Rahmenbedingungen und ihr Einfluss auf die Schulentscheidung. Kinder mit besonderem Förderbedarf im Kreis Offenbach


Hausarbeit, 2013

22 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Falldarstellung
2.1. Definition „frühkindlicher Autismus“
2.2. Vorstellung der aktuellen Situation

3. Der ökosystemische Ansatz nach Uri Bronfenbrenner

4. Schulentscheidung

4.1. Transition
4.2. Bezug des ökosystemischen Ansatzes auf das Fallbeispiel
4.2.1. Das Mikrosystem
4.2.2 Das Mesosystem
4.2.3. Das Exosystem
4.2.4. Das Makrosystem
4.2.5. Das Chronosystem

5. Entwurf einer „Schule für alle“

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Rein schrieb bereits 1906 über den Wunsch der Kindergärtnerinnen, dass „die Kinder, die zwei Jahre von ihnen erzogen und vorbereitet worden waren, in ähnlicher Weise weitergeführt und in ihrer Entwicklung nicht unterbrochen werden möchten, sondern daß die Schule ihnen entgegen kommen und auf der angefangenen Grundlage fortsetzen möchte, was dem Wesen des Kindes entsprechend angebahnt war“ (Rein, 1906b, S. 890). Auch heute ist dies in den aktuellen Diskussionen im Übergang zwischen Kindergarten und Schule immer wieder Thema. Wichtig ist dies vor allem für Kinder, die im Kindergarten einen Einzelintegrationsplatz belegten. Seit der Ratifizierung des Art. 24 der UN-Behindertenrechtskonvention, in welchem jedem Menschen das Recht auf Bildung ohne Diskriminierung und auf der Grundlage der Chancengleichheit zugestanden wird, steht das Problem der Schulwahl besonders für Kinder mit erhöhtem Förderbedarf. Ebenso steht die Frage im Raum, wer entscheidet, welche Bildung für ein Kind die "richtige" ist? (vgl. Diemert, 2007, S. 94).

In der vorliegenden Hausarbeit soll der Frage nachgegangen werden, welche Rahmenbedingungen die Schulentscheidungen für ein Kind mit Autismus im Kreis Offenbach beeinflussen. Dies wird auf der Grundlage des ökosystemischen Ansatzes von Uri Bronfenbrenner untersucht. In Kapitel 2 wird auf der Grundlage einer Definition von Autismus die Situation dargestellt, auf welcher die Hausarbeit aufgebaut ist. Der ökosystemische Ansatz nach Uri Bronfenbrenner wird in Kapitel 3 theoretisch vorgestellt sowie aufbauend auf diesem und auf Kapitel 2 im folgenden Kapitel 4 die Schulentscheidung auf den verschiedenen Ebenen erörtert. Aufbauend auf dem Ansatz der „Pädagogik der Vielfalt“ von Annedore Prengel und den Erkenntnissen aus den vorhergehenden Kapiteln wird in Kapitel 5 ein Entwurf einer „Schule für alle“ entwickelt. Ein Fazit schließt die vorliegende Hausarbeit ab.

Aufgrund der überwiegend weiblichen Beschäftigten im pädagogischen Bereich, wird in der vorliegenden Hausarbeit vorwiegend die weibliche Bezeichnung gewählt.

Aus Gründen des Datenschutzes wurde der Name des Kindes im vorliegenden Fallbeispiel geändert.

2. Falldarstellung

2.1. Definition „frühkindlicher Autismus“

„Der Begriff «Autismus» stammt von Eugen Bleuler und wird im Allgemeinen mit Selbstbezogenheit, als Rückzug auf die eigene Person und als Ausdruck einer Kontaktstörung verwandt“ (Lempp, 1992, S. 96). Autisten sind unfähig, Beziehungen zu anderen Menschen herzustellen (vgl. Wing & Wendeler, 1992, S. 28). Es wird angenommen, dass es sich bei Autismus um eine tiefgreifende Entwicklungsstörung auf Grund einer kognitiven Beeinträchtigung in der Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitung handelt (vgl. Slotta, 2002, S. 25).

Frühkindlicher Autismus stellt neben dem Asperger Syndrom und dem atypischen Autismus eine Form von Autismus dar. Bei diesem handelt es sich um eine komplexe und tiefgreifende Störung der kindlichen Entwicklung, die sich bereits vor dem 3. Lebensjahr zeigt. Dabei liegt in erster Linie eine Beeinträchtigung der Wahrnehmungsverarbeitung vor, sodass es dem Kind nicht gelingt, Umweltreize richtig einzuordnen oder in Beziehung zueinander zu setzen (vgl. May). „Die Behinderung des autistischen Kindes besteht primär in der Unfähigkeit, visuelle und auditive Sinneseindrücke zu den sinnvollen Strukturen zu verarbeiten, die die Grundlage für das sich entwickelnde Weltverständnis des normalen Kindes sind“ (Wing & Wendeler, 1992, S. 11). Daraus resultierend gelingt es dem Kind nicht, sich in der Umgebung zu orientieren und es kann sein Leben und Verhalten weder organisieren noch sich auf seine Außenwelt einstellen. In der Folge zeigen diese Kinder große Probleme, das Verhalten anderer zu verstehen und sich ihrer Umwelt verständlich zu machen. Sie ziehen sich in sich selbst zurück und entwickeln stereotype Verhaltensweisen (vgl. May). Bei der Arbeit mit autistischen Menschen fällt auf, dass es nicht „den Autisten“ gibt. Autistische Menschen unterscheiden sich in ihren Fähigkeiten, Ausdrucksformen, Kompetenzen, Bedürfnissen und Neigungen erheblich, sowie in ihren Ausprägungen von Verhaltensweisen, die als autistische Symptome definiert werden (vgl. Slotta, 2002, S. 19).

Diagnostiziert wird der Autismus durch Verhaltensbeobachtung sowie durch Befragung der Bezugspersonen des Kindes (vgl. Degner, 2011, S. 22).

2.2. Vorstellung der aktuellen Situation

Wie bereits in der vorangestellten Definition erläutert, fällt es Autisten sehr schwer, Situationen einzuschätzen und entsprechend zu reagieren. Auch gibt es nicht den Autisten. Jeder Autist reagiert anders auf seine Umwelt und zeigt spezifische Verhaltensweisen. Im Fall, auf den die Autorin sich in ihrer Hausarbeit bezieht, handelt es sich um einen Jungen mit frühkindlichem Autismus. Anton ist sieben Jahre alt und besucht seit seinem dritten Lebensjahr mit einer Einzelintegrationsmaßnahme den Kindergarten. Er ist ein aufgeweckter, neugieriger Junge mit einem sehr hohen Bewegungsdrang, der bereits früh ein ausgeprägtes Interesse an Zahlen und Buchstaben zeigte. Anton brachte sich mit sechs Jahren autodidaktisch das Lesen bei und rechnet seit geraumer Zeit Additionsaufgaben im Zahlenraum bis 20. Seine Probleme in Hinsicht auf seine Schullaufbahn zeigen sich in einer geringen Konzentrationsfähigkeit, hohen motorischen Unruhe und der Unfähigkeit, Kontakte zu gleichaltrigen Kindern zu halten. Auch zeigt er eine geringe Frustrationstoleranz. Diese zeigt sich in Konfliktsituationen mit Beschimpfen seiner und anderer Personen, Spucken und Schreien. Anton trägt nach wie vor eine Windel und es ist nicht absehbar, ob er den Toilettengang in seinem Leben bewältigen wird. Das Land Hessen schreibt bei Kindern mit besonderem Förderbedarf im Jahr vor der Schule die Bildung eines Förderausschusses vor (vgl. Hessisches Schulgesetz). Diesem gehören mit je einer Stimme die Eltern des Kindes, die zuständige Grundschule sowie eine Lehrerin des beratenden Bildungs- und Förderzentrums (im folgenden BFZ genannt) an. Der Kindergarten sowie Therapeuten können in einer Beratungsrolle teilnehmen. Aufgrund der sehr positiven Entwicklung in den ersten drei Jahren seiner Kindergartenlaufbahn und der Möglichkeit, ihn bei weiterer Entwicklung ohne Integrationshelfer in die örtliche Grundschule einzuschulen, entschlossen sich Eltern, Rektorin und die Kindergartenerzieherinnen sowie die Lehrerin des BFZ zu einer Schulrückstellung mit weiterem Kindergartenbesuch. Weil nicht absehbar war, ob Anton wirklich die örtliche Grundschule besuchen kann, besuchten die Mutter des Kindes und die Erzieherinnen des Kindergartens gemeinsam im Jahr der Rückstellung die möglichen aufnehmenden Förderschulen des Kreises. Da Anton trotz Toilettentrainings nach wie vor eine Windel trägt und die örtliche Grundschule keinerlei Möglichkeiten des Windelwechselns hat sowie die Finanzierung eines Integrationshelfers durch den Kreis nahezu aussichtslos erscheint, wünschte die Mutter im darauffolgenden Förderausschuss eine Aufnahme des Kindes in der Schule mit dem Schwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung. Diesem Wunsch wurde sowohl von der zuständigen Grundschule als auch von der aufnehmenden Förderschule stattgegeben.

3. Der ökosystemische Ansatz nach Uri Bronfenbrenner

Mit seinem in den 1970er Jahren entwickelten mehrperspektivischen, ökosystemischen Ansatz bietet Uri Bronfenbrenner eine Grundlage, um den Transitionsprozess vom Kindergarten in die Schule in unterschiedlichen Kontexten zu beleuchten. Mit seiner Hilfe können die Wechselwirkungen der verschiedenen Mikrosysteme auf individuelle Lern- und Entwicklungsprozesse eines Kindes betrachtet werden (vgl. Werning & Urban). Gleichzeitig bietet dieser Ansatz die Möglichkeit, Einflüsse aus Bereichen, in denen ein Kind nicht unmittelbar beteiligt ist, hinsichtlich ihrer Bedeutung für die Entwicklung des Kindes zu berücksichtigen.

Uri Bronfenbrenner geht davon aus, dass die wahrgenommene Umwelt Verhalten und Entwicklung beeinflusst. Er verweist dabei deutlich darauf, dass es sich um die wahrgenommene und nicht die vermeintlich objektive Realität handelt (vgl. Bronfenbrenner, Lüscher, & Cranach, 1981, S. 20). Entwicklung stellt für Uri Bronfenbrenner einen Prozess dar, durch den sich eine Person Vorstellungen über ihre Umwelt erwirbt. Sie wird dazu angeregt, sich mit ihrer Umwelt auseinanderzusetzen sowie diese zu erhalten oder für sich umzubilden (vgl. Bronfenbrenner et al., 1981, S. 44). Nach Bronfenbrenner besteht die Umwelt aus einer verschachtelten Anordnung „ineinandergebetteter Strukturen“ (vgl. Bronfenbrenner, 1990, S. 76). Der sich entwickelnde Mensch setzt sich aktiv mit den „wechselnden Eigenschaften seiner unmittelbaren Lebensbereiche“ auseinander. Dieser Prozess wird fortlaufend von den Beziehungen dieser Lebensbereiche untereinander beeinflusst sowie von den größeren Kontexten, in welche diese eingebettet sind (vgl. Bronfenbrenner et al., 1981, S. 37). Bronfenbrenner bezeichnet die unterschiedlichen Systeme als Mikro-, Meso-, Exo-, Makro- und Chronosystem (vgl. Bronfenbrenner, 1990, S. 76). Die theoretische Darstellung der einzelnen Systeme erfolgt in Verbindung mit der Analyse der Schulentscheidung im jeweiligen Unterkapitel des 4. Kapitels.

4. Schulentscheidung

4.1. Transition

Transition ist aus dem Lateinischen entnommen und heißt Übergang, Übergehung (vgl. Bibliographisches Institut GmbH). In der vorliegenden Hausarbeit wird auf den die Schulentscheidung als wichtigen Baustein im Übergang vom Kindergarten in die Schule Bezug genommen. Nach Griebel, Niesel sind Transitionen mit der Bewältigung von Diskontinuitäten verbunden. Übergänge stellen Phasen intensivierten Lernens dar und werden als bedeutsame Lebenserfahrungen in der Identitätsentwicklung wahrgenommen (vgl. Griebel & Niesel, 2011, S. 37). Uri Bronfenbrenner beschäftigte sich ebenso mit Transitionen. Er definiert diese als ökologische Übergänge und verortet sie im Chronosystem (vgl. Kapitel 3). In seinem Sinne stellt eine Transition einen Wechsel der Rolle, des Lebensbereiches oder beider Aspekte einer Person dar. Die Transition vom Kindergarten in die Schule ist erst mit dem Erwerb von Schulerfahrungen abgeschlossen (vgl. Griebel & Niesel, 2011, S. 118).

Auf welchen Ebenen die Entscheidung, welche Schule Kinder mit erhöhtem Förderbedarf besuchen werden, getroffen wird, wird in den folgenden Kapiteln beleuchtet.

4.2. Bezug des ökosystemischen Ansatzes auf das Fallbeispiel

4.2.1. Das Mikrosystem

Nach Bronfenbrenner stellt ein Mikrosystem „ein Muster von Tätigkeiten und Aktivitäten, Rollen und zwischenmenschlichen Beziehungen“ (Bronfenbrenner et al., 1981, S. 38) dar, welches eine Person in seinem unmittelbaren Lebensbereich erlebt. Dabei definiert Bronfenbrenner Lebensbereich als einen Ort der direkten Interaktion mit anderen Personen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Rahmenbedingungen und ihr Einfluss auf die Schulentscheidung. Kinder mit besonderem Förderbedarf im Kreis Offenbach
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften)
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
22
Katalognummer
V295519
ISBN (eBook)
9783656937487
ISBN (Buch)
9783656937494
Dateigröße
565 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bronfenbrenner, Schulentscheidung, besonderer Förderbedarf, Übergang in die Schule, Transition
Arbeit zitieren
Katrin Häßler (Autor), 2013, Rahmenbedingungen und ihr Einfluss auf die Schulentscheidung. Kinder mit besonderem Förderbedarf im Kreis Offenbach, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/295519

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