Intertextualität in Umberto Ecos Roman "Der Name der Rose" am Beispiel des Hohelieds


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

19 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Intertextualität
2.1 Von den Anfängen der Intertextualität bis heute (nach Pfister)
2.2 Neuere Strömungen der Intertextualität
2.3 Intertextualität in Umberto Ecos „Der Name der Rose“

3. Text und Prätext
3.1 Der Text: Der Name der Rose, „Dritter Tag, nach Komplet“
3.2 Der Prätext: Das Hohelied

4. Interpretation: Intertextualität im Kapitel „3.Tag, nach Komplet“ die Liebesszene am Beispiel des Hohelieds

5. Bibliografie:

6. Anhang

1. Einleitung

Umberto Ecos Roman „Der Name der Rose“ ist das, was man einen Welterfolg nennt. Das 1980 erschienene „Il nome della rosa“ wurde in die Sprachen der Welt übersetzt und millionenfach verkauft. Natürlich wurde das in der Tradition des historischen Kriminalromans daher kommende Werk kommerziell erfolgreich verfilmt, ein Hörbuch existiert und neuerdings auch ein Brettspiel. Gibt man den Titel bei Google ein, so verzeichnet die Suchmachine in der digitalen Welt 814 Millionen Treffer.

Wie viele dieser Treffer zu einem vertieften Verständnis des äußerst vielschichtigen Romans führen, darüber gibt Google keine Auskunft. Es verstärkt sich eher der Eindruck, den vermutlich jeder hat, der sich die verschiedenen Bedeutungsschichten des Romans erschließen möchte: Durch die Fülle des Textes, unterschiedliche Erzählebenen, zahlreiche Anspielungen und Zitate oder die Mischung historischer und fiktionaler Figuren zum Beispiel ergeben sich solch vielfältige Deutungsmöglichkeiten, dass man sich schnell fühlt, als säße man vor einem riesigen Puzzle, das aus Tausenden von Teilen besteht und dessen fertiges Gesamtbild man noch nicht einmal erahnen kann.

Das Bild vom „Puzzle“ würde sicherlich auch Eco gefallen. Der Schriftsteller selbst sagt, dass nichts in seinem Werk von ihm sei, der ganze Roman bestehe aus einem Puzzle von Zitaten, von denen nicht einmal er selbst noch sagen könne, woher sie genau stammten und wo genau das eine aufhöre und das andere anfange. Natürlich kokettiert der Schriftsteller, Philosoph und Semiotiker hier mit seiner Rolle und seiner angeblichen Unwissenheit. Gleichzeitig aber spricht Eco das Phänomen der Intertextualität an und lädt ein, das Puzzle in Augenschein zu nehmen. Und sofort gerät der interessierte Leser - und im Übrigen auch die Verfasserin dieser Arbeit - in eine Position, die der des jungen Adsons nicht unähnlich ist. Eine neue Welt öffnet sich mit ihren neuen Fragen: Ist es möglich, die einzelnen Anspielungen, Zitate und Anlehnungen aufzuweisen? Tragen diese Erkenntnisse dann zum vertieften Verständnis des Romans bei? Wird man beispielsweise durch eine Untersuchung des Hohelieds des Alten Testaments den Roman besser oder neu verstehen können?

2. Intertextualität

2.1 Von den Anfängen der Intertextualität bis heute (nach Pfister)

Die Bezugnahme der Texte aufeinander, imitatio veterum, gibt es schon seit der Antike. Mit immer mehr Detailtreue zeigen die Rhetorik, die schon früh mit Begriffen wie Imitation und Parodie vertraut war, und später die Poetik die Bezüge zwischen den Texten. Michail Bachtin spielt in den 1920er Jahren eine wichtige Rolle hinsichtlich der ersten Begriffsbildungen, sein theoretisches Konzept ist vor allem durch den Begriff der „Dialogizität“ geprägt. „Sein Ausgangspunkt [ist] […] die Frage nach dem Zusammenhang von Literatur und Gesellschaft und damit auch von Kunst und Verantwortung“[1]. Zur Klärung des Zusammenhanges definiert Bachtin das Begriffspaar „Dialogizität“ und „Monologizität“. Ein Dialog ist also eine „offene Auseinandersetzung divergierender Standpunkte“[2], der Monolog eine „Bekräftigung von Tradition und Autorität“[3]. Als monologisch bezeichnet Bachtin autoritäre und hierarchisch strukturierte Gesellschaften, als dialogisch hingegen eine Gesellschaft, die sich durch eine Vielzahl unterschiedlicher Meinungen, Haltungen und Theorien auszeichnet. In der Sprache muss man demnach zwischen monologischer, vereinfachter Sprache/Rede und der Sprach- und Redevielfalt, wie zum Beispiel Dialekten, unterscheiden. Zur Untersuchung des neuzeitlichen Romans führt Bachtin den Begriff der „Metalinguistik“ ein. Dabei unterscheidet Bachtin grundsätzlich einerseits zwischen dem „Unterschied zwischen Erzählerrede und in diese eingebettete Figurenrede“[4] und andererseits zwischen dem „der zweifachen Gerichtetheit des Worts, auf den Gegenstand der Rede […] und auf das andere Wort: die fremde Rede‘“[5]. Er erklärt seine Theorie des „zweistimmigen Wortes“, in welchem sich das gerichtete Wort (das heißt das des Autors) und das Wort der Figuren überlagern. Für Bachtin ist die Redevielfalt der Romane „ fremde Rede in fremder Sprache[6], das Wort einer solchen Rede ist zweistimmig, weil es gleichzeitig die gebrochene Intention des Autors und die direkte Intention der sprechenden Person ausdrückt. Im Inneren ist das zweistimmige Wort stets dialogisiert, da sich die beiden Stimmen dialogisch aufeinander beziehen. Pfister sieht Bachtins Theorie als „dominant intra textuell, nicht intertextuell“, da sie sich weniger auf einen Verweis eines Textes auf einen vorangegangenen, sondern eher auf den Dialog der Stimmen innerhalb eines einzelnen Textes bezieht.

Ende der 60er Jahre beginnt Julia Kristeva sich mit der Intertextualität zu beschäftigen, akzentuiert Bachtins Theorie um und erweitert sie. „Tout texte se construit comme mosaïque de citations, tout texte est absorption et transformation d’un autre texte. A la place de la notion d’intersubjectivité s’installe celle d’intertextualité, et le langage se lit, au moins, comme double[7]. Ihre Generalisierung auf jeden literarischen Text, geht an Bachtins Differenzierung zwischen monologischen und polylogischen Texten vorbei, gleichzeitig privilegiert sie im Gegensatz zu ihm die literarischen Texte als Spender fremder Rede. Kristevas Generalisierung geht noch einen Schritt weiter: Für sie ist

„letztendlich alles, oder doch zumindest jedes kulturelle System und jede kulturelle Struktur [Text]. […] Bei einer solchen Ausweitung des Textbegriffs ist natürlich kein Text mehr nicht intertextuell, ist Intertextualität kein besonderes Merkmal bestimmter Texte oder Textklassen mehr, sondern mit der Textualität bereits gegeben.“[8]

Der Autor wird bei Kristeva zum bloßen Projektionsraum der Intertextualität, während die Produktivität auf den Text übergeht.

Pfister kritisiert Kristevas Theorie an dieser Stelle in Bezug auf das Verschwinden des individuellen Subjekts und das daraus resultierende Verschwinden der Individualität des Autors. Mit ihrer Theorie lässt Kristeva die Texte sich in einem regressum ad infinitum nur immer wieder auf andere verweisen, da sie alle nur Teil eines texte géneral sind.[9]

Renate Lachmann unterscheidet zwischen dem Begriff der

„Dialogizität als eine[…] generelle Dimension überhaupt (der Text als Bestandteil eines >Universums< miteinander korrispondierender Texte) […] und Dialogizität […] als »den Dialog mit fremden Texten (Intertextualität)«“[10]. Somit wird Intertextualität zum Oberbegriff für jenes mehr oder weniger bewusste Zurückgreifen auf einen oder mehrere Prätexte oder für auf diesen Texten zugrundeliegende Codes. „Es ist dies das Konzept der Intertextualität, das den meisten detaillierten Studien zur Intertextualität zugrundeliegt“[11].

Gérard Genette gliedert den übergreifenden Begriff der Transtextualität in fünf Unterkategorien: Intertextualität, Paratextualität, Metatextualität, Hypertextualität und Architextualität. Wichtig ist hierbei zu erwähnen, dass er die von ihm Transtextualität genannte Intertextualität auf Bezüge zwischen literarischen Texten eingrenzt, wobei diese Texte nicht auf Prätexte beschränkt sind, sondern auch textübergreifende Systeme wie zum Beispiel Gattungen mit einschließen.

In diesem letzten Punkt unterscheidet sich Genette von anderen, die zwischen Intertextualität und Systemreferenz klare Unterscheidungen machen. So zum Beispiel Hempfer oder Kloepfer, die vorschlagen, zunächst einmal Intertextualität nicht mit Kodes überschneiden zu lassen. Pfister stuft diese Dichotomie von Intertextualität und Systemreferenz als problematisch ein, da seiner Meinung nach zwei Kategorien auseinandergerissen werden, die intuitiv zusammengehören. Manfred Pfister schlägt an dieser Stelle vor, „nur dann von Intertextualität zu sprechen, wenn der Bezug zwischen Text und Prätext nicht punktuell bleibt, sondern auf strukturellen Homologien zwischen Text und Prätext beruht“[12]. Somit würden beiläufig-punktuelle Zitate und Anspielungen aus dem Kernbereich rücken, während die Intensität des Grades der Intertextualität zunimmt, je strukturierter die Bezüge zwischen Text und Prätext sind. Die zweite Eingrenzung Pfisters bezieht sich auf die semantische Relation von Text und Prätext. Intertextualität bedeutet für Riffaterre einen Konflikt zwischen Text und Prätext, bei welchem sich Textsyntax und Textgrammatik des fremden Textes niemals nahtlos in den neuen Text einfügen. Auch Riffaterres Konzept beinhaltet letztendlich eine Skalierung von starker bis schwacher Intertextualität.

Die Rolle des Autors und des Rezipienten darf nicht unbeachtet bleiben. Roland Barthes löst das Subjekt auf, indem er erklärt, dass auch der Leser eine Pluralität anderer Texte und unendlicher Kodes sei und somit gelte das Gleiche auch für den Autor, da dieser ja auch immer selbst Leser ist. In dieser poststrukturalistischen Theoriebildung wird die Unterscheidung zwischen Autor, Text und Leser hinfällig. Gleichzeitig wird die Platzierung „der Subjekte und Texte im universalen Intertext“[13] unumgänglich. Belanglos bleiben hierbei die Intentionen des Autors und die Frage, ob dem Rezipienten diejenigen Texte bekannt sind, auf welche sich der Autor bewusst bezieht.

Claes Scharr definiert Intertextualität als eine intertextuelle Anspielung, die intentional und pointiert ist und bei der der Autor vom Leser erwartet, diese Anspielung zu verstehen und sich dem Rezipienten somit eine weitere Sinnebene im Text erschließt. Diese Herangehensweise sucht also nicht nach den Ursprüngen der Texte, sondern versucht, die Bedeutung und Aussage zu erweitern.

Pfister fasst zusammen:

„Unser Überblick über die Entwicklung der Intertextualitätstheorie […] hat gezeigt, dass im Wesentlichen zwei Konzepte miteinander rivalisieren: das globale Modell des Poststrukturalismus, in dem jeder Text als Teil einer universalen Intertexts erscheint, durch den er in allen seinen Aspekten bedingt wird, und prägnanteren strukturalistischen oder hermeneutischen Modellen, in denen der Begriff der Intertextualität auf bewusste, intendierte und markierte Bezüge zwischen einem Text und vorliegenden Texten oder Textgruppen eingeengt wird.“[14]

Der Autor versucht, zwischen den beiden Modellen zu vermitteln, geht von dem weiter gefassten Intertextualitätsbegriff aus und stuft diesen dann nach Intensität des intertextuellen Bezugs ab und differenziert ihn. Hierbei wird zwischen qualitativen und quantitativen Kriterien unterschieden. Unter qualitative Kriterien fallen die Referentialität, die Kommunikativität, die Autoreflexivität, die Strukturalität, die Selektivität und schließlich die Dialogizität. Referentialität meint den Grad des Aktes sprachlicher Bezugnahme. Die Intensität der Intertextualität zwischen zwei Texten ist umso größer, je mehr der eine Text den anderen thematisiert, indem er seine Eigenarten aufzeigt. Die Kommunikativität beinhaltet den „Grad der Bewusstheit des intertextuellen Bezugs beim Autor wie beim Rezipienten, der Intentionalität und der Deutlichkeit der Markierung im Text selbst“[15], die Autoreflexivität ist vorhanden, wenn der Autor selbst über die intertextuelle Bezogenheit seines Textes reflektiert und somit die Intertextualität auch thematisiert. Wenn die Prätexte auf syntagmatischer Ebene in den Text integriert werden, so fällt dies unter die Kategorie der Strukturalität, bei der Selektivität fragt man sich, „wie pointiert ein bestimmtes Element aus einem Prätext als Bezugsfolie ausgewählt und hervorgehoben“[16] wird. Die Dialogizität erhöht schließlich die intertextuelle Intensität, „je stärker der ursprüngliche und der neue Zusammenhang in semantischer und ideologischer Spannung zueinander stehen“[17]. Diese qualitativen Kriterien werden von Pfister noch durch quantitative ergänzt, bei denen die Dichte und Häufigkeit und die Zahl und die Streubreite eine Rolle spielen. Pfister unterstreicht hierbei, dass sein Versuch der Vermittlung zwischen den verschiedenen Modellen nicht auf eine Messung des Grads der Intertextualität abzielt, er soll als „heuristische[s] Konstrukt[…] zur typologischen Differenzierung unterschiedlicher intertextueller Bezüge“[18] verstanden werden.

[...]


[1] Pfister, Manfred, Broich, Ulrich: Intertextualität. Formen, Funktionen, anglistische Fallstudien, Max Niemeyer Verlag, Tübingen, 1985.

[2] Ebd.

[3] Ebd.

[4] Aus „Typen des Prosawortes“ in Pfister: Intertextualität

[5] Ebd.

[6] Aus Bachtin: „Die Ästhetik des Wortes“ in Pfister: Intertextualität

[7] Aus Kristeva: „Sémeiotiké“, in Pfister: Intertextualität

[8] Pfister: Intertextualität

[9] Ich möchte an dieser Stelle weitere Intertextualitätstheorien außen vor lassen, welche von der Intertextualität als eine Eigenschaft von Texten allgemein ausgeht (z.B. von Bloom oder Jenny), die also von dem Standpunkt ausgeht, dass es keine Kommunikation in einem unbeschriebenen Raum gibt. Ich werde diese Theorien auslassen und zu denjenigen kommen, die von Julia Kristeva und Michail Bachtin beeinflusst worden sind und von Intertextualität als eine besondere Eigenschaft ausgehen.

[10] Pfister: Intertextualität

[11] Ebd.

[12] Pfister: Intertextualität

[13] Ebd.

[14] Ebd.

[15] Pfister: Intertextualität

[16] Ebd.

[17] Ebd.

[18] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Intertextualität in Umberto Ecos Roman "Der Name der Rose" am Beispiel des Hohelieds
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Romanisches Seminar)
Note
1,5
Autor
Jahr
2010
Seiten
19
Katalognummer
V294876
ISBN (eBook)
9783656926481
ISBN (Buch)
9783656926498
Dateigröße
755 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sprachwissenschaft, Intertextualität, Italienisch, Umberto Eco, der Name der Rose
Arbeit zitieren
Lisa Husson (Autor), 2010, Intertextualität in Umberto Ecos Roman "Der Name der Rose" am Beispiel des Hohelieds, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/294876

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