Empirische Bildungsforschung. Aufstieg im Bildungswesen

Der Weg eines jungen Mannes aus schwierigen familiären Verhältnissen und einem sozial benachteiligten Stadtteil


Hausarbeit, 2013
49 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretischer Teil
2.1 Darstellung des Theorierahmens der Arbeit
2.2 Forschungsstand
2.3 Forschungsdesign und Methodenwahl
2.3.1 Forschungsfrage
2.3.2 Hypothesen

3 Empirischer Teil
3.1 Das narrative Interview
3.2 Feldzugang
3.3 Narrative Auswertung nach Schütze

4 Datenauswertung
4.1 Formale Textanalyse
4.2 Strukturelle inhaltliche Beschreibung
4.3 Analytische Abstraktion
4.4 Wissensanalyse

5 Interpretation der Ergebnisse
5.1 Modifizierung der Hypothesen
5.2 Beantwortung der Forschungsfrage

6 Fazit

ll. Literaturverzeichnis

lll. Anhang

lV. Datenerhebung

V. Transkriptionsregeln

Vl. Transkript

Vll. Datenauswertung

1. Einleitung

"Man kann einen Menschen nichts lehren, man kann ihm nur helfen, es in sich selbst zu entdecken." (Galileo Galilei)

In Deutschland verlassen jährlich mehr als 50.000 junge Erwachsene die Schule ohne einen Hauptschulabschluss und mehr als 1,5 Mio. Menschen zwischen 25 und 34 Jahren gelingt es nicht, einen Ausbildungsabschluss zu erwerben. (vgl. Bertelsmann 2012, S. 7) Das Problem lässt sich in vielen Fällen auf eine fehlende Chancengleichheit zurückführen. Ob jemand in der Schule erfolgreich ist, hängt oft vom jeweiligen familiären Hintergrund ab. (ebenda, S. 195) Bedeutet Armut demzufolge ein erhöhtes Bildungsrisiko für Kinder und Jugendliche?

Man spricht von primären und sekundären Effekten der sozialen Herkunft, welche die Bildungschancen beeinflussen. Kinder aus höheren sozialen Schichten werden durch gezielte Förderung, Erziehung und Ausstattung besser auf die Ansprüche der Schule vorbereitet als Arbeiterkinder und können somit bessere Schulleistun- gen verbuchen. Zum anderen werden die Bildungsentscheidungen häufig abhängig von den ökonomischen Ressourcen der Familien gefällt, weshalb Kinder aus Ar- beiter- oder Erwerbslosenfamilien seltener eine weiterführende Schule besuchen. (vgl. Becker, Lauterbach 2010, S. 16) Selbst die wenigen Jugendlichen, die trotz ihrer sozialen Benachteiligung eine Hochschulberechtigung erlangen, nehmen sel- tener ein Studium auf. Auch ein Zusammenhang zwischen Studienabbruch und sozialer Herkunft lässt sich in vielen Fällen erkennen. (vgl. El-Mafaalani, S. 33)

Dennoch gibt es einige Jugendliche die diese ungleichen Chancen überwinden und denen ein Aufstieg von “unten nach oben“ in der Sozialstruktur gelingt. Mit einem jungen Mann, der diesen Fortschritt geschafft hat, wurde für diese Hausarbeit ein narratives Interview geführt und ausgewertet. Dazu wurden zunächst drei Hypo- thesen sowie die Forschungsfrage gebildet, an der sich das Interview orientiert. Um aufzuzeigen warum Bildungsaufsteiger einen erschwerten Weg vor sich ha- ben, wurde für den theoretischen Rahmen die Kapitaltheorie von Pierre Bourdieu gewählt, die anschaulich vermitteln soll, wie die soziale Herkunft den Menschen beeinflusst. Das narrative Interview wurde mit einem jungen Mann geführt, der aus einem familiär benachteiligten Haushalt stammt und in einem sozial schwachen Stadtteil Berlins aufgewachsen ist. Die Auswertung wurde nach dem Verfahren von Schütze durchgeführt.

2. Theoretischer Teil

2.1 Darstellung des Theorierahmens der Arbeit

Die Kapitaltheorie von Pierre Bourdieu stellt das theoretische Grundgerüst dieser Hausarbeit dar und verdeutlicht, dass die Herkunft eines Menschen die Bildungs- chancen beeinflussen kann. Die genannte Theorie zeigt zudem auf, warum eine sozialstrukturelle Mobilität von „unten“ nach „oben“ ungewöhnlich ist. Bourdieu vertritt die These, dass der soziale Raum das Denken, Beurteilen und Wahrnehmen nachhaltig beeinflusst und somit ein ressourcenabhängiger Habitus gebildet wird. Die Ausprägung der verschiedenen Habitusformen äußert sich in klassenspezifischen Haltungen der Menschen wie z.B. Einstellung zur Bildung, Sprachgebrauch oder politischer Bildung. (vgl. Jünger 2008, S.68) Die von Bour- dieu entwickelten Kapitalsorten stellen den Ausgangspunkt individueller Entfal- tung dar, die den sozialen Raum strukturieren, in dem sich die Person bewegt. (vgl. El-Mafaalani 2011, S. 69)

Bourdieu unterscheidet zwischen folgenden Kapitalarten:

Das ökonomische Kapital: bezeichnet materiellen Besitz und wird hauptsächlich durch Erwerbsarbeit angeeignet. Es kann direkt in Geld konvertiert werden und andere Kapitalarten können dadurch erlangt werden.

Das kulturelle Kapital: kann durch die Schule oder die Familie erworben werden und gegebenenfalls auch in ökonomisches Kapital umgewandelt werden. Es gibt drei Formen des kulturellen Kapitals:

Das inkorporierte Kapital: in Form von Bildung, was eigene Arbeit und Zeit bean- sprucht.

Das objektivierte Kapital: bestehend aus Kulturgütern (z.B. Bücher, Instrumente), die Aneignung kann durch ökonomisches Kapital oder Vererbung geschehen. Institutionalisiertes Kapital: zeichnet sich durch Bildungsabschlüsse und Qualifi- kationen aus.

Das soziale Kapital: ist eine Ressource, die an Beziehungen gekoppelt ist und die Zugehörigkeit zu einer Gruppe bestimmt. (vgl. Jünger 2008, S. 70)

Die verschiedenen Kapitalsorten lassen sich ineinander umwandeln, um die jewei- lige Position zu erhalten oder zu verbessern. (vgl. El-Malaafi 2011, S. 71) Sie dienen dazu, die soziale Position im sozialen Raum einzunehmen. Diese ein- genommene Position mit seiner spezifischen Sozialstruktur wird in Zusammen- hang mit dem Lebensstil betrachtet. Wie man sich ausdrückt, oder verhält, hängt wesentlich davon ab, in welchem sozialen Raum man sich aufhält. Dadurch lässt sich die Reproduktion sozialer Ungleichheit und die Festigkeit der Sozialstruktur erklären. (ebenda, S. 77) Die familiäre Sozialisation beeinflusst die Entwicklung des Habitus nachhaltig. Alles was in den ersten Lebensphasen erlernt und erlebt wird, stellt für das Kind die gesamte soziale Welt dar. Sie lernen in dieser Zeit die Sprache, Umgangsformen, soziale Werte und gesellschaftliche Normen in der je- weiligen sozialstrukturellen Form. Auch das nähere Umfeld und der Stadtteil prä- gen den Menschen. Man spricht von einem Mesosystem (Verwandschaft, Peers, Schule) in der bestimmte Kapitalausstattungen vorhanden sind, die sich im sozia- len Raum etabliert haben. (ebenda, S. 79) Das Aufwachsen in einem sozialbenach- teiligten Milieu zeugt von Ressourcenknappheit und produziert einen Habitus, der auf Mangel angelegt ist. Durch diese Knappheit kann der Habitus den Lebensweg einschränken und den Zugang zu höheren Milieus verwehren. (ebenda, S. 101)

2.2 Forschungsstand

Was sagt die Literatur über einen Aufstieg von jungen Erwachsenen, die in einem benachteiligten Umfeld aufwachsen, aus? Es gibt eine Reihe an Literatur die sich mit der Chancenungleichheit von Kindern und Jugendlichen auseinandersetzt. Je- doch behandeln nur wenige die Bildungsaufsteiger, sondern orientieren sich bevorzugt an denjenigen, denen ein Aufstieg im Bildungswesen verwehrt bleibt. Die Literatur liefert eine Menge Zahlen, wie viele Kinder und Jugendliche es aus benachteiligtem Haushalt nicht schaffen, einen Abschluss zu erwerben, arbeitslos sind oder Ausbildungen abbrechen. Es wurde lediglich ein Fachbuch gefunden, welches sich mit dem Thema Bildungsaufsteiger aus benachteiligten Milieus auseinandersetzt. Der Autor konzentrierte sich dabei aber hauptsächlich auf Jugendliche mit Migrationshintergund. Die Theorie zu diesem Themenbereich ist daher ausbaufähig und eine vertiefende Ausarbeitung sinnvoll.

2.3 Forschungsdesign und Methodenwahl

Für die vorliegende Arbeit wurde innerhalb der qualitativen Forschung eine Me- thode ausgewählt, die den Anforderungen des Moduls gerecht wird. Die Wahl fiel auf das narrative Verfahren, das die biographisch-lebensgeschichtliche Perspektive eines jungen Mannes in den Mittelpunkt stellt. Die genaue Verfahrensweise des narrativen Interviews sowie deren Auswertung werden im dritten Kapitel be- schrieben. In den folgenden Abschnitten werden die Forschungsfrage sowie die Hypothesen erläutert.

2.3.1 Forschungsfrage

Die gewählte Forschungsfrage ergibt sich aus den Anforderungen des Moduls 2A im Studienfach Bildungswissenschaft und der gewählten Themenstellung. Für das narrative Interview wurde ein junger Mann aus einem sozialen und familiären benachteiligten Haushalt gewählt, der einen Aufstieg im Bildungswesen erlangte. Aufgrund dessen wurde folgende Forschungsfrage gewählt:

„ Inwiefern ist ein Aufstieg im Bildungswesen trotz sozialer und familiärer Benach- teiligung am Beispiel eines jungen Erwachsenen aus bildungsfernem Haushalt möglich? “

2.3.2 Hypothesen

Die Formulierung der Hypothesen dient in der qualitativen sozialwissenschaftli- chen Forschung der Strukturierung des Zugangs sowie der Sensibilisierung des Forschers. Sie haben einen vorläufigen Charakter und können nach dem Prinzip der Offenheit bei Bedarf revidiert werden. Aufgrund der Forschungsfrage und an- hand von ausführlicher Recherche konnten daher die folgenden Hypothesen gebil- det werden:

Hypothese 1 : Es wird angenommen, dass der soziale und familiäre Hintergrund die Bildungschancen beeinflusst.

Hypothese 2 : Es wird angenommen, dass Jugendliche aus einem bildungsfernen Haushalt Schwierigkeiten haben einen guten Abschluss zu erzielen. Hypothese 3: Es wird vermutet, dass Jugendliche trotz sozialer und familiärer Benachteiligung einen Aufstieg im Bildungssystem schaffen können.

3. Empirischer Teil

3.1 Das narrative Interview

Das narrative Interview wurde Ende der 70er Jahre von dem Soziologen Fritz Schütze entwickelt. (vgl. Küster 2009, S. 18) Es ist eine besondere Form des offe- nen Interviews, bei dem der Befragte darum gebeten wird, seine Erlebnisse als Geschichte zu erzählen. Hintergrund dafür sind meist sozialwissenschaftliche, le- bensgeschichtliche oder alltägliche Geschehnisse, die der Erzähler erlebt hat. Die- se Geschichte soll in einer Stegreiferzählung1 wiedergegeben werden und eignet sich hervorragen für die Biographieforschung. Durch die vergangenen Vorstellun- gen wird der Erzähler noch einmal in die damalige Handels- und Leidenssituation versetzt. (vgl. Glinka 2009 S. 9) Die Forschungsfrage qualitativer Sozialforschun- gen wird offen gehalten, um den Gesprächsverlauf nicht einzuschränken und ggf. unbekannte Zusammenhänge entdecken zu können. Die Einstiegsfrage, auch Er- zählstimulus genannt, sollte genau bedacht sein, da damit die Erzählung in Gang gesetzt wird, ohne im Vorfeld den Informanten zu beeinflussen. (vgl. Küster 2009, S. 44)

Der Ablauf des Interviews lässt sich in drei Phasen unterteilen. In der Aushand- lungsphase wird die Rollenverteilung festgelegt und der Forscher räumt dem Er- zähler die völlige Redefreiheit ein, bis er seine Geschichte beendet hat. Zudem wird die Gesprächsthematik festgelegt. Nachdem der Forscher den Erzählstimulus eingeleitet hat, beginnt die Hauptphase des Interviews. Sobald der Erzähler mit seiner Geschichte startet, sind keine weiteren Interventionen des Forschers not- wendig. Der Forscher hört aktiv zu und macht sich ggf. Notizen, die er im Nach- frageteil bearbeiten möchte. Nachdem der Erzähler seine Geschichte mit einer Koda beendet, kann thematisch nachgefragt werden. Dabei sollte man beachten, das Erzählpotential weiter zu fordern. Im idealen Fall sollten Fragen mit narrativer Generierungskraft gestellt werden. Nach Beendigung des Interviews wird die Auf- nahme sehr genau transkribiert. (vgl. Glinka 2009, S. 145)

3.2 Feldzugang

Der Feldzugang ist in der qualitativen Forschung höchst sensibel. Der Kontakt zwischen Interviewer und Befragtem ist wesentlich intensiver als bei einer Frage- bogenbefragung. Dem Befragten fällt es möglicherweise schwer, seine Biographie mit all den Schwierigkeiten einem Fremden offen zu legen. Wenn der Interviewer sich durch die Wahl eines Bekannten einen erleichterten Zugang zum Feld erhofft, können jedoch Erzählhemmungen auftreten oder die Erzählung verliert an Details, da gewisse Phasen als Wissensbestand vorausgesetzt werden. Daher warnen einige Autoren davor, Personen aus dem eigenen Umfeld zu befragen. (vgl. Küster 2009, S. 49)

Für die vorliegende qualitative Forschung wurde ein junger Mann ausgewählt, der in seinen jungen Jahren ein Jugendzentrum besuchte, in dem die Autorin zur Zeit einer sozialpädagogischen Tätigkeit nachgeht. Durch Gespräche mit den älteren Teamkollegen war seine Geschichte bekannt und da er nur noch sporadisch die Einrichtung besucht, bestand kein Zweifel, dass durch eine intensive Beziehung die qualitative Forschung beeinträchtigt werden könnte. Daher fragte die Autorin ihn während einer der kurzen Besuche im Jugendzentrum, ob Interesse besteht, an einem narrativen Interview im Zuge eines bildungswissenschaftlichen Studiums teilzunehmen. Nachdem ihm der Hintergrund, die Thematik und die Besonderheit des narrativen Interviews geschildert wurde, willigte er ein und es wurde sogleich ein Termin für ein Treffen im Jugendclub vereinbart und das Gespräch auf zwei Stunden festgelegt.

3.3 Auswertungsverfahren nach Schütze

Die Auswertung des Interviews erfolgt mit dem Verfahren nach Schütze. Es stellt eine optimale Kombination mit der Erhebungsmethode dar und wird weitestge- hend empfohlen. Schütze entwickelte ein Auswertungsverfahren, das für die Bio- graphieforschung passend ist. Die Analyse narrativer Interviews teilt sich in sechs Schritte die folgend beschrieben werden (vgl. Küster 2009, S. 77): Bei der formalen Textanalyse werden zunächst alle nicht-narrativen Erzählseg- mente herausgearbeitet, um anschließend den bereinigten Erzähltext in seine for- malen Abschnitte zu unterteilen. Der Erzähltext besteht aus einer Verkettung des Erlebten und kann anhand zeitlicher Zuordnung (dann, danach) erfasst werden. Evaluationen sind mit Bewertungen und Überlegungen gleichzusetzen, wobei Ge- fühle eine große Rolle spielen. Argumentationen können an den Wörtern „weil“ und „deshalb“ erkannt werden und begründen die Aussage. Einzelne Erzählseg- mente sind chronologisch (Kindheit / Jugend / Erwachsen) aufgeteilt, oder inhalt- lich (Familie / Kommilitonen).

Die strukturelle inhaltliche Beschreibung arbeitet mit den zeitlich begrenzten Prozesssrukturen des Lebenslaufs. Es wird nur mit den Narrationen gearbeitet, Evaluationen und Argumentationen werden dabei nicht beachtet. Höhepunktssituationen, Ereignisverstrickungen oder dramatische Wendungen stehen dabei im Fokus. Man unterscheidet zwischen:

Handeln im institutionellen Rahmen: z.B. Schule, Universität.

Biographische Wandlungsprozesse: durch selbstständiges Tun, selbst gesteuert.

Verlaufskurven: Prozess des Erleidens, so genannte kritische Phasen im Lebens- lauf.

Wandlungsphasen: Reflektion und Selbsterkenntnis führen zu einer Änderung des Lebenswandels. Man spricht von einem so genannten „AHA Effekt“. Der dritte Schritt ist die analytische Abstraktion. Dabei werden die Ergebnisse der strukturellen inhaltlichen Beschreibung aller Segmente systematisch miteinan- der in Verbindung gesetzt. Es entsteht eine Zusammenfassung aller strukturell beschriebenen Handlungsweisen und man erhält eine biographische Gesamtfor- mung.

Anschließend folgt die Wissensanalyse, bei der die Argumentationen und Evalua- tionen bearbeitet und mit den Erzählteilen verglichen werden. Durch eine intensive Auseinandersetzung mit der Lebensgeschichte des Befragten, wird eine analyti- sche Geschichte möglich. Es kann eine fundierte Typisierung des Erzählers an- hand seines Erzählten erfolgen. Werden zwei und mehr Interviews durchgeführt, können Kategorien gebildet werden, die weitere Schritte einleiten. Schütze erläu- tert den fünften Analyseschritt Kontrastive Fallvergleiche, und die logische Kon- sequenz schließt mit dem sechsten Analyseschritt der Konstruktion eines theore- tischen Modells ab. Die letzten beiden Schritte werden in dieser Hausarbeit nicht bearbeitet.

4. Datenauswertung

Die präzise Auswertung des Interviews kann der Anlage entnommen werden. Aufgrund der Seitenbeschränkung werden nur beispielhaft einige Erzählsegmente herausgearbeitet.

4.1 Formale Textanalyse

Der Erzähler beginnt mit seiner Geschichte in der Grundschule „also ich hatte die ersten Klasse noch Spaß und dann nicht mehr (--) Grundschule ist dann noch ähm sag ich mal relativ glimpflich verlaufen also mit halbwegs passablen Noten (--) schlimm wurde es dann erst in der Oberschule da ich äh den den Bezirk gewech- selt habe (---)“ (Z. 13-16). Er erzählt, dass es Schwierigkeiten auf der neuen Schu- le gab und es dort anfing, dass er keine Lust mehr auf die Schule hatte. Er schrieb relativ schlechte Noten und begann die Schule nicht mehr zu besuchen. Auch au- ßerhalb der Schule kam er auf die schiefe Bahn, er stahl und wurde in Schlägerei- en verwickelt. „In der Zeit in der ich geschwänzt hatte war ging es auch los bei mir mit (...) körperlichen Auseinandersetzung (...) einfach nur mitm Alkohol völlig betrunken rumprügeln“ (Z. 43). Er versuchte die Realschule zu schaffen, bestand allerdings die Prüfung nicht und verließ dadurch mit einem erweiterten Haupt- schulabschluss die Schule. Nach kurzer Zeit des Nichtstuns fing er eine berufsvor- bereitende Maßnahme vom Arbeitsamt an, die er dann aber letztlich abbrach. Erst auf Druck des Vaters bemühte er sich um eine Ausbildungsstelle. „Im Anschluss darauf hab ich dann wieder 2 Monate nichts gemacht (-) und daaann mein Vaaater (-) die Zügel in die Hand genommen hat und für mich dann sozusagen zum Teil vor die Wahl gestellt hat und er hat gesagt entweder du machst jetzt irgendwas oder (-) fliegst raus“ (Z. 67-69). Der Erzähler bewarb sich für eine überbetriebliche Ausbildung bei EDEKA und erlangte mit erfolgreicher Beendigung zusätzlich seinen Realschulabschluss. Er stellte aber fest, dass diese Arbeit nicht seinen Vor- stellungen entsprach. „Da kam dann der Knackpunkt und da hab ich mir gesagt irgendwie musstee was aus dir machen“ (Z. 99-100). Zu dem Zeitpunkt erlitt der Befragte einen Schicksalsschlag, sein Vater verstarb. Nach kurzer Zeit des Arbei- tens und krank geschrieben seins, beschloss der Befragte sein Abitur nachzuholen. Er fing an zu lernen und die fehlenden Grundlagen nachzuholen. Er bestand sein Abitur mit einem guten Durchschnitt und konnte daraufhin ein Studium zur Wirt- schaftsinformatik beginnen.

4.2 Strukturelle Textanalyse

Handeln im institutionellen Rahmen: Grundschule, dann Schulwechsel auf die Oberschule (erweiterter Hauptschulabschluss). Berufsvorbereitende Maßnahme im Bereich Bau, anschließend eine überbetriebliche Ausbildung bei Edeka (Real- schulabschluss). Daraufhin folgte das Abitur und das Onlinestudium im Bereich Wirtschaftsinformatik.

Verlaufskurven anhand kritischer Lebensereignisse: Schul- und Bezirkswechsel: „schlimm wurde es dann erst in der Oberschule da ich äh den den Bezirk gewechselt habe“ (Z. 16). Der Verlust des Vaters: „und dann hab ich mich (--) ums Abitur beworben (...) zu der Zeit ist mein mein Vater verstorben“ (Z. 102, 104).

Wandlungsphasen oder Wendepunkte: Der Wendepunkt in der Biographie des Befragten geschah während seiner Ausbildung. Nachdem ihm bewusst wurde, dass er nicht sein Leben lang in einem Supermarkt arbeiten wollte, beschloss er sein Abitur zu machen und sich weiter zu bilden. „Und mir ist dann da auch klar ge- worden irgendwie ist das nicht (-) nicht der Sinn und Zweck meines Lebens also ich möchte nicht (-) permanent hier arbeiten (Z. 94) (...) also da kam dann der Knackpunkt (schnell gesprochen) und da hab ich mir gesagt irgendwie musstee was aus dir machen weil (-) also ich bin ehrlich s ging ja auch ums Geld (-) mit dem Geld kann ich nichts anfangen und - den Ausweg hab ich gesehen im Abitur und Studium (-) und dann hab ich mich (--) ums Abitur beworben (-) mm den Platz hab ich dann auch bekommen (Zeile 99 - 103).

Biographische Wandlungsprozesse: Der Befragte steckte während des Abiturs viel Energie in das Lernen und war motiviert einen guten Abschluss zu erzielen, um im Anschluss einen Studienplatz er erhalten. „Bin ich beim Abitur sogar nach der Schule nach Hause gekommen und hab gelernt (--) und meine Hausaufgaben und das (-) hab ich noch nie erlebt (Z. 129) (...) und durchs viele äh viele lernen hab ich auch alles nachgeholt was ich brauchte und dann mitm 2,6er Schnitt des Abitur abgeschlossen (Z. 132) (...) von meiner Seite aus um denen zu zeigen (-) ich kann das, also ich brauch hier niemanden von denen (-) die mich ebend nicht unterstüt- zen wollten“ (Z. 205).

4.3 Analytische Abstraktion

Die Biographie des Erzählers wird davon bestimmt, dass er den anderen zeigen möchte, dass er einen Aufstieg schaffen und erfolgreich sein kann. Am Anfang orientiert sich der Befragte an seinen Freunden, die überwiegend aus sozial schwa- chen Familien stammen und gerät auf die schiefe Bahn. „jaa in der Zeit hab ich dann viel Party gemacht keine (-) keine Aufgabe erledigt und hab bin da auch so- zial technisch ziemlich abgerutscht also ich (-) hab angefangen mit dem Klauen mit Fahrrädern (Z. 32) (...) aber eben mit sozial schwachen, auch Leute die keinen Bock haben äh hab ich ja viel Zeit verbracht (-) und dadurch hab ich mich auch nicht schlimm dabei gefühlt also die haben mich dahin gehend gestärkt nichts zu tun“ (Z. 92) Er lässt sich von seinen Freunden in einen Strudel reißen, besucht nur noch selten die Schule und geht mit einem erweiterten Hauptschulabschluss ab. Auf Druck des Vaters bewirbt er sich dann für eine überbetriebliche Ausbildung, stellt aber schnell fest, dass es nicht das Richtige für ihn ist und ihn nicht glücklich machen wird. Da er die Ausbildung aber gut bestand, kam der Vorschlag von sei- ner Lehrerin das Abitur nachzuholen. „Und durch diesen 2,5er Schnitt hab ich dann den Realschulabschluss einfach so (-) zusätzlich bekommen (--) und meine Lehrerin hat mir dann gesagt jetzt hast n Realschulabschluss jetzt könnteste ja dein Abi nachmachen (-) und studieren was für mich damals (abgehackt gesprochen) überhaupt nicht zur Debatte stand“ (Z. 82-85). Kurz nach Beendigung der Ausbil- dung verstarb der Vater des Befragten, was ein großer Schock war, ihn aber noch mehr dazu ermutigte etwas aus seinem Leben zu machen. „Er ist ja (--) nach der Ausbildung gestorben, hat mir aber (-) fürs Abitur noch Kraft mitgeben. (-) aber ich hab ihm von meinem Vorhaben erzählt (...) und er war so begeistert (...) dass ich (-) Abitur machen (...) und (-) dadurch hat mir das auch äh eben in der Zeit geholfen und hilft auch immer noch (-) also des des joa (--) mein Vater ist die größte Hilfte äh Hilfe“ (Z. 177-182). Während des Abiturs hat der Befragte viel gelernt und sich Unterstützung von seinen Mitschülern geben lassen. Er fing an regelmäßig seine Hausaufgaben zu machen und zu lernen. So erlangte er sein Abi- tur mit einem Schnitt von 2,6.

[...]


1 Stehgreiferzählungen entstehen aus der Situation heraus. Der Erzähler konnte sich auf die Erzähl- thematik weder vorbereiten, noch seine Formulierungen kalkulieren oder schriftlich verfassen.

Ende der Leseprobe aus 49 Seiten

Details

Titel
Empirische Bildungsforschung. Aufstieg im Bildungswesen
Untertitel
Der Weg eines jungen Mannes aus schwierigen familiären Verhältnissen und einem sozial benachteiligten Stadtteil
Hochschule
FernUniversität Hagen
Autor
Jahr
2013
Seiten
49
Katalognummer
V294984
ISBN (eBook)
9783656927877
ISBN (Buch)
9783656927884
Dateigröße
686 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
empirische, bildungsforschung, aufstieg, bildungswesen, mannes, verhältnissen, stadtteil
Arbeit zitieren
Rebecca Winkler (Autor), 2013, Empirische Bildungsforschung. Aufstieg im Bildungswesen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/294984

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