Von /e/ zu /ö/ und /ā/ zu /ō/. Eine Analyse des mittelhochdeutschen Phänomens der Rundung bei Konrad von Würzburgs „Heinrich von Kempten“


Hausarbeit, 2012

13 Seiten


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Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Die Rundung

3. Die sprachliche Situation Konrads von Würzburg

4. Textanalyse

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einführung

In der vorliegenden Arbeit soll versucht werden, eine linguistische Analyse des Textes „Heinrich von Kempten“ des Autors Konrad von Würzburg, hinsichtlich des Phänomens der vokalischen Rundung, durchzuführen. In einem ersten Teil werde ich die Rundung aus grammatischer Sicht beleuchten und eine zweckmässig detaillierte Darstellung der Eigenheiten dieses Sachverhaltes geben. Dies wird sinnvollerweise die theoretische und methodische Grundlage der gesamten Arbeit darstellen. Der zweite Teil wird eine Bemerkung zum Autor Konrad von Würzburg sein, in welcher ich darzulegen versuche, inwiefern eine linguistische Analyse mit dem genannten Ziel schwierig sein könnte. Dies ist deshalb erwähnenswert, da Konrad ein nicht ganz zweifelsfreies Beispiel für die mittelhochdeutsche Rundung ist. Mit diesem Punkt werde ich versuchen zu beleuchten, inwiefern eine solch linguistische Analyse überhaupt zweckmässig ist. Punkt drei wird dann die eigentliche Analyse des Textes sein, welche Schritt für Schritt einen detaillierten Katalog aller Wörter beinhalten wird, welche im Text zu finden sind.Aus Gründen der Vollständigkeit und der Wissenschaftlichkeit dieser Analyse, werden auch alle Formen berücksichtigt, welche sich wiederholen. Dies soll nicht als redundant angesehen werden, sondern als eine Analyse, die die quantitative und auch die qualitative Ebene umfasst. Den Abschluss dieser Untersuchung wird ein angemessenes Fazit bilden, in welchem die gewonnen Resultate nochmals zusammengefasst werden und daraus eine mögliche Schlussfolgerung gezogen wird.

2. Die Rundung

Aufgrund der Tatsache, dass in der allgemeinen linguistischen Forschung stets dieselbe mittelhochdeutsche Grammatik verwendet wird, erschien es mir nicht sehr sinnvoll, für diese Arbeit mit nur kleinem Umfang, mehrere verschiedene Grammatiken hinzuzuziehen. Diese Aussagen kann ich deshalb äussern, weil ich einige Grammatiken, welche teilweise schon sehr alt sind, auf das Kapitel der Rundung hin durchgesehen habe und sah, dass diese nicht umfangreicher oder vollständiger waren als die, für welche ich mich schliesslich entschieden habe. Das Werk, auf welches ich mich, was die grammatische Seite betrifft, gänzlich stützen werde,ist das Werk von Hermann Paul mit dem Titel „Mittelhochdeutsche Grammatik“. Diese Quelle ist für meine Zwecke völlig ausreichend. Da Hermann Paul in seinem Werk das Thema der Rundung bereits sehr kurz und kompakt dargestellt hat, wäre es nicht gewinnbringend, diese Darstellung nochmals zu verkürzen, da dies der Grammatik nicht ausreichend Rechnung tragen würde. Die simpelste Lösung scheint mir daher, diesen kurzen Abschnitt aus Pauls Werk zu zitieren. Pauls Literaturangaben werden in diesem Zitat nicht aufgeführt:

Den Übergang von ungerundeten Monophthongen (/e/, /ē/ und /i/, /ī/) und dem Diphthong /ie/ zu den auf gleicher Zungenhöhe benachbarten gerundeten Vordervokalen (/ö/, /ȫ/ und /ü/, /ǖ/) nennt man Rundung (oder Labialisierung). Vereinzelt handelt es sich auch um Angleichungen an lautverwandte Wörter oder um hyperkorrekte Formen. Nach Ausweis der Schreibung gibt es die Rundung schon seit dem Anfang des 13. Jh. im Alem., seit dem 14. Jh. im Schwäb und Ofrk., selten im Md. und Bair. Anders verläuft die Ausbreitung der Rundung /ā/ > /ō/, die zugleich Hebung ist: Sie erscheint im 12. Jh. im Bair. und erfasst dann das Ndalem., Ofrk. und Md. noch in mhd. Zeit. Rundungen treten in bestimmter konsonantischer Umgebung ein, ohne dass sich daraus eine feste Regel ableiten lässt.

Man unterscheidet Rundung

- von /e/ zu /ö/, die in der Nachbarschaft von l und /ʃ/ <sch>, von Labialen und Affrikaten eintreten kann; vgl. mhd. helle > nhd. Hölle, vgl. ferner mhd. lecken , löcken ‘,leffel, erleschen, leschen, scheffe,Schöffe‘, welben, gewelbe, zwelf, schepfen, schrepfen, ergetzen; durch Anlehnung an verwandte Wörter in derren, (ge)wenen. Mit Dehnung in offener Silbe: (ge)wenen,gewöhnen‘, lewe, mewe,Möve‘, swer(e)n,schwören‘, vletze,Flöz‘;

- von /ā/ zu /ō/, die vor allem in der Nachbarschaft von Nasalen und Dentalen, aber auch von Labialen und h zu beobachten ist. Beispiele: mâne,Mond‘, mânôt,Monat‘, âne,ohne‘ , âmaht , Ohnmacht‘; quât ,Kot‘, wâc,Woge‘, âtem,Odem‘ (neben ,Atem‘), brâdem ,Brodem‘; mâhe,Mohn‘, tâhe ,Ton‘; - von /i/ zu /ü/, von /ie/ zu /ǖ/ in geschlossener Silbe, so in finf,fünf‘ )schon im 13. Jh. fünf), riffeln,durchkämmen‘, rimpfen, wirde, wirdec,flistern; in geswier (geswër) ,Geschwür‘. (Paul 2006, 85)

Dies ist die gesamte Theorie, wie sie Paul in seinem Werk dargestellt hat. Praktischerweise sind auch jeweils einige Beispiele zu den einzelnen Rundungen aufgeführt, an welchen ich mich orientieren kann.

3. Die sprachliche Situation Konrads von Würzburg

Der Grund, weshalb ich hier noch ein solches Kapitel eröffnet habe, ist der, dass ich bei der Lektüre der Theorie Pauls und dem Buch Konrads bemerkt hatte, dass die Rundung im 13. Jh. erst im Alemannischen und dann im 14. Jh. im Ostfränkischen auftauchte. Dies würde dann eigentlich bedeuten, dass eine Analyse der Rundung auf einen Text Konrads obsolet würde, da Würzburg zu Konrads Zeiten zum unterostfränkischen Sprachgebiet gehörte (Klepsch 2007, 188). Der Dichter Konrad wurde ca. 1225 in der deutschen Stadt Würzburg geboren und starb 1287 in Basel (Rölleke 1959, 145). Dies bedeutet, dass sich Konrad mehrere Jahre in dem alemannischen Sprachraum aufgehalten hat und somit durch das Alemannisch durchaus hätte beeinflusst werden können. Nun ist es so, dass meine Recherche keine Anhaltspunkte dazu geliefert hat, dass dies tatsächlich der Fall war. Des Weiteren habe ich auch keine deutlichen Hinweise darauf finden können, dass im Unterostfränkischen, resp. bei Konrad, die Rundung nicht durchgeführt wurde. Zur Analyse werde ich mich primär an die standardisierte Transkription Lachmanns halten und zudem, vornehmlich als Rückbestätigung und Klärung, die digitalisierte Version des Textes „Marburger Repertorium“ hinzuziehen.

4. Textanalyse

Im Folgenden wird die Analyse hinsichtlich der Rundung durchgeführt. Die Ergebnisse werden schliesslich dann in Gruppen nach Phänomenen unterteilt und in einem Katalog dargestellt.Es werden sämtliche Formen aufgelistet, auch wenn diese mehrmals vorkommen. Es geht nicht nur darum zu zeigen, welche Formen vorkommen, sondern auch wie oft sie dies tun. Die Reihenfolge der Phänomene wird nach der Auflistung in Pauls Grammatik nachempfunden.

e > o

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Klar ersichtlich ist hier, dass das Verb „sweren“ dominiert. Rundungen der Gattung e>o sind gesamthaft sieben vorhanden, wobei nur vier verschiedene Wörter zu finden waren.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

a > o

Es sei darauf hingewiesen, dass bei diesem Phänomen der Rundung nicht stur eine unreflektierte Auflistung aller jeweiligen Wörter, welche die Rundung von a zu o enthalten, erstellt wurde, sondern auch darauf geachtet wurde, den Kontext und die Semantik der betreffenden Textstellen zu beachten. So finden sich im Text beispielsweise Formulierungen wie „dâ mite“.Dieseenthält zwar das Wort „dâ“, was eigentlich der Rundung von a zu o entsprechen würde, wird jedoch im Kontext mit nhd. „damit“ zu übersetzt. Solche Formen finden keinen Eingang in die Liste.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Insgesamt habe ich 50 Stellen finden können, an welchen sich eine Rundung von a>o gezeigt hat. Die Grafik zeigt, dass die deutliche Mehrheit der Rundungen durch Adverbien vertreten ist. In vereinzelten Fällen sind noch Substantiv und Verb vertreten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

i > ü

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ähnlich wie bei der Rundung von a>o, kann hier festgestellt werden, dass, wohlgemerkt bei 20 aufgetretenen Fällen, die Wortdiversität nicht sehr hoch ist, ja sogar noch deutlich tiefer als beim Phänomen a>o. Es erscheinen bei 20 betrachteten Fällen lediglich drei verschiedene Wörter.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

ie > ü

Die Gruppe, die am wenigsten vertreten ist, ist die der Rundung von ie zu ü. Im Text lassen sich nur gerade an drei Stellen zwei verschiedene Wörter finden, die die Rundung vollzogen haben.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

5. Fazit

Um dieses Fazit einzuleiten erscheint es mir als durchaus sinnvoll, nochmals eine Bemerkung zur Grammatik und der Situation Konrads zu machen. Es wurde bereits ausgeführt, dass, zumindest laut Pauls Grammatik, Konrad von Würzburg kein typisches oder geeignetes Beispiel für das Phänomen der Rundung ist, da er in einer Zeit lebte, die die Rundung nur begrenzt kannte. Paul hat weiterhin erwähnt, dass die Rundung von a zu o bereits zu Konrads Lebzeiten auch das Ostfränkische erfasst hatte. Anders hingegen verhielt sich dies mit den anderen Phänomenen. Sie tauchen laut Paul erst im 14. Jh. im Ostfränkischen auf. Dies würde folglich bedeuten, dass gänzlich keine anderen Rundungen als jene von a zu o zu erwarten wären. Meine Analyse hat jedoch gezeigt, dass jedes andere Phänomen am Text hatte gezeigt werden können. Dies geschah nicht in jedem Falle gleichermassen reichhaltig, doch wurden stets einige Formen gefunden.

Nun stellt sich natürlich die Frage, wie dieses Ergebnis zu interpretieren ist. Ich habe in Kapitel 2 eine eher vage Vermutung formuliert. Sie lautete, dass Konrad seine letzten Jahre in Basel, also dem alemannischen Sprachraum, in welchem die gesamte Rundung bereits, so Paul, zu Beginn des 13. Jh. erfasste, einen so grossen Einfluss auf seine Sprache gehabt haben könnte, dass dies in dem analysierten Text wiedergefunden werden kann. Meiner Meinung nach lohnt es sich daher, einen letzten und etwas tieferen Blick auf diese Frage zu werfen. Ich möchte hier noch anmerken, dass meine These nicht völlig aus der Luft gegriffen ist, da man auch im Text einen Hinweis finden kann, der diese These etwas stützen kann. Wir wissen, dass Konrad vornehmlich als Auftragsdichter gearbeitet hat (Rölleke 1959, 145). In seinem Werk „Heinrich von Kempten“ nennt Konrad glücklicherweise den Namen seines Gönners zusammen mit der Ortschaft, in welcher er den Text verfasst hat:

[…] Hie sol diez mære ein ende geben

755 und dirre kurzen rede werc, daz ich dur den von Tiersberc in rîme hân gerihtet unde in tiutsch getihtet von latîne, als er mich bat.

760 ze Strâzburc in der guoten stat, dâ er inne zuo dem tuome ist prôbest unde ein bluome dâ schînet maneger êren. […] (Rölleke 1959, 49)

Wir erfahren also, dass Konrad den Text in der Stadt Strassburg geschrieben hat. Strassburg gilt, wie auch schon zu Konrads Zeiten, bis heute unverändert zum alemannischen Sprachraum. Die korrekte Einordnung des Dialektes von Strassburg lautet Oberrheinalemannisch (Paul 2006, 39). Somit läge zumindest ein erster Hinweis dafür vor, dass Konrad bereits vor seinem Umzug nach Basel sich in alemannischem Sprachgebiet aufgehalten hat und durch die lokalen Dialekte hätte beeinflusst werden können. Eine Zusammenstellung der Häufigkeit der vorkommenden Formen bringt folgendes Resultat (in der Grafik sind nun nur die qualitativen Formen aufgeführt):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Eine solche Grafik kann nur in qualitativer und nicht in quantitativer Hinsicht sinnvoll sein, da gerade dies interessant für meine These ist. Es ist ersichtlich, dass die Rundung von a zu o dominiert. Vergegenwärtigt man sich die historische Grammatik wird deutlich, dass diese Situation eine deutliche Gegenposition zu meiner These darstellt, da laut Paul die Rundung von a zu o die einzige ist, die sich zu Konrads Lebzeiten im Ostfränkischen verbreitet haben soll. Doch nun stellt sich die Frage, weshalb dann doch noch ausnahmslos alle anderen Rundungen ebenfalls im Text vertreten sind. Dies ist zum jetzigen Zeitpunkt, zumindest aus meiner Sicht, nicht abschliessend beantwortbar, da zu wenige Daten diesbezüglich vorliegen. Die hängt einerseits mit der Tatsache zusammen, dass es noch keine umfassenden linguistischen Untersuchungen zum Gesamtwerk Konrads gibt. Zum anderen liegt dies auch daran, dass zuerst eine genauere Betrachtung der anderen Texte Konrads hinsichtlich der Rundung getätigt werden und man analysieren müsste, zu welchem Zeitpunkt Konrad angefangen hat, seine Werke im alemannischen Sprachraum zu verfassen.

Eine solch umfassende Untersuchung würde sicherlich Klarheit darüber schaffen, ob meine These zutrifft oder nicht.

Literaturverzeichnis

Primärtext

Konrad von Würzburg: Heinrich von Kempten, Der Welt Lohn, Das Herzmaere. Mittelhochdeutscher Text nach der Ausgabe von Edward Schröder. Übers., mit Anm. und einem Nachw vers. von Heinz Rölleke. Stuttgart 2008.

Sekundärliteratur

Klepsch, Alfred/Wagner, Eberhard (2007).Handwörterbuch von Bayerisch-Franken. 3., unveränderte Auflage. Bamberg: Fränkischer Tag GmbH.

Lexer, Matthias (1992). Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch. 38. Auflage mit den Nachträgen von Ulrich Pretzel. Stuttgart: S. Hirzel Verlag.

Paul, Hermann (2007). Mittelhochdeutsche Grammatik. 25., neu bearbeitete Auflage. Thübingen: Niemeyer Verlag.

Internet

Marburger Repertorium: Deutschsprachige Handschriften des 13. und 14. Jahrhunderts.

Zuletzt besucht am 16.12.2012.

http://www.mr1314.de/2316

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Details

Titel
Von /e/ zu /ö/ und /ā/ zu /ō/. Eine Analyse des mittelhochdeutschen Phänomens der Rundung bei Konrad von Würzburgs „Heinrich von Kempten“
Hochschule
Universität Zürich  (Deutsches Seminar)
Veranstaltung
Historische Grammatik des Mittelhochdeutsch
Autor
Jahr
2012
Seiten
13
Katalognummer
V295896
Dateigröße
723 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
eine, analyse, phänomens, rundung, konrad, würzburgs, heinrich, kempten
Arbeit zitieren
Master Student Samuel Burkhard (Autor), 2012, Von /e/ zu /ö/ und /ā/ zu /ō/. Eine Analyse des mittelhochdeutschen Phänomens der Rundung bei Konrad von Würzburgs „Heinrich von Kempten“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/295896

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