Die Hysterie um 1900. Ein Vergleich am Beispiel "Fräulein Else" von A. Schnitzler und "Dora" von Freud


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014
26 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Hysterie
2.1 Die Entstehung des Hysteriebegriffs
2.2 Der Hysteriebegriff um 1900
2.3 Die Symptome der Hysterie

3. Die Anfänge der Psychoanalyse
3.1 Die „Studien über Hysterie“ von 1895
3.2 Bruchstück einer Hysterie-Analyse von 1905
3.2.1 Der erste Traum
3.2.2 Der zweite Traum

4. Das Krankheitsbild ‚Dora‘ in „Bruchstück einer Hysterie-Analyse“ im Vergleich zu „Fräulein Else“
4.1 „Fräulein Else“ von Arthur Schnitzler
4.1.1 Das soziale Umfeld Elses – die Männer um Else
4.1.2 Die Eltern-Kind-Beziehung
4.2 Elses Krankheitsbild – der hysterische Anfall

5. Fazit

6. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Hysterie steht für all das, was das Fin de Siècle ausmacht: Lug und Täuschung, Schein und Fassadenhaftigkeit, Unfähigkeit und Krankheit, Betäubung und gescheiterte Existenzen. Schnitzler ist ein Vertreter dieser Epoche und er nimmt den Epochendiskurs auf und nutzt ihn, um in seinen Werken eine Gesamtdarstellung der Gesellschaft darzustellen, indem er ihr einen zeitgemäßen Rahmen und Hintergrund gibt. Auch seine Monolognovelle „Fräulein Else“, erschienen 1924, stellt eine Art fiktive Fallstudie über ein ,,seelisch erkranktes" Individuum dar. Auch Sigmund Freud, ein österreichischer Neurologe und Begründer der Psychoanalyse, war eines der einflussreichsten Denker des 20. Jahrhunderts.

Diese Seminararbeit untersucht die Hysterie und den Hysteriebegriff um 1900 am Beispiel zweier Krankheitsbilder – ‚Dora‘ und Else. Dabei wird ein Vergleich beider Krankheitsbilder geschaffen. Zunächst wird der Hysteriebegriff definiert und in einem weiteren Schritt zeitlich eingeordnet. Die Geschichte zur Entstehung des Hysteriebegriffs wird in einem weiteren Kapitel dargestellt und insbesondere die Zeit um 1900 mit einbezogen. Weiter geht es mit den Symptomen der Hysterie, um ein bildliches Vorstellungsvermögen des Krankheitsbildes zu haben. In Kapitel 3 erfolgt eine Darstellung über die Anfänge der Psychoanalyse. Spezieller werden die „Studien über Hysterie“ sowie „Bruchstück einer Hysterie-Analyse“ erläutert, um zwei markante Modelle zu verdeutlichen. Um später zum Vergleich von ‚Dora‘ und Else zu gelangen, werden zunächst die beiden Träume von ‚Dora‘ erfasst und analysiert, um sie in Punkt 4 mit der Fallgeschichte Elses gegenüberzustellen. Dabei wird eine kurze Inhaltsangabe Schnitzlers Werk wiedergegeben, um im Anschluss das soziale Umfeld, die Eltern-Kind-Beziehung und das Krankheitsbild zu erläutern.

Zur Hysterie sowie über die Fallstudien Freuds und Schnitzlers gibt es ausreichend Literatur. Basis bilden hier die Werke von Freud „Studien über Hysterie“, „Bruchstück einer Hysterie-Analyse sowie die Monolognovelle „Fräulein Else“ von Arthur Schnitzler. Es wird auf die Ausführungen von Kronberger "Die unerhörten Töchter", Elisabeth Bronfen "Das verknotete Subjekt. Hysterie in der Moderne", Regina Schaps "Hysterie und Weiblichkeit. Wissenschaftsmythen über die Frau" und Dorion Weickmann "Rebellion der Sinne. Hysterie - ein Krankheitsbild als Spiegel der Geschlechterordnung (1880-1920)" zurückgegriffen. Die Arbeit schließt mit einer kurzen Zusammenfassung und einer Auswertung der Analysen.

2. Die Hysterie

Laut des Lexikons der Psychologie ist die „[…] Hysterie eine zweckgerichtete psychogenen Erkrankung mit seelischen und/ oder körperlichen Symptomen als Reaktion auf emotional stark belastende Erlebnisse, die infolge einer angeborenen Disposition nicht normal verarbeitet werden. Symptome der Hysterie, die nicht notwendigerweise zusammen vorkommen müssen, sind Dämmerzustände, Wahnvorstellungen, Amnesien, Affektausbrüche mit Wein- oder Schreikrämpfen (ereignen sich stets in Anwesenheit anderer Personen), auch Pseudodemenz, Sinnesstörungen (z.B. Blind- oder Taubheit, Anästhesien) Lähmungen, Tremor Tics und motorische Koordinationsstörungen („Vorbeihandeln, Nicht-stehen- oder Nicht-gehen-Können). Die Grenzen zur Simulation sind oft fließend. Behandlung erfolgt durch Milieu- oder Psychotherapie. […]“[1] Die Hysterie ist durchgängig bis heute ein spannendes Phänomen, da sie nicht eindeutig definiert oder gedeutet werden kann. Sie gilt als eine typische Frauenkrankheit, in der es sich um eine Erkrankung der Gebärmutter handelte. Die Hysterie wird als funktionale Störung ohne begleitende organisch-pathologische Veränderungen gesehen. Die Symptome waren zum Beispiel Schwindelanfälle, Migräne, nervöse Erregbarkeit, Sensibilitätsdefekte, Hyperästhesien und Stimmungswechsel.[2] Ferner weist die Symptomatik der Hysterie eine große Neigung zum Schauspiel auf, die Frau wurde zur Schauspielerin und Rollendarstellerin ohne festen Kern erklärt.[3] Außerdem galt eine Hysterikerin als unehrlich, welches Folgen für die Therapie hatte. Heutzutage existiert die als Bezeichnung in der medizinisch-psychologischen Fachsprache nicht mehr.

2.1 Die Entstehung des Hysteriebegriffs

In den altägyptischen und antiken Schriftstücken wird die Hysterie als eine Erkrankung der weiblichen Geschlechtsorgane vorgestellt – dem Uterus.[4] Überliefert worden ist es aus den medizinischen Handbüchern aus dem alten Ägypten wie dem Kahun–Papyrus (um 2000 v. Chr.) und dem Ebers–Papyrus (um 1550 v. Chr.). So klagten die Frauen über somatische Beschwerden, die aus einer Bewegung des Uterus einhergehen.[5] Laut Lucien Israel erkannte schon Hippokrates dass die Störungen mit der Wanderung des Uterus zu tun haben.[6] Von der Krankheit betroffen sind meistens alte Jungfrauen, junge Witwen und sterile sowie unfruchtbare Frauen. Für Plato war die Frau für den Fortpflanzungsprozess zuständig, so findet man in Platos Timaios (427-347 v. Chr.) die Annahme, dass die Hysterie nicht nur aufgrund der Verschiebung des Uterus einhergeht, sondern mit der weiblichen Geschlechtsidentität zu tun hat.[7] Um 30 nach Christus folgten die Schriften des römischen Enzyklopädisten A. C. Celsus, in denen auch der ereich der Medizin behandelt wurde. Celsus war selbst kein praktizierender Arzt, veranlasste jedoch, dass das medizinische Wissen in dem Werk De re Medica zusammengefasst wurde und einem breiten Publikum in lateinischer Sprache zugänglich gemacht wurde.[8]

Mit Soranus Ephesus (um 100 n. Chr.) und Galen von Pergamon (129 bis ca. 199 n. Chr.) gingen nicht mehr von der Wanderung der Gebärmutter aus. Soranus galt als bedeutendster Gynäkologe der Spätantike. Er beschäftigte sich vorwiegend mit der Frauenheilkunde und der Geburtshilfe. Er war ein Befürworter der Jungfräulichkeit und war der Auffassung, dass Frauen in Abstinenz weniger an Erkrankungen leiden und widerstandsfähiger seien. So war der Beischlaf als Therapiemaßnahme gegen die Hysterie keine geeignete Therapiemaßnahme.[9] Er war der Meinung, dass häufige Fehl- und Frühgeburten und Entzündungen des Uterus die Ursache der Hysterie seien.

Ferner gilt die Krankheit im Mittelalter als „Besessenheit“. Anders als in der Antike, war man der Auffassung, dass die Körperlichkeit und Sexualität ein Problem der Lust seien.[10] Die geistige Erforschung im 17. Jahrhundert verschob die Ursachen der Hysterie vom Unterleib der Frau in deren Kopf. Die Ursache der Hysterie lag nun im Gehirn, Rückenmark, Magen oder anderen inneren Organen Nach Thomas Sydenham (1624–1689) würde sie eine weit verbreitete Krankheit darstellen. Die Symptome seien je nach betroffenem und angegriffenem Organ ungleich, also könne die Hysterie andere Symptome von Krankheiten aufnehmen. Sydenham zählte dazu starke erneute Kopfschmerzen und darauf folgendes Erbrechen, Husten und Spasmus. Daraus entwickelten sich zusätzlich emotionale Begleiterscheinungen, die sich durch Aussichtslosigkeit, Wut, Missgunst, Bedenken, aber auch Freude und Hoffnung auszeichnen konnten.[11]

2.2 Der Hysteriebegriff um 1900

Die Hysterie wird zur Zeit der Aufklärung und zunehmend im 19. Jahrhundert als geistige Erkrankung angesehen, deren Ursache jedoch in den weiblichen Geschlechtsorganen zu finden sei. Die Ärzte des 19. Jahrhunderts hatten das Ziel sich nicht mehr den Kranken zu widmen, sondern die Glaubwürdigkeit der Krankheit zu beweisen.[12] Im späten 18. Und beginnenden 19. Jahrhundert traten die Gebärmutter-Theorien wieder in den Vordergrund. Ferner wurde die Krankheit den Frauen zugeschrieben. England und Frankreich waren im 19. Jahrhundert in den Gebieten der Medizin und Psychiatrie führend. Der Begründer der nachrevolutionären Psychiatrie, Philippe Pinel, veröffentlichte 1813 eine Abhandlung, in der die Hysterie unter den „Genitalneurosen der Frauen“ firmierte.[13] Feuchtersleben (1806-1849) kritisierte die weibliche Erzeihung. Diese sei der Hauptgrund der Hysterie.[14] Unverheiratete Frauen „seien aufgrund des ungelösten Widerspruchs zwischen ihrem Begehren und ihren Hoffnungen einerseits sowie ihrer sexuellen Abstinenz und ihren unerfüllten Dasein andererseits besonders hysterieanfällig.“[15] Israël schreibt, dass Bouillaud der Auffassung sei, die Gebärmutter habe nichts mit der Hysterie zu tun, denn das Nervensystem habe keinen Einfluss auf das Nervensystem.[16] Zudem ist die Gebärmutter kein wichtiger Bestandteil des Geschlechtsapparates. Verglichen wird das mit der männlichen Anatomie, da dem Mann nichts fehlt im Geschlechtsapparat. Anders als in der Antike und im Mittelalter waren die Gründe der Hysterie hier „impotente Ehemänner“, häufige Wochenbetten sowie der übermäßige Genuss von Kaffee und Tee. Ausschließlich Frauen mit männlichen Zügen konnten hysterische Züge haben, da sie sich emanzipiert haben.

Im 19. Jahrhundert wurde die Frau in ihrer Freiheit sehr eingeschränkt. Der weibliche Körper wurde vereinnahmt für Medizin und Forschung, es herrschte eine vorgeschriebene Geschlechterrolle und eine festgelegte sexuelle Passivität. So findet man häufig somatischen Zeichen wie: Lähmungen und Störungen von körperlichen Bewegungsabläufen und die Störung des Geh- und Stehvermögens, gilt als der kleinste gemeinsame Nenner aller hysterischen Lähmungserscheinungen im 19. Jahrhundert. Die Frauen der Jahrhundertwende erliegen dem Krankheitsbild der Hysterie, sie werden aber auch gleichzeitig zu Hysterikerinnen gemacht. Desweiteren war das 19. Jahrhundert gezeichnet von stark variierenden Hysterietheorien, die gleichzeitig existierten. Auch für Männer, die ähnliche Symptome hatten, wurde ein Begriff eingeführt – „Neurasthemie“, der 1873 entstand. Dadurch wurde der Hysteriebegriff einmal mehr mit der Frau verbunden. Die Neurasthemie galt vor allem dem Mann aus der Mittel- und Oberschicht. Anders als bei der Hysterie, war diese Krankheit gesellschaftlich akzeptiert und betraf vermögende und gebildete Männer.[17] 1900 rückte die Hysterie weiter als Frauenkrankheit in den Vordergrund. Stimmungsschwankungen zählten zum „hysterischen Charakter“, welches typisch weiblich – übertrieben – war.

Man unterstellte den Frauen, sie seien böse, rachsüchtig, eigensinnig egozentrisch und unehrlich. Daraus entwickelte sich ein starkes Misstrauen gegenüber der Patientin.[18]

2.3 Die Symptome der Hysterie

Nach Silvia Kronberger werden die Symptome der Hysterie in drei verschiedene Kategorien eingeteilt:

„1. Körperliche Funktionsstörungen (Konversionssymptome)
2. psychische Funktionsstörungen (dissoziative Erscheinungen)
3. hysterische Verhaltensmuster und Charakterzüge.“[19]

Bei der ersten Kategorie zeigen sich körperliche Funktionsstörungen wie Sehstörungen, Atembehinderungen, Schwindelzustände, Lähmungen und Erbrechen.[20] Diese Funktionsstörungen sind psychisch bedingt, die unbewusst, nicht beabsichtigt und nicht simuliert sind. Diese Störungen drücken sich aus, indem unterdrückte Phantasien zum Vorschein kommen. Bei den psychischen Funktionsstörungen geht es um Dämmerzustände, Erinnerungslücken, Amnesien, Pseudoschmerzen und Erregungszustände.[21] Der Patient leidet nicht an einer vollkommenen Gedächtnisstörung, sondern um Unbewusst Gezeigtes. In Kategorie 3 werden die Verhaltensweisen und Charakterzüge beschrieben, die immer etwas Typisches haben wie Dramatisierungstendenz, Übererregbarkeit, Egozentrismus usw.[22] Die Reaktionen wirken nach außen hin affektiert, jedoch sind sie von besonderer Not.

3. Die Anfänge der Psychoanalyse

Bei der Psychoanalyse geht man davon aus, der seelische Apparat bestehe aus dem Es, Ich und Über-Ich. Das Es steht für die biologische Grundlage des Menschen. Das Es spiegelt die psychische Repräsentation der gesamten Triebenergie des Sexualtriebes und des Aggressionstriebes. Außerdem beinhaltet das Es unterdrückte Wünsche, Vorstellungen und Erinnerungen vom Ich, die ins Unbewusste verankert sind. Die Inhalte des Es sind unbewusst, jedoch ist das Unbewusste nicht mit dem Es gleichzusetzen, da auch das Ich und das Über-ich unbewusste Teile haben. Das Ich ist das Ergebnis aus dem Es, es tritt mit der Außenwelt über die Sinnesorgane in Kontakt. Das ich nimmt die Realität bewusst war. Das Über-Ich entwickelt sich auch aus dem Es, jedoch erst nach dem Ich. Die Aufgabe des Über-Ichs ist die Kontrolle des Ichs, wenn es sich mit dem Es und der Realität auseinandersetzt. Das Über-Ich versucht an die Vernunft zu appellieren. Setzt sich das Über-Ich nicht durch, so bestraft es das unmoralische und verbotene Verhalten durch Schuld- und Minderwertigkeitsgefühle. Es belohnt aber auch, indem es Gefühle wie Stolz und Selbstliebe gibt. Diese drei Instanzen stehen ständig miteinander in Verbindung.

Der Begründer der Psychoanalyse war Sigmund Freud (1856-1939). Er geht davon aus, dass menschliches Verhalten durch Triebe erzeugt und gesteuert wird, etwaige Verhaltensweisen psychisch bestimmt sind und aus diesem Grund das Fehlen von kausalen Verbindungen nicht bestehen kann. Ferner ist Freud der Annahme, dass der Ursprung der Hysterie in einem Trauma zu suchen ist.[23] Zudem muss das Trauma in Beziehung zu einem Körperteil stehen. Freud sagt, dass eines der häufigsten Phänomene der Hysterie die Anorexie mit Erbrechen ist.[24] Die Psychoanalyse versucht die Widerstände oder versteckten Wünsche des Patienten durch Deutung offenzulegen und damit aufzulösen. Mit der Kommunikation zwischen Patient und Therapeut werden unbewusste psychische Emotionen zum Ausdruck gebracht und gleichzeitig Heilung vorausgesagt. Das Verhältnis zwischen diesen beiden Personen ist aus diesem Grund sehr eng.

3.1 Die „Studien über Hysterie“ von 1895

Sigmund Freud arbeitete zusammen mit dem aus Wien stammenden Internisten Joseph Breuer (1842-1925). Breuer und Freud richteten ihr Interesse an die Erforschung der psychischen Genese hysterischer Neurosen.[25] Freuds Studium in Paris bei Charcot und seine Kenntnisse über Hypnose und Suggestion, seine Freundschaft zu Breuer halfen ihm bei der Erforschung. 1889 hielt Freud sich in Nancy auf, wo er die Möglichkeit entdeckte, dass es starke psychische Prozesse gab, die trotzdem nicht vom Bewusstsein des Menschen ersichtlich waren und im Unbewussten verborgen blieben.[26] Der Patient hat Erinnerungen an unterdrückte traumatische Erlebnisse. Die Erinnerungen sind unerwünscht und schmerzhaft und beeinflussen die Sexualität des Patienten.

Durch Breuer kam Freud mit „Anna O.“ in Berührung, welche die Ursachen ihres emotionalen Ungleichgewichts ins Bewusstsein der Hypnose brachte. Durch „Anna O.“ wurde die kathartische Methode entdeckt.[27] Ziel der Katharsis war, den Patienten in einen hypnotischen Zustand zu versetzen. Der Patient setzt sich mit einem traumatischen Erlebnis aus der Vergangenheit auseinander. Die Erfahrung des Patienten verursachte die Symptomatik der Hysterie. Ferner aktualisierte dieser die Erfahrung, bis die unterdrückten Affekte nachträglich abreagiert werden konnten.[28] Jedoch war diese Methode nicht immer erfolgsversprechend und auch nicht von Dauer. Stattdessen war der Patient dazu angehalten seine freien Assoziationen zu beschreiben. Zudem versuchten Freud und Breuer in den Studien nachzuweisen, dass hysterische Frauen oft phallische oder ödipale Phantasien inne hatten. Nach Kronberger ist der Ödipuskomplex „[…] ein eigener Ansatz, der erst nachträglich auf die weibliche Entwicklung übertragen wurde.“[29] Schaps erkennt dieses Phänomen als eine unbewusste Begehrung des Phallus, woraus sich eine Verleugnung des eigenen Geschlechts entwickelt.[30] Weiterhin war das Verhältnis zwischen Tochter und Mutter bei der Hysterie ein entscheidender Punkt, den Freud erst später schätzte. Besteht eine starke Verbindung zum Vater, so resultiere das aus einer intensiven Mutterbindung. Die Phase der Mutterbindung war für das Verständnis der Hysteriesymptomatik sehr wichtig, denn entscheidend waren psychische Mechanismen, die sich auf den Körper auswirken. Zwar war für Freud weiterhin die Sexualität der tragende Punkt der Hysterie, doch gleichzeitig relativierte er dieses, indem er auch andere Symptome der Hysterie darstellte.

[...]


[1] Vgl. Arnold, Wilhelm/ Eysenack, Hans Jürgen/ Meili, Richard (1980): Lexikon der Psychologie. Zweiter Band, H-Psychodiagnostik. Neuausgabe Herder Verlag, Freiburg/ Basel/ Wien.

[2] Vgl. Schmersahl, Katrin (1998): Medizin und Geschlecht. Zur Konstruktion der Kategorie Geschlecht im medizinischen Diskurs des 19. Jahrhunderts, in: Trautmann, Günter/ Goertz, Hans-Jürgen/ Kleining, Gerhard (Hgg.): Schriftenreihe der Institute Politische Wissenschaft, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Soziologie, Opladen (Sozialwissenschaftliche Studien, Heft 36), S. 216 f.

[3] Vgl. Schößler, Franziska (2008): Einführung in die Gender Studies, Akademie Verlag GmbH, Berlin, S. 38.

[4] Vgl. Schaps, Regina (1992): Hysterie und Weiblichkeit. Wissenschaftsmythen über die Frau, Campus-Verlag, Frankfurt/Main (Reihe Campus, 1054), S. 18.

[5] Vgl. Schaps 1992, S. 18.

[6] Israël, Lucien (³1993): Die unerhörte Botschaft der Hysterie, München, S. 12.

[7] Vgl. Schaps 1992, S. 22.

[8] Vgl. ebd., S. 23.

[9] Vgl. ebd., S. 27.

[10] Vgl. ebd., S. 30.

[11] Vgl. Veith, Ilza (1965): The history of a disease, Chicago, S. 141 f.

[12] Vgl. Von Braun, Christina (41994): Nicht ich. Logik, Lüge, Libido, Verlag Neue Kritik, Frankfurt am Main, S. 48-55.

[13] Vgl. Weickmann, Dorion (1997): Rebellion der Sinne. Hysterie – ein Krankheitsbild als Spiegel der Geschlechterordnung (1880-1920), Campus Verlag, Frankfurt am Main, S. 27.

[14] Vgl. Schaps 1992, S. 45.

[15] Ebd., S. 45.

[16] Vgl. Israël 1993, S. 16.

[17] Vgl. Showalter, Elaine (1993): Hysteria. Feminism and Gender, in: Gilman, Sander/ King, Helen (Hgg.): Hysteria beyond Freud, Univ. of Calif. Press, Berkely, S. 294 f.

[18] Nolte, Karen (2003): Gelebte Hysterie. Erfahrung. Eigensinn und psychiatrische Diskurse im Anstaltsalltag um 1900, Campus Verlag (Geschichte und Geschlechter, 42), Frankfurt am Main, S. 118.

[19] Kronberger, Silvia (2002): Die unerhörten Töchter. Fräulein Else und Elektra und die gesellschaftliche Funktion der Hysterie, Innsbruck, S. 27.

[20] Vgl. Kronberger 2002, S. 28.

[21] Vgl. ebd., S. 30.

[22] Vgl. ebd., S. 32.

[23] Vgl. ebd., S. 61.

[24] Vgl. ebd., S. 63.

[25] Vgl. Schaps 1992, S. 147.

[26] Vgl. Veith 1965, S. 263.

[27] Vgl. Schaps 1992, S. 148.

[28] Neuhaus, Peter (2001): Erinnerung als Brückenkategorie: Anstöße zur Vermittlung zwischen der Politischen Theologie von Johann Baptist Metz und der Tiefenpsychologischen Theologie Eugen Drewermann, LIT Verlag (Forum Theologie und Psychologie, 2), Münster, S. 140.

[29] Kronberger 2002, S. 67.

[30] Vgl. Schaps 1992, S. 149.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Die Hysterie um 1900. Ein Vergleich am Beispiel "Fräulein Else" von A. Schnitzler und "Dora" von Freud
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Institut für Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Novellen der Wiener Moderne
Note
2,7
Autor
Jahr
2014
Seiten
26
Katalognummer
V295488
ISBN (eBook)
9783656935933
ISBN (Buch)
9783656935940
Dateigröße
476 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fin de Siècle, Psychoanalyse
Arbeit zitieren
Tanja Bergsieker (Autor), 2014, Die Hysterie um 1900. Ein Vergleich am Beispiel "Fräulein Else" von A. Schnitzler und "Dora" von Freud, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/295488

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