Von der Emanzipation bis zur Deportation der ungarischen Juden. Die Erlebnisse von Agnes Buchwald


Facharbeit (Schule), 2011
55 Seiten, Note: 6 (CH) / 1 (D)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Historischer Teil

1 Einleitung

2 Die ungarische Nation in der Geschichte
2.1 Die Ungarn, ein einsames Volk
2.2 Die Zerstörung der historischen Integration Ungarns
2.3 Die Geburt der ungarischen Staatsidee

3 Der Aufstieg der ungarischen Juden
3.1 Die Rolle der Minderheiten bei der Magyarisierung Ungarns
3.2 Die Judenemanzipation
3.3 Das Goldene Zeitalter

4 Der Niedergang der ungarischen Juden
4.1 Die Todesurkunde Trianon
4.2 Die Zerstörung des historischen Paktes
4.3 Die Entrechtung der ungarischen Juden

Persönlicher Teil

5 Vom Kindermädchen bis zum Pfeilkreuzlerputsch
5.1 Die Verhaftung des Kindermädchens
5.2 Das Kallay-Doppel
5.3 Ausschaffung und Arbeitsdienst
5.4 Der Tag der Schakale und seine Folgen

6 Vom Pfeilkreuzlerputsch bis zum sowjetischen Einmarsch
6.1 Ferenc Szalasi ergreift die Macht
6.2 Die Verhaftung von Lenke Weiss
6.3 Die Befreiung Lenkes und das Schweizer Schutzhaus
6.4 Überlebenskampf im Ghetto

7 Schlussfolgerung
7.1 Zusammenfassung
7.2 Fazit

8 Danksagung

9 Bibliographie

Anhang I.I. Historische Ereignisse Von der Gründung bis zum Anfang des Ersten Weltkrieg
Anhang I.II. Historische Ereignisse Zwischenkriegszeit
Anhang I.III. Historische Ereignisse Der Zweite Weltkrieg

Anhang II. Wichtige Persönlichkeiten

Anhang III. Minister- und Premierminister in Ungarn

Anhang V. Kriegs- bzw. Todesbilanz

Anhang VI. Witz

Anhang VII. Anmerkungen des Autors

Anhang VIII. Abbildungsverzeichnis

Anhang IX. Familienstammbaum

„Die Geschichte liefert uns immer wieder den Beweis, wie schnell sich Unvorstellbares in Unvermeidbares verwandeln kann.“

Autor unbekannt

1 Einleitung

Seit den Judenemanzipationsgesetzen von 1867 und 1895 genossen Juden nirgendwo in Eu- ropa eine solche Gleichberechtigung wie in Ungarn. Sie waren vollwertige Mitglieder der ungarischen Nation und Gesellschaft und der wirtschaftliche Motor der „Goldenen Zeit“, der Ungarn zu einer führenden Kulturnation in Europa aufsteigen liess. Während der Jahrzehnte des Aufschwungs hatte sich ein einzigartiges Bündnis zwischen der ungarischen Herrscher- schicht und den im einstigen Habsburgischen Vielvölkerstaat zu patriotischen Ungarn gewor- denen Juden herausgebildet, wie es so in Europa kein zweites Mal existierte. Juden fieberten Seite an Seite mit den Ungarn während des Habsburgeraufstands mit, opferten sich im Ersten Weltkrieg für das ungarische Vaterland auf und trauerten zusammen mit ganz Ungarn um die im Trianonvertrag verlorenen Gebiete. Die ungarischen Juden wurden zu heissblütigen unga- rischen Patrioten, die in ihr Heimatland geradezu vernarrt waren. Die Sympathie ging so weit, dass sich der nach dem Ausgleich der Doppelmonarchie gewordene Ministerpräsident Graf Gyula (Julius) Andràssy nicht weniger, sondern mehr Juden in Ungarn wünschte.

Dass knapp 77 Jahre später deutsche Truppen in Ungarn einmarschieren und den von einem herangereiften ungarischen Antisemitismus angefeuerten ungarischen Holocaust auslösen würden, hatte sich niemand vorstellen können. Das während Jahrzehnten aufblühende ungari- sche Judentum wurde auf einen Schlag durch die deutsche Besatzung in Budapest, durch den deportationsbesessenen Reichsbevollmächtigten Edmund Veesenmayer, durch die SS- Schergen des Eichmann-Sonderkommandos und dessen ungarische Handlanger sowie durch die Pfeilkreuzlerbewegung unter dem Szalasi-Regime ausgelöscht. Davon hat sich das ungari- sche Judentum bis heute nicht erholt. Unter den ungarischen Juden war auch die Familie mei- ner Grossmutter, die den unvergleichlichen Aufstieg der ungarischen Juden miterlebte und zu Opfern des aberwitzigen Industriemords wurde. Was war der Grund dafür, dass sich dieser tragische Pendelschlag von der Emanzipation zur Deportation ereignen konnte? Wie kam es von der Emanzipation der Juden zu ihrer Deportation?

Ich beschreibe nicht nur, wie sich das ungarische Judentum zuerst emanzipierte und danach deportiert wurde, sondern schildere auch die Erlebnisse meiner Grossmutter. Im Kindesalter wurde sie Zeugin von der Entrechtung und Verfolgungen der ungarischen Juden. Ich habe mich zu diesem Schritt entschlossen, weil die Erlebnisse meiner Grossmutter meine ganze Arbeit greifbarer und spürbarer machen. Schliesslich sind es die Einzelschicksale, durch wel- che die Geschichte ein Gesicht bekommt. Zu diesem Zweck habe ich meine Arbeit in einen historischen Teil, der die Geschichte Ungarns kurz und den sozialen Auf -und Abstieg der ungarischen Juden ausführlich behandelt, und in einen persönlichen Teil, der die Erlebnisse meiner Grossmutter und ihrer Verwandten darstellt, aufgeteilt. Damit im persönlichen Teil der historische Faden nicht verloren geht, habe ich neben den Ereignissen meiner Grossmutter kleinere und grössere geschichtliche Einschübe eingebaut.

Das Fazit beantwortet anschliessend die in der Einleitung formulierte Fragestellung.

Ich habe mich trotz Erinnerungslücken bei meiner Grossmutter, die auf die psychische Belas- tung der Erlebnisse und die Verdrängung zurückzuführen sind, um eine verständliche Textko- härenz bemüht.

Historischer Teil

2 Die ungarische Nation in der Geschichte

2.1 Die Ungarn, ein einsames Volk

Seit der Besiedlung des Karpatenbeckens um 896, der sagenumwobenen und umstrittenen Landnahme durch den Reiterfürsten Arpad, zählen die Magyaren1 zu den grossen Verlierern der europäischen Geschichte. Sie sind ein Volk, dessen Geschichte von Besatzungen durch fremdländische Eroberer und Unterdrücker gekennzeichnet ist. Abgesehen von den Albanern sind die Ungarn das wohl einsamste Volk im europäischen Raum. Ihre Urheimat liegt ir- gendwo westlich des Urals in den asiatischen Steppen. Zu den engsten finno-ugrischen Sprachverwandten gehören die heute bloss noch 30'000 zählenden Ostjaken und Wogulen, deren Sprache vom Aussterben bedroht ist und obwohl Finnen und Ungarn der gleichen Sprachfamilie angehören, können sie sich kaum untereinander verständigen.2

2.2 Die Zerstörung der historischen Integration Ungarns

Die seit der Gründung des christlichen St. Stephan-Reichs im Jahr 1000 herangewachsene politische Einheit und territoriale Integrität Ungarns wurde in der verhängnisvollen Schlacht bei Mohàcs gegen die Osmanen im Jahr 1526 zerstört, was ohne Übertreibung zusammen mit dem Mongolensturm3 von 1242 und 1243 als eine der grössten Katastrophen in der ungari- schen Geschichtsschreibung und Wurzel für den ungarischen Nationalismus bezeichnet wer- den kann.4 Ungarn wurde in drei Teile gerissen. Das Kernland und die Grosse Ungarische Tiefebene gehörten fortan zum Türkenreich, während das Fürstentum Siebenbürgen und das restliche Königreich Ungarn tributpflichtig wurden.5 Die schwerwiegendste Folge der Ver- wüstung und Entvölkerung unter der 160-jährigen Herrschaft der Osmanen war aber die langsame Verfremdung des Reiches in einen Vielvölkerstaat, in dem die Ungarn im Jahr 1787, also schon 100 Jahre nach der Osmanenherrschaft, noch immer nur etwa 39 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachten. Durch eine gezielte Ansiedlungspo- litik durch die Osmanen wurde die Einwanderung von Serben, Deut- schen, Slowaken und Kroaten ge- fördert, sodass die Ungarn ver- drängt und zu einer ethnischen Minderheit im eigenen Königreich herabgestuft wurden.6

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten.

Abb. 1: Dreiteilung Ungarns unter osmanischer Herrschaft 1526-1686

(Fürstentum Siebenbürgen im Osten, Königreich Ungarn im Norden, Osmanisches Reich im Süden)

2.3 Die Geburt der ungarischen Staatsidee

Zwar wurden die Osmanen von der habsburgischen Armee 1686 aus Europa vertrieben und Ungarn war im Frieden von Karlowitz den Habsburgern zugeschlagen worden, doch diese durch die Türkenherrschaft ausgelöste Angst vor dem Aussterben durch „Überfremdung“, vor dem langsamen Tod einer einsamen Nation zwischen feindlichen Nachbarn hatte sich im un- garischen Gemüt der herrschenden Schicht eingenistet.7 Angetrieben von dieser Angst hat sich eine Art Ungarisierungsdrang bei der Herrscherschicht herausgebildet, die sich fortan als Missionsträger der Gründung eines Grossungarns sah.8 So formte sich die ungarische Staats- idee, die die Grundlage für die Magyarisierungspolitik bildete. Dieser aus der Angst vor dem Aussterben hervorgegangene Nationalismus und die intolerante Minderheitenpolitik der unga- rischen Regierung lassen sich anhand der Rede von Ministerpräsident Kalman Tisza im Jahr 1875 über die Magyarisierungsbestrebungen im Land festhalten: „Innerhalb Ungarns kann es nur eine lebensfähige Nation geben: Diese politische Nation ist ungarisch. Ungarn kann nie- mals eine Schweiz des Ostens werden, dann würde es aufhören zu existieren.“9 Jeder, der sich zum Magyarentum bekannte, hatte gleiche Aufstiegschancen im wirtschaftlichen, politischen und sozialen Bereich, wohingegen Nicht-Magyaren unterdrückt wurden.10 Schliesslich erklär- te die ungarische Regierung die Magyarisierungsmassnahmen infolge einer berauschenden, von nationaler Hochstimmung geprägten Millenniumsfeier im Jahre 1895 zum Regierungs- programm.11

3 Der Aufstieg der ungarischen Juden

3.1 Die Rolle der Minderheiten bei der Magyarisierung Ungarns

Die ungarische Regierung hatte auch allen Grund zum Feiern. Faktoren wie das wirtschaftli- che Wachstum, die Urbanisierung, aber auch die politische und sprachliche Assimilation und die soziale Mobilität liessen den ungarisch sprechenden Bevölkerungsanteil stark anwachsen. Während 123 Jahren, von 1787 bis 1910, stieg die Zahl der Ungarn um etwa 210 Prozent.12 Diese Faktoren spiegeln alle die „Demografische Revolution“ in Ungarn wider, im Zuge derer Ungarn durch seinen raschen Bevölkerungszuwachs zu einer starken Wirtschaftsmacht auf- stieg. Die Speerspitzenrolle, welche die in Ungarn assimilierten Minderheiten bei den Magya- risierungsmassnahmen spielten, wurde jedoch bei all der sensationellen Ausbreitung des Un- garntums oft verschwiegen oder heruntergespielt. Die eigentlichen Träger der Expansion der ungarischen Kultur waren nicht irgendwelche Ur-Ungarer, sondern eingewanderte, fremdlän- dische, sich zum Magyarentum bekennende Völkergruppen wie die Slawen, die Deutschen, die Turkvölker und allen voran die Juden. Insgesamt betrug der Anteil der assimilierten Deut- schen, Slawen und Juden kurz vor dem Ersten Weltkrieg mehr als ein Viertel des statistisch festgestellten Magyarentums.13

3.2 Die Judenemanzipation

Unter allen Volksgruppen, die zur Expansion der ungarischen Kultur beitrugen, identifizierte sich keine andere so stark mit Ungarn wie die Juden. Die Verflechtung mit Ungarn war so stark, dass selbst die Idee eines Judenstaats vom ungarischen Journalists Theodor Herzl, dem Begründer des modernen Zionismus, von den ungarischen Juden14 als überflüssig erachtet wurde. Der deutsche Essayist Horst Krüger schrieb während seiner Reisen im Osten Europas im Jahr 1957 über die Gemeinsamkeit der Ungarn und der Juden: „Eigentlich sind die Ungarn wie die Juden ein versprengtes Volk. Ein Volk, das immer wieder unterworfen und entrechtet wurde, aber nicht aufgab wie die Juden[...] Sie übten sich in der Kunst des Überlebens[...]”.15 Krüger spielt in seinem Essay über die Juden und das ungarische Volk auf das verbindende, kollektive Leid an, das den beiden Völkern während ihrer Geschichte widerfahren ist.

Noch 1787 lebten nur 83'000 Juden im Land. 1805 zählte Ungarn bereits 127'000, im Jahr 1880 625'000 und schon 1910 lebten 911'000 Juden in Ungarn. Der prozentuale Anteil der Juden in Ungarn verhinderte, dass die Magyaren zu einer Minderheit herabgestuft wurden.16 Aufgrund dieser massiven Einwanderung gerieten die jüdischen Immigranten vermehrt in den Brennpunkt der ungarischen Politik und ebneten so den Weg ihrer Emanzipation. Die ersten Schritte in Richtung Emanzipation der ungarischen Juden begannen in den von europaweiten Revolutionen gekennzeichneten Jahren 1848 und 1849, in denen die ungarische Revolutions- armee, in ihr auch viele jüdische Intellektuelle, gegen die Habsburger kämpfte. Damals identi- fizierten sich die Juden bereits stark mit der ungarischen Nation. Obwohl die revolutionäre Regierung unter Lajos Kossuth in ihrer letzten Landtagssitzung schliesslich kurz vor der Ka- pitulation der österreichisch-russischen Streitmacht stand, unterzeichnete sie die Verfügung der Emanzipation der damals 300'000 in Ungarn lebenden Juden.17

Die völlige, uneingeschränkte, bürgerliche, rechtliche, wirtschaftliche und religiöse Gleich- stellung der Ungarn israelitischen Glaubens garantierten jedoch erst die Emanzipationsgeset- ze18 von 186719 und 1895, bei denen die Parlamentsabstimmungen ohne nennenswerte Oppo- sition verliefen. Einzig die katholische und die protestantische Partei reagierten empört.20 Dieses besondere Phänomen der Judenemanzipation erfasste der Historiker Robert A. Kann im Jahr 1945 ironischerweise zu dem Zeitpunkt, als das ungarische Judentum bereits unterge- gangen war: „Im gesamten östlichen Teil Mitteleuropas gibt es kein anderes Beispiel für eine solch vollständige, schnelle und allem Anschein nach so erfolgreiche Assimilation und Gleichstellung wie die der ungarischen Juden.“21 Der Grund für diese einzigartige Symbiose22 zwischen der ungarischen Herrscherschicht und den Juden war die Identifizierung der Juden während der Revolution 1849 mit der ungarischen Nation. Ungarn brauchte ebenfalls gegen- über der ungarischen Staatsidee loyale Menschen, die statistisch das Gewicht der ungarisch- sprechenden Bevölkerung innerhalb der Länder der Stephanskrone stärkten.23 Es wurde ein Pakt zwischen der aristokratischen Führungsschicht und dem ungarischen Judentum geschlos- sen. Die ungarischen Juden wurden zu patriotischen Agenten der Staatsmacht, die den Auf- trag hatten, im ganzen Land den Geist des Ungarntums zu verbreiten. Im Gegenzug erhielten sie rechtlichen und religiösen Schutz von der liberalen Regierung, die hart gegen Antisemi- tismus vorging.

3.3 Das Goldene Zeitalter

Die Juden waren aufgrund ihrer Gleichstellung der ungarischen Nation in geistiger und emo- tionaler24 Loyalität ergeben. Aus dieser Haltung heraus wuchs eine intensive Auseinanderset- zung mit der ungarischen Kultur, Sprache, Literatur und Wissenschaft, die Ungarn zum „Eng- land des Ostens“25 aufsteigen liess. Die Bereicherung fand aber nicht nur auf geistiger, son- dern auch auf wirtschaftlicher Ebene statt, denn die ungarischen Juden kurbelten die desolate Wirtschaft an.26 Es wurden auch zahlreiche Erfindungen und Entdeckungen durch ungarisch- jüdische Wissenschaftler gemacht. So war Ungarn die erste Nation, die nach England eine Untergrundbahn besass. Die Erzeugnisse der ungarischen Nation gipfelten schliesslich in der Pariser Weltausstellung 1879, bei der Ungarn mit seinen Produkten und Erzeugnissen brillier- te und Budapest zum Symbol des Fortschritts und der Moderne in ganz Europa erklärt wur- de.27 Ihren kulturellen und wirtschaftlichen Aufschwung -bekannt als „Das Goldene Zeital- ter“- haben die Ungarn nicht zuletzt ihren patriotischen Juden zu verdanken.

Der Aufstieg der Juden begann in bescheidenem Rahmen. Anfangs verdienten sie ihr Geld im Tuch-, Holz- und Getreidehandel. Nach den Emanzipationsgesetzten konnten sie ihre wirt- schaftliche Tätigkeit vergrössern, so dass sie Banken gründeten und Unternehmen aufbauten. Die wohlhabenden unter ihnen schickten später ihre Nachkommen in grosser Zahl an Univer- sitäten. Diese bildeten schliesslich die geistige, literarische, wirtschaftliche und militärische Elite des Landes.28

Um die Jahrhundertwende lässt sich der Fortschritt des Modernisierungsprozess Ungarns und derjenige der Integration ungarischer Juden gut festhalten: Während in Wien 24, in London 25 und in Berlin 36 Tageszeitungen erschienen, druckte Budapest 39 Tageszeitungen, von denen über die Hälfte in jüdischer Hand waren. Juden machten aber auch etwa 16,5 Prozent der Industriearbeiter, 54 Prozent der Kaufleute, 49 Prozent der Ärzte, 45 Prozent der Rechtsanwälte, einen Drittel der Journalisten und einen Viertel der Künstler und Schriftsteller aus. In der Armee nahmen die Juden einen Fünftel des gesamten Reserveoffizierskorps ein und kurz vor dem Ersten Weltkrieg zählte man bereits 24 Generäle jüdischer Herkunft.29 In der Hauptstadt waren 40 Prozent der Wähler aufgrund ihres höheren Bildungsgrads Juden. Im Parlament gab es Ende 1910 bereits 84 jüdische Abgeordnete. Sogar ein jüdischer Verteidigungsminister, Baron Samu Hazai, ein jüdischer Finanzminister, Janos Teleszky und ein jüdischer Bürgermeister von Budapest, Ferenc Heltai wurden gewählt.30

Im Ersten Weltkrieg fielen 10'000 jüdische Soldaten und Offiziere von insgesamt 300'000 jüdischen Frontdienstlern und bewiesen so ihre Loyalität zur ungarischen Nation. Sie wurden dafür mit Tapferkeitsmedaillen geehrt. Unter den Geehrten befand sich auch der Onkel meiner Grossmutter mütterlicherseits -mein Uronkel- der als Absolvent der LudovikanerUniversität zu den Spitzenreihen des Offizierskorps gehörte. Die ungarischen Juden gehörten aber zusammen mit den Ungarn zu den Hauptverlierern des Ersten Weltkriegs, für die die Folgen des Auseinanderfallens der Doppelmonarchie das Ende ihrer Aufstiegsperiode und den Anfang ihres gesellschaftlichen Abstiegs bedeuteten.31

4 Der Niedergang der ungarischen Juden

4.1 Die Todesurkunde Trianon

Wenn ich meinen Vater frage, was seiner Ansicht nach die grösste Natio- nalkatastrophe in der ungarischen Ge- schichtsschreibung sei, dann kommt genau ein Wort aus seinem Mund: Trianon!

Obwohl diese historische Tragödie fast 90 Jahre zurückliegt, hat sie sich in den Köpfen der damaligen ungarischen Bevölkerung und deren Nachfolgerge- nerationen festgesetzt und ist bis heute anonvertrag

Abb. 2: Ungarn vor (blau) und nach (grün) dem Tri- Ungarn (blau) und Österreich (rot) während der Dop-pelmonarchie von 1867-1918

noch immer eine der politisch heikels- ten Angelegenheiten in Ungarn. Am 4. Juni 1920 verlor das tausendjährige Königreich Un- garn im Lustschloss Trianon zwei Drittel seines Staatsgebiets, miteingeschlossen sein einziger Anschluss ans Meer und drei Fünftel seiner Bevölkerung: Von 325‟000 Quadratkilometern verblieben nur noch 93'000, und von den etwa 20,9 Millionen ursprünglichen Einwohner be- sass das neue „Rumpf-Ungarn“ lediglich noch 7,6 Millionen. Die grössten Leidtragenden waren aber die 3‟228‟000 Ungarn und 438'000 ungarischen Juden, die unter Fremdherrschaft gerieten.32 Seine Gebiete musste Ungarn an die Nachbarländer abtreten: Die Slowakei und die Karpato-Ukraine wurden an die Tschechoslowakei abgetreten, Kroatien und Slowenien an Jugoslawien, die Vojvodina und das Banat ebenfalls an Jugoslawien, Deutsch-Westungarn an Österreich und Siebenbürgen an Rumänien.33 Genau wie die heimatlosen Ungarn blieben die patriotischen Juden der ungarischen Nation treu und gaben trotz der wachsenden Unterdrü- ckung in den Nachbarländern ihre ungarische Kultur nicht auf.34 Insgesamt gerieten 49,3 Pro- zent der ungarischen Juden unter Fremdherrschaft. Mit einem Anteil von 20 Prozent jüdischer Einwohner wurde Budapest zum einzigen verbliebenen grossen Zentrum des ungarischen Judentums. Der Untergang des tausendjährigen St. Stephan-Reichs markierte somit nicht nur das Ende des Goldenen Zeitalters, sondern auch das verhängnisvolle Ende des historischen Paktes zwischen der ungarischen Herrscherschicht und dem ungarischen Judentum.

4.2 Die Zerstörung des historischen Paktes

Als auf die im Zuge der friedlichen Astern-Revolution35 an die Macht gekommene liberale Regierung Ungarns die 133 Tage dauernde kommunistische Diktatur unter Bela Kun folgte, gewann der Antisemitismus in Ungarn an Stärke. Da Kun ein zum Kommunismus konvertier- ter Jude war und viele Jahre in Russland verbracht hatte, setzten die Leute Judentum mit Kommunismus, Heimatlosigkeit und der historischen Bedrohung aus Russland gleich. Dass die Hochfinanz, die zu 80 Prozent in jüdischer Hand lag, und viele jüdische Patrioten dem „roten Terror“ Kúns und den 585 Exekutionen zum Opfer fielen, fand kaum Widerhall in der ungarischen Bevölkerung. Fortan gab man den „jüdischen Agenten des Weltbolschewismus“ und den jüdischen Schwarzmarktmillionären, die sich am Elend der Nation bereicherten, die Schuld für die Trianon-Katastrophe.36 Die Wut der Bevölkerung über die katastrophale Lage Ungarns hatte einen Blitzableiter gefunden.

Mit der Erhebung des Adels gegen die kommunistische Diktatur angeführt von Admiral Horthy, den letzten Oberbefehlshaber der kaiserlich-königlichen Kriegsmarine,37 und dessen Einmarsch in Budapest fand die Räterepublik ihr Ende. Den „roten Terror“ mit seinen 585 öffentlichen Hinrichtungen beantwortete der später zum Reichsverweser ernannte Horthy mit 1‟500 Exekutionen, im Zuge derer Horthys Nationalarmee mordend durch die Strassen Buda- pests zog.

Als diese antisemitischen Exzesse einmal unter roter und ein andermal unter weisser Fahne erfolgten, hatte sich eine verhängnisvolle Tatsache herauskristallisiert: Der Zerfall Grossun- garns markierte das Ende des Magyarisierungsprozesses und somit auch dasjenige des Einsat- zes der ungarischen Juden als dessen Träger. Da das neue Rumpf-Ungarn nun zu 100 Prozent ungarisch war, bedurfte es keiner Minderheit mehr, die das Ungarntum zu verbreiten hatte. Die ungarischen Juden wurden zu einem überflüssigen Element in der Magyarisierungspolitik und verloren mit ihrer „Entlassung“ aus dem Dienst der ungarischen Nation den von der un- garischen Regierung zugesprochenen Schutz. Der historische Pakt wurde infolge des Trianon- Diktats und der kurzlebigen kommunistischen Diktatur zerstört.38 Es dauerte nicht mehr lan- ge, bis aus durch Emanzipationsgesetze geschützten ungarischen Juden durch Rassengesetze diskriminierte und verfolgte ungarische Juden wurden.

4.3 Die Entrechtung der ungarischen Juden

In dieser Atmosphäre des auflodernden Antisemitismus wurde die erste antijüdische Gesetz- gebung verabschiedet, die eine Begrenzung des Anteils an jüdischen Studenten an öffentli- chen Universitäten auf 6 Prozent vorsah. Ungarn, das Land, in dem das Judentum einen un- vergleichlichen Aufstieg erlebte, war das erste in Europa, das in der Zwischenkriegszeit ein antijüdisches Gesetz verabschiedete. Zwar wurde diese Numerus-Clausus-Regelung während der Amtszeit von Ministerpräsident Istvan Bethlen zwischen 1921 und 1931 verwässert, doch markierte sie den Anfang des offiziellen ungarischen Antisemitismus, der nicht die ganze, aber dennoch eine entscheidende Rolle beim ungarischen Holocaust spielte.39

Aufgrund der im Trianonvertrag verlorenen Territorien verfolgten alle Politiker Ungarns das Ziel, den Trianonvertrag zu revidieren und die verlorenen Gebiete zurückzugliedern. Dabei spaltete sich die Revisionspolitik in zwei Hälften. Die eine Hälfte war überzeugt davon, dass eine Rückgliederung der Gebiete auf friedlichem Weg möglich sei, indem man die Sieger- mächte von der ungarischen Sache überzeugte. Es war auch dem liberalen Istvan Bethlen zu Seeblockade an der Adria durchbrechen sollen. Am 9. Juli um 22:15 lief das Schiff aus. Kaum 5 Stunden auf dem Meer wurde die Szent Istvan von zwei italienischen Torpedobooten mit zwei Treffern versenkt.

verdanken, dass die NC-Klausel im Alltag40 nicht immer streng ausgeführt wurde. Mit dieser Politik versuchte Bethlen die Siegermächte, allen voran England, für seine Revisionspolitik zu gewinnen. Horthy, der ebenfalls enge Kontakte mit dem englischen Königshaus pflegte, eröffnete sogar ein Strafverfahren gegen alle hohen antisemitischen Offiziere seiner Nation- alarmee. Als nach der in den Zwanzigern erfolgten Verwässerungspolitik jedoch 1929 die Weltwirtschaftskrise41 kam und 1933 Hitler an die Macht kam, errangen die rechtsextremen Parteien, miteingeschlossen die verbotene Pfeilkreuzlerpartei, einen beängstigenden Wahler- folg. Mit der Abdankung Bethlens und der Wahl des rechtsextremen Gömbös zum Minister- präsidenten etablierte sich diejenige Hälfte der Politiker, die von der kriegerischen Revisions- politik überzeugt war und die wegen des starken Glaubens des deutschfreundlichen Offiziers- korps an die Versprechen der Deutschen und des vehementen Antisemitismus immer mehr an Zulauf gewannen.42

Diese zwei politischen Ströme, die etablierte antisemitische Politik und die Revisionspolitik prägten die dreissiger Jahre von Ungarn bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und waren der Grund dafür, dass sich der politische und wirtschaftliche Kurs Ungarns während der Horhty-Ära immer stärker demjenigen Hitlerdeutschlands annäherte, sodass Ungarns Schick- sal auf Gedeih und Verderb mit demjenigen des Dritten Reichs verflochten war. Als im Zuge dieser Annäherungspolitik der deutsche und der italienische Aussenminister durch die Zwei Wiener Schiedssprüche von 1938 und 1941 Teile des ehemaligen St. Stephan-Reichs an Rumpf-Ungarn zurückgaben, hatte sich Hitler die Unterstützung Ungarns gesichert. Infolge dessen trat Ungarn dem Dreimächtepakt43 bei und aus dem Völkerbund aus. Die zunehmende und durch die öffentliche Propaganda angeheizte antisemitische Atmosphäre und die starke Anlehnung Ungarns an Deutschland mündeten schliesslich in die drei Judengesetze, die in ihrer Härte sogar die Nürnberger-Rassengesetze übertrafen.

[...]


1 Heute kann man das ungarische Volk entweder als „Magyaren“ oder als „Ungarn“ bezeichnen, was beides dasselbe bedeutet. Ursprünglich war das ungarische Volk eine Symbiose zwischen den eine finnougrische Sprache sprechenden Magyaren und den bulgaro-türkischen Onoguren (onogur = Ungar). Die Vorfahren der Ungarn waren die Hunnen, die unter König Attila ihre grösste Ausdehnung hatten.

2 Paul Lendvai: Auf schwarzen Listen. Erlebnisse eines Mitteleuropäers, Hamburg: Hoffmann und Campe, 1996, S. 19.

3 Dschingis Khan hatte es geschafft innerhalb weniger Jahrzehnte das Mongolenreich über ganz Asien auszudehnen. Nachdem er die mongolischen Stämme vereint, das chinesische Imperium unterworfen und das Perserreich erobert hatte, wendete er sich Osteuropa und der islamischen Welt zu. Zu diesem Zeitpunkt Ende des 12. Jahrhunderts war Dschingis Khan jedoch zu alt, als dass er noch in die Schlacht hätte ziehen können. Also wurde sein Reich unter seinen Söhnen in verschiedene Khanate aufgeteilt. Das Khanat der Goldenen unterstand Batu Khan, von dem aus die Feldzüge nach Osteuropa fortgesetzt wurden. Die Mongolen schlugen im Jahr 1241 das ungarische Heer unter König Bela IV bei der Schlacht von Muhi. Bei diesem „Tatarensturm“ haben die Mongolen die Hälfte der damaligen ungarischen Bevölkerung versklavt oder umgebracht. Ihrer Blutrünstigkeit verschafften sie zusätzliche Geltung, indem sie die Köpfe der gegnerischen Soldaten zu Totenkopfpyramiden aufstapelten. Nach Berechnungen des Historikers Andreas Oplatka würde die Bevölkerungsanzahl Ungarns ohne den Tatarensturm heute derjenigen von England entsprechen.

4 Paul Lendvai: Die Ungarn. Eine tausendjährige Geschichte, München: Goldmann, 2001, S. 117. Jörg K. Hoensch: Ungarn. Geschichte, Politik, Wirtschaft, Hannover: Fackelträger, 1991, S. 40.

5 Hoensch, Ungarn, S. 42; Lendvai, Auf schwarzen Listen S, 19.

6 Lendvai, Die Ungarn, S. 119 f.

7 Brockhaus Enzyklopädie, Band 21, Nr. 20, S. 543.

8 Vgl. Lendvai, Auf schwarzen Listen, S. 19.

9 Zitiert bei John Lukacs, ebd., S. 161.

10 Lendvai, Die Ungarn, S. 336; Lendvai, Auf schwarzen Listen, S. 19.

11 Lendvai, Die Ungarn, S. 337.

12 Raphael Patai: THE JEWS OF HUNGARY. History, Culture, Psychology, Detroit: Wayne State University Press, 1996. S. 429 f.

13 Lendvai, Auf schwarzen Listen, S. 21; 20 Millionen Menschen umfasste das damalige St.Stephan-Reich.

14 Es gab unter den ungarischen Juden verschiedene Ströme. Die bekanntesten waren die Neologisten, die Orthodoxen, der Status Quo und die Zionisten. Da die Orthodoxen wegen ihrer religiösen Ausübung und die Zionisten wegen ihres Glaubens an den jüdischen Staat keine echten patriotischen Ungarn waren, wurden sie heftig von den Neologisten kritisiert, die sich zu den wahren Patrioten zählten. Der Status Quo war eine Gruppe von Juden, die sich keiner Strömung zuordnete.

15 Horst Krüger: Ost-West-Passagen. Reisebilder aus zwei Welten, Hamburg: Hoffmann und Campe, 1975.

16 Die ungarische Bevölkerung machte damals 54,4 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Von diesen 54,4 Prozent machten die Juden 5 Prozent der magyarisch sprechenden Bevölkerung aus. Ohne den Anteil der ungarischen Juden wäre die ungarische Bevölkerung nicht mehr eine Mehrheit, sondern eine Minderheit gewesen.

17 Randolph L. Braham: The Politics of GENOCIDE. The Holocaust in Hungary, Detroit: Columbia University Press, 1981, S. 19; Vgl. Lendvai, Auf schwarzen Listen, S. 22.

18 Patai, THE JEWS OF HUNGARY, S. 314.

19 Gleichzeitig zu den Emanzipationsgesetzen von 1867 erfolgte der Ausgleich zur Doppelmonarchie zwischen Ungarn und Österreich, im Zuge dessen das von den Habsburgern beherrschte Ungarn zu einem eigenständigen Nationalstaat aufstieg.

20 Die christlichen Volksparteien waren die ersten religiös motivierten Träger des Antisemitismus. Zu den Antisemiten gesellten sich später noch die rassistisch Motivierten, deren Hass sich nicht gegen die religiösen, orthodoxen Juden richtete, sondern gegen die assimilierten und patriotischen. Es waren vor allem Mitglieder des in Folge der aufblühenden jüdischen Oberschicht verdrängten und sozial abgesunkenen Adels, die zu den ersten rassistischen Antisemiten wurden.

21 Robert A. Kann, Jewish Social Studies 1945, zitiert nach George Baranay: „Magyar Jew or jewish Magyar Canadian-American Slavic Studies, Spring 1974“.

22 Juden profitierten von der gesetzlichen Gleichberechtigung und die liberale Regierung nutzte sie als Expansionsträger der ungarischen Kultur.

23 Braham, The Politics of GENOCIDE. S. 20.

24 Àrmin Vàmbèry war ein grosser Orientalist und Schrifsteller. Schon als kleiner Junge verfügte er über ein phänomenales Gedächtnis und eignete sich zahlreiche Sprachen und Dialekte an. Anfangs verdiente er sich sein Geld als Hauslehrer und unterrichtete Latein, Französisch, Ungarisch, Deutsch, Slowakisch, Hebräisch und Italienisch und wurde später Professor. Er war besonders am Ursprung der ungarischen Sprache interessiert und reiste dafür in den Nahen Osten. Als er von seinen Reisen zurückkam und bei Mohacs ungarischen Boden betrat, fiel er weinend auf die Knie und küsste seine heimatliche Erde.

25 „In Ungarn gibt es Leben, Aufschwung, Selbstbewusstsein und Vertrauen in die Zukunft, Eigenschaften, welche jede liberale Ära mit sich bringt und die man hier mit Freude und Behagen beobachten kann.“ So bezeichnete der Kronprinz Rudolf von Habsburg Ungarn Mitte des 19. Jahrhunderts.

26 Vgl. Lendvai, Die Ungarn, S. 371.

27 Vgl. Patai, THE JEWS OF HUNGARY, S. 367; Lendvai, Die Ungarn, S. 371.

28 Lendvai, Die Ungarn, S. 373; Patai, THE JEWS OF HUNGARY S. 367.

29 Patai, THE JEWS OF HUNGARY, S. 435-439.

30 Lendvai, Auf schwarzen Listen, S. 23.

31 Vgl. Patai, THE JEWS OF HUNGARY, S. 459.

32 Braham, The Politics of GENOCIDE, S. 22.

33 Enrico Deaglio: Die Banalität des Guten. Die Geschichte des Hochstaplers Giorgio Perlasca, der 5‟200 Juden das Leben rettete, Frankfurt am Main: Eichborn, 1994, S. 45.

34 Vgl. Patai, THE JEWS OF HUNGARY, S. 461; Lendvai, Die Ungarn, S. 417 f.

35 Am 31. Oktober 1918 fand die Astern-Revolution statt, infolge derer es zur Bildung einer bürgerlichdemokratischen Regierung unter Mihály Károlyi kam. Károlyi verbot die rechtsextremen und linksextremen Parteien. Ihm gelang es aber nicht, die aufmarschierenden rumänischen, tschechoslowakischen und serbischen Truppen, die bereits vor dem Trianonvertrag Städte wie Cluj und Bratislava plünderten, zu stoppen. Die Konsolidierung der Gebiete des ehemaligen St.Stephanreichs kam nicht zu Stande und infolge weiterer Gebietsabtretungen und der Plünderungen Budapests durch rumänische Truppen musste Károly der kommunistischen Partei die Macht abtreten.

36 Vgl. Lendvai, Auf schwarzen Listen, S. 28; Patai, THE JEWS OF HUNGARY, S. 466; Lendvai, Die Ungarn, S. 420 f.; Braham, The Politics of GENOCIDE, S. 21.

37 Ungarische Satiriker machen sich häufig über Horthys kurze Zeit als letzter Oberbefehlshaber und letzter Admiral auf dem Schlachtschiff Szent Istvan lustig, das als modernstes Kriegsschiff der kaiserlich-königlichen Kriegsmarine und Stolz der ungarischen Nation galt. Das Schlachtschiff, das unter dem Befehl des kürzlich zum Konteradmiral beförderten Horthys stand, hätte im Zuge einer grossangelegten Marineaktion die italienische

38 Vgl. Lendvai, Die Ungarn, S. 423; Patai, THE JEWS OF HUNGARY, S. 467; Braham, The Politics of GENOCIDE, S. 22; Lendvai, Auf schwarzen Listen, S. 30; Deaglio, die Banalität des Guten, S. 44f.

39 Vgl. Braham, the Politics of GENOCIDE, S.22 f.; Lendvai, Auf schwarzen Listen, S. 30 f.

40 Die Verwässerungspolitik hatte zur Folge, dass die NC-Klausel nicht mehr streng ausgeführt wurde. An den Universitäten zum Beispiel durfte der Anteil der jüdischen Studenten wieder mehr als 6 Prozent betragen, jedoch bedeute diese Verwässerungspolitik Bethlens nicht die Auslöschung des auflodernden Antisemitismus.

41 Die Weltwirtschaftskrise löste eine grosse Fluchtbewegung in Europa aus, im Zuge derer eine halbe Million Ungarn auswanderten. Unter ihnen auch Adoph Zukor, ein ungarischer Jude, der zum König von Hollywood aufstieg. Die amerikanische Filmindustrie wurde dermassen stark von ungarischen Flüchtlingen beeinflusst, dass das Zukor-Studio Schilder aushängte, auf denen stand: „Du bist Ungar, o.k. Aber wenn du Arbeit suchst, musst du auch was können“ und „Ungar zu sein kann vorteilhaft sein, aber es reicht nicht“.

42 Vgl. Braham, Politics of GENOCIDE, S. 23 f.; Deaglio, Die Banalität des Guten, S. 53; Lendvai Auf schwarzen Listen, S. 33.

43 Ungarn trat zusammen mit Bulgarien, der Slowakei, Kroatien, Rumänien, Bulgarien und Jugoslawien dem Dreimächtepakt, einer Allianz zwischen Hitler, Mussolini und dem japanischen Kaiser, bei. Innerhalb dieses Paktes spielte Hitler die osteuropäischen Staaten gegeneinander aus, sodass sie sich im Lauf des Zweiten Weltkriegs trotz ihres gemeinsamen Bündnisses mit dem Dritten Reich gegenseitig den Krieg erklärten.

Ende der Leseprobe aus 55 Seiten

Details

Titel
Von der Emanzipation bis zur Deportation der ungarischen Juden. Die Erlebnisse von Agnes Buchwald
Hochschule
Universität Bern  (Philosophisch-historisches Institut Bern)
Note
6 (CH) / 1 (D)
Autor
Jahr
2011
Seiten
55
Katalognummer
V295927
ISBN (eBook)
9783656938774
ISBN (Buch)
9783656938781
Dateigröße
1906 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
emanzipation, deportation, juden, erlebnisse, agnes, buchwald
Arbeit zitieren
Robert Gregorio Lukacs (Autor), 2011, Von der Emanzipation bis zur Deportation der ungarischen Juden. Die Erlebnisse von Agnes Buchwald, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/295927

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