In seinem Erstlingswerk Die Laune des Verliebten hat Johann Wolfgang Goethe mit der Wahl des Schäferspiels dem Zeitalter den ihm gebührenden Zoll gezahlt und sich literarisch an einer zeitlich aktuellen Gattung erprobt. Doch viele Aspekte, in denen Goethe über die Vorgaben des typischen Schäferspiels hinausgeht, deuten an, dass der erst 18-jährige Goethe sich bereits den Fesseln der genormten Literatur entledigen wollte und über den Tellerrand der strikten Normvorgaben des Schäferspiels hinausguckte. Dennoch ist für die Bedeutung von Die Laune des Verliebten innerhalb Goethes Schaffen nicht zu verachten, dass der junge Schriftsteller, dem schließlich der Höhepunkt der Geschichte des deutschen Schäferspiels zugeschrieben wird, sich als begabter Anakreontiker bewährt. Am Ende war es für Goethe aber eine literarische Fingerübung.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Schäferspiel Die Laune des Verliebten
2.1 Die Geschichte der Schäferdichtung
3. Zwischen Rokoko und Empfindsamkeit
3.1 Traditionelle Rokokoform
3.2 Abweichungen Goethes in seinem Schäferspiel von der traditionellen Rokokoform
4. Die Wahl des Schäferspiels
5. Resümee
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht, warum Johann Wolfgang Goethe für sein Erstlingswerk die Gattung des Schäferspiels wählte. Dabei wird analysiert, inwieweit Goethe den traditionellen Gattungsnormen folgt oder diese im Kontext der Empfindsamkeit durchbricht und wie autobiographische Entstehungszusammenhänge die Gestaltung des Werkes beeinflussten.
- Historische Entwicklung der Schäferdichtung
- Konventionen und Normvorgaben des Rokoko-Schäferspiels
- Literarische Abweichungen durch Einflüsse der Empfindsamkeit
- Analyse der Titelfigur Eridon und des Eifersuchtsmotivs
- Untersuchung biographischer Bezüge zur Leipziger Zeit
Auszug aus dem Buch
3. 2 Abweichungen Goethes in seinem Schäferspiel von der traditionellen Rokokoform
Wie bereits der vorangegangene soll auch dieser Abschnitt meiner Arbeit mit einem Zitat Hanna Fischer-Lambergs eingeleitet werden. „Der entscheidende Unterschied liegt in Goethes Fähigkeit zu charakterisieren“, legt die Autorin – vorsichtig ausgedrückt – nahe, in Goethes Stück zumindest ein besonders eigentümliches Beispiel des Schäferspiels der Rokokozeit zu erblicken.
Mit ihrer Äußerung spielt Fischer-Lamberg auf die Titelfigur Eridon an. Denn in dieser Person verstößt Goethe nicht nur einmal „gegen die Norm der gemäßigten Emotionen und das Verbot leidenschaftlicher Affekte“ des üblichen Rokoko-Schäferspiels. So wird Eridon beispielsweise rasend, als Egle ihm mitteilt, dass Amine mit Lamon fort sei, anstatt auf ihn zu warten:
„ERIDON (wirft die Flöte auf die Erde und zerreißt die Lieder).
Verfluchte Untreu.
EGLE Rasest du?
ERIDON Sollt’ ich nicht rasen!
Da reißt die Heuchlerin mit lächelndem Gesicht
Die Kränze von dem Haupt und sagt: Ich tanze nicht!
Verlangt’ ich das? Und – Oh!
(Er stampft mit dem Fuße und wirft die zerrissenen Lieder weg.)“
In deutlicher Missachtung von Gottscheds Gebot der nur sanfteren Empfindungen zeigt also Eridon, dessen Name, allein vom griechischen Eris abgeleitet, Zwietracht oder Streit bedeutet, Schmerz und Verzweiflung. Ein Einbezug innerseelischer Regungen bis hin zum subjektiven Gefühlsüberschwang in die künstlerische Gestaltung, was auf die literarische Strömung der Empfindsamkeit zurückgeht, ist nicht zu verleugnen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Darstellung der Zielsetzung, die Wahl der Gattung des Schäferspiels bei Goethes Erstlingswerk kritisch zu hinterfragen.
2. Das Schäferspiel Die Laune des Verliebten: Einordnung des Werkes in die Literaturgeschichte und Skizzierung der Forschungslage.
2.1 Die Geschichte der Schäferdichtung: Überblick über die historische Entwicklung der Hirtendichtung von Theokrit bis zum 18. Jahrhundert.
3. Zwischen Rokoko und Empfindsamkeit: Reflexion über die Mischung verschiedener literarischer Strömungen im behandelten Werk.
3.1 Traditionelle Rokokoform: Analyse der konventionellen Elemente, denen Goethe in seinem Stück folgt.
3.2 Abweichungen Goethes in seinem Schäferspiel von der traditionellen Rokokoform: Untersuchung der Brüche mit der Gattungstradition, insbesondere durch die Charakterisierung der Figur Eridon.
4. Die Wahl des Schäferspiels: Diskussion der biographischen Hintergründe und der Entstehungszusammenhänge.
5. Resümee: Zusammenfassende Bewertung der Bedeutung des Stücks für Goethes weitere literarische Entwicklung.
Schlüsselwörter
Johann Wolfgang Goethe, Die Laune des Verliebten, Schäferspiel, Rokoko, Empfindsamkeit, Eridon, Eifersucht, Literaturgeschichte, Gattungstradition, Arkadien, Aufklärung, Sturm und Drang, Biographik, Erstlingswerk.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert Johann Wolfgang Goethes Schäferspiel „Die Laune des Verliebten“ und untersucht dessen Einordnung in die literarischen Strömungen der Zeit.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Schwerpunkte liegen auf der Gattung des Schäferspiels, den Einflüssen von Rokoko und Empfindsamkeit sowie der biographischen Verankerung des Textes.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu klären, warum der junge Goethe sich dieser Gattung bediente und inwiefern er durch inhaltliche und formale Abweichungen die Konventionen der Zeit hinterfragte.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die Textbelege mit fachwissenschaftlicher Sekundärliteratur verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Abgrenzung von traditionellen Rokoko-Formen, der psychologischen Charakterisierung der Figuren und den autobiographischen Bezügen zur Leipziger Studienzeit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Schäferspiel, Rokoko, Empfindsamkeit, Eridon, Gattungstradition und autobiographische Stilisierung.
Welche besondere Rolle spielt die Figur Eridon?
Eridon wird als Bruch mit der Rokoko-Tradition interpretiert, da er durch existenzielle Eifersucht und emotionale Enthemmung aus der idealisierten Schäferwelt herausfällt.
Ist der Bezug zu Goethes Leben eindeutig belegbar?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass biographische Bezüge, etwa zu Käthchen Schönkopf, zwar vorhanden sein können, aber eher als Schreibanstoß dienen und vorsichtig interpretiert werden müssen.
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- Daniel Schneider (Author), 2004, Zu: Johann Wolfgang Goethes 'Die Laune des Verliebten'. Eine literarische Fingerübung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/29499