Nachdem ich mich im Rahmen des Seminars „Filmtheorie“ mit Siegfried Kracauers Texten beschäftigt und dabei seinen Realismusbegriff vertieft habe, konnte ich feststellen, dass seine ästhetische Theorie eine Verbindung zu bestimmten rumänischen Filme nahe legt. Die Filme, die ich meine, sind nach 2000 entstanden, und wurden schon von manchem Filmkritiker als Bewegung bezeichnet. Eine Neigung zum (Neo-)Realismus wird ihnen nachgesagt und sie werden als „Manifestationen
einer ‹neuen rumänische Welle› betrachtet“ (Kirsten 2013: 246). Gewisse Gemeinsamkeiten der Filme liegen in der gehäuften Verwendung langer Einstellungen, im weitgehenden Verzicht auf extradiegetische Musik, in einer eher naturalistischen Inszenierungsweise, in der Beschränkung auf einen kurzen diegetischen Zeitraum, in der Auseinandersetzung mit der sozialen Gegenwart oder der jüngeren Vergangenheit. Die Sichtung der Filme weckte in mir immer wieder Assoziationen zu den von Kracauer beschriebenen Wirkungen. Die Realität in den
Bildern erinnern an die von Kracauer beschriebene filmische Realität. Kracauer versucht mit seiner Ästhetik den "fragmentarischen Menschen“ (Thal 1985: 130) zur Kontemplation des Lebens zu bringen. Diese Arbeit setzt sich deshalb zunächst mit Kracauers Ansichten zur „physischen Realität“ auseinander. Auf dieser Grundlage sollen ausgewählte Filme, die zur „Neuen rumänische Welle“ gezählt werden, betrachtet werden. Hierzu untersuche ich zunächst die von Krakauer beschriebenen zwei Funktionen des Films, die Realität aufzuzeichnen und zu enthüllen. Für Kracauer gibt es bestimmte filmische „äußere Erscheinungen“. Am Beispiel der Verfolgungsjagd, des Tanzes, von Gewaltdarstellungen, sowie von Phänomenen, die vom menschlichen Auge übersehen werden, jedoch von besonderer Bedeutung sein können, werde ich die Sichtweisen Kracauers vorstellen und sie in einem nächsten Schritt Beispielen aus dem zeitgenössischen rumänischen Film gegenüberstellen.
Inhaltsverzeichnis
1.Einleitung
2. Physische Realität: Das Filmische bei Kracauer
3. Kracauers „physische Realität“ am Beispiel der „Neue Rumänische Welle“
3.1 Filmische Bewegungformen
3.2. Enthüllung der verborgenen Realität
3.1.1 Dem Auge Entzogenes
3.1.2 Sensorische Überwältigungen
4. Fazit
5. Schlussbetrachtungen
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die ästhetische Theorie Siegfried Kracauers, insbesondere seinen Begriff der „physischen Realität“, und setzt diese in Beziehung zum zeitgenössischen rumänischen Film. Ziel ist es, die filmischen Funktionen des Aufzeichnens und Enthüllens anhand konkreter Beispiele der „Neuen Rumänischen Welle“ zu analysieren und zu prüfen, inwieweit Kracauers filmtheoretische Konzepte zur Interpretation dieser filmischen Strömung beitragen können.
- Analyse von Kracauers Filmtheorie zur „physischen Realität“
- Untersuchung filmischer Bewegungsformen wie Verfolgungsjagd und Tanz
- Darstellung der enthüllenden Funktion des Films durch spezifische Kameratechniken
- Vergleich theoretischer Ansätze mit Werken der „Neuen Rumänischen Welle“
- Reflexion über die Zerrissenheit der rumänischen Gesellschaft im Film
Auszug aus dem Buch
3.1 Filmische Bewegungformen
Der Film POLIZIST. ADJEKTIV (ROM 2009, R: Corneliu Porumboiu) stellt die Verfolgung auf eine besondere Art dar. Verfolgung gehört im Leben des Politisten Cristi zur Routine. Der Regisseur schildert eine eher banale Geschichte: Ein Junge wird von dem Polizisten acht Tage lang beschattet und verfolgt, weil er Haschisch konsumiert. Der Polizeichef und der Staatsanwalt drängen Cristi ihn zu verhaften, doch sein Gewissen erlaubt ihm nicht, den Jungen dafür sieben Jahre hinter Gitter zu bringen. Diese Bewegungsart spielt räumlich eine wichtige Rolle in diesem Film, sie zieht sich visuell durch den gesamten Film: Die Verfolgung wird nach jeder Unterbrechung fortgesetzt. Der Polizist folgt dem Verdächtigen unauffällig durch die Straßen Bukarests, um nicht entdeckt zu werden. Die langen Einstellungen geben dem Zuschauer Zeit, die Umgebung zu betrachten. Er hält an, um sie beim Rauchen zu beobachten, um die Reste der Joints als Beweismaterial zu sichern oder um sich an einem Strommasten anzulehnen, um das Haus des Hauptverdächtigen zu beschatten. Die Zwischenmomente in denen er still steht, die die schwache Dynamik der Bewegung unterbrechen, erzeugen im Film das „Vakuum“ (vgl. Kracauer 1964: 74 ) von dem Kracauer spricht, das als Folge das Bewusstsein der Bewegung als wesentliches Element der äusseren Welt hat. Der Konflikt wird hier ständig verschoben, aber seine unterschwellige Präsenz erzeugt eine innere Aufregung die eine physiologische Spannung auslöst.
Neben der Verfolgungsjagd findet sich auch die zweite von Kracauer besonders hervorgehobene Bewegungsform im zeitgenössischen rumänischen Film: der Tanz. Tanzdarstellungen sind als Bestandteil der Realität der rumänischen Gesellschaft zu finden.
Zusammenfassung der Kapitel
1.Einleitung: Die Einleitung führt in die Motivation der Autorin ein, Siegfried Kracauers Realismusbegriff auf Filme der „Neuen Rumänischen Welle“ anzuwenden, die sich durch einen naturalistischen Stil und die Auseinandersetzung mit der sozialen Gegenwart auszeichnen.
2. Physische Realität: Das Filmische bei Kracauer: Dieses Kapitel erläutert Kracauers zentrale Thesen, wonach der Film die physische Realität durch registrierende und enthüllende Funktionen erfahrbar machen soll, wobei besonders Bewegungsformen und die Aufdeckung verborgener Details im Fokus stehen.
3. Kracauers „physische Realität“ am Beispiel der „Neue Rumänische Welle“: Hier erfolgt die Anwendung der Theorie auf rumänische Filme, indem spezifische Techniken und Inszenierungen als Mittel zur Aufzeichnung und Enthüllung der Wirklichkeit dekonstruiert werden.
3.1 Filmische Bewegungformen: Der Abschnitt analysiert, wie Verfolgungsjagden und Tänze als filmische Bewegungsformen eingesetzt werden, um Spannung zu erzeugen und die Realität der rumänischen Gesellschaft abzubilden.
3.2. Enthüllung der verborgenen Realität: Dieses Kapitel untersucht, wie durch Kameraeinstellungen wie die Nahaufnahme und Montage verborgene Aspekte und Zusammenhänge der physischen Realität für den Zuschauer sichtbar gemacht werden.
3.1.1 Dem Auge Entzogenes: Fokus auf der Verwendung von Halbnahaufnahmen und räumlichen Kontinuitäten, um Details oder psychologische Zustände aufzudecken, die dem menschlichen Auge sonst entgehen würden.
3.1.2 Sensorische Überwältigungen: Analyse der filmischen Darstellung von extremen Situationen wie Gewalt oder Tod, die beim Zuschauer starke Emotionen auslösen und den „Zeugen“ zum Beobachter wandeln sollen.
4. Fazit: Das Fazit resümiert die anthropologische Dimension des Films bei Kracauer und dessen Relevanz für die filmische Aufarbeitung der gesellschaftlichen Zerrissenheit in Rumänien.
5. Schlussbetrachtungen: Eine kritische Auseinandersetzung mit der Bezeichnung „Neue rumänische Welle“, wobei die Skepsis gegenüber einer rein strömungsbasierten Einordnung der Filme betont wird.
Schlüsselwörter
Siegfried Kracauer, physische Realität, Neue Rumänische Welle, Filmtheorie, Realismus, Registrierung, Enthüllung, Filmkamera, Montage, Nahaufnahme, soziale Gegenwart, Rumänien, filmische Bewegung, ästhetische Theorie, filmische Wahrnehmung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die theoretischen Filmkonzepte von Siegfried Kracauer, insbesondere seinen Begriff der „physischen Realität“, und prüft deren Anwendbarkeit auf Filme der „Neuen Rumänischen Welle“.
Welches ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, durch die Analyse der filmischen Funktionen des „Registrierens“ und „Enthüllens“ nach Kracauer aufzuzeigen, wie zeitgenössische rumänische Filme die Realität erfahrbar machen.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Themen sind die filmische Darstellung von Bewegung, der Einsatz von Kameratechniken wie der Großaufnahme zur Offenlegung verborgener Details sowie die Reflexion über gesellschaftliche Zerrissenheit im Film.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine filmtheoretische Analyse, die Kracauers methodischen Rahmen nutzt, um diesen auf konkrete Filmbeispiele (z.B. „Polizist. Adjektiv“ oder „4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“) anzuwenden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Erörterung von Kracauers Konzepten und deren anschließende Anwendung auf rumänische Filme, wobei Bewegungsformen sowie Techniken zur Enthüllung der Realität detailliert analysiert werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Siegfried Kracauer, physische Realität, Neue Rumänische Welle, filmische Enthüllung und soziale Gegenwart.
Wie bewertet der Regisseur Cristi Puiu die Einordnung seiner Filme?
Laut den Schlussbetrachtungen äußert sich der Regisseur Cristi Puiu skeptisch gegenüber der Einordnung seiner Werke in eine filmgeschichtliche „Strömung“ oder „Welle“.
Welche Rolle spielt die „Großaufnahme“ laut Kracauer?
Die Großaufnahme dient nicht nur der Darstellung, sondern ist ein wesentliches Instrument, um physische Details aufzudecken, die ohne die Kamera verborgen blieben.
- Citation du texte
- Roxana Rotaru (Auteur), 2014, Die Realität, die uns zur Verfügung steht. Das Filmische bei Kracauer im zeitgenössischen rumänischen Film, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/295623