenden Schüler beträgt gerade einmal 12,2 %.

Das Ziel des Ministeriums für Bildung, Jugend und Sport ist es, für ein Viertel aller Grundschüler und ein Drittel aller Schüler der Sekundarstufe I Ganztagsangebote bereitzustellen (Quellenberg, 2008). Die finanzielle Ausstattung der Schulen wird gestaffelt nach der Form der Ganztagsschule vorgenommen. So erhalten die gebundenen und teilgebundenen Ganztagsschulen in Brandenburg laut der StEG-Studie einen Ganztagszuschlag von 20 % zu den Lehrerstellen (ebd.). Die offenen Ganztagsschulen werden mit einer Sockelfinanzierung und einem Wochenstundenzuschlag für Lehrkräfte ausgestattet. Außerdem kann ein Teil der Lehrerstellen kapitalisiert und für Honorarverträge mit außerschulischen Kooperationspartnern genutzt werden.

3.1.3 Modelle für die Kooperationen von Ganztagsschulen mit Sport- vereinen

Aus den drei idealtypischen Formen der Ganztagsschule ergeben sich auch für die Kooperationspraxis Konsequenzen. Das ist vor allem auf die unterschiedliche Verbindlichkeit der Teilnahme zurückzuführen.Ganztagsschulen müssen allen Schülern den gleichen Kanon des Fächerunterrichts gewährleisten. Dieser verbindliche Unterricht muss daher in offenen oder teilgebundenen Ganztagsschulen bereits am Vormittag durchgeführt werden. Als logische Konsequenz können ganztätige Angebote von außerschulischen Kooperationspartnern nur am Nachmittag stattfinden.

Prüß (2009) präsentiert zwei Modelle, nach denen Kooperationen gestaltet werden können. Er unterscheidet in eine additive und eine integrative Umsetzungsform. Laging (2010) greift diese Modelle auf und unterteilt sie weitergehend in additiv-duale, additiv-komplementäre und inklusive Kooperationsmodelle. Beide idealtypischen Modelle werden an im Folgenden vorgestellt und im Hauptteil dieser Arbeit auf ihre Ausprägung im Land Brandenburg hin überprüft.

Additive Kooperationsmodelle

Die häufigste Form der Kooperation zwischen Schulen und Sportvereinen ist das additive Kooperationsmodell. Es handelt sich hierbei um keine Besonderheit der Ganztagsschulen, denn derartige Kooperationen werden schon lange durch die Landeskooperationsprogramme unterstützt (vgl. Fessler, 1997). Mit Blick auf die angestrebte Rhythmisierung des Schultages stellt sich eine additive Zusammenarbeit als ein Nacheinander von schulischen und außerschulischen Angeboten dar. Die Stellung der Akteure zueinander bezeichnet Hildebrandt-Stramann (2010) eher als ein „Nebeneinander von Schule und außerunterrichtlichen Einrichtungen“ als ein Miteinander.

Laging (2010) differenziert die additiven Kooperationsmodelle nach der additiv-dualen und additiv-komplementären Form. Die additiv-duale Kooperation sieht keine intensive Zusammenarbeit zwischen den Kooperationspartnern vor. Die Sportvereine erstellen ihr Bewegungsangebot eigenverantwortlich und führen es autonom durch (ebd.). Zu Berührungspunkten mit der Schule kommt es höchstens in Fragen der Organisation (z.B. Hallenzeiten, Honorarverträge) und bei der Übergabe der Sportstätte vom Sportlehrer an den Vereinsübungsleiter. Das Bewegungsangebot wird von der Schule somit eher als ein Freizeitangebot betrachtet, welches in Form von Sport-Arbeitsgemeinschaften zur Verfügung gestellt wird. Mit Blick auf die unterschiedlichen Ausgangsmotive von Schulen und Sportvereinen ist eine gemeinsam erarbeitete pädagogische Ausrichtung der Kooperationspartner sehr unwahrscheinlich. Die additiv-duale Kooperationsform ist für den Einsatz in der Praxis „pragmatisch und verständlich, jedoch scheinen konzeptionell-pädagogische Überlegungen eher zurückzutreten“ (Holtappels, 2005, S. 21 f.). Eine weitere Kooperationsform ist das additiv-komplementäre Modell, welches dem Sport als wichtigen Teil der Jugendbildung einen hohen Stellenwert einräumt (Laging, 2010). Im Kontext der ganztägigen Bildung sind die Ganztagsschulen und die Sportvereine partnerschaftlich für die Ausgestaltung des Bewegungsangebotes verantwortlich. Der Sport findet ebenfalls additiv am Nachmittag statt. Jedoch ist damit lediglich die zeitliche Komponente gemeint. Der Sport wird als Teil der Jugendbildung konzeptionell mit der schulischen Bildung am Vormittag verknüpft. Der Landessportbund Nordrheinwestfalen weist die Funktionen dieses Modells den pädagogischen Handlungsfeldern „Bewegungsbildung“, „Gesundheitsbildung“ und „Mitwirkung und Mitbestimmung“ zu (LSB NRW, 2004, S. 12). In diesem Verständnis wird aus dem Sportverein als bereitstellender Betreuungsanbieter ein aktiver Bildungspartner mit Sportprofil. Aus Sicht der Kooperationsqualität stellt das additiv-komplementäre Kooperationsmodell die wertvollere der beiden additiven Organisationsformen dar.

Integratives Kooperationsmodell

Im Gegensatz zu den additiven Modellen zeichnet sich das integrative Kooperationsmodell durch einen anderen Fächer- und Zeitrhythmus aus (Hildebrandt-Stramann, 2010). Über Bewegung, Spiel und Sport soll eine Rhythmisierung des ganztätigen Lernens erreicht werden (Naul, 2011). Aufgrund der notwendigen Unterrichtsverteilung über den ganzen Tag ist dieses Modell hauptsächlich in teil- und vollgebundenen Ganztagsschulen umsetzbar. Grundsätzlich kann es aber auch in offenen Ganztagsschulen Anwendung finden, sofern diese ihren Unterricht rhythmisieren (Laging, 2010). Im integrativen Kooperationsverständnis geht die Zusammenarbeit von Ganztagsschulen und Sportvereinen weit über das Nebeneinander der Bewegungsangebote hinaus. Dem Sport kommt die Bedeutung eines eigenen Bildungsbeitrags zu, weshalb besondere Ansprüche an die Kooperation mit den außerschulischen Kooperationspartnern gestellt werden. Prüß (2009) fordert eine inhaltlich-konzeptionelle Verzahnung der Bewegungsangebote mit dem Unterricht sowie eine enge multiprofessionelle Zusammenarbeit zwischen den Akteuren. Das Idealbild des integrativen Kooperationsmodells ist die „bewegte Ganztagsschule“, wie sie von Hildebrandt-Stramann (2010) und Laging (2010) befürwortet wird. Dieser Entwurf würde die Verknüpfung von unterrichtlichen und außerunterrichtlichen Bildungsprozessen, ein leiblich-sinnliches Lernen sowie eine als anregenden Lernraum empfundene Schule ermöglichen (Hildebrandt-Stramann, 2010).

Auch die Rolle der Sportvereine ist in diesem Konzept eine andere. Die Übungsleiter werden von Anbietern der Sportangebote zu „Experten, die in Zusammenarbeit mit der Schule den gesamten Schulalltag bewegt mitgestalten“ (Lau, 2011, S. 13). Diese inner- und außerschulische Kooperation erfordert ein hohes Maß an Professionalität und ein ausgeprägtes Rollenverständnis, mit dem die professionsspezifischen Unterschiede kompensiert werden können. Das integrative Kooperationsmodell versetzt die Sportvereine in die Lage, die Bewegungskultur der Schule entscheidend mitzugestalten und eine tragende Rolle im Prozess der Schulentwicklung zu spielen. Es ist demnach wertvoller einzuschätzen als das additive Modell, in dem die Sportvereine oftmals als Bereitsteller von preiswertem Betreuungspersonal genutzt werden.

3.2 Sportvereine als außerschulische Kooperationspartner

Die Sportvereine bilden mit über 91.000 eingetragenen Organisationen und ca. 27,6 Millionen Mitgliedern das Fundament des selbstorganisierten Sports in Deutschland (DOSB, 2010). Das Spektrum der Sportangebote ist breit gefächert. Von traditionsbewussten Einspartenvereinen über gesundheitsorientierte Großvereine bis hin zu jungen Vereinen für Trendsportarten ist unter den deutschen Sportvereinen alles vertreten. Aus juristischer Sicht definieren Thiel, Seibert und Meier (2013, S. 202) den Sportverein als einen

„auf Dauer angelegte[n] Zusammenschluss von Personen zur Verwirklichung eines gemeinsamen Zwecks, der eine körperschaftliche Verfassung mit Vorstand und Mitgliederversammlung als Organe aufweist, (…) nach außen als Einheit auftritt und in seinem Bestand vom Wechsel der Mitglieder unabhängig ist“.

Dabei sind fünf konstitutive Merkmale von Sportvereinen auszumachen. Zu ihnen zählen die Freiwilligkeit der Mitgliedschaft, die Orientierung an den Mitgliederinteressen, eine demokratische Entscheidungsstruktur, die ehrenamtliche Mitarbeit und die Unabhängigkeit von Dritten (VIBSS, 2013). Sportvereine sind aus pädagogischer Sicht eine wertvolle Sozialisationsinstanz, durch die demokratische Prozesse und soziale Verhaltensweisen geübt werden können. Das macht die Sportvereine zu wertvollen Bildungspartnern der Ganztagsschulen, die sich durch eine Zusammenarbeit gesellschaftlich weiter öffnen können.

Der Sportentwicklungsbericht 2011/2012 des DOSB offenbart, dass ca. 18 % aller deutschen Sportvereine mit einer Ganztagsschule kooperieren (Breuer & Feiler, 2012a). Es gibt für Sportvereine scheinbar gute Gründe, um mit einer Ganztagsschule zusammenzuarbeiten. In den folgenden Kapiteln wird der Frage nachgegangen, was sich die Sportvereine von den Kooperationen mit einer Ganztagsschule versprechen und welche Vorbehalte sie eventuell haben. Anschließend wird ein Überblick über die Brandenburger Sportvereinslandschaft gegeben, der eine bessere Einordnung der Untersuchungsergebnisse ermöglicht.

3.2.1 Vorbehalte der Sportvereine gegenüber Ganztagsschulen

Nicht wenige Sportvereine stehen der Ganztagsschule kritisch gegenüber und sehen sich von ihr sogar in der eigenen Entwicklung gefährdet (Breuer & Feiler, 2012a). Durch den Ausbau der Ganztagsschule ist eine für Sportvereine ungewohnte Konkurrenzsituation entstanden, die aufgrund ihrer starken Dynamik durchaus bedrohlich wirken kann. In der Anfangsphase des IZBB-Förderprogramms veröffentlichte der Landessportbund Nordrhein-Westfalen eine Handreichung, in der er auf die Risiken der Ganztagsschule für Sportvereine hinweist (LSB NRW, 2004). Als größtes Problem wird die längere Verweilzeit in der Schule gesehen. Der LSB befürchtet, dass die Kinder bereits in der Schule an Bewegungsangeboten teilnehmen und deswegen nicht mehr für den Vereinssport motiviert werden können. Darüber hinaus wird auf die Konkurrenz um die kommunalen Sportstätten hingewiesen, auf die Sportvereine unmittelbar angewiesen sind. Aufgrund der Ausdehnung des Schultages wären diese länger belegt und würden den Sportvereinen am Nachmittag verloren gehen. Die Sportvereine befürchten außerdem das Abwerben von Übungsleitern durch die Ganztagsschulen, dem die Sportvereine finanziell nur wenig entgegenzusetzen hätten. Die vierte und letzte Befürchtung bezieht sich auf die Konkurrenz durch eine „dritte Säule“ der Sportanbieter, bestehend aus „sportfernen Jugendhilfeträgern und beliebigen Trägern von Bewegungsangeboten“ (ebd.). Diese Bedenken waren Gegenstand vieler öffentlicher Diskussionen und Forschungsprojekten (Klieme, Holtappels, Rauschenbach & Stecher, 2008; Naul, Tietjens, Geis & Wick, 2010; Vogel, 2010) und können daher als durchaus repräsentative Vorbehalte vieler Sportvereine betrachtet werden. Die Befürchtungen der Sportvereine sind im Einzelfall zwar nicht von der Hand zu weisen, haben sich in empirischen Studien in Nordrhein-Westfalen jedoch nicht bestätigt (vgl. Naul, Tietjens, Geis & Wick, U., 2010). Die Übungsleiter haben nicht scharenweise die Sportvereine verlassen, es sind nur wenige sportferne Drittanbieter auf den Plan getreten und die Mitgliederzahlen der Sportvereine sind stabil geblieben. Nichtsdestotrotz belegen die Ergebnisse der StEG-Studie den Vereinsaustritt von 22% aller befragten Ganztagsschüler (Klieme, Holtappels, Rauschenbach & Stecher, 2008, S. 370). Die Tatsache, dass dieser Mitgliederschwund jedoch vor allem von den Sportvereinen ohne Ganztagsschulkooperation zu beklagt wird und die kooperierenden Sportvereine sogar einen Mitgliedergewinn verzeichnen, verwandelt die einstigen Befürchtungen der Sportvereine in Chancen für eine nachhaltige Vereinsentwicklung durch die Kooperation mit einer Ganztagsschule (Naul et al., 2010; Vogel, 2010).

3.2 2 Motive der Sportvereine für eine Kooperation

Es herrscht Einigkeit darüber, dass Ganztagsbildung nur in Verbindung mit Bewegung, Spiel und Sport funktionieren kann und Sportvereine dafür eine wertvolle Unterstützung sind. Doch eine gelingende Kooperation kann nur dann zustande kommen, wenn auch alle Beteiligten von ihr profitieren. Natürlich verfolgen auch die Sportvereine eigene Ziele, wenn sie sich im Ganztag engagieren. In einer von Schulze-Algie (2010) durchgeführten Befragung geben 91,5 % der Sportvereine an, in der Ganztagsschule neue Mitglieder gewinnen zu wollen. Mit etwas Abstand folgen die „Präsentation einer Sportart“ bzw. die „Werbung für den Verein“ (61,7 %) und die „Sichtung von Talenten“ (40,4 %). Ähnliche Einschätzungen formulieren auch der Landessportbund Nordrhein-Westfalen (2004) und die hessische Sportjugend (2008). In der Ganztagshandreichung des Landessportbunds Brandenburg wird lediglich auf die von Schulze-Algie (2010) ermittelten Motive verwiesen. Betont wird dabei aber auch das Potenzial, welches in der Erschließung der Schulsportstätten liegt. Sportvereine können mit den Ganztagsschulen Vereinbarungen schließen, in denen die Schule bis in den späten Nachmittag Anspruch auf die kommunalen Sportstätten erhebt und den Kooperationsvereinen ein gemeinsames oder sogar alleiniges Nutzungsrecht einräumt. In diesem Zusammenhang ist es auch denkbar, dass Sportvereine ihren Trainingsbetrieb zukünftig nach anglo-amerikanischem Vorbild in die Ganztagsschule integrieren. In diesem Szenario fungieren die Sportvereine als Unterstützer eines von der Schule getragenen Wettkampfsports. Da die Sportverbände berechtigterweise einen Bedeutungsverlust befürchten müssten, wäre von ihrer Seite mit einem erheblichen Widerstand zu rechnen. Zu gering ist die Motivation ausgeprägt, für die gute Sache das eigene Sportverständnis zu überdenken.

Es wird deutlich, dass Sportvereine in der Ganztagsschule hauptsächlich eine Plattform sehen, auf der sie Schüler als Vereinsmitglieder gewinnen können. Viele Sportvereine sind sich nicht des eigenen Entwicklungspotenzials bewusst, welches sie in der Kooperation mit einer Ganztagsschule ausschöpfen könnten. Wenn die Sportvereine einer breiten Masse an Schülern ansprechende Bewegungsangebote unterbreiten, interessieren sich in der Folge mehr Kinder für Sport und damit auch für die Sportvereine. Darüber hinaus bietet sich die Chance, haupt- oder nebenberufliche Übungsleiter zu refinanzieren und sie somit für das eigene Vereinsangebot verfügbar zu machen (vgl. Sportjugend Hessen, 2008). Die Zusammenarbeit mit Ganztagsschulen kann demnach für Sportvereine über die Mitgliedergewinnung hinaus einen entscheidenden Schub in Richtung Professionalisierung geben, wodurch eine Verstetigung der eigenen Nachwuchsarbeit erzielt werden kann.

3.2.3 Situation der Sportvereine im Land Brandenburg

Die ca. 3.000 Sportvereine im Land Brandenburg unterbreiten ihre Angebote in den Bereichen Leistungs-, Breiten-, Freizeit und Gesundheitssport (Breuer & Feiler, 2012b) und sind somit neben dem Schulsport die zweite gemeinwohlorientierte Säule des organisierten Sports. Entsprechend der föderalistischen Struktur der deutschen Sportorganisationen sind die Brandenburger Sportvereine in 14 Kreissportbünden und vier Stadtsportbünden organisiert, welche wiederum dem Landessportbund Brandenburg unterstehen (LSB Brandenburg, 2012b). Darüber hinaus stehen den Sportvereinen 54 Landesfachverbände und elf Verbände bzw. Vereine mit besonderen Aufgabenstellungen als Organisations- und Förderungsplattform zur Verfügung (ebd.). Mit insgesamt 317.154 Mitgliedern in 2.962 Sportvereinen stellt Brandenburg nach Bremen und Mecklenburg-Vorpommern den drittkleinsten Landessportbund in der Bundesrepublik Deutschland (vgl. DOSB, 2011). Der Organisationsgrad von 12,7 % beträgt weniger als die Hälfte des Bundesdurchschnitts von 30 % (LSB Brandenburg, 2012b), was für Brandenburg den letzten Platz bedeutet. Positiv hervorzuheben ist jedoch das seit 1996 anhaltende Wachstum der Brandenburger Mitgliederstatistik. Die größten Zuwächse verzeichnen die Brandenburger Vereine bei Jugendlichen im Alter von 7 und 14 Jahren und in den Altersgruppen der über 50-Jährigen (ebd.). Ein großer Teil dieses Wachstums ist auf den Anstieg der weiblichen Mitgliederzahlen zurückzuführen. Der größte Rückgang ist bei Mitgliedern im Altern von 15 und 18 Jahren zu beklagen. Im Zeitraum von 2004 bis 2011 ist diese Altersgruppe um 14.231 Mitglieder geschrumpft (ebd.).

Selbstverständlich kann die Situation von Sportvereinen nicht losgelöst von der demografischen Entwicklung betrachtet werden. Das gilt insbesondere für den Flächenland Brandenburg, der eine ausgesprochen heterogene Bevölkerungsverteilung aufweist. Die niedrige Bevölkerungsdichte von 87 Einwohnern pro Km² ist gekennzeichnet durch ein starkes Nord-Süd-Gefälle und einen anhaltenden Einwohnerrückgang in peripher gelegenen Regionen bei gleichzeitiger Einwohnerzunahme im Berliner Umland (MIL. 2012, S. 28). Mit 44 Einwohnern weist der Landkreis Uckermark die geringste Bevölkerungsdichte im Land Brandenburg auf (ebd.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten.

Abb. 1: Ländliche und städtische Räume in Brandenburg, (nach Statistik Berlin-Brandenburg, 2012, MIL, 2012)

Die Bevölkerungsentwicklung wird darüber hinaus maßgeblich durch natürliche Faktoren, wie die Alterung der Bevölkerung beeinflusst, die deutschlandweit aus einer gestiegenen Lebenserwartung und geburtenschwachen Jahrgängen resultiert. Ein vom Brandenburgischen Landtag in Auftrag gegebenes Gutachten zum demografischen Wandel prognostiziert bis zum Jahr 2030 einen Bevölkerungsrückgang von ca. 13 %, der vor allem im ländlichen Raum zum Tragen kommen wird (Berlin-Institut, 2007). Aus dieser demografischen „Entleerung der Fläche“ (ebd.) resultiert bereits seit Jahren ein Rückzug der öffentlichen Verwaltung. Gemeinden werden aufgelöst und Schulen geschlossen. Daraus kann geschlussfolgert werden, dass sich die Bedingungen auch für Sportvereine verschlechtern werden. Der Sportentwicklungsbericht für Brandenburg (Breuer & Feiler, 2012b) verdeutlicht die Aktualität und Brisanz dieser Problematik. Insgesamt geben 36,1 % aller Brandenburger Sportvereine an, sich in ihrer Existenz bedroht zu fühlen. Das entspricht einer Zahl von 1.070 Vereinen. Als größte Bedrohungen identifiziert die Befragung die Gewinnung und Bindung von jugendlichen Leistungssportlern, ehrenamtlichen Funktionsträgern, Übungsleitern und Vereinsmitgliedern. Darüber hinaus sehen sich 11,3 % aller befragten Sportvereine explizit von der demografischen Entwicklung in ihrer Region bedroht (ebd., S.21). Im bundesdeutschen Vergleich (4,9 %) zeigt sich, dass es sich hierbei um eine „landesspezifische Problemlage“ handelt (ebd.).

Die Sportstättensituation hat sich für die Brandenburger Vereine seit dem Sportentwicklungsbericht 2009 deutlich verschlechtert. So sank der Anteil der Vereine mit Besitz einer eigenen Sportanlage von 45 auf 36 % (vgl. Breuer & Wicker, 2011; Breuer & Feiler, 2012b). Im selben Zeitraum erhöhte sich der Anteil der Vereine, die für die Nutzung von kommunalen Sportstätten Gebühren zahlen müssen um 22 %.

Der Entwicklungsbericht des DOSB (Breuer & Wicker, 2011) gibt Aufschluss darüber, wie hoch der Anteil der deutschen Sportvereine ist, die mit Schulen zusammenarbeiten. Bei der gemeinsamen Angebotserstellung kooperieren demnach 27,3 % der deutschen Sportvereine mit mindestens einer Schule. Das Land Brandenburg nimmt in diesem Vergleich mit 38 % eine erfreuliche Spitzenposition ein. Lediglich Hamburg (40,6 %) weist einen höheren Anteil auf. Allerdings wurde in dieser Befragung bereits die gemeinsame Nutzung einer kommunalen Sportstätte als Kooperation gezählt. Auch bei den Kooperationen mit Ganztagsschulen liegt Brandenburg auf den vorderen Plätzen. Seit dem letzten Sportentwicklungsbericht hat sich dieser Anteil sogar noch einmal von 20,6 % hat sich dieser Anteil sogar auf 25,9 % erhöht (vgl. ebd., Breuer & Feiler, 2012b). Anders als in anderen Bundesländern genießt die Ganztagsschule in Brandenburg ein relativ hohes Ansehen. Rund die Hälfte aller Sportvereine gibt an, die Ganztagsschule eher als eine Chance als eine Gefahr zu sehen (ebd.).

[...]


1 Zu Gunsten der einfacheren Lesbarkeit wird sowohl für die männliche als auch die weibliche Form jeweils die männliche Form verwendet.

Ende der Leseprobe aus 93 Seiten

Details

Titel
Kooperationen zwischen Ganztagsschulen und Sportvereinen im Land Brandenburg
Untertitel
Eine Auswertung empirischer Untersuchungen von 2009 bis 2011
Hochschule
Universität Potsdam  (Humanwissenschaftliche Fakultät, Department für Gesundheits- und Sportwissenschaften, Professur für Sportdidaktik)
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
93
Katalognummer
V294768
ISBN (eBook)
9783656925606
ISBN (Buch)
9783656925613
Dateigröße
1217 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ganztagsschule, Sportvereine, Kooperationsqualität, Gelingensbedingungen, Vereinsbefragung
Arbeit zitieren
Florian Lau (Autor), 2013, Kooperationen zwischen Ganztagsschulen und Sportvereinen im Land Brandenburg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/294768

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