"Opus Dei". Zwischen Mythos und Realität


Masterarbeit, 2015
58 Seiten, Note: 1,8

Leseprobe

1. Einleitung

Die meisten haben sicher schon das eine oder andere über das Opus Dei gehört. Aber was entspricht davon wirklich der Wahrheit? Schließlich ist uns allen vermutlich bewusst, dass das „ Werk “, wie es von seinen Mitgliedern genannt wird, oft als sagenumwobener Geheimbund dargestellt wird. Worum handelt es sich beim Opus Dei also eigentlich? Ist es eine Sekte? Existieren für die zahlreichen Mythen und Legenden über das „ Werk “ ( historische) Belege? Was kann man sich unter dem Begriff „ Personalprälatur “, der Rechtsform des Opus Dei, vorstellen? Wie wird man Mitglied und ist es möglich, das „ Werk “ jemals wieder zu verlassen? Wo findet man das Opus Dei und was macht das Leben der Mitglieder aus? Welche Konsequenzen ergeben sich aus der vom Gründer entworfenen Kurzformel „ Heilige deine Arbeit. Heilige dich in deiner Arbeit. Heilige andere durch deine Arbeit. “ (Allen 2006: 31) für den Alltag der Anhänger des Opus Dei? Was hat es mit dem Symbol des „ Werks “, bestehend aus einem Kreuz in einem Kreis, auf sich? All diese Fragen stellt man sich, wenn das Gespräch auf das Opus Dei fällt, doch meist sind die Darstellungen der Personalprälatur in der Öffentlichkeit so legendenlastig oder aber so kritisch und von Vorwürfen determiniert, dass ein auf Tatsachen beruhendes Urteil schwer fällt.

In meiner Ausarbeitung unternehme ich - im Rahmen meiner Möglichkeiten - einen ersten Schritt, das Opus Dei nicht nur nach seinem von der Öffentlichkeit gestalteten Bild zu beurteilen. Stattdessen habe ich es mir zum Ziel gesetzt, vielschichtige Ansichten zu studieren, um am Ende zu einem Urteil zu gelangen, das auf belastbaren Recherchen beruht. Hierfür befasse ich mich mit der Gründung des Opus Dei und in diesem Zusammenhang mit seinem Gründer, Josemaria Escriva. Des Weiteren werde ich die Organisationsstruktur des „ Werks “ sowie die Rechtsform der „ Personalprälatur “ beleuchten und mich mit dem „ Lebensplan “ beziehungsweise den „ Normen “ der Mitglieder des Opus Dei befassen. Im Anschluss daran widme ich mich der Mitgliedschaft in der Personalprälatur. Hierbei gehe ich einerseits auf die Aufnahme als Mitglied in die Prälatur sowie die unterschiedlichen Kategorien einer Mitgliedschaft im Opus Dei, andererseits jedoch auch auf den Austritt aus der Personalprälatur ein. Zudem gilt es im weiteren Verlauf der Arbeit die Ideen, die hinter dem Opus Dei stehen, zu beleuchten und auf seine weltweite Verbreitung einzugehen. Auch die Rolle des Opus Dei während des Zweiten Vatikanischen Konzils sowie in der von Innovation geprägten Zeit danach möchte ich untersuchen. Ein weiterer bedeutungsvoller Aspekt, den es zu erläutern gilt, befasst sich mit der Abgrenzung zwischen der katholischen Kirche und dem Opus Dei. Zudem habe ich mir vorgenommen, eine Darstellung der Mythen und Legenden, die sich um die Prälatur ranken, zu liefern und diese - sofern es möglich ist - auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen. Im Anschluss daran werde ich mich mit der Darstellung des Opus Dei in der Öffentlichkeit und in diesem Zusammenhang mit der Kritik am „ Werk “ befassen. Während meiner gesamten Ausarbeitung will ich mich bemühen, möglichst neutral und unvoreingenommen vom Opus Dei zu berichten. Um dies sicherzustellen, nutze ich stark differierende Quellen. Einerseits befasse ich mich mit den Werken ehemaliger Mitglieder und Kritiker der Prälatur, andererseits jedoch auch mit einem Werk des Gründers des Opus Dei sowie dem eines Priesters, welcher der Prälatur (beziehungsweise der Priestergesellschaft des Opus Dei, auf die ich im weiteren Verlauf der Arbeit noch näher eingehen werde) angehört. Auch auf die (vergleichsweise) neutral gehaltene Literatur über das Opus Dei werde ich mich in meiner Ausarbeitung beziehen. Um deutlich machen zu können, inwiefern Mythen über und Vorwürfe gegen das Opus Dei formuliert werden, befasse ich mich im zudem mit dem Roman „ Sakrileg - The Da Vinci Code “ von Dan Brown. An diesem Beispiel lässt sich darüber hinaus gut der Aspekt des Profits erläutern, also die Tatsache, wie man heutzutage durch die Mythen über die Prälatur Sensationen und hohe Verkaufszahlen erreichen kann.

Meine Ausarbeitung mündet in einem abschließenden Fazit, das zusammenfassend meine durch die Recherchen gewonnenen Ansichten über die Personalprälatur darstellen sowie einen Ausblick über eventuell notwendige Reformen der Personalprälatur geben soll.

2. Gründung

Der Gründer des Opus Dei, Josemar í a Escriva de Balaguer y Albas, wurde im Jahre 1902 als erstes Kind einer vermögenden spanischen Familie in Barbastro in Spanien geboren. Das Taufverzeichnis führte ihn als Jos é Mar í a Escrib á y Alb á s, wobei das „ b “ anstelle des „ v “ im Namen ein Schreibfehler des Priesters gewesen sein soll. Laut Whitehouse soll Escriva aufgrund der Hochzeit von Maria und Josef später den Entschluss gefasst haben, seine Vornamen zu kombinieren, sodass „ Josemaria “ zustande kam. Als Zusatz fügte er „ de Balaguer “ hinzu. Letzten Endes fielen jedoch der ungebräuchliche Zusatz sowie der Mädchenname der Mutter, „ Y Albas “, weg. Das Opus Dei spricht heute nur noch vom heiligen Josemaria Escriva. Es bleibt zu erwähnen, dass Escriva einen jüngeren Bruder sowie vier Schwestern hatte. Von seinen fünf Geschwistern überlebten jedoch nur zwei das Kindesalter. (vgl. Whitehouse 2007: 22)

Seine erste mystische Erfahrung soll Escriva laut Whitehouse zwischen Weihnachten 1917 und dem Dreikönigstag 1918 gemacht haben, als ihn die Spuren, die ein barfüßiger Karmeliterbruder im Schnee hinterließ, vermeintlich sehr ergriffen. Von dort an soll er jeden Tag die Messe besucht und auf diese Weise seine Berufung zum Priester erkannt haben. Whitehouse gibt an, Escriva hätten anfangs Bedenken gequält, ob diese „Berufswahl“ seine Familie eventuell in eine Notlage bringen könnte. Als jedoch sein jüngerer Bruder und damit ein zweiter Erhalter der Familie geboren wurde, soll er diese Angst verloren haben und seinem Begehren, Priester zu werden, nachgekommen sein. Als ungewöhnlich kann man Escrivas Wunsch bezeichnen, auf Unterstützung durch eine Diözese und einen Bischof während seiner Priesteranwärterschaft (wie es normalerweise üblich war) zu verzichten. Er entschied sich stattdessen für die Unabhängigkeit. Im Jahre 1924, als sein jüngerer Bruder fünf Jahre alt war, starb Escrivas Vater und ließ ihn somit als Haupternährer der Familie zurück. Folglich zog er nach Madrid, wo er ein Jura-Doktoratsstudium absolvierte und zugleich römisches und kanonisches Recht unterrichtete, um seine Familie ernähren zu können. Im Laufe der Zeit wurde er zum Kaplan am Krankenstift der Damas Apostolicas del Sagrado Corazon, einem neu gegründeten Nonnenorden. In dieser Umgebung ereilte ihn vermeintlich die Inspiration zur Gründung des Opus Dei. Diese Inspiration beschrieb Escriva selbst als Vision, die ihn am 02.10.1928 heimsuchte, als er sich bei den Lazaristen in Madrid zu Exerzitien1 zurückgezogen haben soll. Während er in seinem Zimmer seine Gedanken und Eingebungen ordnete, soll er gesehen haben, wie Gott sich das Opus Dei wünschte und wie er, Escriva, diesen Auftrag erfüllen könne. Im selben Moment hätten die Glocken der Kirche zu läuten begonnen und damit seine Inspiration bestätigt. Von diesem Tag an widmete Escriva sich vollkommen dem Aufbau der Prälatur. Er gab an, seine Vision habe ihn in der Überzeugung gestärkt, dass die katholische Kirche einer Erneuerung bedürfe. Das Zentrum dieser Veränderung müsse in der Heiligung der Arbeit bestehen. Laut Escriva sollte das Opus Dei ein Sammelpunkt für Katholiken werden, welche sich zu ihrem Glauben wiederbekennen und ihr Leben in jedem einzelnen Augenblick heiligen wollen. Darüber hinaus sei es ihre Pflicht, jedem katholischen Dogma uneingeschränkt nachzukommen. Sein Ziel war es, Menschen aus allen Lebensbereichen zu einer katholischen Familie zusammenzufassen. So schrieb er mit seiner grob umrissenen Idee der Prälatur Freunde und Kollegen an und soll mit seinem unbeugsamen Glauben an das „ Werk “ sowie mit der Stärke seiner Vision zahlreiche Mitstreiter überzeugt haben. Im Laufe der nächsten fünf Jahre scharte er sowohl Laien, als auch Priester um sich. Das erste Mitglied, welches im Jahre 1930 um eine formelle Aufnahme in das „ Werk “ bat, war Isidoro Zorzano, ein Ingenieur und Freund Escrivas. Er war somit der erste Laie, der dem Opus Dei angehörte. (vgl. Whitehouse 2007: 22-25)

Der Aufbau der Prälatur lässt sich nach Steigleder in drei Phasen gliedern. Die eigentliche Gründung (Phase eins) vollzog sich am 2. Oktober des Jahres 1928. Nach dem Verständnis des Gründers sollte das Opus Dei ursprünglich einzig männliche Mitglieder zählen. Mit der Gründung der weiblichen Abteilung der Prälatur im Februar 1930 (Phase zwei) revidierte er sein erstes Verständnis jedoch. Escriva gab an, dies geschehe zwar gegen seine Neigung und Absicht, er wolle damit jedoch betonen, dass er das „ Werk “ wirklich wolle. Dennoch wird bis heute innerhalb der Prälatur nach Geschlechtern getrennt, worauf ich im dritten Kapitel näher eingehen werde. Eine weitere Veränderung ergab sich im Bezug auf Escrivas eigentlichen Plan, dass der Vereinigung ausnahmslos Laien angehören sollten (bis auf den Gründer selbst). Ein Nichtzurechtkommen mit den Priestern, welche den Mitgliedern der Prälatur die Beichte abnahmen und den Geist des Opus Dei nicht verstanden und ihnen demzufolge „schlechte“ oder gar „falsche“ Ratschläge erteilt haben sollen, löste eine dritte Gründung (Phase drei) aus. Diese vollzog sich am 14.02.1943 und mündete in der Entwicklung der Priestergesellschaft vom Heiligen Kreuz 2 . (vgl. Steigleder 1983: 23f)

3. Struktur

3.1. Organisationsstruktur

Eine „desorganisierte Organisation“:

Mitglieder des „ Werkes “ selbst sollen das Opus Dei nach Worten Escrivas eine „ desorganisierte Organisation “ nennen. Hiermit sei laut Steigleder nicht gemeint, dass die Prälatur von chaotischer Unordnung geprägt sei, sondern man spreche vielmehr von einer organischen Vielfalt. Strukturen und Leitungsorgane seien nur in unabdingbarer, minimaler Form vorhanden. Gemäß des Auftrags der Prälatur sowie dem Charakter der Berufung ihrer Gläubigen würden sich diese Tätigkeiten vor allem auf die Vermittlung unerlässlicher religiöser, geistlicher sowie apostolischer Formung beschränken. Um die apostolischen Initiativen auf die Erfordernisse ihrer Standorte, also der jeweiligen Länder, zuschneiden zu können, bestünde auf regionaler und lokaler Ebene eine weitgehende Autonomie für die korporativen apostolischen Einrichtungen. Escriva sei es wichtig gewesen, die persönliche apostolische Spontaneität sowie die freie und verantwortliche, vom Wirken des Heiligen Geistes geleitete, Initiative der Mitglieder zu betonen. Dies habe ihm mehr als durchstrukturierte Organisation, Pläne von oben oder taktische Weisungen bedeutet. Diese Ansichten Escrivas würden laut der Mitglieder überschaubare Verhältnisse auf allen Ebenen sowie eine Achtung der Freiheit und Eigenart eines jeden Mitgliedes und die Wahrung der menschlichen Individualität zur Konsequenz haben. (vgl. Le Tourneau 1988: 126f)

Eine logische Folge und Ergänzung dieses Mindestmaßes an Organisations- und Leitungsstruktur sowie der völligen Freiheit der Mitglieder in allen Fragen sei demnach ein Höchstmaß an Pluralismus unter den Mitgliedern. Hinzu kämen sich widersprechende Auffassungen und Meinungen der Mitglieder. Dem Opus Dei sei jeglicher Gruppengeist fremd. (vgl. Steigleder 1983: 56)

Des Weiteren lasse sich die Organisation des Opus Dei in zwei Kategorien gliedern: a) die zentrale Leitung sowie b) die regionale und örtliche Leitung.

a) Die zentrale Leitung:

Die zentrale Leitung des Werkes befasse sich laut Le Tourneau unter anderem mit der Wahl des Prälaten, welche durch einen Wahlkongress erfolge, vom Papst bestätigt werden müsse und auf Lebenszeit stattfinde. Der Prälat müsse seit mindestens fünf Jahren Priester sein und sei darüber hinaus dazu befähigt, einen Auxiliarvikar zu ernennen. Als Ordinarius würde er bei der Leitung von seinen Räten unterstützt. Des Weiteren bleibt zu erwähnen, dass die Prälatur nach Einlassungen ihrer Mitglieder zwar eine organische und unteilbare pastorale Einheit bilden soll, ihr Apostolat allerdings dennoch in einer männlichen und weiblichen Abteilung verwirklicht. Mitglieder betonen jedoch, dass die einheitliche Leitung dieser beiden Sektionen durch den Prälaten (und seiner Räte als Unterstützung) eine grundlegende Einheit in Geist und Jurisdiktion sichern würde. Diese Einheit spiegele sich auch in der Wahl der Ämter, welche dem Prälaten neben den Räten in den zwei verschiedenen Sektionen assistieren, wider. So stünde ihm in der männlichen Abteilung ein Generalrat zur Verfügung, der sich aus folgenden Ämtern zusammensetze: einem Auxiliarvikar, einem Generalsekretär („ Generalvikar “), einem Vikar für die weibliche Abteilung („ Zentraler Priestersekretär “), drei Vizesekretären, mindestens einem Delegierten pro Region, einem Studienpräfekten sowie einem Generaladministrator. Hinzu kämen ein Prokurator, welcher die Prälatur beim Heiligen Stuhl repräsentieren müsse, sowie der Zentrale Geistliche Leiter, welcher über die gemeinsame geistliche Leitung der Prälatur wache. Die Ämter des Auxiliarvikars, Generalvikars, Zentralen Priestersekretärs sowie die des Prokurators und des Zentralen Geistlichen Leiters müssen von Priestern besetzt werden. (vgl. Le Tourneau 1988: 124f)

In der weiblichen Abteilung stünden dem Prälaten ebenfalls ein Auxiliarvikar, ein Generalvikar, ein Zentraler Priestersekretär sowie ein Zentralrat der weiblichen Abteilung zur Verfügung. Die Zusammensetzung des Zentralrats sei analog zu dem der männlichen Abteilung. Abgesehen vom Auxiliarvikar würden alle Ämter dieser Gremien für acht Jahre gewählt. (vgl. Le Tourneau 1988: 125)

b) Die regionale und örtliche Leitung:

Zu den Aufgaben des Prälaten gehöre laut Le Tourneau die Errichtung von Regionen oder Quasiregionen. Dies geschehe in Absprache mit seinen Räten. Diese Regionen würden von einem Regionalvikar ( „ Consiliarus “), welcher vom Prälaten in Übereinstimmung mit seinen Räten ernannt werde, geleitet. Zudem erfahre der Consiliarus Unterstützung durch einen eigenen Rat für jede Abteilung. Diese Räte sollen sich dabei ähnlich wie die in a) beschriebenen Räte auf zentraler Ebene zusammensetzen. In der regionalen Leitungsstruktur komme hinzu, dass Zwischenstufen („ Delegationen “) möglich seien. Diese Delegationen sollen der regionalen Leitung des Opus Dei in einem festgelegten Bezirk assistieren. Wie eine Region seien sie in Zentren gegliedert. Den Vorstand der Delegation bilde ein

Delegationsvikar. Dieser würde wiederum von den Räten unterstützt. Jedes der von der Prälatur errichteten Zentren würde von einem örtlichen Rat angeführt. Dieser Rat setze sich aus einem Leiter, seinem Stellvertreter, einem Sekretär sowie einem Priester zusammen. Dem Priester komme jedoch kein Stimmrecht zu. Er sei einzig in beratender Funktion tätig. (vgl. Le Tourneau 1988: 125f)

Zum Begriff der „ Personalprälatur “:

Von einer „ Prälatur “ sei laut Whitehouse deshalb die Rede, weil der Leiter, der vom Papst ernannt wird, als „ Prälat “ bezeichnet würde. Dieser sei im Allgemeinen ein Bischof und ausnahmslos ein Mann. Das Amt des Prälaten bilde das einzige von Opus Dei auf Lebenszeit vergebene Amt. Darüber hinaus sei es wichtig, herauszustellen, dass es sich bei einer „ Personalprälatur “ nicht um einen religiösen Orden handele und die Mitglieder der Prälatur ihrer Diözese sowie ihrem lokalen Bischof verantwortlich seien. Die Prälatur verfüge über ihre eigenen Priester und sei dazu befähigt, Laien mit geistlichen Aufgaben zu betrauen. Sie verlange von ihren Mitglidern jedoch weder das Gelübde der Armut, noch das der Keuschheit oder das des Gehorsams und unterscheide sich damit von einem Orden. (vgl. Whitehouse 2007: 38)

Die Rechtsform der „ Personalprälatur “:

Die ersten zwei Jahrzehnte seines Bestehens über stellte das Opus Dei eine von der Orthodoxie akzeptierte und zugleich ungewöhnliche kirchliche Abteilung dar. Die Außergewöhnlichkeit des „ Werkes “ bestand hauptsächlich in der Überzeugung Escrivas, Priester und Laien würden dieselbe Berufung teilen und seien dementsprechend in ihrer geistlichen Arbeit gleichgestellt. Das Zweite Vatikanische Konzil brachte in den 1960er Jahren jedoch den Beschluss hervor, die Rolle der Laien stärken und den Missionsauftrag an die Erfordernisse einer modernen Welt anpassen zu wollen. Man entwickelte folglich die Rechtsform der „ Personalprälatur “. Das Opus Dei wurde im Jahre 1982 durch Johannes Paul II. zur ersten (und bislang einzigen) Personalprälatur erhoben. Zuvor durchlief das „ Werk “ die Rechtsformen „ Pia Unio “ , „ Priestergesellschaft “ und

„ Säkularinstitut “, bis es letztlich dann zur Personalprälatur ernannt wurde. Escriva soll laut Whitehouse immer sehr erpicht darauf gewesen sein, die Umsetzung des kanonischen Rechts bis ins Detail sicherzustellen sowie das Opus Dei zu schützen und „ das Undefinierbare zu definieren “. Die Prälatur wäre ohne eine kirchenrechtlich abgesegnete Struktur nämlich nicht in der Lage gewesen, in der gewünschten Form zu operieren, also einerseits mit Laien und andererseits mit Frauen als Mitgliedern. Aus diesem Grund sei es für das Opus Dei von erheblicher Bedeutung, den Status einer Personalprälatur zu tragen. Würde es sich beim Opus Dei nämlich nicht um eine Personalprälatur handeln, liefe das „ Werk “ immerzu Gefahr, in andere Bereiche des kanonischen Rechts abzugleiten. So wären Laien ausgeschlossen, wenn es sich beim Opus Dei um einen „ religiösen Orden “ handeln würde und bei einer „ Laienorganisation “ wären die Priester als Mitglieder außer Reichweite. Zusätzlich gäbe es keinen Rahmen für die Ablegung des Keuschheitsgelübdes. Der Begriff „ Personal “ soll in der Rechtsform der „ Personalprälatur “ darauf hinweisen, dass sich die Institution nicht über ein Territorium definiert, sondern ortsgebunden ist und sich damit beispielswiese von Diözesen unterscheidet. (vgl. Whitehouse 2007: 38f)

3.2. „Lebensplan“/“Normen“

Wie bereits erläutert, zielen die Mitglieder des Opus Dei auf das Erreichen der Heiligkeit ab. Als Mittel zur Erlangung ebendieser betrachtet die Prälatur ihre sogenannten „ Normen “, welche die Mitglieder bereits kurz nach ihrem Eintritt ausnahmslos zu verrichten haben. Laut Steigleder sollen sie den Mitgliedern ermöglichen, „ kontemplative Menschen inmitten der Welt “ zu werden und in ihren alltäglichen Beschäftigungen und Arbeiten im Bewusstsein der Gegenwart Gottes zu leben. Die Mitglieder selbst würden diesen „ Lebensplan “ als über den Tag verteilte „ Wegmarkierungen “ auffassen, die ihnen dabei helfen sollen, ihr Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. (vgl. Steigleder 1983: 132f)

Aus diesem Grund beginnen die Mitglieder laut Allen ihren Tag jeden Morgen damit, Gott den Tag darzubringen, indem sie „ serviam “ (übersetzt: „ ich will dienen “) sprechen. Vor dem Schlafengehen schlössen sie ihren Tag mit drei „ Gegr üß et seist du, Maria “ sowie einer Bekreuzigung mit Weihwasser ab, um heilige Reinheit zu sprechen. (vgl. Allen 2006: 46f)

Diese „ Normen “ bestehen laut Steigleder aus einer halben Stunde Gebet am Morgen sowie am Nachmittag, dem Gebet des Rosenkranzes sowie dem Gebet des „ Angelus “ beziehunsgweise des „ Regina coeli “ (in der Osterzeit) mittags um zwölf Uhr. Hinzu kämen ein täglicher Besuch der Eucharistiefeier mit Kommunionsempfang, fünfzehn Minuten „ geistliche Lesung “ (gegliedert in zehn Minuten in einer geistlichen Schrift und fünf Minuten im Neuen Testament) sowie ein Besuch beim Allerheiligsten. Darüber hinaus zähle es zu den Pflichten der Mitglieder, dem Gebet der „ Preces “ 3 nachzukommen sowie einer Gewissenerforschung, täglich einer etwa zehnminütigen Meditation über einen spirituellen Text, dem wöchentlichen Empfang des Bußsakraments und dem Gebet des „ Salve Regina “ beziehungsweise der „ Regina coeli “. Außerdem beinhalteten die „ Normen “ eine „ körperliche Abtötung “ (auf eine genaue Definition komme ich im Verlauf der Ausarbeitung noch zu sprechen) am Samstag, einen Einkehrtag pro Monat und Besinnungstage (jährlich fünf Tage). Des Weiteren verpflichten sich die Mitglieder zu den sogenannten „ Normen von immer “, bestehend aus Stoßgebeten, Danksagungsakten, Sühneakten, Betrachtungen der Gotteskindschaft, geistigen Kommunionen, Abtötungen, einem Studium, Arbeit, Ordnung und Freude. (vgl. Steigleder 1983: 132f) Die eben beschriebenen Aspekte betrachte die Prälatur als ein individuelles Programm. Hinzu käme ein wöchentlich stattfindender „ Kreis “, also eine von einem Mitglied des Opus Dei (meist von einem Laien, in seltenen Fällen jedoch auch von einem Priester) gehaltene Unterweisungsstunde über diverse Punkte des Geistes sowie der Praxis der Prälatur und einer Gewissenserforschung. Zudem finde monatlich ein Besinnungstag oder -abend statt, welcher sich normalerweise aus zwei bis drei durch Priester vorgelegte Meditationsanregungen sowie einer Aussprache im Kreis und Zeiten des Schweigens für das persönliche Gebet zusammensetze. Die Supernumerarier würden darüber hinaus jährlich an einem mehrtägigen Seminar teilnehmen, während die Numerarier (ebenfalls jährlich) einen oftmals dreiwöchigen Kurs besuchten. Des Weiteren verpflichteten sich die Mitglieder jedes Jahr zur Teilnahme an Exerzitien im klassischen Sinn, also zu mehreren Tagen im Schweigen, gespickt mit diversen Meditationszeiten. Zudem werde jedes Mitglied der Prälatur von einem Numerarier oder einem Assoziierten spirituell begleitet. (vgl. Allen 2006: 46ff)

3.3. Mitgliedschaft

Durch den erhöhten Bekanntheitsgrad des Opus Dei kommt es laut Allen in seltenen Fällen vor, dass jemand von der Straße hereinkommt und eröffnet, Mitglied des Opus Dei werden zu wollen. Diese Leute würden dann jedoch angewiesen, sich erst einmal detailliert über das Opus Dei zu informieren. Im Allgemeinen erfolge der Zugang zur Mitgliedschaft jedoch vielmehr durch ein Kennenlernen des Opus Dei. Dies könne auf mannigfaltige Weise geschehen, wie beispielsweise durch Familienangehörige, welche Mitglieder des Opus Dei sind oder auch durch den Kontakt zu einem der „ korporativen Werke “ des Opus Dei, wie einer Schule oder einem Jugendzentrum. Darüber hinaus könne der Zugang durch Engagement der Mitglieder erfolgen, wie etwa in Krankenhäusern oder Fernsehnachrichtenagenturen. Diese Aktivitäten würden zwar formell nicht vom Opus Dei finanziell unterstützt, stellten aber dennoch eine Möglichkeit dar, ein Mitglied persönlich näher kennenzulernen. Die Frage, auf welche Weise das Opus Dei neue Mitglieder gewinnt, stellt nach Allen jedoch ein überaus kontroverses Thema dar, weil Kritiker behaupten würden, das Opus Dei greife zu skrupellosen Methoden der „Rekrutierung“, welche den Strategien bestimmter religiöser Sekten glichen. (vgl. Allen 2006: 32-35) Hierauf werde ich im Kapitel zur Kritik am Opus Dei noch einmal näher eingehen.

Die Mitglieder selbst stellen die Aufnahme laut Le Tourneau (einem Priester des „ Werks “) vielmehr so dar, dass es eines persönlichen göttlichen Rufes bedürfe, um dem Opus Dei anzugehören. Das potentielle Mitglied stelle sein gesamtes Leben gemäß der Spiritualität des „ Werkes “ in den Dienst Gottes. (vgl. Le Tourneau 1988: 128)

Als Außenstehender mag man sich fragen, worin das Anziehende an einer Mitgliedschaft im Opus Dei besteht. Auf einer Ebene der Übernatürlichkeit würde die Antwort wohl lauten, Gott habe demjenigen die Berufung zum Opus Dei geschenkt, betrachtet man die Antwort jedoch auf menschlicher Ebene, so gelangt man zu anderen Ansichten. So war bei manchen die Lektüre der Werke Escrivas entscheidend, bei anderen die Vorstellung, das Studium oder die Arbeit könnten ihnen den Weg zur Heiligkeit eröffnen oder das ihnen gebotene Umfeld, welches sie als ernsthafter Katholik unterstütze. Viele empfinden laut Allen jedoch auch die Numerarier als schillerndes Beispiel aufgrund ihres konsequenten Lebens sowie ihres Auftretens voll Engagement und Intelligenz und ihrer frommen, glücklichen Lebensweise. (vgl. Allen 2006: 33)

Die Aufnahme in das Opus Dei erfolgt durch eine vertragliche Bindung zwischen der Prälatur und dem Gläubigen und potentiellem Mitglied. Diese Bindung ist auf Gegenseitigkeit und Dauer ausgelegt. Es findet jedoch keine Veränderung des kirchenrechtlichen Status der Mitglieder statt. Aus diesem Grund lässt sich die Zugehörigkeit der Priester auch auf die der Laien zurückführen, weil sie als Laien Mitglieder des „Werkes“ wurden und erst später Priester geworden sind. Zur Unterstreichung des weltlichen Charakters der Eingliederung in die Prälatur wird betont, dass die Bindung nicht auf Gelübden beruhe und dadurch grundsätzlich von anderer Natur sei als die Bindung, die Ordensleute oder gottgeweihte Personen eingingen. So seien diese (anders als Mitglieder der Prälatur) dazu verpflichtet, die drei Gelübde der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams abzulegen. Durch die Zugehörigkeit zum Werk soll demnach der Stand der Mitglieder in keiner Weise verändert werden, was bedeutet, dass der Einzelne ein gewöhnlicher Gläubiger seiner Diözese bleibt. (vgl. Le Tourneau 1988: 136)

Der „Handel“ stellt eine Art Vertrag beziehungsweise Verpflichtung dar, nach dem Geist des Opus Dei zu leben und dessen apostolische Aktivitäten zu unterstützen. Auch das Opus Dei geht umgekehrt Verpflichtungen ein, welche darin bestehen, den Mitgliedern eine Ausbildung in Lehre und Spiritualität zu gewähren. Außerhalb der im folgenden Vertrag umschriebenen Pflichten bleiben die Mitglieder frei und umgekehrt ebenso das Opus Dei. (vgl. Allen 2006: 33f)

Die Vertragsformel lautet folgendermaßen:

Der Aufzunehmende erklärt:

Ich, … , mache vollen Gebrauch von meiner Freiheit und erkläre meinen festen Entschluss, mich mit ganzer Kraft dem Streben nach der Heiligkeit zu widmen und das Apostolat auszuüben, wie es dem Geist und der Praxis des Opus Dei entspricht. Ich verpflichte mich von jetzt an bis zum nächsten 19. März 4,

1. unter der Jurisdiktion des Prälaten und der weiteren zuständigen Autoritäten der Prälatur zu verbleiben, um mich treu allem zu widmen, was zum eigenen Ziel der Prälatur gehört,
2. alle Verpflichtungen zu erfüllen, die einem Numerarier (oder Assoziierten oder Supernumerarier) des Opus Dei zukommen, und die Normen zu befolgen, die der Prälat und die weiteren zuständigen Autoritäten der Prälatur bezüglich seiner Leitung, seinem Geist und seinem Apostolat festlegen.

(Allen 2006: 34)

[...]


1 Als „ Exerzitien “ bezeichnet man geistliche Übungen, in welchen man sich - abseits vom Alltag - durch Gebet und Besinnung (in Gruppen oder allein) der inneren Einkehr widmet.

2 Bei der „ Priestergesellschaft vom Heiligen Kreuz “ handelt es sich um eine mit dem Opus Dei unlösbar verbundene Klerikervereinigung, die zurzeit etwa 4000 Mitglieder zählt. Ihre Mitglieder bestehen einerseits aus den Priestern der Prälatur, andererseits aus weiteren Diözesanpriestern und -diakonen. Der Prälat des Opus Dei bildet zugleich den Präsidenten der Gesellschaft. Die Mitglieder treten der Gesellschaft mit dem Ziel bei, gemäß dem Geist des Opus Dei Unterstützung für ihr individuelles Streben nach Heiligkeit sowie für ihren priesterlichen Dienst zu erhalten. Die Mitgliedschaft bringt keine Zugehörigkeit zum Klerus der Prälatur (Presbyterium) mit sich. Jedes Mitglied verbleibt demnach in seiner eigenen Diözese inkardiniert und untersteht somit seinem lokalen Bischof. Nur ihm legt er demzufolge Rechenschaft über seine pastorale Arbeit ab. (vgl. Priestergesellschaft vom Heiligen Kreuz 2006)

3 „ Preces “ meint das interne Gebet der Vereinigung (vgl. Steigleder 1983: 133).

4 Das Versprechen muss alljährlich am 19. März, dem Fest des heiligen Josef, erneuert werden, da Josef der Patronatsheilige der Arbeiter und ein Hauptpatron des Opus Dei ist. Das Mitglied erneuert den Vertrag privat im Gebet und informiert daraufhin das Opus Dei. Versäumt man die Erneuerung, ist man automatisch kein Mitglied mehr. (vgl. Allen 2006: 36)

Ende der Leseprobe aus 58 Seiten

Details

Titel
"Opus Dei". Zwischen Mythos und Realität
Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)  (Institut für Katholische Theologie)
Note
1,8
Autor
Jahr
2015
Seiten
58
Katalognummer
V295772
ISBN (eBook)
9783656947110
ISBN (Buch)
9783656947127
Dateigröße
675 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Opus Dei, Mythos, Realität, Escriva, Josemaria Escriva, Santa Mafia, Werk Gottes
Arbeit zitieren
Viktoria Mey (Autor), 2015, "Opus Dei". Zwischen Mythos und Realität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/295772

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