Nicht selten kommen soziologische Theoretiker/innen in ihren Betrachtungen zu dem Schluss, dass der Kapitalismus als Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung der freien Entfaltung menschlicher Individualität im Wege steht. Ebenso attestieren verschiedene Soziolog/innen der kapitalistischen Gesellschaft eine durchgehende Irrationalität in ihren Abläufen.
Die Schlüsse in Bezug auf die Aufgaben soziologischer Theorie, die aus diesen Betrachtungen gezogen werden, sind dabei allerdings äußerst verschieden. Die Frage danach, ob Soziologie die irrationalen Momente kapitalistischer Vergesellschaftung kritisieren soll oder sich lediglich auf deren Analyse und die Beobachtung in der Gesellschaft stattfindender Kritik beschränken soll, wird sehr verschieden beantwortet. Während einige Vertreter/innen des Faches unter Bezugnahme auf die geschichtliche Entwicklung der Soziologie darauf verweisen, dass sie seit jeher einen kritischen Anspruch verfolgte, verweisen gleichzeitig die Verfechter/innen der "Soziologie der Kritik" auf die mangelnden Wertneutralität kritischer Soziologie.
In der vorliegenden Arbeit werde ich mich mit der Rolle der Kritik im Werk Luc Boltanskis und Eve Chiapellos beschäftigen. Hierbei ist speziell ihre Auffassung über den Einfluss der Kritik auf die Dynamik der Veränderung des Kapitalismus interessant. Boltanksi und Chiapello vertreten die These, dass der Kapitalismus auf Kritik angewiesen ist. Um die Wechselwirkung zwischen den beiden Begriffen erklären zu können, führen die Autor/innen den Begriff des "Geist des Kapitalismus" in ihrem Werk ein.
Im Folgenden werde ich versuchen, das Modell des sozialen Wandels zu rekonstruieren. Hierzu werde ich mich zunächst den drei Schlüsselbegriffen des Werkes - Kapitalismus, Geist des Kapitalismus und Kritik - widmen. Es soll jeweils darum gehen, die Begriffe zu definieren und ihre Bedeutung für die Theorie zu erläutern. Anschließend werde ich versuchen die Begriffe in ein Verhältnis zu setzen und ihre gegenseitigen Wechselwirkungen zu erläutern.
Abschließend ist noch die Frage zu klären, ob sich der Theorieansatz, den Boltanski und Chiapello entwerfen, der kritischen Soziologie zuordnen lässt, oder ob sich die Autor_innen eher der Soziologie der Kritik verschreiben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Modell des sozialen Wandels
2.1 Kapitalismus
2.2 Geist des Kapitalismus
2.3 Kritik
3. Das Verhältnis von Kapitalismus und Kritik
3.1 Die Wirkung der Kritik auf den Geist des Kapitalismus
3.2 Die Wirkung der Kritik auf den Wettbewerb
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit rekonstruiert das Modell des sozialen Wandels von Luc Boltanski und Eve Chiapello, um die dynamische Wechselwirkung zwischen Kapitalismus und gesellschaftlicher Kritik zu untersuchen. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie der „Geist des Kapitalismus“ als vermittelndes Element fungiert und ob der Theorieansatz eher der kritischen Soziologie oder der Soziologie der Kritik zuzuordnen ist.
- Analyse der Schlüsselbegriffe Kapitalismus, Geist des Kapitalismus und Kritik
- Untersuchung der Rolle der Kritik als Motor für den Wandel kapitalistischer Strukturen
- Differenzierung zwischen Künstlerkritik und Sozialkritik als Reaktionsformen
- Diskussion über die Vereinnahmung von Kritik durch den Kapitalismus
Auszug aus dem Buch
2.1 Kapitalismus
Nach Boltanksi und Chiapello kennzeichnen den Kapitalismus im Kern drei Merkmale, mit denen eine Minimaldefinition des Begriffes möglich ist.
Das erste dieser Merkmale ist der unbegrenzte Prozess der Kapitalakkumulation. Seine Besonderheit besteht darin, dass die gesellschaftlichen Akteur/innen vorhandenes Kapital mit dem Ziel der Maximierung des Profits immer wieder neu investieren. Das Kapital selbst wird dabei zu einem abstrakten Gegenstand, da es von materiellen Erscheinungsformen gänzlich losgelöst ist. Diese Abstraktion wiederum sorgt dafür, dass der Kreislauf der Akkumulation sich verselbstständigt. Das bedeutet, dass die Reinvestition des Kapitals keinem speziellen Zweck mehr dient, sondern lediglich einem Selbstzweck gerecht wird. Der Prozess der Investition und Reinvestition ist unstillbar. Da es sich um einen Kreislauf handelt, der auf kein spezielles Ziel hinarbeitet, bleibt er ständig im Fluss und kommt niemals zum Stillstand.
Ein weiterer Grund für die Unstillbarkeit des Prozesses ist die Anwesenheit anderer (konkurrierender) kapitalistischer Einheiten. Die Akteur/innen sind also ständig motiviert, ihr Kapital im Prozess der Akkumulation zu halten. Dieser Zustand ständiger Unruhe stellt einen wichtigen Antrieb des Akkumulationsprozesses dar, zugleich ist sie das zweite entscheidende Merkmal des Kapitalismus. Boltanksi und Chiapello bezeichnen diesen Zustand ständige Konkurrenz als Wettbewerb.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die soziologische Debatte um die Rolle der Kritik im Kapitalismus ein und definiert das Ziel, das Modell von Boltanski und Chiapello zu rekonstruieren.
2. Das Modell des sozialen Wandels: Dieses Kapitel erläutert die drei zentralen Begriffe Kapitalismus, Geist des Kapitalismus und Kritik, die als theoretisches Fundament für das Modell dienen.
3. Das Verhältnis von Kapitalismus und Kritik: Hier wird analysiert, wie Kritik als Motor für den Wandel des Kapitalismus wirkt und welche Auswirkungen dies auf den Geist des Kapitalismus sowie den Wettbewerb hat.
4. Fazit: Das Kapitel fasst die Ergebnisse zusammen und ordnet den Ansatz von Boltanski und Chiapello kritisch der Soziologie der Kritik zu.
Schlüsselwörter
Kapitalismus, Geist des Kapitalismus, Kritik, Kapitalakkumulation, Wettbewerb, Lohnarbeit, Sozialkritik, Künstlerkritik, Soziologie, Rechtfertigung, sozialer Wandel, Authentizität, Unterdrückung, Normativität, Arbeiterschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem theoretischen Modell von Luc Boltanski und Eve Chiapello zur Dynamik des Kapitalismus und der gesellschaftlichen Kritik.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen sind die Struktur des Kapitalismus, der vermittelnde „Geist des Kapitalismus“ sowie die unterschiedlichen Stoßrichtungen von Kritik.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist die Rekonstruktion des Modells sozialen Wandels bei Boltanski und Chiapello und die Beantwortung der Frage, wie diese Autoren die Rolle der Kritik im Wandel des Kapitalismus bewerten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine theoretische Rekonstruktion und Analyse der zentralen soziologischen Begriffe anhand der Primärliteratur von Boltanski und Chiapello.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der Definition der Schlüsselbegriffe (Kapitalismus, Geist, Kritik) und untersucht deren wechselseitige Beeinflussung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Kapitalakkumulation, Wettbewerb, Rechtfertigung, Künstlerkritik und Sozialkritik.
Wie unterscheiden die Autoren zwischen zwei Arten von Kritik?
Boltanski und Chiapello differenzieren zwischen der Künstlerkritik, die Authentizität einfordert, und der Sozialkritik, welche soziale Gerechtigkeit und das Einhalten von Versprechen einmahnt.
Welche Rolle spielt der „Geist des Kapitalismus“ bei der Rechtfertigung?
Er dient als ideologische Vermittlungsinstanz, die es ermöglicht, die Teilnahme am kapitalistischen System trotz dessen inhärenter Widersprüche und Absurdität zu rechtfertigen.
Warum wird der Kapitalismus als auf Kritik angewiesen beschrieben?
Weil die Kritik dem Kapitalismus neue Normen und Rechtfertigungsgründe liefert, die er aus sich selbst heraus nicht generieren kann, wodurch er anpassungsfähiger und robuster wird.
Kann Kritik das kapitalistische System laut der Autoren stürzen?
Die Autoren billigen der Kritik primär eine verändernde Rolle zu, sehen sie jedoch tendenziell durch ihre Vereinnahmung im „Geist des Kapitalismus“ als nicht in der Lage, das System grundlegend zu überwinden.
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2011, Der neue Geist des Kapitalismus und die Rolle der Kritik bei Boltanski und Chiapello, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/294819