Lateinamerikanisch-afrikanische Beziehungen im Rahmen der „Süd-Süd-Kooperation“

Eine Möglichkeit der überkontinentalen-regionalen Integration?


Forschungsarbeit, 2015
34 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung:

2. Theoretische Einordnung und Grundbegriffe

3. Wirtschaftspolitische Beziehungen zwischen Lateinamerika und Afrika
3.1 Politische Kooperationen und Handelsbeziehungen Lateinamerikas und des Sub-Sahara Raum Afrikas anhand ausgewählter Beispiele
3.2 Strategien und Interessen transnationaler Kooperationen und die Rolle der ASA-Gipfel
3.3 Strategien und Interessen transnationaler Kooperationen im Rahmen des World Social Forums, der G15 und der GSSDE

4. Conclusio - Theorievergleich

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung:

Spätestens seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in den USA, versucht sich der globale Süden zunehmend politisch und wirtschaftlich vom globalen Norden zu emanzipieren.[1] Lateinamerika, Afrika und Asien streben durch verstärkte bilaterale und multilaterale Bündnisse danach, die ungleichen Nord-Süd Beziehungen umzukehren um das globale Weltgeschehen stärker nach ihren Vorstellungen gestalten zu können. Dabei arbeiten die Entwicklungs- und Schwellenländer gezielt an gegenhegemonialen Strategien, wie etwa der Gründung regionaler Entwicklungsbanken oder regionaler Wirtschaftsgemeinschaften. Ziel ist es die Abhängigkeiten und somit auch die Diktate der Industrienationen weitestgehend zu reduzieren und als einheitlicher Akteur am internationalen politischen Parkett aufzutreten. In den internationalen Beziehungen ist dieses Phänomen bereits in den unterschiedlichsten Bereichen analysiert und bearbeitet worden. Vor allem aufgrund dieser zunehmend kooperativen Entwicklungen, jenseits von militärischer Gewalt, wurden die Theorien des Global Governance und der Interdependenz entwickelt und finden mittlerweile breiten Anklang. Denn der globale Süden ist allen voran darauf bedacht in wirtschaftlichen und politischen Bereichen kooperativ, gleichberechtigt und „fair“ in gemeinsame Beziehungen zu treten. Dennoch wird in der Literatur ein wichtiger und zukunftsweisender Bereich der internationalen Beziehungen nur sehr spärlich behandelt. Es finden sich keine empirischen Arbeiten über die verstärkte regionale Integration zwischen dem lateinamerikanischen und dem afrikanischen Kontinent. Hier besteht die politikwissenschaftliche Relevanz, sich dieses Themenspektrums anzunehmen, besonders in den aufstrebenden Schwellenländern und deren Paradigmenwechsel in den Außenbeziehungen. Auch wenn die Kooperation beider Kontinente aus wirtschaftlicher Perspektive noch sehr dürftig erscheint, etwa im Vergleich mit Asien, wird auf der politischen Ebene mit Nachdruck an neuen Bündnissen und Partnerschaften gearbeitet. Beide Kontinente verbinden ähnliche Abhängigkeiten, ähnliche strukturelle, soziale und politische Probleme, ähnliche Lösungsstrategien und nicht zuletzt ein gemeinsamer historischer Hintergrund.[2] Dadurch sind gerade in den letzten Jahren enorme Anstrengungen unternommen worden, um die bilateralen und multilateralen Interdependenzen beider Kontinente zu intensivieren. In der folgenden Forschungsarbeit will ich nun der Frage nachgehen, ob man angesichts der verstärkten Anstrengungen, die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen beider Kontinente auszubauen, von einer überkontinentalen, regionalen Integration Afrikas und Lateinamerikas sprechen kann, oder ob diese Anstrengungen trotz hehrer Zeile bisher im Sand verlaufen sind. Untersucht wird hierbei vor allem die Rolle des unregelmäßig stattfindenden „African-South American Summit“, welcher ein Produkt dieser Bemühungen ist und die Zusammenarbeit beider Kontinente formalisieren, institutionalisieren und in einen rechtlichen Rahmen bringen soll. Den Überbau der Analyse bildet die sogenannte „South-South Development Cooperation“, ein ursprünglich von der UNO initiiertes Programm um eine nachhaltige soziale und wirtschaftliche Entwicklung und Kooperation innerhalb des globalen Südens zu forcieren. Im Rahmen dieser Süd-Süd Kooperation finden alle später angeführten Kooperationen und Strategien statt, mit dem primären Ziel des Erfahrungs- und Wissensaustausches, um gemeinsame Interessen optimieren zu können. Die Vereinten Nationen definieren die Süd-Süd Kooperationen nach eigenen Angaben wie folgt: “South-South cooperation is the exchange of resources, technology and knowledge between developing countries.”[3] Dabei fokussiert sich die Süd-Süd Kooperation sowohl auf bilaterale, regionale, subregionale und interregionale Ebenen, was für meine spätere Analyse von erheblicher Bedeutung sein wird. Gleicherweise untersuche ich die Rolle des sowohl wirtschaftlichen als auch politisch dominantesten Staates Lateinamerikas, nämlich Brasiliens, im Sub-Sahara Raum. Hier wird nicht nur das Engagement innerhalb der Wirtschaftsgemeinschaft BRICS untersucht, sondern auch die Rolle als Investors und Konkurrent von China im afrikanischen Raum. Von Bedeutung sind hier vor allem die starken Beziehungen mit den portugiesisch sprachigen Staaten Afrikas, welche im Rahmen der Gemeinschaft portugiesisch sprachiger Staaten (CPLP) institutionalisiert wurden.[4] Neben den vorhergenannten ASA-Gipfeln gibt es aber auch zahlreiche andere Treffen auf internationale Ebene, wo an einer verstärkten Integration dieser beiden Kontinente gearbeitet wird. Hier stechen das World Social Forum, die Gruppe der Fünfzehn (G15) und die Global South-South Development Expo (GSSDE) besonders heraus. Das World Social Forum wird mir helfen gerade die gegenhegemonialen Strategien der intensivierten Beziehungen zu beleuchten, da es sich dabei um ein globalisierungskritisches Pendant zu den von den Industrienationen dominierten Polit- und Wirtschaftsgipfeln handelt. Es wird im Sinne der Interdependenztheorie, auf welche ich später eingehen werde, versucht, die Verletzlichkeit beider Kontinente durch das globale Geschehen so weit wie möglich zu reduzieren. Dabei spielen wirtschaftliche Faktoren eine zentrale Bedeutung, angesichts der oftmals protektionistisch und einseitig betriebenen Wirtschaftspolitik der Industrienationen, zum Nachteil der Entwicklungs- und Schwellenländer. Die verstärkte Kooperation beider Kontinente kann somit durchaus als Streben nach einer neuen multipolaren Weltordnung gesehen werden. Auf die G15 werde ich nur kurz eingehen, da hier vor allem der asiatische Part der gegenseitigen Kooperationen eine erhebliche Rolle spielt, und somit für meine Arbeit von geringer Bedeutung ist. Die GSSDE verdeutlicht letzten Endes das übergeordnete Ziel der Süd-Süd Kooperation, den Erfahrungs- und Wissensaustausch zwischen Entwicklungs- und Schwellenländern und das Ankurbeln gegenseitiger Investitionen voranzutreiben.

Die bereits erwähnten Theorien der Interdependenz nach Robert O. Keohane und Joseph S. Nye und der Global Governance nach Ulrich Brand, werden mir helfen meine Fragestellungen und Hypothesen theoretisch zu begründen. Beide Theorien können ein ausreichendes Erklärungsmuster für die verstärkte Kooperation beider Kontinente bieten. Sie fokussieren sich sowohl auf neue Formen der Kooperation, als auch auf gegenhegemonialen Strategien. Die komplexe Interdependenztheorie erklärt dabei auch warum beide Kontinente versuchen ihre Verletzlichkeit im internationalen System zu reduzieren und liefert nebenbei einen neudefinierten Machtbegriff, jenseits des klassisch-(neo-) realistischen. Die Global Governance Theorie untersucht wiederum die Problemlösungsfähigkeit innerhalb des neugestalteten internationalen Systems und die Transformation dieses. Auch wird im Gegensatz zu den meisten anderen Theorien der internationalen Beziehungen der nichtstaatliche Akteur verstärkt in die Untersuchungen aufgenommen, was mir in Falle meiner Forschung sehr entgegenkommt.

Die verstärkten politischen Bündnisse und auch die wirtschaftlichen Expansionen Lateinamerikas und Afrikas lassen also durchaus vermuten, dass hier ein neuer einheitlicher, globaler Player in der internationalen Politik entstehen könnte. Gegen Ende meiner Forschungsarbeit will ich anhand des analysierten Materials und meiner angewandten Theorien aber nicht nur der Frage einer überkontinentalen, regionalen Integration nachgehen, sondern auch untersuchen ob die neuen verstärkten Formen der Kooperation im Rahmen der Süd-Süd Kooperation überkontinentale Probleme der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung, wie Nahrungsmittelsicherheit, Armut, Energie- und Gesundheitsversorgung und Infrastrukturprobleme, effektiv lösen können beziehungsweise ob bisher Lösungsansätze erarbeitet werden konnten. Es bleibt auch zu klären ob sich Lateinamerika und Afrika abseits aller Lippenbekenntnisse einander tatsächlich wirtschaftlich und politisch annähern, oder ob sich beide Kontinente doch im Rahmen der SSC verstärkt Asien und hier vor allem China zuwenden. Schließlich kann ich anhand der Global Governance Theorie, welche innerhalb der interdependenten Beziehungen verstärkt den nichtstaatlichen Akteur in den Fokus nimmt, der Frage nachgehen ob eine lateinamerikanisch-afrikanische Zivilgesellschaft am Entstehen ist, oder dies lediglich eine Zukunftsutopie bleibt.

2. Theoretische Einordnung und Grundbegriffe

In einem ersten Schritt sollen die begriffsdefinitorischen und theoretischen Grundlagen für die weitere Arbeit dargelegt werden. Es wird dabei versucht Ergebnisse und Sachverhalte meiner Arbeit den Theoriekonzepten der Interdependenztheorie und der Theorie des Global Governance unterzuordnen. Auf zentrale Begriffe dieser beiden Theoriekonzepte soll in der Forschungsarbeit immer wieder zurückgegriffen werden.

Da es beide Kontinente bisher nicht geschafft haben ihre bilateralen und multilateralen Beziehungen umfassend zu institutionalisieren, es jedoch bedeutende wechselseitiger Abhängigkeiten einzelner Staaten gibt, kommt die aus dem liberalen Institutionalismus stammende Interdependenztheorie nach Robert O. Keohane und Joseph S. Nye für meine Untersuchungen in Frage.[5] Im groben versucht die Interdependenztheorie eine Antwort auf die stetig steigenden, wechselseitigen Abhängigkeiten von Staaten und deren Kosten-Nutzen Relation zu geben.[6] Dadurch entwickelten Keohane und Nye drei Formen der Interdependenz, nämlich die Interdependenz-Empfindlichkeit („sensitivity“), die Interdependenz-Verletzlichkeit („vulnerability“) und die komplexe Interdependenz (als Idealtypus). Bei der „sensitivity“ handelt es sich um die Kosten die entstehen, wenn es keine politische Gegenreaktion eines Staates auf Veränderungen in einem anderen Staat gibt, welche ihn betreffen. Die Politik bleibt also konstant. Bei der „vulnerability“ werden die Kosten analysiert, welche der Staat zu tragen hat, wenn er politische Gegenmaßnahmen trägt und eine Anpassung an die neuen Gegebenheiten vollzieht. Für beide Theoretiker war die „vulnerability“ stets die wichtigere Dimension in der Interdependenz: „Vulnerability interdependence is particularly relevant fort he analysis oft he structure of relations“.[7] Bei der komplexen Interdependenz handelt es sich um einen theoretischen Idealtypus des internationalen Systems, in Abgrenzung zum Realismus. Hier werden die drei Grundannahmen des Realismus einfach umgekehrt. (1) Staaten sind keine homogenen und alleinigen Akteure im internationalen System. Transnationale Beziehungen gewinnen an Bedeutung. (2) Militärische Macht besitzt eine untergeordnete Bedeutung als Mittel der Macht. (3) es gibt keine Hierarchie in den Zielen der internationalen Politik. Militärische Macht ist nicht a priori das oberste Ziel, sondern es existiert eine Vielzahl an unterschiedlichen Problembereichen, wie etwa eine internationale Wohlfahrt und (4) es kommt zu einem veränderten „agenda setting“ der Staaten durch die erhöhten Interdependenzen, denn innerstaatliche und transnationale Akteure politisieren nun bestimmte Probleme auf internationaler Ebene.Hier soll aber bei der komplexen Interdependenz der Blick weg von den westlichen Industriestaaten und ihren Beziehungen gehen, wie ursprünglich von Keohane und Nye gedacht, sondern hin zu den neuen Kooperationsformen der Entwicklungs- und Schwellenländer Lateinamerikas und Afrikas.[8] Auch wird bei der komplexen Interdependenz internationalen Organisationen eine bedeutsame Rolle eingeräumt. Sie sind es welche Einfluss auf die Gestaltung von Agenden nehmen, oder Koalitionsbildungen und Interessensartikulationen zwischen vermeintlich „schwächeren Staaten“ in der internationalen Politik anregen können. Auch dieser Aspekt wird sich in meinen Ausführungen verdeutlichen. Für meine weiteren Untersuchungen werden nur die „vulnerability“ und die komplexe Interdependenz von Bedeutung sein. Der Machtbegriff in der Interdependenztheorie ist wiederum eine Abgrenzung zu dem des Realismus. Interdependenz wird hier als intervenierende Variable zwischen Macht, als unabhängige, und den Ergebnissen politischer Prozesse als abhängige Variable gesehen.[9] Da die Interdependenz zwischen Staaten immer mit Kosten verbunden ist, versuchen diese jeweils die resultierenden Kosten und Nutzen der internationalen Austauschbeziehungen zu ihren Gunsten zu verteilen. Dadurch ergeben sich durchaus asymmetrische Interdependenzen, welche besagen das manche Staaten in verschiedenen Politikfeldern unterschiedlich Verwundbar sind. Auch das kann ich später aufzeigen.

Die Global Governance Theorie nach den Ausführungen von Ulrich Brand und Christoph Scherrer ist wiederum für die Analyse des Globalisierungsprozesses in den veränderten Kooperationsformen der internationalen Politik wichtig und fokussiert sich auf die Problemlösungsfähigkeit dieser transnationalen Kooperationen.[10] „Auf den einfachsten Nenner gebracht bedeutet Global Governance, den Prozess der Globalisierung politisch zu begleiten.“[11] Dabei gibt es verschiedene Kategorien des Begriffes Global Governance, welche sich immer jeweils mit einem anderen Bereich befassen. Für meine Forschungsarbeit werden die deskriptive, die analytische und die normative Kategorie von Bedeutung sein. (a) Die deskriptive Kategorie fokussiert sich auf die internationale Ebene der Politik als neuer, dominanter Faktor neben der des Nationalstaates. Die wachsende Relevanz von neuen Partnerschaften, Verhandlungsformen und nichtstaatlichen Akteuren wird ebenfalls beleuchtet. (b) Die analytische Kategorie befasst sich wiederum mit der Rolle internationaler Institutionen und deren „Mechanismen des Regierens“, welche das internationale System dominieren. (c) Die normative Kategorie beschäftigt sich zu guter Letzt mit den daraus resultierenden neuartigen Kooperationsformen, sowie der Verknüpfung lokaler, nationaler und internationaler Handlungs- und Entscheidungsebenen, angesichts einer fehlenden Zentralgewalt im internationalen System.[12] Eine hohe Priorität schreibt die Global Governance Theorie der Problemlösungsfähigkeit neuartiger Kooperationsformen, sowie der nichtstaatlichen Ebene im Globalisierungsprozess zu.

3. Wirtschaftspolitische Beziehungen zwischen Lateinamerika und Afrika

Einleitend werden die handelspolitischen Beziehungen zwischen verschiedensten Staaten Lateinamerikas und des Sub-Sahara Raums Afrikas mit einem historischen Fokus auf der Süd-Süd Kooperation beleuchtet, um die Relevanz der überkontinentalen, regionalen Integration zu verdeutlichen. Hierzu werden im ersten Schritt die wichtigsten Staaten, Handelssparten, und Abkommen beleuchtet und somit die wirtschaftspolitischen Interdependenzen verdeutlicht (2.1). In einem zweiten Schritt werden die dahinterliegenden Interessen und Strategien beleuchtet, anhand der in der Einleitung erwähnten ASA-Gipfel (2.2). Die zentrale Rolle dieser Gipfel im gegenseitigen Austausch und die Institutionalisierung der wirtschaftpolitischen Beziehungen soll herausgestrichen werden.

Als dritten Schritt ziehe ich die auf die lateinamerikanisch-afrikanischen Beziehungen eingeschränkten Ergebnisse der bisher stattgefundenen World Social Forums und Global South-South Development Expos, sowie die G15 zu meiner Analyse hinzu, um der Frage nach der Problemlösungsfähigkeit dieser neuen Kooperationsformen für beide Kontinente nachzugehen (2.3). Am Ende des Kapitels folgt innerhalb der Conclusio eine theoriebehaftete Betrachtung der Entwicklungen und Tendenzen in den Beziehungen zwischen Lateinamerika und dem Sub-Sahara Raum Afrikas (3). Hierbei sollen die Fragen nach der Sinnhaftigkeit der Kooperationen, einer möglichen überkontinentalen, regionalen Integration und einer möglichen gemeinsamen Zivilgesellschaft beantwortet werden. Auch soll der Frage nachgegangen werden, ob beide Kontinente tatsächlich wirtschaftspolitisch stärker „zusammenwachsen“, oder sich doch verstärkt nach Asien orientieren.

3.1 Politische Kooperationen und Handelsbeziehungen Lateinamerikas und des Sub-Sahara Raum Afrikas anhand ausgewählter Beispiele

Verstärkte politische Kooperationen und Handelsbeziehungen zwischen dem lateinamerikanischen und dem afrikanischen Kontinent lassen sich vor allem seit dem Beginn des von den Vereinten Nationen 1978 initiierten Programmes der „South-South Development Cooperation“ erkennen.[13] Diese Süd-Süd Kooperation wurde durch den Buenos Aires Plan of Action (BAPA) und die UN-Resolution 3251 in das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) eingebettet, um eine nachhaltige und soziale Entwicklung im ärmeren globalen Süden zu forcieren. Vorrangiges Ziel war damals “to promote technical co-operation among developing countries”.[14] Die UNO wollte primär die wirtschaftliche Entwicklung und eine verstärkte Vernetzung des globalen Südens vorantreiben. Ein erstes wirtschaftspolitisches Zusammentreffen von Vertretern beider hier behandelter Kontinente gab es 1978, als sich die Economic Commission for Africa (ECA) und die Economic Commission for Latin America and the Caribbean (ECLAC) auf ein gemeinsames Kooperationsprogramm einigten.[15] Dieses enthielt kontinentspeziefische Prioritäten, wie verstärkte gegenseitige Entwicklungshilfe, den Austausch von Wissenschaft und Technologie und generell den Ausbau des interregionalen Handels zwischen beiden Kontinenten. Die regionale Integration beider Kontinente begann, zumindest aus wirtschaftlicher Sicht, somit mit dem UN-Programm der „South-South Development Cooperation“ 1978 und wurde dadurch das erste Mal institutionalisiert und formalisiert. Schon damals war es das Ansinnen vieler Staaten beider Kontinente aus den ungleichen und hegemonialen Beziehungen mit dem globalen Norden auszubrechen. Es wurde im Sinne der deskriptiven Kategorie des Global Governance Ansatzes erkannt, dass die internationale Ebene zunehmend an Bedeutung neben der staatlichen gewinnt. Auch im Sinne der analytischen Kategorie wurde schon damals die Wichtigkeit der UNO als internationale agierende Organisation und Motor einer Integration beider Kontinente wahrgenommen und geschätzt. Den nächsten Schritt in einer verstärkten regionalen Integration bildete die Resolution 387, welche von der ECLAC 1979 erlassen wurde, um den Wissens- und Erfahrungsaustausch beider Kontinente weiter zu vertiefen. Dieses biregionale Kooperationsprogramm wurde schließlich 1980 von der UNDP finanziell unterstützt. Hier tritt besonders die normative Kategorie der neuartigen Kooperationsformen zu Tage, da es diese vorher in dieser Form nicht gab. Trotz der Unterstützung der UNO war der finanzielle Handlungsspielraum für eine intensive Kooperation in weiten Bereichen aber begrenzt. Ein Problem das der verstärkten Kooperation beider Kontinente bis heute im Wege steht. Dessen ungeachtet wurde das Arbeitspapier “Promoting Economic and Technical Cooperation between Africa and Latin America” implementiert und bestmöglich umgesetzt.[16] Hier folgen nun einige ausgewählte Beispiele der Zusammenarbeit in der Prä-African-South American summit-Ära.[17]

Zunächst soll auf den Sicherheitssektor im Rahmen der internationalen Beziehungen eingegangen werden. Sowohl Lateinamerika als auch Afrika verpflichteten sich im Rahmen der South-South Cooperation bei Fragen der internationalen Sicherheit ihren Möglichkeiten entsprechend zu kooperieren und mit einer einheitlichen Agenda aufzutreten. Ein Beispiel dafür war das Jahr 1986, als auf Initiative von Brasilien eine „Zone of Peace and Cooperation of the South Atlantic (ZPCSA)“ durch die UN-Vollversammlung eingerichtet wurde. Sinn dieser Zone war es die Südatlantische Region Nuklearwaffenfrei zu halten, angesichts der Entwicklungen im kalten Krieges, und deren Ressourcen friedlich und im Sinne der Gemeinschaftlichkeit zu nutzen. 24 Staaten Lateinamerikas und Afrikas umfasst die eingerichtete Zone. Der Erfolg dieser Initiative basierte an erster Stelle auf zahlreichen Koordinierungstreffen und Seminaren zwischen Ministern und Regierungschefs beider Kontinente. Auch heute noch kommt es zu regelmäßigen Ministertreffen, vorrangig geleitet von den ökonomisch stärksten Staaten beider Kontinente Brasilien, Südafrika, Nigeria und Argentinien.[18] Die Bedeutung dieser überkontinentalen Partnerschaft ist angesichts des Wettrüstens im Kalten Krieg nicht zu unterschätzen. 24 Staaten beider Kontinente verpflichteten sich ihre Region von Nuklearwaffen frei zu halten und setzten somit ein deutliches Zeichen gegen die politischen Diktate der USA als auch der UDSSR. Beide Regionen erkannten, dass nicht mehr die militärische Macht als Druckmittel, sondern vielmehr eine diplomatische Kooperation, in den gegenseitigen Beziehungen von Bedeutung war. Es war dies eine erstes Anzeichen der Abkehr des vom Realismus dominierten Bildes der internationalen Beziehungen.

Somit wurde in den Grundsatzerklärungen auch vereinbart die Ressourcen der Region partnerschaftlich und nachhaltig zu nutzen. Dies verdeutlicht einmal mehr die Bestrebungen beider Kontinente im Sinne der Interdependenztheorie einerseits internationalen Organisationen mehr Gewicht zu verleihen, die Initiative wurde von der UNO umgesetzt, und andererseits transnationale Kooperationen zu forcieren um parallele Interessen optimieren zu können. Sowohl die teilhabenden Staaten Lateinamerikas als auch Afrikas reduzierten durch die ZPCSA und deren Vorhaben ihre Verletzlichkeit (vulnerability) in den internationalen Beziehungen, erhöhten zudem den Nutzen aber auch die daraus resultierenden Kosten. Würde beispielsweise Brasilien aus der ZPCSA austreten oder die UNO dieses Programm aufgeben, müssten alle teilnehmenden Staaten ihre Strategien für die Südatlantische Zone ändern und wären somit direkt von den Entscheidungen externer Akteure betroffen.

Im Sinne der South-South Cooperation kam es auch zu einem verstärkten Austausch von Wissen und Technologien, allen voran in Landwirtschafts- und Bildungsbereichen. Beide Bereiche sind große Problemfälle der jeweiligen Kontinente. Auf der einen Seite die Nahrungsmittelversorgung, mit immer wieder auftretenden Hungersnöten und Knappheiten primär in Afrika, auf der anderen Seite die hohe Analphabetenrate und das generell niedrige Bildungsniveau der Bevölkerungen. Eine Vorreiterrolle im Bildungsbereich nahm hierbei die Organisation portugiesischsprachiger Staaten (CPLP) ein. Durch das Ziel der Organisation, eine verstärkte Zusammenarbeit der portugiesischsprachigen Staaten dieser Erde voranzutreiben, wurden mit finanzieller Hilfe Brasilien etliche Schulen und Lehrzentren in Mosambik, Angola und Namibia errichtet, wo ebenfalls portugiesisch gesprochen wird.[19] Natürlich steht hinter dem Vorhaben auch das Ziel der Verbreitung dieser, global gesehen, doch relativ selten gesprochenen Sprache. Aber auch im Bereich der landwirtschaftlichen Zusammenarbeit gibt es Bestrebungen der CPLP. Die brasilianische Energiefirma Vale SA finanzierte auf Vorschlag der Regierung ein Programm, bei welchem Farmern aus Mosambik beigebracht wurde Biodiesel und Bioethanol herzustellen.[20] Des Weiteren wurde im Rahmen dieses Programmes ein Leitfaden erstellt, wie die lokale Regierung Mosambiks die Urbarmachung von Land für die Bewirtschaftung möglichst nachhaltig und umweltschonend gestalten kann. Ein anderes Beispiel für die Interdependenzen im Landwirtschaftsbereich zwischen Lateinamerika und Afrika wäre das Kagera Community Development Programme (KCDP) zwischen Tansania und Honduras, welches im Jahre 1997 startete.[21] Ziel dieses Programmes ist es die Biodiversität und somit die Lebensqualität von Bauern in Tansania durch den Anbau einer neuen Bananensorte zu erhöhen. Das Know-How, sowie die Bananensorte, stammten von einer Firma aus Honduras. Das Programm selbst läuft immer noch äußerst erfolgreich und hat sich auf Betreiben des Office for South-South Cooperation im südlichen Afrika ausgebreitet. Dies verdeutlicht einmal mehr die Bedeutung nichtstaatlicher Akteure, wie Konzernen und lokalen Bauern, im Integrationsprozess dieser beiden Regionen.

3.2 Strategien und Interessen transnationaler Kooperationen und die Rolle der ASA-Gipfel

Ich möchte nun verstärkt auf die Intentionen und Strategien hinter der regionalen Integration beider Kontinente eingehen und beleuchten warum dieser Integrationsprozess gerade durch das Aufkommen der Africa-South American summits wiederbelebt wurde. Die Intention einer wiedererstarkenden Zusammenarbeit lassen sich dabei aus der wirtschaftlichen Perspektive gut betrachten .Was auffällt ist der bis zum Beginn der ASA-Gipfel im Jahr 2006 relativ geringe Wirtschaftsaustausch zwischen Afrika und Lateinamerika im globalen Vergleich. 1998 machten die Exporte Lateinamerikas nach Afrika gerade einmal 1,7 Prozent des gesamten Handelsvolumens aus. Die afrikanischen Exporte nach Lateinamerika circa 2 Prozent.[22] Bei den Importen waren die Werte sogar noch geringer. Lateinamerikas Importe aus Afrika machten knapp 1 Prozent des Handelsvolumens aus und Afrikas Importe aus Lateinamerika 1,3 Prozent. Beide Kontinente orientierten sich in ihrer Wirtschafts- und Außenhandelspolitik Ende der 1990er Jahre noch verstärkt nach Europa, Nordamerika und Asien. Lediglich im Rahmen der South-South Cooperation wurden gemeinsame Programme initiiert und umgesetzt, einige davon habe ich bereits im vorherigen Kapitel erwähnt. Beide Kontinente hatten Ende der 1990er Jahre auch mit einem massiven Handelsbilanzdefizit zu kämpfen, bedingt durch die hohe Abhängigkeit von Importen.[23] Auf der anderen Seite gab es viel Luft nach oben was die Exporte betraf. Gemessen an der Bevölkerungszahlt war es vorwiegend für den afrikanischen Kontinent wichtig, das durchschnittliche Pro-Kopf Einkommen zu erhöhen, welches noch deutlich unter dem Lateinamerikas lag. Aus lateinamerikanischer Sicht wollte man speziell den Export ankurbeln. Beide Kontinente waren somit in verschiedenen politischen Bereichen unterschiedlich stark verletzlich. Für Afrika war es wichtig die soziale Entwicklung anzukurbeln und verstärkt zu exportieren, für Lateinamerika war es wichtig neue Handelspartner zu finden um den Rohstoffbedarf für das rasante Wachstum vieler Staaten zu decken.

[...]


[1] Mit globaler Süden bzw. globaler Norden wird hier die geographische Einteilung in Entwicklungs- und Schwellenländer, welche vorrangig im globalen Süden liegen, sowie Industriestaaten, welche vorrangig im globalen Norden liegen, gemeint. Gebräuchliche Bezeichnungen sind auch dritte und erste Welt, wobei diese mittlerweile überkommen erscheinen.

[2] Der gemeinsame historische Hintergrund geht bis in die Kolonialzeit zurück, als viele Sklaven aus dem Sub-Sahara Raum nach Lateinamerika verschleppt wurden und dadurch im Laufe der Zeit die afrikanische Kultur in vielen Staaten Lateinamerikas Einzug hielt.

[3] Quelle Homepage http://ssc.undp.org/content/ssc/about/what_is_ssc.html Abgerufen: 29.12.14

[4] Manfred Wöhlcke (2002): Die Gemeinschaft Portugiesischsprachiger Staaten und die EU, in Politik und Zeitgeschichte

[5] Christiane Lemke (2012): Internationale Beziehungen: Grundkonzepte, Theorien und Problemfelder, 3. Auflage, S.13

[6] Manuela Spindler (2010): Interdependenz, in: Theorien der internationalen Beziehungen, 3. Auflage, S. 104-105

[7] Ders., S. 106

[8] Ders., S. 108

[9] Manuela Spindler (2010): Interdependenz, in: Theorien der internationalen Beziehungen, 3. Auflage, S. 110

[10] W. Woyke (2013): UNO & Global Governance, Westfälische Wilhelms Universität Münster, Präsentation unter: http://slideplayer.de/slide/214914/, aufgerufen am 29.12.14

[11] Christoph Scherrer, Ulrich Brand (2011): Global Governance: Konkurrierende Formen und Inhalte globaler Regulierung, in: FES Online Akademie, S. 3

[12] Ders., S. 5-7

[13] Latin American and Caribbean Economic System (2011): Relations of Latin America and the Caribbean with Africa: Current status and areas of opportunity, S. 63

[14] http://ssc.undp.org/content/ssc/about/Background.html 30.12.14

[15] http://www.cepal.org/cgi-bin/getProd.asp?xml=/publicaciones/xml/3/12583/P12583.xml&xsl=/tpl/p9f.xsl&base=/dmaah/tpl/top-bottom.xslt, aufgerufen am 30.01.14

[16] Latin American and Caribbean Economic System (2011): Relations of Latin America and the Caribbean with Africa: Current status and areas of opportunity, S. 64

[17] Mit Prä-African-South American summit-Ära ist die Zeitspanne von Beginn der South-South Cooperation 1978 bis zum ersten ASA-Gipfeltreffen 2006 gemeint, da die Kooperation ab dem Zeitpunkt der ASA-Gipfel gesondert betrachtet wird.

[18] Seventh Ministerial Meeting of the Zone of Peace and Cooperation of the South Atlantic: Montevideo Declaration, 2013

[19] http://www.cplp.org/id-50.aspx, aufgerufen am 30.01.14

[20] http://ssc.undp.org/content/ssc/library/solutions/partners/expo/Cooperation_Agreement_between_Brazil_and_Mozambique_for_Biofuels_productions_Getulio_Vargas_Foundation.html, aufgerufen am 30.12.14

[21] http://ssc.undp.org/content/ssc/library/solutions/partners/expo/New_Banana_Varieties_improving_Livelihoods_in_Africa__The_Case_of_South_South_Development_involving_Honduras_and_Tanzania_CGIAR.html, aufgerufen am 30.12.14

[22] Jan Hoffmann, Patricia Isa, Gabriel Pérez (2001): Trade and Maritime Transport between Africa and South America, in: recursos naturales e infraestructura, Series 19, S. 15

[23] Ders., S. 11

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Lateinamerikanisch-afrikanische Beziehungen im Rahmen der „Süd-Süd-Kooperation“
Untertitel
Eine Möglichkeit der überkontinentalen-regionalen Integration?
Hochschule
Universität Wien  (Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Forschungspraktikum/ FOP – Lateinamerika
Note
1
Autor
Jahr
2015
Seiten
34
Katalognummer
V295621
ISBN (eBook)
9783656945239
ISBN (Buch)
9783656945246
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Internationale Politik - Internationale Entwicklung - Afrika - regionale Integration - Lateinamerika - Süd Süd Kooperation - Entwicklungsländer, Südamerika, Afrikanische Union, globaler Süden
Arbeit zitieren
Eric Hugo Weinhandl (Autor), 2015, Lateinamerikanisch-afrikanische Beziehungen im Rahmen der „Süd-Süd-Kooperation“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/295621

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