Empirische Untersuchung der Doppelmotivation und Ambigität von Substantivkomposita


Hausarbeit, 2012

15 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Die Komposition im Deutschen
Das Untersuchungsfeld dieser Arbeit

Daten und Methode
Probleme
Validität, Reliabilität und Geltungsbereich

Die Ergebnisse
Teil 1: ambige Komposita
Bauernleberwurst
Hurentochter
Fabriknagel
Holzkiste
Fischfrau
Schokoladenmann
Vergewaltigervater
Mädchenhandelsschule
Sommerreifenverkauf
Zusammenfassung: ambige Komposita
Teil 2: Doppelmotivation
Kinderfilmwoche
Bundesstraßenbau
Frauentheaterfestival
Hefegebäckstück
Firmenkundenservice
Edelmarzipantorte
Pfefferkuchenhaus
Schwemmwasserbecken
Bitterschokoladenüberzug
Liegestuhllehne
Biobauernbrot
Zusammenfassung: Doppelmotivation

Fazit

Literaturverzeichnis

Die Komposition im Deutschen

Bei dem Wort Komposition denken wir überwiegend an Bach und Mozart, die Komponisten der Musik waren, oder an Rodin und Munch, die die Kunst zu komponieren wussten. Doch was oft vergessen wird, ist, dass jeder von uns ein sprachlicher Komponist sein kann.

Etwas zu komponieren bedeutet wörtlich etwas zusammenzusetzen. Bei einer sprachlichen Komposition wird aus zwei Morphemen ein neues Wort gebildet. Im Deutschen können wir praktisch alle Wortgruppen miteinander verschmelzen lassen. Wichtig ist hierbei nur, welches der beiden Glieder vorne und welches hinten steht. Das sogenannte Erstglied (wird auch linkes Glied genannt) beschreibt im Normalfall das Zweitglied genauer. Das Zweitglied wiederum ist Kopf und Kern des Wortes. Das bedeutet, dass es sowohl die grammatischen Eigenschaften des Wortes bestimmt (Kopf) als auch auf der Bedeutungsebene festlegend wirkt (Kern). Ist also das Zweitglied ein Femininum, so ist auch das Kompositum feminin (Eisenberg 2006: 226). Diese Festlegung der grammatischen Kategorien durch das Zweitglied ist grundsätzlich. Auf der Bedeutungsebene gibt es allerdings Ausnahmen.[1]

In der Literatur sind unfangreiche Versuche unternommen worden, die Komposita in verschiedene, inhaltliche Arten einzuteilen. Da auch mannigfaltige Sonderformen und Ausnahmen vorkommen[2], sollen in dieser Arbeit nur die beiden gängigsten Typen besprochen werden, die überall verbreitet beschrieben sind: das Determinativkompositum und das Kopulativkompositum.

Als Prototyp der Komposition gilt das Determinativkompositum. Hierbei unterliegt das Erstglied dem Zweitglied hierarchisch, da das Zweitglied den semantischen Kern des Kompositums darstellt. In einer Formel ausgedrückt bedeutet das, dass das ganze Kompositum immer ein Teil der Gruppe ist, die das Zweitglied beschreibt. Das Erstglied (Determinans) beschreibt das Zweitglied (Determinatum) nur näher und schränkt seine Gültigkeit ein. Das Standartbeispiel für ein Determinativkompositum wäre Haustür (Elsen 2011: 61). Es wird eine bestimmte Art von Tür beschrieben. Das Determinans Haus- schränkt das Determinatum –tür ein.

Beim Kopulativkompositum verhält es sich anders: Es gibt zwischen Erst- und Zweitglied keine Hierarchie. Beide Morpheme gehören derselben Wortart an und sind zumindest theoretisch in ihrer Reihenfolge austauschbar. Ein Beispiel wäre das Adjektivkompositum nasskalt oder das Substantivkompositum Strumpfhose.

Die Komposition ist die am häufigsten genutzte Wortbildungsart im Deutschen (Elsen 2011: 61). Besonders produktiv ist sie im Bereich der Substantivkomposita, also der Komposita, die als Zweitglied ein Substantiv haben. Das Erstglied kann hierbei zwischen einem weiteren Substantiv, einem Verb, einem Adjektiv und Sonderformen wie zum Beispiel Konfixen variieren. Da der Prototyp der Komposition jedoch die Form des Substantiv + Substantiv ist (Eichinger 2000: 121), soll in dieser Arbeit auf diese Kompositionsform eingegangen werden.

Das Untersuchungsfeld dieser Arbeit

Da Komposita so häufig und produktiv sind, sind sie auch relativ gut untersucht und ausführlich beschrieben. Wie oben schon angerissen, gibt es eine Fülle an Theorien und Ordnungsmöglichkeiten die Komposition betreffend. Deswegen wurden für diese Arbeit zwei exotische Themen ausgewählt: die ambige Lesart von Komposita und die Verzweigungsmöglichkeiten dreiteiliger Komposita.

Ambige Lesart bedeutet, dass ein Wort zwei verschiedene Bedeutungen haben kann. Ein typisches Beispiel für Ambiguität wäre das Wort Bank, mit dem einmal die Sitzgelegenheit und einmal das Geldinstitut gemeint sein können. Die verschiedenen Bedeutungsebenen von Bank nennt man Homonyme.

Den Probanden wurden in dieser Arbeit ambige Komposita vorgelegt, die sie erklären sollten. An ihren Antworten kann sowohl die Fülle der möglichen „Teekesselchen“ als auch deren Häufigkeit abgelesen werden.

Die Ambiguität bei Komposita ist besonders interessant, weil sich ihre Mehrdeutigkeit oft nicht aus dem Wort selbst ergibt, sondern aus der Beziehung der Bestandteile zueinander (Klos 2011: 2). Diese Beziehung kann sehr unterschiedlich sein und wird bei den einzelnen, untersuchten Wörtern näher erläutert.

Im Deutschen ist es möglich, extrem lange Kompositaketten zu bilden. Doch obwohl eine solche Wortkette theoretisch aus vielen hundert Morphemen bestehen kann, ist sie doch immer binär, also zweiteilig, aufgebaut. Jedes Kompositum kann in zwei Teile getrennt werden, die dann eventuell jeweils wieder in zwei Teile geteilt werden können. Dieser Zusammenhang wird oft in einem Baumdiagramm dargestellt. Hieraus ergibt sich, dass es drei Arten von Verzweigungsmöglichkeiten für längere Komposita gibt: linksverzweigte, rechtsverzweigte und gleich komplexe (Donalies 2007: 37). Ein Beispiel für linksverzweigte Kompositaketten ist Spätsommerlicht, für rechtsverzweigte Ketten Medienwurmfortsatz, für gleich komplexe Löwenzahnblütenstaub (Eichinger 2000: 116). Die Linksverzweigung ist im Allgemeinen häufiger als die Rechtsverzweigung (Ortner 1991: 15). Ob eine Kompositakette rechts- oder linksverzweigt ist, ist meist nicht schwer zu entscheiden. Doch es gibt einige dreiteilige Komposita, bei denen beides möglich ist. Das mittlere Morphem kann sowohl dem Erst- als auch dem Endglied zugeordnet werden. Diese Möglichkeit der sowohl Links- als auch Rechtsverzweigung nennt man Doppelmotivation. An den Antworten der Probanden kann abgelesen werden, welches der beiden möglichen Worte ihnen eher geläufig ist und ob sie eher dem typischen Linkszweig folgen oder nach rechts verzweigen.

Daten und Methode

Um den Interviewereffekt so gering wie möglich zu halten, erstellte ich für meine Untersuchung einen doppelseitigen Fragebogen (siehe Anhang), der den Probanden persönlich, per Post oder E-Mail übergeben wurde. Sie füllten ihn ohne jegliche zeitliche Begrenzung in der Universität oder zu Hause aus. Hierbei wurde darauf geachtet, dass sich die Probanden nicht gegenseitig beeinflussen, um unabhängige Ergebnisse zu erhalten. Außer den Aufgabenstellungen auf dem Zettel wurden den Befragten vor dem Ausfüllen des Bogens keine Informationen zum Zweck der Befragung gegeben.

Es wurden zwei Gruppen von Probanden befragt, eine unter 30 Jahren und eine über 60 Jahren.

Die erste Seite des Fragebogens beschäftigt sich mit den ambigen Komposita. Hier wurde eine nicht standardisierte, offene Fragestellung gewählt. Die Befragten sollten sich selbst zu der Bedeutung von Wörtern äußern. Ihre Antworten wurden bei der Auswertung den verschiedenen Kategorien zugeordnet, die sich aus den Antworten ergaben.

Auf der Rückseite des Fragebogens wurde eine andere Befragungsart gewählt: standardisiert und geschlossen. Die Befragten hatten nur die Wahl, sich für eine von zwei Möglichkeiten zu entscheiden. Leider ergaben sich jedoch aus beiden Aufgabenstellungen Probleme.

Probleme

Im ersten Teil konnten vor allem in der Gruppe der Senioren viele Antworten nicht ausgewertet werden, da diese nicht eine Beschreibung des vorgegebenen Wortes, sondern damit verbundene Assoziationen enthielten. So beispielsweise bei Vergewaltigervater: „Schlimm für den Vater“. Aus dieser Antwort konnte gerade noch abgelesen werden, dass der Befragte den Sohn als Vergewaltiger interpretiert. Somit konnte die Aussage noch zugeordnet werden. Andere jedoch fielen in die Kategorie „nicht auswertbar“. Die nicht auswertbaren Antworten im ersten Teil des Fragebogens betrugen bei den Senioren insgesamt 20% und bei der jungen Gruppe 8%.

Im zweiten Teil hatten einige Probanden Probleme mit der veränderten Aufgabenstellung. Sie gaben, genau wie im ersten Teil, freie Antworten auf die eigentlich geschlossene Fragestellung und versuchten die vorgegebenen Wörter zu beschreiben. Diese Fragebögen wurden in der Auswertung des zweiten Teils nicht beachtet.

Einer der Probanden hatte ebenfalls Probleme mit der Aufgabe. Er fügte von den dreiteiligen Komposita teilweise das erste und letzte Glied zusammen und entfernte das Mittelglied. Ich wertete bei diesem Fragebogen nur den ersten Teil aus.

Zu Beginn der Befragung war das erste zu erklärende Wort Vergewaltigervater. Da die Befragten aber Zeit benötigten, sich an die Situation und die Aufgabe zu gewöhnen, stellte ich in späteren Befragungen das Wort Bauernleberwurst an erste Stelle.

Validität, Reliabilität und Geltungsbereich

Diese Arbeit stellt auf keinen Fall den Anspruch, allgemeine Gültigkeit zu haben. Die Stichprobengröße ist mit insgesamt 40 Befragten dafür zu klein. Auch sind die Probanden nicht zufällig ausgesucht worden, sondern entstammen ausschließlich meinem sozialen Umfeld. Insgesamt sind die Frauen mit 75% überrepräsentiert, Süddeutsche sind überhaupt nicht vertreten. Die Seniorengruppe ist in den zusammengerechneten Prozentangaben unterrepräsentiert, da insgesamt nur eine geringe Anzahl der über 60 Jährigen bereit war, einen Fragebogen auszufüllen.

Viele der über 60 Jährigen schätzten die Intention der Befragung als eine Art Intelligenztest ein. So wurde ich vermehrt von den Probanden gebeten, ihnen nach Ausfüllen des Bogens ihren Intelligenzquotienten zu nennen.

Die Ergebnisse

Die beiden[3] Teile des Fragebogens müssen hier getrennt voneinander betrachtet werden, da sie nicht auseinander aufbauen.

Teil 1: ambige Komposita

Insgesamt wurden für diesen Teil die Fragebögen von 21 jungen und 18 älteren Probanden ausgewertet. Die Zahl der nicht auswertbaren Antworten ist mit insgesamt 14% relativ hoch. Einige Komposita wurden sehr eindeutig, teilweise sogar einstimmig einer Antwort zugeteilt. Bei anderen ergab sich ein interessantes Mischverhältnis. Die Wörter und ihre Ergebnisse sollen nun zuerst einzeln besprochen werden, bevor die Ergebnisse zusammengefasst werden.

Bauernleberwurst

Nicht ein einziger der Befragten gab die Antwort, es könne sich bei Bauernleberwurst um eine Wurst aus der Leber von Bauern handeln. Diese Antwort schien den Probanden wohl zu abwegig. Allerdings waren bei dieser Frage auch 38%[4] der Antworten nicht auswertbar. Dies mag daran liegen, dass die Bauernleberwurst der erste Begriff auf dem Fragebogen war und die Befragten sich erst an die Aufgabestellung gewöhnen mussten.

[...]


[1] zum Beispiel: Inversionskomposita (Elsen 2011: 67).

[2] zum Beispiel: Rektionskomposita, Possessivkomposita, verdeutlichende Komposita und weitere.

[3] Eine vollständige Liste befindet sich im Anhang.

[4] Es handelt sich bei den Prozentangaben jeweils um die gerundeten Werte.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Empirische Untersuchung der Doppelmotivation und Ambigität von Substantivkomposita
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Germanistisches Seminar)
Veranstaltung
Sprachwandel im Deutschen
Note
2,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
15
Katalognummer
V295605
ISBN (eBook)
9783656938156
ISBN (Buch)
9783656938163
Dateigröße
393 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sprachwissenschaft, teekesselchen, ambige wörter, ambiguität, komposita, zusammengesetzte wörter, wortschlangen, schlangenworte
Arbeit zitieren
Dorothee Salewski (Autor), 2012, Empirische Untersuchung der Doppelmotivation und Ambigität von Substantivkomposita, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/295605

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