Beschreibungen des Unglücks. Zum Werk W.G. Sebalds


Essay, 2015

15 Seiten


Leseprobe

Inhalt

I

II

III

IV

V

VI

VII

VIII

Primärliteratur

Sekundärliteratur zu W.G. Sebald

Weitere zitierte Literatur

I

Manchen deutschsprachigen Autoren misst die Auslandsgermanistik eine viel höhere Bedeutung zu als ihre muttersprachliche Leserschaft. Uwe Johnson etwa gilt an einigen germanistischen Instituten ausländischer Universitäten als maßgeblicher deutscher Autor des zwanzigsten Jahrhunderts. Hierzulande wird er eher von Kennern gelesen, an Schulen wird man seine Bücher kaum finden, und an Universitäten stehen sie tendenziell in der zweiten Reihe. Ähnlich verhält es sich mit W.G. Sebald, der zumal in der anglophonen Germanistik als herausragender Autor der jüngsten Vergangenheit diskutiert wird, in Deutschland aber fast noch ein Geheimtipp ist.

Sebald, Jahrgang 1944 und gebürtig aus dem Allgäu, lebte seit 1966 bis auf eine kleine Unterbrechung in England und lehrte dort Literaturwissenschaft. Im Advent 2001 verunglückte er tödlich, nachdem er am Steuer seines Autos einen Herzinfarkt erlitten hatte. Neben seiner wissenschaftlichen Beschäftigung mit Literatur war er selber Schriftsteller. Zu Lebzeiten erschienen von ihm fünf Prosawerke, und eine Auswahl seiner literaturtheoretischen Arbeiten liegt heute in drei Bänden vor.

II

Seine beiden Vornamen behagten Sebald nicht, er kürzte sie stets zu Initialen ab. Anscheinend stießen ihn die Anklänge von Deutschtümelei und ihre Verbindung mit einem ins Mythische erhobenen Sendungsbewusstsein ab, die zum Zivilisationsbruch des zwanzigsten Jahrhunderts gehörten: Winfried, im schlechten Sinne romantisierendes neunzehntes Jahrhundert, dazu Georg, miles Dei, den Drachen besiegend, wir gegen die. Wesentliche Themen von Sebalds schriftstellerischer Produktion sind nicht zufällig die Anwesenheit des Vergangenen im Gegenwärtigen, der Zusammenhang von Erinnerung und Sprachlichkeit und die Verstrickung eines jeden Menschen ins Vorfindliche.

Wissenschaftlich beschäftigten ihn besonders solche Autoren, die seinem eigenen Kunstschaffen nahestanden. Texte etwa von Stifter, Schnitzler, Hofmannsthal, Canetti und Bernhard untersucht er unter dem Titel »Die Beschreibung des Unglücks«, der sich leicht als Motto vor sein eigenes Werk stellen lässt. Seine Figuren haben problembeladene Lebensläufe und richten sich allenfalls leidlich in der Welt ein, die ihnen im Grunde fremd und verächtlich bleibt, was einem grundsätzlichen Wohlwollen ihren Mitmenschen gegenüber nicht widerspricht.

Sebalds Arbeiten verbinden Genres wie Reiseerzählung, Biographie und Autobiographie, Memoiren, Geschichtsschreibung und Fiktion, sie sind lyrische Prosa und prosaische Lyrik. Das ergibt keine kompakten Geschichten, wie manche Leser sie sich wünschen, nichts »Festes, Greifbares, wie ein Topf mit zwei Henkeln, zum Anfassen und Daraus-Trinken«[1] (Christa Wolf). Vielmehr wird Erfahrung so thematisiert, dass ihre Beschreibung gängige Muster des Denkens, Redens und Schreibens verschiebt und damit bestenfalls neue Sicht- und Erfahrungsweisen ermöglicht. Dabei sind Sebalds Sprache und Erzählweise so weit nicht nur von aller Gegenwartsliteratur entfernt, dass jene allein schon das Lesen lohnen.

III

Noch vor dem Lesen von Sebalds erzählerischer Prosa fällt die große Anzahl der Abbildungen auf, die in den Text eingestreut sind und mehrere Funktionen erfüllen können. So bildet in »Austerlitz« ein Foto das an die Erdoberfläche tretende Wurzelwerk eines Baumes ab, und der Erzähler parallelisiert das sich darin zeigende, »nach keinem erkennbaren Gesetz entstehende[.] Muster« mit dem Panorama der Stadt Prag, die er gerade betrachtet, wie mit den »krummen Rissen und Sprüngen der vergangenen Zeit« im »Firnis auf einem gemalten Bild«[2]. Die Einheit von natürlicher Welt, daseinsvorsorgender und künstlerischer Produktion wird unter anderem mit solchen assoziativen Entsprechungen dargestellt; ein Thema, das Sebalds Werk im Ganzen durchzieht. Gleichzeitig bildet sich in der Verwendung dieses Fotos ein literaturwissenschaftliches Thema ab, indem auf das Rhizom angespielt wird, ein Modell für Verweiszusammenhänge in Texten, dessen Brauchbarkeit in den 1990er Jahren erprobt wurde. Als Prosaschriftsteller geht Sebald in die entgegengesetzte Richtung und nutzt das als Rhizom Bezeichnete in hoher Dichte in seinen Arbeiten. Seine eigenen Texte sind stark in sich und miteinander wie auch mit den Texten anderer Autoren verflochten. Möchte man jedem Verweisnachgehen, ist diese Prosa durchaus ein Rätselspiel. Sie lässt sich aber auch ohne das ausdrückliche Nachvollziehen jeden Details leicht lesen und erfassen, zumal viele Referenzpunkte als bekannt vorausgesetzt werden können. In »Die Ausgewanderten« verweisen Erwähnungen eines Mandelbaums[3] u.a. auf das Märchen vom Machandelboom der Brüder Grimm, und wenn ein Rattenfänger namens Renfield auftritt, ist natürlich an Dracula und die beiden Nosferatu-Filme zu denken. Solche Anspielungen sind keine beliebigen Gimmicks; sie regen die persönliche Erinnerung der Leser an, das Thema der Erinnerung mit zu entwickeln, sie färben die Stimmungen des Textes und lenken bis zu einem gewissen Grad das Erschließen seiner Bedeutungen.

Das Stilmittel intertextueller Verflechtung wurde natürlich zu allen Zeiten genutzt, vor allem als Verweisen von Texten auf eigene und fremde Texte. Bei Sebald erscheint es aber reflektiert, als grundlegende Erzählmethode und auf weitere Bereiche ausgedehnt. Solche Verflechtungen betreffen Themen und Motive, aber auch Darstellungsmittel wie den sprachlichen Stil und die Verbindung von Bild und Text. Wenn etwa der Erzähler in »Die Ringe des Saturn« über Thomas Browne, einen britischen Gelehrten des 17. Jahrhunderts bemerkt, dessen Sprache sei elegisch wie eine Prozession, erreiche manchmal aber auch eine schwebende Leichtigkeit, dann spricht Sebald damit auch über seinen eigenen Stil.[4]

Die intermediale Text-Bild-Verbindung ergibt den Ikonotext, bei dem Semantik durch die Kopräsenz von Bildern und Texten bestimmt wird. Mithin erweitert Sebald den Textbegriff, wenn Bilder nicht nur als Teil des Textes eine Beziehung zum Text haben, sondern auch anders gelesen werden können, indem sie in Beziehung zu anderen Bildern im selben Text stehen. Als solche »reflexive references« (Joseph Frank) sind in »Die Ausgewanderten« mehrere Bilder von Friedhöfen und Bäumen in Motiv und Komposition aufeinander bezogen, illustriert eine Eiche als dunkle Form über einem Gräberfeld aber auch die »Lagune der Erinnerungslosigkeit«[5] und »die von blinden Flecken durchsetzte Vergangenheit«[6], von denen der Erzähler berichtet. Oder wenn im Text von einem Türmchen berichtet wird, ruft das Foto eines solchen Hölderlin in Erinnerung, von dem zuvor zwei Zeilen dem Kapitel vorangestellt wurden. An anderen Stellen wird das gerade Beschriebene auf einem Foto gezeigt, von dem behauptet wird, der Erzähler habe es selbst bei der erzählten Begebenheit aufgenommen.

Solche Gesten des Dokumentarischen sind natürlich selber Stilmittel des Fiktionalen, auch wenn manche Rezensenten, die es besser wissen sollten, sie für bare Münze nahmen. In der FAZ glaubte man sogar, die Geschichten in »Die Ausgewanderten« beruhten tatsächlich auf Lebensgeschichten vier realer Personen, und die beigefügten Fotos stammten tatsächlich aus den jeweiligen Nachlässen, die dem Autor zur Verfügung gestellt worden seien, wie der Erzähler in diesem Buch behauptet.[7] Trotz einiger realhistorischer Vorbilder sind die Geschichten aber fiktiv, und das Bildmaterial fand Sebald unter anderem auf Flohmärkten. Der Anschein des Authentischen lässt damit gerade den dokumentarischen Charakter von Bildern, Texten und Erinnerung fragwürdig werden. Was ist es, das Fotografien festhalten? Welche Beziehung haben sie zu unseren Vorstellungen von Wirklichkeit und Geschichtlichkeit, von Tatsachen, Gedächtnis und Sprache?

IV

»Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen.« lautet der erste Satz in Christa Wolfs »Kindheitsmuster«, und eben diese Überzeugung trägt Sebalds Erzählungen, in denen eine Beziehung zur Vergangenheit besonders als eine Beziehung zu den Toten und als Geschichte des Unglücks gedacht wird. In »Die Ausgewanderten« beschreibt Sebald diese Beziehung anhand der Lebensgeschichten von vier Überlebenden und Angehörigen von Opfern der Shoa. In diesen Kontexten werden die genannten Stilmittel und ihre Möglichkeiten der Repräsentation unterschiedlich entfaltet. Der Vorgang etwa des Fotografierens wie das Betrachten von Fotografien wird parallelisiert mit dem Gedächtnis, speziell mit der traumatischen Erinnerung. Die Latenz des Traumas, die »Verspätung und Verzögerung«, mit der Max Aurach in diesem Buch die Nachricht vom Tod seiner Eltern »in ihrer nicht zu fassenden Bedeutung nach und nach erst«[8] aufgegangen ist, entspricht der Zeit, die zwischen dem Lichteinfall und dem Erscheinen des Bildes vergeht. Schon Walter Benjamin bemerkte diese Analogie, wenn er darauf hinwies, dass das Schicksal einer Erinnerung nicht von der Dauer des Eindrucks abhängt, sondern von ihren Begleitumständen, wenn etwa die »Dämmerung der Gewohnheit der Platte jahrelang das nötige Licht versagt, bis dieses aus fremden Quellen wie aus entzündetem Magnesiumpulver aufschießt und nun im Bilde einer Momentaufnahme den Raum auf die Platte brennt.«[9]

Durch die Arbeit mit solchen Analogien werden in Sebalds Texten Themen wie das der Erinnerung auf verschiedenen Wegen angegangen. So dienen Fotografien auch als Platzhalter für das, was sprachlich nicht vermittelt werden kann, aber sie erscheinen als ein Ausdruck von Geschichte, der nicht für sich selbst stehen, sondern erst in der erzählenden, kontextualisierenden Vermittlung gewusst und mitgeteilt werden kann. Auch werden die Beziehungen der Lebenden und der Toten zueinander anhand der Fotografie versinnbildlicht, in der das eigene Leben in postumer Perspektive erscheint: »Einmal ums andere, vorwärts und rückwärts durchblätterte ich dieses Album an jenem Nachmittag und habe es seither immer wieder von neuem durchblättert, weil es mir beim Betrachten der darin enthaltenen Bilder tatsächlich schien und nach wie vor scheint, als kehrten die Toten zurück oder als stünden wir im Begriff, einzugehen zu ihnen.«[10]

[...]


[1] Wolf 1980, S. 41.

[2] Sebald 2003, S. 238.

[3] Sebald 1994, S. 236, 260 f, 289.

[4] Vgl. Sebald 1995, S. 28.

[5] Sebald 1994, S. 259.

[6] Sebald 1994, S. 80.

[7] Vgl. Detering 1992.

[8] Sebald 1994, S. 285.

[9] Benjamin 1991, S. 516.

[10] Sebald 1994, S. 68 f.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Beschreibungen des Unglücks. Zum Werk W.G. Sebalds
Autor
Jahr
2015
Seiten
15
Katalognummer
V295111
ISBN (eBook)
9783656928751
ISBN (Buch)
9783656928768
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
beschreibungen, unglücks, werk, sebalds
Arbeit zitieren
Dr. Jan Leichsenring (Autor), 2015, Beschreibungen des Unglücks. Zum Werk W.G. Sebalds, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/295111

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