Erläuterungen zu Friedrich Nietzsches Seelentheorie in "Zur Genealogie der Moral"


Essay, 2012
6 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

»Zur Genealogie der Moral« von Friedrich Nietzsche widmet sich der Untersuchung des prinzipiel- len Wertes von Moral für den Menschen. Im Rahmen dieser Untersuchung stellt Nietzsche viele Be- hauptungen zur anthropologischen Entwicklungsgeschichte auf. Eine von diesen Behauptungen soll Gegenstand dieses Essays sein. Und zwar die Tiefe in der menschlichen Seele. Nietzsche erklärt in der ersten Abhandlung seiner Schrift: „Bei den Priestern wird eben Alles gefährlicher, nicht nur Kur- mittel und Heilkünste, sondern auch […] Ausschweifung, Liebe, Herrschsucht, Tugend, Krank- heit“ und ergänzt, „dass erst auf dem Boden dieser wesentlich gefährlicheren Daseinsform des Men- schen, der priesterlichen, der Mensch überhaupt ein interessantes Thier geworden ist“ (Friedrich Nietzsche; Zur Genealogie der Moral (2010), Seite 266. Im Folgenden abgekürzt als: GM: 266). Als Begründung gibt er an, dass „erst hier die menschliche Seele in einem höheren Sinne Tiefe bekom- men“ (ebd.) hat.

Doch was meint Nietzsche mit „Tiefe“? Welche Rolle spielt der Priester in diesem Zusammenhang? Welche Folgen und Gefahren sieht Nietzsche in der Vertiefung der Seele? Um diese Fragen zu beant- worten, werden in diesem Essay folgende Aspekte der Argumentation Nietzsches' aufgegriffen: Ers- tens muss es eine menschliche Seele bereits vor deren „Vertiefung“ gegeben haben. Deren Beschrei- bung soll eine Projektionsfläche bieten, um im Kontrast hierzu die seelischen Veränderungen zu ver- deutlichen. Im zweiten Schritt soll der Prozess der Vertiefung nachgezeichnet werden, um zu verste- hen wie (im prozeduralen Sinne) und wo (im räumlichen Sinne) sich die beschriebenen historischen Abläufe vollziehen. Der dritte Aspekt sind die Folgen, die sich aus der Vertiefung der Seele ergeben. Nietzsche stellt einen permanenten Widerstreit in der menschlichen Seele fest, der erst den modernen Menschen ausmacht. Diese Schilderungen vom Kampf im Innern, der auch als Krankheit der Mensch- heit bezeichnet wird, bietet einiges an Erklärungspotential, das für manche seelisch-pathologischen Phänomene von außergewöhnlichem Maße war und ist

Zunächst zur Frage, was die „unvertiefte“, also „flache“ Seele ist und wie man sie sich vorstellen kann: Um dieses Konstrukt Nietzsches zu verstehen, muss gedanklich in archaische Zeitalter zurück- gegangen werden, in dem sich noch Exemplare dieses Menschen finden lassen. Nietzsche nennt diese Zeit auch das „seelenarme“ Zeitalter (vgl. GM: 328). Menschen mit untiefen Seelen werden von ihm als triebhaft, draufgängerisch und spontan beschrieben. Sie zeichnen sich aus durch „das tapfre Drauf- losgehn, sei es auf die Gefahr, sei es auf den Feind, oder jene schwärmerische Plötzlichkeit von Zorn, Liebe, Ehrfurcht, Dankbarkeit und Rache“ (GM: 273). Das Ausleben von Instinkten, zu denen Nietz- sche auch Liebe und Dankbarkeit zählt, wird unreflektiert und ohne Hemmungen zelebriert. Diese Unkontrolliertheit und Freiheit war es, „an der sich zu allen Zeiten die vornehmen Seelen wiederer- kannt haben“ (ebd). Wenn Nietzsche den Begriff Freiheit in diesem Zusammenhang verwendet, dann im Sinne einer negativen „Freiheit von allem socialen Zwang“ (GM: 275). Das präsozietäre Zeitalter gestattete Seelen mit der „Unschuld des Raubthier-Gewissens“, deren Träger „als frohlockende Ungeheuer, welche vielleicht von einer scheusslichen Abfolge von Mord, Niederbrennung, Schändung, Folterung mit einem Übermuthe und seelischem Gleichgewichte davongehen, wie als ob nur ein Studentenstreich vollbracht sei“ (ebd.). Diese Beschreibung, des flach beseelten Menschen, der Mord und Schändung vergnüglich durchlebt, muten äußerst befremdlich an. Mitgefühl und Empathie würde man bei diesem Menschen nicht finden. Nietzsche muss folglich eine Erklärung für den starken Kontrast zwischen dem heutigen und dem damaligen Menschenbild vorbringen, die plausibilisiert, was der Unterschied zwischen diesen Menschentypen ist. Diese Erklärung gibt er mit der Behauptung von der Vertiefung der menschlichen Seele durch das Ressentiment.

Nietzsche sieht im monotheistischen, christlich-jüdischen Glauben den Ugrund für die Veränderungen, denn erst deren Gott ermöglicht das dogmatische Verbot des triebhaften Lebens.1 Der Anführer dieses Glaubens ist der Priester, seine Anhänger die Menschen des Ressentiment, die Schwachen und die Machtlosen. Nietzsches Beschreibung dieser Menschen liest sich wie folgt: „Seine Seele schielt; sein Geist liebt Schlupfwinkel, Schleichwege und Hinterthüren, alles Versteckte muthet ihn an als seine Welt, seine Sicherheit, sein Labsal; er versteht sich auf das Schweigen, das Nicht-Vergessen, das Warten, das vorläufige Sich-verkleinern, Sich-demüthigen“ (GM: 272).2

Für Nietzsche ist klar, „[d]er asketische Priester hat die seelische Gesundheit verdorben“ (GM: 392) Wie gelingt ihm das?

Um diese Aussage zu verstehen, soll in aller Kürze der historische Prozess der seelischen Vertiefung erläutert werden: Der Mensch, so Nietzsche, leidet an der Sinnlosigkeit seine Existenz. Diese Sinn- losigkeit ist schlimmer als das von ihr verursachte Leid, denn das schlimme am Leid, „ist nicht das Leiden an sich, sondern das Sinnlose des Leidens“ (GM: 304). Der Priester stiftet dem Menschen einen leidmildernden Sinn, durch die Erfindung von Gott, der als Schöpfer und Ursprung des Lebens und der Welt etabliert wird. Aus diesem Postulat ergibt sich jedoch ein Gläubiger-Schuldner-Verhält- nis zwischen Gott und dem Menschen: „Der Schuldner [...] verpfändet […] dem Gläubiger […] zum Beispiel seinen Leib oder sein Weib oder seine Freiheit oder auch sein Leben (oder unter bestimmten religiösen Voraussetzungen, selbst seine Seligkeit, sein Seelen-Heil […])“ (GM: 299). In diesem spe- ziellen Falle des Gläubiger-Schuldner-Verhältnisses, lassen sich die Schulden nur durch eine gottge- fällige Lebensweise begleichen. Dieses besteht in einem Verbot der Treibe und ihrer Auslebung. Der Gläubige „ergreift in „Gott“ die letzten Gegensätze, die er zu seinen eigentlichen und unablöslichen

Thier-Instinkten zu finden vermag, er deutet diese letzten Thier-Instinkte selbst als Schuld gegen Gott […] er spannt sich in den Widerspruch `Gott´ und `Teufel´“ (332). Die natürlich angelegten Instinkte wie Wollust und Brutalität können nicht mehr ausgelebt werden, da der Priester sie zur Sünde erklärt. Indem der Mensch infolge dieser Uminterpretation der eigenen Treibe seine Instinkte unterdrückt, machen sie sich bemerkbar in Gestalt „jener seelischen Reaktion, welche `schlechtes Gewissen´, `Gewissensbiss´ genannt wird“ (GM: 318).3

Mit dem schlechten Gewissen, geht die Vertiefung der menschlichen Seele einher, denn „[a]lle Ins- tinkte, welche sich nicht nach Aussen entladen, wenden sich nach Innen - dies ist das, was ich die Verinnerlichung des Menschen nenne: damit wächst erst das an den Menschen heran, was man später seine `Seele´ nennt“ (GM: 322).4 Instinkte, die ursprünglich von innen kommen und sich nach außen richten, jedoch daran gehindert werden, verschwinden nicht einfach wieder. Aber wo kehren sie hin? Offenbar nicht wieder an ihren Ursprung sondern in einen anderen, neuen Bereich des Innern, den Nietzsche „Seele“ nennt. Weiter fährt er fort: „[d]ie ganze innere Welt, ursprünglich dünn wie zwi- schen zwei Häute eingespannt, ist in dem Maasse aus einander- und aufgegangen, hat Tiefe, Breite, Höhe bekommen, als die Entladung des Menschen nach Aussen gehemmt worden ist“ (ebd.). Erst durch die „Instinktgefangennahme“ im Inneren des Menschen entstand die Tiefe der Seele. Nicht der Hang zur Grausamkeit wurde beseitigt, sondern lediglich zurück gespiegelt und so gegen seinen Trä- ger gerichtet. „Jene Lust an der Grausamkeit […] müsste namentlich ins Imaginative und Seelische übersetzt auftreten und geschmückt mit lauter so unbedenklichen Namen, dass von ihnen her auch dem zartesten hypokritischen Gewissen kein Verdacht kommt (das „tragische Mitleiden“ ist ein sol- cher Name […])“ (303f.).5

[...]


1 Nietzsche hat nichts gegen einen Götterglauben an sich einzuwenden. Es scheint tatsächlich der Glaube an einen christlich-jüdischen Gott zu sein, der ihm als Problem gilt. So schreibt er zum Beispiel: „Diese Griechen haben sich die längste Zeit ihrer Götter bedient, gerade um sich das „schlechte Gewissen“ vom Leibe zu halten, um ihrer Freiheit der Seele froh bleiben zu dürfen“ (GM: 333).

2 An dieser Aussage Nietzsches liest sich die charakterliche Konstitution des Priesters ab, der am Ende des von ihm eingeleiteten Prozesses, der Umwertung der Werte, selbst die Macht über alles Weltliche anstrebt. Er verkleinert sich vorläufig und gelangt über Umwege und Hintertüren an sein Ziel.

3 Nietzsche schreibt hier von einer Reaktion. Diese setzt eine zeitlich vorhergehende Aktion voraus. Das Aktive ist jener flache Teil der Seele, der die tierhaften Instinkte freisetzt, bzw. freisetzen will, aber nicht kann. Diese im inneren rumorenden Instinkte treten als schlechtes Gewissen in den bewusst werdenden Bereich des Innern. Damit gibt Nietzsche bereits eine Ahnung von einem bewussten, da wahrgenommenen Teil des Innenlebens und einem unbewussten, nicht wahrgenommenen Teil.

4 Auffällig ist hier die Schreibweise von „Seele“ (in Anführungszeichen). Möglicherweise will Nietzsche diesen Begriff abgrenzen, von dem was er bereits als Seele (der Herrenmenschen) bezeichnet hatte. Hiernach existiert schon immer eine Seele im Menschen, deren Tätigkeit erst die Existenz von dem was „Seele“ genannt wird ermöglicht.

5 Es gibt einen Trieb, der nicht im Innern gehalten wird, da er nicht durch den Glauben an den christlichen Gott verboten ist. Dies ist die Liebe. Sie existiert jedoch die Kosten des eigenen Leidens, des Mitleidens. Die Seele des Gläubigen strahlt Mitgefühl und Liebe aus. „Diese Liebe wuchs aus ihm heraus, als seine […] sich breit und breiter entfaltende Krone, welche mit demselben Drange gleichsam im Reiche des Lichts […] aus war, mit dem die Wurzeln jenes Hasses sich immer gründlicher und begehlicher in Alles was Tiefe hatte und böse war, hinunter senkten“ (GM: 268). Die Baumkrone als Metapher spiegelt das äußere und fremdwahr- nehmbare des Menschen wider, während dessen Existenzvoraussetzung, die Wurzeln, im Verborgenen liegen. Die Wurzeln verber- gen sich im Menschen, in dem was Tiefe hat, also in dessen „Seele“ und und graben sich immer weiter in diese hinein

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Details

Titel
Erläuterungen zu Friedrich Nietzsches Seelentheorie in "Zur Genealogie der Moral"
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Philosophie)
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
6
Katalognummer
V295437
ISBN (eBook)
9783656945413
ISBN (Buch)
9783656945420
Dateigröße
371 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
erläuterungen, friedrich, nietzsches, seelentheorie, genealogie, moral
Arbeit zitieren
Philipp Woywode (Autor), 2012, Erläuterungen zu Friedrich Nietzsches Seelentheorie in "Zur Genealogie der Moral", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/295437

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