Journalisten recherchieren und vermitteln Fakten, Schriftsteller denken sich Geschichten aus. Eine ziemlich grobe Beschreibung, die aber gut wiedergibt, wie die beiden Berufe in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Bei den scharfen Trennlinien, die zwischen Journalisten und Literaten gezogen werden, wird allerdings oft vergessen, dass es auch Autoren gibt, die sich beiden Gruppierungen zuordnen lassen.
Die Geschichte dieser Grenzgänger reicht weit zurück: Zu den prominentesten Beispielen zählt etwa Heinrich Heine, der sich zu Lebzeiten nicht zwischen Gedichten und Journalismus entscheiden wollte. Besonders weit verbreitet ist die Doppeltätigkeit aber im Dunstkreis der sogenannten Popliteraten. Fast alle bekannten Vertreter haben auch Erfahrungen bei Zeitungen und Magazinen gesammelt. Die Trennlinien zwischen Literatur und Journalismus haben die Autoren dabei nicht nur biographisch, sondern auch stilistisch aufgehoben.
Marc Fischer gilt als Inbegriff des Popjournalisten. Einer, der die Grenzen zur Literatur immer so weit überschritten hat, wie es seine Auftraggeber zuließen. Er schrieb einen Artikel darüber, wie er auf einem Postkasten stieg und dort so lange saß, bis eine aufgebrachte Passantin die Polizei rief. Oder über eine imaginäre Tour mit Joseph Roth durch die Party-Metropole Berlin. Und in seinen Interviews kam es nicht selten vor, dass der eigentlich zu Befragende ihm die Fragen stellte.
Die vorliegende Arbeit wird sich genauer mit dem Popjournalismus beschäftigen. Es soll geklärt werden, ob und wie sich das Phänomen charakterisieren lässt und welche Überschneidungen und Wechselwirkungen es zwischen Popjournalismus und Popliteratur gibt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Entwicklung von Popliteratur und Popjournalismus
2.1 Popliteratur
2.1.1 Begründung der Popliteratur in Deutschland
2.1.2 Ausbreitung des Popimpulses
2.1.3 Neuere deutsche Popliteratur
2.2 Popjournalismus
2.2.1 Die Ursprünge
2.2.2 Die Hochphase
3. Merkmale des Popjournalismus
3.1 Das Ich im Mittelpunkt
3.2 Subjektivierte Darstellungshaltung
3.3 Bevorzugung überzeitlicher Themen
3.4 Bewusste sprachliche Gestaltung
4. Kritik und Krise des Popjournalismus
5. Popliteratur und Popjournalismus im Vergleich
6. Popjournalismus heute
7. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen des Popjournalismus, seine Charakteristika sowie die engen Wechselwirkungen zur Popliteratur. Es wird der Frage nachgegangen, wie sich dieses Genre als „Grenzgänger“ zwischen medialem und literarischem Erzählen definieren lässt und welche Bedeutung diese Hybridform für die zeitgenössische Medienlandschaft hat.
- Historische Einordnung der Popliteratur und ihrer amerikanischen Wurzeln.
- Analyse der Entstehung und Hochphase des Popjournalismus, insbesondere durch Magazine wie Tempo.
- Erarbeitung eines Merkmalkatalogs (Subjektivität, Ich-Perspektive, Stilbewusstsein).
- Untersuchung der Krise durch den Skandal um Tom Kummer.
- Vergleich der Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Popliteratur und Popjournalismus.
Auszug aus dem Buch
3.1 Das Ich im Mittelpunkt
Während eines Zeitungsinterviews aus dem Jahre 1999 warfen zwei Redakteure der ZEIT den Jungautoren Benjamin von Stuckrad-Barre und Christian Kracht vor: „Sie schreiben, so scheint es, am liebsten über sich selbst.“ Stuckrad-Barres Antwort darauf: „Entschuldigung, aber über wen denn bitte sonst?“ Diese Aussage lässt sich nicht nur auf die Bücher der Interviewten übertragen, sondern auch auf ihr journalistisches Schaffen. Genauso wie vom New Journalism gefordert, traten die Popjournalisten in ihren Texten über den Schatten des objektiven Beobachters und wurden zu persönlich Beteiligten. Mehr noch: In vielen Texten schrieben sich die Autoren selber in den Mittelpunkt.
Das kommt beispielsweise in Marc Fischers Interview mit der Sängerin Björk zur Geltung. Der Tempo-Autor kletterte während des Gesprächs mit dem Popstar durch ein Fenster aufs Dach. Die Szene kam im veröffentlichen Interview ebenso vor wie die Passagen, in denen nicht Fischer Björk, sondern der Popstar den eigentlichen Interviewer befragte. Die Geschichte wurde mit einem Foto bebildert, auf dem Fischer ebenso groß wie der Popstar zu sehen war.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Differenz zwischen Journalismus und Literatur ein und definiert den Popjournalisten als Grenzgänger, dessen Arbeit stilistisch beide Felder verbindet.
2. Entwicklung von Popliteratur und Popjournalismus: Dieses Kapitel zeichnet die historischen Wurzeln beider Strömungen nach, von der US-amerikanischen Beat Generation bis hin zur Etablierung des Popjournalismus in deutschen Magazinen.
3. Merkmale des Popjournalismus: Hier werden die zentralen Charakteristika wie die Ich-Perspektive, Subjektivität, der Fokus auf überzeitliche Themen und die bewusste sprachliche Ästhetisierung detailliert beleuchtet.
4. Kritik und Krise des Popjournalismus: Der Abschnitt behandelt den Skandal um den Fälscher Tom Kummer und die daraus resultierende Vertrauenskrise in der journalistischen Öffentlichkeit.
5. Popliteratur und Popjournalismus im Vergleich: Dieser Teil arbeitet die stilistischen und thematischen Gemeinsamkeiten heraus, insbesondere die Rolle der Autoren als Grenzgänger zwischen den Medienformen.
6. Popjournalismus heute: Das Kapitel analysiert, wie popjournalistische Stile in den Mainstream integriert wurden und welches Potenzial das Genre trotz wirtschaftlicher Krisen für die Zukunft der Printmedien bietet.
7. Fazit: Die Arbeit schließt mit einer Zusammenfassung der Ergebnisse und reflektiert die zukünftige Relevanz des Popjournalismus angesichts aktueller Medienumbrüche.
Schlüsselwörter
Popjournalismus, Popliteratur, New Journalism, Beat Generation, Tempo-Magazin, Subjektivität, Grenzgänger, Fakt und Fiktion, Marc Fischer, Christian Kracht, Benjamin von Stuckrad-Barre, Medienwandel, Stilbewusstsein, Reportage, Identität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Entwicklung, den Merkmalen und der kulturellen Bedeutung des Popjournalismus als hybride Form zwischen Journalismus und Literatur.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Im Fokus stehen die historische Herleitung, die ästhetischen Mittel des Genres sowie die Abgrenzung zum klassischen, objektiven Nachrichtenjournalismus.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, ob und wie sich der Popjournalismus charakterisieren lässt und welche Wechselwirkungen zwischen ihm und der Popliteratur bestehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine literaturgeschichtliche Einordnung kombiniert mit einer Analyse spezifischer Merkmale anhand von Textbeispielen und journalistischer Kritik.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Evolution des Genres, definiert den Merkmalkatalog (Ich-Perspektive, Subjektivität), diskutiert Krisenerscheinungen und vergleicht das Genre mit der Popliteratur.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Popjournalismus, Subjektivität, Grenzgänger, Fakt und Fiktion sowie der Einfluss der Beat Generation und des New Journalism.
Warum war das Tempo-Magazin für den Popjournalismus so wichtig?
Das Magazin Tempo gilt als Wiege des deutschen Popjournalismus, da es radikal mit objektiven Standards brach und einen neuen, jungen Journalismus etablierte, der Selbstinszenierung und literarischen Stil zum Programm machte.
Welchen Einfluss hatte der Skandal um Tom Kummer?
Der Skandal um frei erfundene Interviews löste eine Krise aus, die den Popjournalismus unter Generalverdacht stellte und die Frage nach dem professionellen Umgang mit Fakt und Fiktion verschärfte.
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- Michael Verfürden (Author), 2015, Popjournalismus. Grenzgänge zwischen medialem und literarischem Erzählen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/295566