Von der Armenkinderpflege zur sozialpädagogischen Fachfamilie. Eine historische Betrachtung der Entwicklung von Ersatzfamilien


Hausarbeit, 2014
30 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung

2 Von der ältesten bis zur neueren Geschichte
2.1 Altertum
2.2 Mittelalter
2.3 Neuzeit
2.4 Aufklärung
2.5 Die Zeit der Industrialisierung
2.6 Die Zeit des Nationalsozialismus

3 Die Entwicklung seit 1945
3.1 Mängelverwaltung (1945-1950)
3.2 Die „gute“ Familie( 1950 – 1965 )
3.3 Heimkampagne ( ca.1965 – 1980 )
3.4 Stärkung der Herkunftsfamilie ( 1980er Jahre )
3.5 Die 1990er Jahre

4 Die Familie als sozialpädagogische Institution heute
4.1 Gesetzliche Rahmenbedingungen ( Regelungen SGB VIII, BGB)
4.2 Heutige Formen von Ersatzfamilien
4.2.1 Kurzzeitpflege/Interimspflege
4.2.2 Dauerpflege
4.2.3 Bereitschaftspflege
4.2.4 Erziehungsstellen

5 Schlussbemerkung

6 Literaturverzeichnis

1 Einführung

Die Familie ist die älteste aller Gemeinschaften und die einzige natürliche.

(Jean-Jacques Rousseau)

Mit dem Thema der Fremdunterbringung von Kindern bin ich seit 2 Jahren beschäftigt. Als Teamleiter und Fachberater für die familienanalogen Systeme der Arbeiterwohlfahrt im Bezirk Mittelrhein begegnet mir jeden Tag eine Vielzahl von Herausforderungen bei der Unterbringung von Kindern in Ersatzfamilien. Es gilt die vielen unterschiedlichen Blickwinkel auf die zu erbringende Hilfe in Einklang zu bringen. Heute , in Zeiten von Kinderschutz, Kinderrechten ,einer hohen staatlichen Aufsicht und einer medialen Wachsamkeit ist es für Pflegeeltern schwierig geworden im Alltag einer „geschützten“ Familie, professionelle Erziehung zu leisten. Pflegeeltern klagen über zuviel Aufträge von außen, sei es durch das Jugendamt, den Träger oder dem Herkunftssystem. Der lange Prozess, der erforderlich war um diese Form der Familienhilfe auf dem heutigen Niveau zu erreichen, ist vielen Pflegefamilien nicht bewusst.

Die Frage nach den Ursprüngen des Pflegekinderwesens und die historische Entwicklung familienanaloger Systeme bis heute hat mich neugierig gemacht und den Anlass zu dem Thema dieser Hausarbeit gegeben.

Entsprechende Literatur zur Geschichte des Pflegekinderwesens ist eher dürftig zu finden. Ich beziehe mich daher bei meinen Recherchen überwiegend auf Jürgen Blandow´s Standardwerk zu diesem Thema:„ Pflegekinder und ihre Familien“.

Sicher waren die Grundlagen bürgerlicher Hilfen, Fürsorge und Mitgefühl, Mitfreude und Nächstenliebe, immer vorhanden, dennoch spielten für die Entwicklung des Pflegekinderwesens viele Faktoren eine Rolle.

In den ersten Jahrhunderten waren es vor Allem Kriege und Hungersnöte aus denen sich die Notwendigkeit einer Fremdunterbringung ergab. Ich werde aufzeigen, wie sich das Pflegekinderwesen aus den ersten Anfängen sogenannter Ehrenwitwen im Laufe der Zeit bis hin zur professionellen Berufsfamilie entwickelt hat , einhergehend mit einer Veränderung der frühen karitativ christlich geprägten Sichtweise hin zum heutigen „ Wohle des Kindes“.

Im zweiten Kapitel skizziere ich kurz die ersten historischen Anfänge des Pflegekinderwesens und die meines Erachtens wichtigsten Wegmarken von der Sippenpflege im Altertum bis zur Zeit des Nationalsozialismus.

Der Entwicklung der neueren Zeit mit einem auch politischen Neuanfang nach dem zweiten Weltkrieg widme ich mich im dritten Kapitel.

Im vierten Kapitel gehe ich auf die heutige Situation ein. Dazu werde ich die wichtigsten Formen heutiger familienanaloger Hilfen und ihre rechtliche Einbindung vorstellen.

In der Schlussbemerkung werde ich mich der Fragen widmen, welchen Teil erzieherischer Hilfen das Pflegekinderwesen heute einnimmt und mit welchen Schwierigkeiten es heute konfrontiert ist .

2 Von der ältesten bis zur neueren Geschichte

Zwei Familien zu haben ist etwas Außergewöhnliches. Es verstößt gegen eine kulturelle Selbstverständlichkeit: Jedermann ist ein Kind von bestimmten Eltern, und diese sind es, die sich kümmern, denen man verbunden ist und mit denen man mit großer Wahrscheinlichkeit ein Leben lang verbunden bleibt.(Blandow 2004; S.9)

2.1 Altertum

In den ersten Jahrhunderten stellte die Versorgung von verwaisten Kindern kein gesellschaftliches Problem dar. Die Sippe, als erweiterter Familienverbund übernahm die Aufgabe, die Rechtsstellung des Kindes zu wahren. Auch Kinder aus den Armutsschichten, von Tagelöhnern und Bettlern erhielten von den Klöstern und Kirchen die gleichen Almosen wie ihre Eltern. Das Christentum sah es besondere Verpflichtung an Waisen in ihre Obhut zu nehmen. Ab dem 4.Jahrhundert entwickelten sich sogenannte „Ehrenwitwen“ Sie gelten als die ersten konkret für die Inobhutnahme von Waisenkindern benannten „Pflegemütter“. Pflegefälle wurden in dieser Zeit meist den Bischöfen übergeben und es entstanden die ersten Anstalten zur Versorgung von Findlingen, Kranken oder unehelich geborenen Kindern. Speziell konstruierte Marmorschalen sollten es diesen Müttern ermöglichen ihre Kinder dort abzugeben, um ihre Tötung zu vermeiden. (vgl. Blandow 2004; S.20-21)

2.2 Mittelalter

Die Gründung von Anstalten durch kirchliche Orden, meist in Form von Hospitälern, setzte sich im frühen Mittelalter fort. Die Unterbringung bei Ziehfamilien war zwar auch üblich, es häuften sich aber Vorfälle des Missbrauchs durch den Ziehvater. In den Anstalten wurden die Kinder von Ammen betreut und man beschäftigte sie mit Hausarbeit oder schickte sie zum Betteln für das Hospital. Waren sie alt genug, selbständig Almosen zu erbitten, wurden sie aus den Anstalten entlassen.

2.3 Neuzeit

Im 15.Jahrhndert änderten sich die gesellschaftlichen Anschauungen von Armut. Neue Produktionsformen schufen neue Möglichkeiten, Armut wurde als selbstverschuldet angesehen und galt moralisch als verwerflich. Kinder werden erstmals als besonders erziehungsbedürftig angesehen. Die Anstalten können nicht mehr eher willkürlich handeln, sondern es entstehen erste Anstaltsordnungen mit genauen Anweisungen zur Pflege, Hygiene und Tagesablauf. Zieh-oder Pflegefamilien wählte man sorgfältiger aus, ob sie in der Lage waren das aufgenommen Kind zu versorgen. (vgl. Blandow 2004; S.24)

Zur Zeit der Reformation und einem Übergang vom bäuerlich geprägten System des Feudalismus zum Frühkapitalismus „wird die Erziehung zur Arbeit zum allgemeinen gesellschaftlichen Programm“ (Blandow 2004; S.25).

Kinder wurden unter strengem Reglement erzogen. Sie wurden aus verwahrlosten Familien herausgenommen und gemeinsam mit Bettlern, Dirnen und Aufsässigen - ab dem 10.Lebensjahr – in „Zuchthäusern“ untergebracht, um sie gegen geringes Entgelt an Arbeitsstellen zu vermitteln.

Anstaltserziehung wurde wieder der Familienpflege vorgezogen.

Durch den 30 Jährigen Krieg wurde diese Entwicklung gefördert. Es gab Unmengen an verwaisten Kindern, die in großem Elend lebten. Durch den Krieg und die grassierende Pest waren Pflegefamilien selten und Waisenhäuser überfüllt. Kinder gab man an ferne Verwandte oder Taufpaten gegen ein geringes Ziehgeld. ( Blandow 2004; S.25-26 )

Fürsten und Monarchen im darauf entstehenden Absolutismus hatten nur ihre Herrschaftsgewalt im Sinn. Sie benötigten arbeitssame und –fähige Menschen. Diese zogen sie in den Anstalten heran. In der Folge kam es zu einer beispiellosen Ausbeutung der Kinder. Waisen- und Findelhäuser entwickelten sich stärker und drängten das Pflegekinderwesen zurück.

2.4 Aufklärung

Die extreme Ausbeutung der Kinder führte zu Verelendung und Verwahrlosung. In der Aufklärung rückte der Blick auf die kindlichen Bedürfnisse erstmals in den Vordergrund und es entwickelte sich ein Bedarf nach Arbeitskräften mit besserer Vorbildung. Eine gute Schulbildung wurde ebenso wichtig wie Hygiene und Ernährung. Waisenerzieher wurden ausgebildet und die strengen Maßstäbe bei der Arbeitsbelastung zurück genommen. Waisenhäuser wurden auf einmal kritisch betrachtet insbesondere wegen ihrer hohen Kindersterblichkeit und der stark christlich geprägten Erziehung. Der Mensch galt nun als von Natur aus gut, also musste auch die Natur gut sein. Folglich war diese Natürlichkeit das neue Ideal. Landwirtschaft wurde wieder wichtigste Produktionskraft und man plädierte für die Unterbringung der Waisen in bäuerliche Familien, im Übrigen erheblich billiger als die Unterbringung in Anstalten. In der Folge wurden viele Anstalten geschlossen und in Einrichtungen der Familienpflege umgewandelt. Über viele Jahre –bis 1820 – gab es daraufhin erbitterten Streit zwischen Befürwortern und Gegnern der Anstalts- und Familienpflege (der sog. „Waisenhausstreit“ etwa 1770-1820). Auf der einen Seite stand die Auffassung, Kinder in ihrem gewohnten Umfeld unterzubringen z.B. bei Verwandten oder wenn es Halbwaisen waren bei der Mutter zu belassen. Nur Familienerziehung – so besonders radikale Anhänger – sorge für brauchbare Bürger. Rousseau pädagogisierte die Familie und etablierte sie als die von Natur aus geeignete Institution zur Erziehung, außerdem entlaste der geringe Obolus an die überwiegend armen Pflegefamilien die Armenkasse (Niederberger 1997 ; S.76). Kritiker warfen dieser Form der Pflegefamilie vor, dass Kinder in den meist ärmlichen und ungebildeten Bauersfamilien erneut nur als billige Arbeitskräfte angesehen wurden, die hygienische Zustände dort katastrophal seien und manche Kinder aufgrund ihres Verhaltens für die Familienerziehung schlicht ungeeignet sind.(Blandow 2004;S.27-28)

In Kinderhäusern, so die Verfechter der Anstaltslösung, sorgten sich die weiblichen Erziehungskräfte mit mehr Geduld und Liebe um die Kinder. Dieses kindbezogene und kindgerechte Denken war neu. Dennoch war diese Epoche geprägt vom Bilden immer neuen Varianten und der Suche nach Wegen das Armenproblem zu lösen. Wurde bisher die Idee, dieses Problem mit Bildung zu lösen in den Mittelpunkt gestellt, war für den großen Pädagogen jener Zeit, Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827), die Liebe das zentrale Element mit dem er die Kinder gewinnen wollte. Auch wenn seine Methoden und Verwirklichungen nicht ohne Kritik sind, der Gedanke der liebevollen Hingabe ist in der Sozialpädagogik seit dem fest verankert. (Niederberger 1997 ; S.82-87)

2.5 Die Zeit der Industrialisierung

In der Mitte des 19.Jahrhunderts stoppte die bürgerliche Revolution 1848 den Elan einer Suche nach kindgemäßer Unterbringung. Breite Bevölkerungsschichten verarmten durch die beginnende Industrialisierung. Kinderarbeit war weit verbreitet und Sterblichkeitsraten stiegen an. Verarmte Arbeiterfamilien nahmen Kinder als weiteren „Brotverdiener“ auf, die dann oft unter fast sklavischen Verhältnissen lebten.(vgl.Heitkamp 1995 ; S.24-26)

In den meisten deutschen Kleinstaaten war für das Pflegekinderwesen eine „Haltegenehmigung“ notwendig. Die Kontrollfunktion wurde dabei von den Städten auf die Vereine der Wohlfahrtspflege delegiert. Dadurch waren Pflegefamilien einerseits „Gewerbetreibende“ und standen andererseits unter polizeilicher Kontrolle, was die eher humanitär orientierten Pflegeeltern verschreckte und dazu führte, dass zu Beginn des 20.Jahrhunderts das Pflegeelternwesen weitgehend kommerziell bestimmt war.(vgl.Heitkamp 1995 S.26)

Die Überwachung von Ziehkindern sorgte aber auch für die ersten Ansätze einer fürsorglichen Perspektive. In vielen Städten wurde ein Katalog von Pflichten und Grundhaltungen formuliert. Dabei ging es um den Umgang, die Pflege und die Erziehung der Kinder ( hier ging es vor allem um das väterliche Züchtigungsrecht und dessen Grenzen). Auch der Schul-und Kindergartenbesuch wurde erstmals geregelt. Der bedeutendste Reformer dieser Zeit war der Vorsitzende des „Deutschen Vereins für Armenpflege und Wohltätigkeit“ Emil Münsterberg. Er ging mit seinen Forderungen weit über die Regelungen der Städte hinaus und stellte die Bedürfnisse und den Schutz des Kindes in den Mittelpunkt. Dies war auch dringend notwendig in Zeiten, in denen es noch gängige Praxis war, Kinder zumeist in ländlichen Gebieten meistbietend als billige Arbeitskraft an Bauern zu verdingen.

Dennoch dauerte es noch viele Jahre, bis eine entsprechende Sozialgesetzgebung für Schutz sorgte. Das im Jahre 1900 in Kraft tretende Grundgesetz versäumte es jedenfalls, privatrechtliche Regelungen für den Pflegekinderschutz zu erlassen.

Erst die Not nach dem 1. Weltkrieg und der Durchbruch zu einem ersten demokratischen Staat – der Verfassung der Weimarer Republik – sorgten für den Beginn des Wohlfahrtsstaates. Im Jahre 1922 wurde das Reichsjugendwohlfahrtgesetzt (RJWG) erlassen und damit auch eine völlige Neuordnung des Pflegekinderwesens. Erstmals wurde ein einheitlicher Schutz für alle Pflegekinder geregelt ( 19RJWG) und das Pflegekinderwesen unter die Aufsicht des Jugendamtes gestellt. Damit übernahm der Staat erstmals die volle Verantwortung für das Wohl der Kinder in Pflegefamilien.

2.6 Die Zeit des Nationalsozialismus

Die Pflegekinderregelungen des RJWG blieben in der NS Zeit zwar erhalten, wurden aber mit nationalsozialistischem Gedankengut geimpft. Vor der Inpflegenahme war ein Abstammungsnachweis zu erbringen, um die rassemäßige Eignung zu prüfen. Weitere Prüfkriterien waren Erbfolge und politische Zuverlässigkeit. Organisatorisch blieb das Jugendamt zuständig, aber der NS –Wohlfahrtsverband überprüfte ob die Erziehung im nationalsozialistischen Geist erfolgte

Durch die ideologische Wertschätzung der Familie im Nationalsozialismus, kam es zu einer ambivalenten Beliebtheit des Pflegekinderwesens. Ihr wurde auf der einen Seite Vorrang eingeräumt gegenüber der Heimerziehung weil sie sich mit den Wertvorstellungen der Nationalsozialisten deckten, auf der anderen Seite stand es im Widerspruch zum Ideal der „reinen“, „blutsbestimmten“ Familie. Pflegefamilien hatten den Status der Zweitrangigkeit, wurden aber wie schon so oft wegen ihrer Kostengünstigkeit geschätzt.

3 Die Entwicklung seit 1945

Mit dem Ende des Nationalsozialismus haben sich alle Bereiche der Gesellschaft in einer ungeheuren Dynamik entwickelt. Auch das Pflegekinderwesen hat sich nicht einfach fortgesetzt, sondern sich danach rasanter entwickelt als in den Jahrhunderten davor. Diese Entwicklung wird in den folgenden 5 Kapiteln beschrieben. Zum Teil bauen die Veränderungen aufeinander auf, zum Teil entstehen sie aber auch parallel.

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Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Von der Armenkinderpflege zur sozialpädagogischen Fachfamilie. Eine historische Betrachtung der Entwicklung von Ersatzfamilien
Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
30
Katalognummer
V295326
ISBN (eBook)
9783656931744
ISBN (Buch)
9783656931751
Dateigröße
429 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Pflegekind, Pflegefamilie, Armenkinderpflege, Fachfamilie, Sozialpädagogik, Ersatzfamilie
Arbeit zitieren
Stefan Cornelius (Autor), 2014, Von der Armenkinderpflege zur sozialpädagogischen Fachfamilie. Eine historische Betrachtung der Entwicklung von Ersatzfamilien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/295326

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