Ein therapeutischer Schreibversuch: Anna Seghers "Der Ausflug der toten Mädchen"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002
18 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Rahmen- und Binnengeschichte
2. 1 Mexiko in der Rahmengeschichte
2. 2 Übergang in die Jugendzeit

3. Schicksale von Nettys Klassenkameradinnen
3. 1 Beispielhaftes Schicksal Mariannes
3. 2 Individuelle deutsche Schuld

4. Autobiographische Aspekte

5. Resümee

6. Literaturverzeichnis

Ein therapeutischer Schreibversuch:

Anna Seghers

„Der Ausflug der toten Mädchen“

1. Einleitung

Im Juni 1943 kündigt die Schriftstellerin Anna Seghers, die als einzige Tochter eines jüdischen Antiquitätenhändlers am 19. November 1900 in Mainz geboren wurde, in einem Brief an Wieland Herzfelde „etwas ganz Neues, Unvorhergesehenes“[1] an. Die sich im mexikanischen Exil befindende und damit vor der Verfolgung in der Heimat flüchtende Seghers deutete mit diesem Ausspruch auf ihre geplante Erzählung „Der Ausflug der toten Mädchen“ hin, die allerdings erst 1946 in New York veröffentlich werden sollte. Ein Unfall, in Folge dessen die Autorin für mehrere Wochen zwischen Leben und Tod schwankte[2], unterbrach für einige Zeit ihr Arbeiten an dem Werk.

„Der Ausflug der toten Mädchen“ gehört heute auch wegen des für Seghers ungewöhnlichen autobiographischen Ansatzes zu den wohl meist beachteten und den am häufigsten interpretierten Geschichten. Es ist das einzige Werk, in dem sich Seghers gönnt, von sich selbst, ihrer Familie und ihrem Umfeld zu sprechen.

Die Ich-Erzählerin unternimmt in der Mittagsglut einen Ausflug in den mexikanischen Bergen. In einem Zustand von Müdigkeit verwandelt sich die kahle Gebirgswelt in eine üppige Rheinlandschaft und es überwältigt sie eine Kindheitserinnerung: die Dampferfahrt ihrer Schulklasse zu einem Ausflugsort bei Mainz kurz vor dem ersten Weltkrieg. Die Ich-Erzählerin ist mit ihren Freundinnen Marianne und Leni an der Schaukel, später mit den anderen Mitschülerinnen und den Lehrerinnen an der Kaffeetafel. Des Weiteren erlebt sie die Begegnung mit einer Jungenklasse und deren Lehrern, anschließend die Heimfahrt und den Gang durch Mainz nach Hause. Das Traumbild verschwindet erst, als sie in die eigene Wohnung eilen will.[3]

In der folgenden Arbeit soll nun versucht werden, die strukturelle Einteilung des Werkes in eine Rahmen- und Binnengeschichte aufzuzeigen und zu beleuchten. Des Weiteren soll die gewählte Überschrift „Ein therapeutischer Schreibversuch“ sowohl anhand der beispielhaften Charaktere der Marianne auf eine deutsche Schuld an den Vorkommnissen des Dritten Reiches bezogen werden als auch in einem abschließenden Teil unter Berücksichtigung des autobiographischen Bezuges auf das Leben der Autorin.

2. Rahmen- und Binnengeschichte

Im „Der Ausflug der toten Mädchen“ benutzt Seghers eine wohl durchdachte Erzähltechnik. Die Ausgangssituation der Erzählerin und damit die Erzählgegenwart ist das mexikanische Exil, in dem sich die Hauptfigur während des Zweiten Weltkrieges befindet:

„Mir kam es plötzlich genauso phantastisch wie ihm vor, daß ich aus Europa nach Mexiko verschlagen war.“[4]

Damit bildet die Aktualität des mexikanischen Exils den offenen Rahmen um eine chronikhafte Binnengeschichte über einen Schulausflug vor dem Ersten Weltkrieg, den die Erzählerin allerdings mit ihrem Wissen über das spätere Geschick der Beteiligten verbindet.[5]

2. 1 Mexiko in der Rahmengeschichte

In der Rahmengeschichte der Novelle stellt Seghers in der Ich-Erzählform ihre persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse mit dem Land und der Kultur Mexikos dar. Es wird deutlich, dass Seghers Mexiko nicht freiwillig als Exilland gewählt hat:

„Um Rettung genannt zu werden, dafür war die Zuflucht in diesem Land zu fragwürdig und zu ungewiss.“[6]

Auch wird auf den schon erwähnten Unfall Seghers und den folgenden langen Genesungsprozess explizit verwiesen („Ich hatte Monate Krankheit gerade hinter mir,...“[7] ). Die durch Müdigkeit geprägte Netty, welchen Namen die Ich-Erzählerin bezeichnenderweise trägt, hat jeglichen Unternehmungsgeist verloren. Sie konstatiert selbst:

„Es gab nur noch eine einzige Unternehmung, die mich anspornen konnte: die Heimfahrt.“[8]

Neben den Verweisen auf den körperlichen Zustand und die persönliche Stimmung der Protagonistin bekommt der Leser auch ein von der Ich-Erzählerin subjektiv gefärbtes Bild der mexikanischen Landschaft nahegebracht. Die durch Öde und Hitze charakterisierte Landschaft wird als „kahl und wild wie ein Mondgebirge“[9] beschrieben. Des Weiteren teilt die Erzählerin mit, dass das Dorf, wo sie sich befindet, festungsartig von Kakteen umgeben ist.[10]

Auch der Kontakt zu dem Wirt, der einzige, den Netty zu einem Einwohner Mexikos hat, fällt nicht positiv aus. War der Wirt, der immer fort bewegungslos ins Nichts starrte, bei ihrem ersten Zusammentreffen noch von ihrer europäischen Herkunft überrascht, so war das bei ihrer Rückkehr vom Spaziergang schon anders:

„Mein Wirt machte keine Bewegung,..., ich war es nicht wert, ich war schon in die gewöhnlichen Sinneseindrücke eingereiht.“[11]

Allgemein vermittelt die Rahmengeschichte im Gegensatz zu anderen Quellen („Die Zeit, die ich in Mexiko verbrachte, gehört zu den schönsten und wichtigsten Abschnitten meines Lebens. Das Land, seine Menschen und Landschaften werden mir immer nahe stehen.“[12] ) den Eindruck, dass die Ich-Erzählerin sich in Mexiko nicht wohl fühlte. Selbst das schlagartige Dunkelwerden in dieser Gegend ist ihr fremd.[13]

2. 2 Übergang in die Jugendzeit

Der Übergang der Rahmenhandlung in die folgende fast surrealistisch anmutende Bilderfolge von Einzelschicksalen ist bei der Ich-Erzählerin neben der flimmernden Luft und ihrer noch krankheitsbedingten Schwäche gekennzeichnet durch einen zwischen Traum und Bewusstsein gleitenden Zustand.[14] Schrittweise wechselt die Protagonistin von der mexikanischen Gegenwart in die Vergangenheit.

„Das Rancho lag, wie die Berge selbst, in flimmrigem Dunst, von dem ich nicht wußte, ob er aus Sonnenstaub bestand oder aus eigener Müdigkeit, die alles vernebelte, so daß die Nähe entwich und die Ferne sich klärte wie eine Fata Morgana.“[15]

Nettys Erinnerungen an einen Schulausflug in ihrer Heimat am Rhein sind geweckt. Die inneren Bilder sind noch derart präsent, dass sie gleichsam in der äußeren Realität Gestalt annehmen. Das wahrgenommene Bild wird immer deutlicher, auch die Müdigkeit der Erzählerin weicht langsam. Zuerst meint sie, ein Wappen wiederzuerkennen („Die Reste des Wappen kamen mir bekannt vor,...“[16] ), dann kommen nach und nach reale Sinneseindrücke hinzu:

„Ich hörte jetzt inwendig zu meinem Erstaunen ein leichtes, regelmäßiges Knarren. ... Ich konnte das Grün im Garten jetzt riechen, ... und ich sah in dem Gebüsch, ..., ein gleichmäßiges Auf und Ab von einer Schaukel...“[17]

[...]


[1] ZEHL ROMERO, CHRISTIANE: Anna Seghers. Eine Biographie 1900 – 1947. Berlin, 2000, S. 433.

[2] vgl. BATT, KURT: Anna Seghers. Versuch über Entwicklung und Werke. Frankfurt, 1980, S. 156.

[3] vgl. NEUGEBAUER, HEINZ: Anna Seghers. Leben und Werk. Berlin, 1978, S. 110.

[4] SEGHERS, ANNA: Ausgewählte Erzählungen. Berlin, 1964, S. 90.

[5] vgl. Kindlers Literatur Lexikon im dtv. Band 4. München, 1974, S. 1270.

[6] SEGHERS, ANNA: Ausgewählte Erzählungen. S. 90.

[7] ebd.

[8] ebd. S. 91.

[9] ebd. S. 90.

[10] vgl. SANDOVAL, JOSEFINA: Mexiko in Anna Seghers` Leben und Werk 1940 – 1947. Berlin, 2001, S. 139.

[11] SEGHERS, ANNA: Ausgewählte Erzählungen. S. 111.

[12] ZEHL ROMERO, CHRISTIANE: Anna Seghers. Eine Biographie 1900 – 1947. S. 382.

[13] SEGHERS, ANNA: Ausgewählte Erzählungen. S. 110.

[14] vgl. HILZINGER, SONJA: Anna Seghers. Stuttgart, 2000, S. 119.

[15] SEGHERS, ANNA: Ausgewählte Erzählungen. S. 91.

[16] SEGHERS, ANNA: Ausgewählte Erzählungen. S. 91.

[17] ebd.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Ein therapeutischer Schreibversuch: Anna Seghers "Der Ausflug der toten Mädchen"
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Veranstaltung
HS Anna Seghers: Romane und kleine Prosa
Note
1,7
Autor
Jahr
2002
Seiten
18
Katalognummer
V29496
ISBN (eBook)
9783638309899
Dateigröße
441 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schreibversuch, Anna, Seghers, Ausflug, Mädchen, Romane, Prosa
Arbeit zitieren
Daniel Schneider (Autor), 2002, Ein therapeutischer Schreibversuch: Anna Seghers "Der Ausflug der toten Mädchen", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/29496

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