Zur Diskussion über die Frage der Schuld am Ersten Weltkrieg am Beispiel der Fischer-Kontroverse


Seminararbeit, 2003
17 Seiten, Note: sehr gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Einleitung

2. Der Historiker Fritz Fischer und seine Thesen zur Kriegszielpolitik des Deutschen Kaiserreiches und zur Frage der Schuld am Ersten Weltkrieg

3. Thesen und Einschätzungen anderer Historiker
3.1. Gerhard Ritter
3.2. Ludwig Dehio
3.3. Egmont Zechlin
3.4. Klaus-Dietrich Erdmann
3.5. Wolfgang J. Mommsen

4. Zusammenfassung

5. Schlußwort

6. Quellen- und Literaturverzeichnis
6.1. Quellenverzeichnis
6.2. Literaturverzeichnis

Vorwort

„History is not a web woven with innocent hands.

Among all the causes which degrade and demoralize men,

power ist most constant and the most active.“[1]

1. Einleitung

Der deutsche Historiker Fritz Fischer löste in den Jahren nach 1961 durch seine Publikationen und Vorträge zur Rolle des Deutschen Kaiserreiches bei der Entstehung und Führung des Ersten Weltkrieges die nach ihm benannte Kontroverse aus.

Die Grundaussage seines 1961 entstandenen Hauptwerkes „Griff nach der Weltmacht“ war, daß Deutschland den ersten Weltkrieg nicht nur billigend in Kauf genommen, sondern ihn „vom Zaun gebrochen“ hatte und „nicht hineingeschlittert“ war. Spätestens seit 1911 habe das Deutsche Reich und Kaiser Wilhelm II. den Ersten Weltkrieg herbeigeführt, um endlich zur Weltmacht aufzusteigen.[2]

Auch in seinem 1969 erschienen Werk „Krieg der Illusionen“[3] vertrat er die These, daß der Kriegswunsch den Grundlagen des wilhelminischen Deutschlands entsprang, zum Selbstverständnis der Nation paßte, von Wirtschaft, Parteien und Interessensverbänden gefördert wurde und der Krieg Ziel der deutschen Politik war. Wesentliche Ziele waren nach Fischer die Machtsicherung der herrschenden Schichten durch eine erfolgreiche imperialistische Außenpolitik, die Lösung sozialer Spannungen durch Krieg sowie wirtschaftliche und machtpolitische Zielsetzungen.[4]

In dieser Deutlichkeit und Schärfe hatte sich bis dahin noch kein Geschichtswissenschaftler geäußert. Entsprechend betroffen und heftig waren auch die Reaktionen anderer Historiker, die darin „eine Zumutung für die Zunft sahen“.[5]

Im folgenden sollen F. Fischers Thesen und seine Bewertung der deutschen Kriegsziele im Ersten Weltkrieg, die von ihm aufgedeckten und bewiesenen Motive und Hintergründe und die Einschätzungen und Meinungen weiterer Historiker aufgeführt und dargestellt werden.

2. Der Historiker Fritz Fischer und seine Thesen zur Kriegszielpolitik des Deutschen Kaiserreiches

Die Hauptthese Fischers ist die, daß die Deutschland einen erheblichen Teil an der historischen Verantwortung für den Ausbruch des allgemeinen Krieges trägt und von Beginn des Kriegs eine festgelegte Kriegszielpolitik betrieb.

Fritz Fischer enthüllte 1961 in „Griff nach der Weltmacht“ und in seinen voran veröffentlichten Aufsätzen in wissenschaftlicher Methodik die Kriegszielpolitik des Deutschen Reiches und dessen Verantwortung am Ausbruch des Ersten Weltkrieges.

„Da Deutschland den österreichisch-serbischen Weg gewollt und gedeckt hat und, im Vertrauen auf die deutsche miltärische Überlegenheit, es im Juli 1914 bewußt auf einen Konflikt mit Rußland und Frankreich ankommen ließ, trägt die deutsche Reichsführung den entscheidenden Teil der historischen Verantwortung für den Ausbruch des allgemeinen Krieges.“[6]

Im Vorwort wies Fischer jedoch darauf hin, daß er in diesem Buch die Vorkriegsentwicklung Deutschlands nicht erschöpfend darstellen könne, dies beanspruche ein weiteres Buch.

Als solches legte F. Fischer 1969 „Krieg der Illusionen“ vor. Er führte hier die Grundlagen des Wilhelminischen Deutschlands, die deutsche Politik 1911 - 1914 und den Kriegsausbruch an und erkannte Interessenlagen und Zusammenspiel von Wirtschaft und Politik. Auch stellte er fest, daß die Machtstellung der herrschenden Schichten durch eine erfolgreiche imperialistische Außenpolitik gesichert werden sollte, dabei die verschärften sozialen Spannungen durch einen Krieg lösend und das konservative System bewahrend.[7]

Eine weitere These lautete, daß Kräfte eines neuen völkischen Nationalismus bereits seit 1911 freigesetzt wurden. Diesen gedanklichen Ansatz vertiefte er in seinem Werk „Der erste Weltkrieg und das Deutsche Geschichtsbild“ und fand völkisch-nationalistische Diktion bereits bei den wilhelminischen Politikern und Militärs angelegt und begründet.[8]

Auch wies Fischer darauf hin, daß durch die Flottengesetze von 1898 und 1900 unter Admiral von Tirpitz und durch die Flottennovelle vom Mai 1912 ein Instrument zum Weltmachtstreben geschaffen worden war.[9]

Als besonders prägnant formuliert bezeichnete F. Fischer die Gedanken von Kurt Riezler, den er einen pilosophischen Adlatus von Bethmann-Hollweg nennt:

„Der dreifache Sinn des Krieges sei:

Verteidigung gegen das gegenwärtige Frankreich,

Präventivkrieg gegen das zukünftige Rußland (als solcher zu spät),

Kampf mit England um die Weltherrschaft“.[10]

Zu Bethmann Hollweg als dem ersten deutschen Kriegskanzler wollte Fischer nicht „eine schöne und reife Biographie“[11] liefern, sondern durch das Hineinstellen der Person „in das Geflecht der Kräftelagerung und Machtverhältnisse des preußisch-deutschen Reiches vor dem Krieg und unter den Bedingungen des Krieges“[12] die damaligen Strukturen und Tendenzen sowie die tatsächliche Reichspolitik aufzeigen. Entgegen der vorherrschenden Historikermeinung versuchte Fritz Fischer nachzuweisen, daß die Reichsregierung ein detailliertes Kriegszielprogramm besessen hatte. Dieses findet sich im „Septemberprogramm“ Bethmann Hollwegs wiedergegeben, die Neuordnung Europas unter deutscher Führung: das deutsche Kriegsziel.[13]

Neben der Schwächung Frankreichs und der Angliederung dessen Erzgebiete bis zur Sommemündung sowie Grenzverbesserungen im Elsaß sollte Belgien annektiert werden. Auch „Rußlands Gesicht muß ... gewaltsam wieder nach Osten umgewandt werden“.[14]

Teile von Polen und die Ukraine waren von Rußland abzutrennen, die Einwohner dieser Gebiete auszusiedeln. Im übrigen sollte ein großes deutsches Kolonialreich in Mittelafrika auf Kosten Frankreichs und Belgiens entstehen.

Ein mitteleuropäischer Staatenbund mit Österreich-Ungarn unter deutscher Führung, dem neben den Niederlanden auch die Schweiz, die Skandinavischen Länder, Italien, Bulgarien und Rumänien wie auch die eroberten Gebiete angehören sollten, wurde angestrebt.[15]

Eine Landbrücke nach Kleinasien und Persien sollten hergestellt werden, um in eine Weltmachtstellung neben dem britischen Empire aufzurücken und dieses erforderlichenfalls in Indien und Ägypten bedrohen zu können.[16]

Nach Fischer leitete die deutsche militärische Führung ihre Siegeszuversicht auch gegen eine feindliche Übermacht aus der Doktrin des kurzen Krieges ab, verbunden mit überlegener Strategie und Führung, Ausbildung, Taktik und Bewaffnung und der höheren Moral der Truppe.[17]

Fritz Fischer kam in seinen genannten Werken zur Schlußfolgerung, daß der Erste Weltkrieg ein Hegemonialkrieg war, durch den das Kaiserliche Deutschland in umfassender Weise die geopolitische Landkarte neu ordnen und das Mächteverhältnis im eigenen Sinne verändern wollte.

Obgleich nach Fischer imperialistische Politik auch durch die anderen europäischen Großmächte wie auch durch die USA und Japan gemacht worden sei „steht das Deutsche Reich unter Kaiser Wilhelm II. dar als die am meisten Unruhe stiftende, unzufriedene und ungeduldige Macht“.[18]

[...]


[1] Lord Acton, zitiert nach: Stefan Possony , Zur Bewältigung der Kriegsschuldfrage, Köln und Opladen 1968, S. 335.

[2] Eine Zumutung für die Zunft, in: Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 03.12.99

[3] Vgl. Fritz Fischer, Krieg der Illusionen. Die deutsche Politik von 1911-1914, Düsseldorf 1969, 1978, 1998, S. 12 f.

[4] Vgl. ebd., S. 13

[5] Eine Zumutung für die Zunft, in: Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 03.12.99

[6] Fritz Fischer, Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des Kaiserlichen Deutschland 1914/1918,

Düsseldorf 1961, S. 82.

[7] Vgl. Fritz Fischer, Krieg der Illusionen. Die deutsche Politik von 1911 - 1914, Düsseldorf 1969, 1978, 1998, S. 13.

[8] Vgl. Fritz Fischer, Der Erste Weltkrieg und das Deutsche Geschichtsbild. Beiträge zur Bewältigung eines historischen

Tabus. Düsseldorf 1977, S. 363.

[9] Vgl. ebd., S.257 f.

[10] F. Stern, Bethmann Hollweg und der Krieg, Tübingen 1968, S. 30., zitiert nach: Fritz Fischer, Krieg der Illusionen. Die

deutsche Politik von 1911 - 1914, Düsseldorf 1969, 1978, 1998, S. 783.

[11] Fritz Fischer, Der Erste Weltkrieg und das Deutsche Geschichtsbild. Beiträge zur Bewältigung eines historischen Tabus.

Düsseldorf 1977, S. 228.

[12] Ebd., S. 228.

[13] Fritz Fischer Krieg der Illusionen. Die deutsche Politik von 1911 - 1914, Düsseldorf 1969, 1978, 1998, S. 739 f

[14] Ebd. S. 741.

[15] DZA I, ADV, Nr. 96, Prot. d. Sitzung des Geschäftsführenden Ausschusses v. 28.8.14; vgl. auch: H. Claß, Wider den

Strom, S. 318f. zitiert nach: Fritz Fischer, Krieg der Illusionen. Die deutsche Politik von 1911 - 1914,

Düsseldorf 1969, 1978, 1998, S. 740.

[16] August Thyssen, zitiert nach: Fritz Fischer, Krieg der Illusionen. Die deutsche Politik von 1911 - 1914,

Düsseldorf 1969, 1978, 1998, S. 743.

[17] Vgl. Fritz Fischer, Bündnis der Eliten. Zur Kontinuität der Machtstrukturen in Deutschland 1871-1945,

Düsseldorf 1979, S. 32.

[18] Fritz Fischer, Hitler war kein Betriebsunfall, München 1991, S. 23.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Zur Diskussion über die Frage der Schuld am Ersten Weltkrieg am Beispiel der Fischer-Kontroverse
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Institut für Vergl. Politikwissenschaft und Internationale Beziehungen (II))
Veranstaltung
Politisches System, Geschichte und Sozialstruktur der BRD
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2003
Seiten
17
Katalognummer
V29514
ISBN (eBook)
9783638310031
ISBN (Buch)
9783638839228
Dateigröße
500 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Der Historiker Fritz Fischer und seine Thesen zur Kriegszielpolitik des Deutschen Kaiserreiches und zur Frage der Schuld am Ersten Weltkrieg.
Schlagworte
Diskussion, Frage, Schuld, Ersten, Weltkrieg, Beispiel, Fischer-Kontroverse, Politisches, System, Geschichte, Sozialstruktur
Arbeit zitieren
Dominik Petko (Autor), 2003, Zur Diskussion über die Frage der Schuld am Ersten Weltkrieg am Beispiel der Fischer-Kontroverse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/29514

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