Wushu. Zur Kennzeichnung und den Inhalten der chinesischen Kampfkunst


Bachelorarbeit, 2012

51 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Bibliografische Beschreibung und Referat

1 Kennzeichnung der Problemdarstellung
1.1 Darstellung der aktuellen Situation im Wushu
1.2 Untersuchungsmethode
1.3 Literaturüberblick zum Stand der Forschung

2 Semantische Darstellung des Begriffes Wushu
2.1 Der Terminus Wushu
2.2 Zu den historische Wandlungen des Begriffes Wushu
2.3 Abgrenzung Kung Fu

3 Mystifizierung der chinesischen Kampfkünste
3.1 Zur Entstehungsgeschichte der Shaolin-Kampfkunst
3.2 Die Legende der Mönchsoldaten
3.3 Einfluss von Geheimgesellschaften der Qing-Zeit
3.4 Auswirkungen auf den gegenwärtigen Status

4 Struktur und Inhalte der chinesischen Kampfkünste
4.1 Unterscheidung nach der Region
4.2 Unterscheidung nach inneres und äußeres Wushu
4.3 Unterscheidung nach Kloster/Religion als Ursprung der Kampfkunst
4.4 Unterscheidung nach Art der Waffen
4.5 Moderne Strukturierungsansätze
4.5.1 Nach der Bewegungsart
4.5.2 Nach dem Zeitraum
4.6 Vorschlag einer Taxonomie des Wushu

5 Zusammenfassung und Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang

Bibliografische Beschreibung und Referat

Universität Leipzig, Sportwissenschaftliche Fakultät

Institut für Bewegungs- und Trainingswissenschaften der Sportarten II

Bachelorarbeit

B.A. Sportwissenschaft Hauptsachtitel:

Wushu. Zur Kennzeichnung und den Inhalten der chinesischen Kampfkunst

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten.

Die chinesische Kampfkunst entwickelte sich aus unterschiedlichen Kampfkunststi- len über Jahrhunderte zu einem komplexen System. Bisher fehlt es an einer allge- meinen und umfassenden Kennzeichnung und Strukturierung zu der enormen Di- versität an Inhalten und Stilrichtungen. Hinsichtlich der aktuellen Tendenz zur ÄOlympianisierung“ des Wushu nimmt die Bedeutung über eine allgemeine und wissenschaftlich anerkannte Kennzeichnung der chinesischen Kampfkunst zu.

Anhand einer Literaturauswertung wird versucht die verschiedenen Dimensionen und Inhalte des Wushu zusammenzutragen, zu ordnen und zu kennzeichnen, um zu einem eindeutigen, einheitlichen und authentischen Verständnis, bezüglich der chinesischen Kampfkunst, beizutragen.

Anmerkung zur Benutzung chinesischer Begriffe und Namen in dieser Bachelorarbeit

Die chinesische Sprache ist eine Schriftzeichensprache und jedes Schriftzeichen trägt eine eigene Bedeutung.

In der vorliegenden Arbeit sind die chinesischen Begriffe und Namen soweit mög- lich in romanisierter Schrift und darauf folgend als Schriftzeichen angegeben und anschließend vom Verfasser ins Deutsche übersetzt. Die Lautumschrift erfolgt durch die (Hanyu-) Pinyin-Umschrift, die offizielle chinesische Romanisierung des Hochchinesischen in der Volksrepublik China. Die chinesischen Schriftzeichen werden, wenn erst in den traditionellen Langzeichen und dann in den vereinfachten chinesischen Kurzzeichen der chinesischen Schrift angeführt.

1 Kennzeichnung der Problemdarstellung

1.1 Darstellung der aktuellen Situation im Wushu

In China ist Wushu heute Nationalsport. Zur 113. Sitzung des Internationalen Olympischen Komitees in Salt Lake City 2002 erkannte dieses den internationalen Weltverband für Wushu (IWUF - International Wushu Federation) offiziell an. Ange- sichts der Olympischen Sommerspiele 2008 in Peking bemühte sich der IWUF Wushu als weitere Disziplin einzuführen. Im Oktober 2005 wurde dieses jedoch vom IOK abgelehnt. Stattdessen wurde parallel zu den Pekinger Olympischen Spielen das 2008 Beijing Olympic Games Wushu Tournament genehmigt und durchgeführt. Auf der 125. Sitzung in Buenos Aires, September 2013 wird das IOK erneut über die Aufnahme in das olympische Programm abstimmen. Wushu hat dementsprechend in der Sportwelt an Bedeutung zugenommen.

Obwohl die weltweite Popularisierung und der Bekanntheitsgrad in den letzten Jah- ren zweifelsohne gestiegen sind, herrscht trotzdem in der Öffentlichkeit kein ein- deutiges Bild über die chinesische Kampfkunst. Die Ergebnisse einer Umfrage zum Thema Wushu, die im Rahmen einer Dissertationsarbeit an der Sportuniversität Shanghai von 2004 bis 2006 mit 1655 Personen aus Deutschland und einigen an- deren europäischen Ländern durchgeführt wurde, belegen, dass der Begriff Wushu in Europa kaum bekannt ist und allgemein eine große Unsicherheit herrscht, was Wushu sei und beinhaltet. Roblitschka (2010a) führt in ihrer Arbeit auf, dass 76% der Probanden die Frage, ob Wushu und Kungfu im allgemeinen Sprachgebrauch das Gleiche meint, mit ÄNein“ beantworteten und damit falsch lagen. Die Mehrheit der Befragten ist der Meinung, dass Wushu eine moderne, akrobatische und wett- kampforientierte Kampfsportart ist, wohingegen Kungfu den wahren Kampf, als tra- ditionelle und effektive Kampftechnik darstellt. 19% der Befragten gaben an, nicht zu wissen, das Wushu aus China kommt. 58% wissen nicht das Taijiquan im Ver- gleich zu den Kungfu-Stilen eine wesentlich kürzere Geschichte hat. 67% liegen falsch, was die fünf großen traditionellen Taiji-Stile betrifft. 45% wissen nicht, dass es mehr als 100 Wushu-Stile gibt und 60% sind der Ansicht, dass es die sogenann-

ten Taolu (Tàolù[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Formen) erst seit ca. 100 Jahren gibt. Taolu sind festgelegte

choreografierte Bewegungsabfolgen (ähnlich den jap. Kata, kor. Poomse oder kant. Kuen) gegen einen oder mehrere imaginäre Gegner und sind bereits seit der Han- Dynastie bekannt (Han-Dynastie Hàn cháo [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]von 206 v. Chr. bis 220 n. Chr.).

In der Öffentlichkeit herrscht immer noch Unklarheit über viele Gegebenheiten, die Wushu betreffen. In Deutschland wurde das Thema Wushu bisher unzureichend gekennzeichnet, analysiert und in seinen strukturellen Zügen kaum kategorisiert und beschrieben. Es wird sich im Laufe der Arbeit aufzeigen, dass sowohl in der chinesischen Literatur, wie auch in der nicht-chinesischen Literatur häufig ungeprüfte Fakten und Legenden als Wahrheiten behauptet werden. Die vorherrschende Mythologisierung erschwert dadurch eine objektive Kennzeichnung.

1.2 Untersuchungsmethode

Die vorliegende Arbeit versucht, anhand einer Literaturanalyse, hauptsächlich deutsch- und englischsprachiger Literatur, die verschiedenen Dimensionen 1 und Inhalte des Wushu zusammenzutragen, zu ordnen und zu kennzeichnen, um zu ei- nem eindeutigen, einheitlichen und authentischen Verständnis, bezüglich der chi- nesischen Kampfkunst, beizutragen. Um Wushu charakterisieren zu können, wird zunächst versucht, den Begriff anhand seiner geschichtlichen Entwicklung bis in die heutige Zeit zu kennzeichnen und von Anderen abzugrenzen. Im Weiteren werden allgemeine und weitverbreitete Legenden und Mythen, die in Bezug zur chinesi- schen Kampfkunst stehen, benannt und auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft. Da- rauf folgend werden ältere und moderne Ansätze zur Klassifizierung und Strukturie- rung aufgezählt und hinsichtlich ihrer Möglichkeiten und Grenzen bestimmt. Parallel dazu werden Dimensionen und Anwendungsfelder im Wushu herausgearbeitet und näher definiert. Schließlich soll aus den vorangegangenen Erörterungen eine Mög- lichkeit zur Strukturierung herausgearbeitet werden.

1.3 Literaturüberblick zum Stand der Forschung

Die chinesische Kampfkunst entwickelte sich über Jahrhunderte zu einem komple- xen System mit unterschiedlichen Schulen, Stilen 2 und verschiedenen Funktionen, die ihre Anwendung in mehreren kulturellen Bereichen wieder findet (vgl. Wu 1992, S.12; Filipiak 2000, S. 9; Kennedy & Guo 2010, S. 4). Wu (1992, S.1) konzipiert Wushu als eine typische Manifestation der chinesischen Kultur, in der die Theorie der chinesischen Kampfkünste auf der klassischen chinesischen Philosophie ba- siert. In der praktischen Ausführung unterscheiden sich unterschiedliche Formen des Kampfes: Faustkampf, Waffenkampf, unbewaffneter Kampf und verschiedene Kampfübungen. Diese sind gekennzeichnet durch offensive und defensive Hand- lungen, wie Schlagen, Treten, Werfen, Festhalten, Hacken und Stoßen. Dabei wird Wushu nicht nur als sportliche Übung gedeutet, sondern auch als Form der Artistik, als unterstützende Übung zur Krankheitsbewältigung, als System der Selbstvertei- digung und als eine umfassende Form der Kultivierung des menschlichen Körpers. Wushu ist dabei durch fünf typische Charakteristiken gekennzeichnet:

- Varietät von Stilen und Schulen,
- Verwendung von Waffen,
- Angriff und Verteidigung; die Kombination von offensiven und defensiven Techniken,
- Atemkontrolle; die gezielte und bewusste Benutzung von Atemtechniken,
- Wechsel von Anspannung und Entspannung (meint die Steuerung der Mus- kelkontraktion und -relaxation während bestimmter Bewegungsabfolgen).

Von den Charakteristiken unterscheidet Wu (1992, S. 7) sechs Funktionen:

- Moralische Kultivierung; unterstützt die Entwicklung von sittlichem Benehmen und Anstand,
- Angriff und Verteidigung; Beherrschung verschiedener offensiver und defen- siver Techniken sowohl im bewaffneten als auch im unbewaffneten Kampf zur Selbstverteidigung,
- Kurative Wirkung; einige Stile wirken nachweislich heilend oder präventiv auf bestimmte chronische Krankheiten,
- Verbesserung des Gesundheitszustandes; die Ausführung von Grundübun- gen und choreografierten Formenläufen verbessern die Flexibilität der Ge- lenke und die Beweglichkeit der Wirbelsäule und Beine,
- Artistische Wirkung; die anmutigen Bewegungen besitzen z.T. eine imposan- te künstlerische Wirkung und Zurschaustellung,
- Intelligenz; durch die Regulation verschiedener kognitiver Prozesse wirkt sich Wushu ebenfalls auf die geistige Entwicklung aus.

Während Wu konzeptionelle, charakteristische und funktionale Merkmale nennt, beschränkt sich Kang (1995, S. 1-6) in seiner Arbeit auf definitorische und funktionale Kennzeichen und definiert Wushu nach bestimmten Inhalten:

“Wushu is an event of physical culture and sports. It takes China‟s traditional culture as its theoretical foundation, offensive and defensive movements - both bare-hand and with Wushu weapon - as its content, and the practice of special skills (Gong Fa Yun Dong, routines (Tao Lu Yun Dong) and fighting skills (Ge Dou Yun Dong) as its three exercise patterns.”

Die Praxis im Wushu ist dabei auf drei Hauptfunktionen gerichtet:

1. Funktion zur Verbesserung der Gesundheit und Pflege; Verbesserung des externen und internen Gesundheitssystems und der Förderung der Muskel- elastizität,
2. Funktion der Selbstverteidigung; Wushu beinhaltet zahlreiche und vielfältige Angriff- und Abwehrmethoden,
3. Funktion der Kultivierung von Tugend; durch die Ausbildung von Wude

(Wǔdé[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] kriegerische Tugend oder ÄKampfkunsttugend“), durch das Verstehen philosophischer Konzepte 3, welche im Wushu Anwendung finden und dem Verständnis von Wushu als kulturelle Tradition4.

Zusammengefasst definieren Wu und Kang die chinesische Kampfkunst als eine Besonderheit, die neben der kämpferischen Dimension auch Formen der Gesund- heitsförderung und -erhaltung sowie der Prävention von Krankheiten, der Persön- lichkeitsbildung, der Ästhetik und der kulturellen Esoterik- und Philosophielehre im- pliziert. Wushu beinhaltet demnach nicht nur die Aspekte der Selbstverteidigung und des Kampfes, sondern ist durch weitere kulturspezifische Prägungen gekenn- zeichnet.

Nach Filipiak (2001, S. 9) ist Wushu ein komplexes Phänomen mit mannigfaltigen Inhalten,

Ä[…] das infolge seiner in einem langem Entwicklungsprozess erhaltenen kulturellen Komplexität die Möglichkeit multifunktionaler Anwendung als Form der zivilen Selbstverteidigung, als militärische Nahkampfmethode, Hochleistungssportart, breitensportliche Alternative, esoterische Unterstützung, medizinische Präventiv - und Rehabilitationsmaßnahme oder persönliche Methode der Lebensführung bietet.“

In seiner Dissertationsarbeit untersuchte Filipiak die chinesische Kampfkunst hin- sichtlich ihrer historischen Entwicklung, ihrer kulturspezifischen Prägung und ihrer praktisch-technischen Entfaltung insbesondere im Zeitraum der Ming- und Qing- Dynastie. Die chinesische Kampfkunst beeinflusste die kulturelle Entwicklung Chi- nas ebenso wie sich die chinesische Kultur auf das Wushu auswirkte (vgl. Wu 1992, S.15). Auf der einen Seite liegt demnach die Möglichkeit der kulturellen Aus- prägung in dessen multifunktionaler Anwendbarkeit und auf der anderen Seite ent- wickelte sich die Multifunktionalität aus den verschiedenen kulturellen Einflüssen.

2 Semantische Darstellung des Begriffes Wushu

2.1 Der Terminus Wushu

Das chinesische Wort Wushu (Wǔshù [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]) setzt sich aus den beiden Wörtern wǔ ([Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]) und shù [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] zusammen. Wu kann übersetzt werden mit Gewalt, Kampf, Krieg oder Militär und Shu steht für Kunst, Können, aber auch für Technik oder Methode. Übersetzt bedeutet Wushu demnach so viel wie ÄKampftechnik / -methode“ oder einfach ÄKampfkunst“.

Wushu ist somit die Bezeichnung für alle chinesischen Kampfkünste, also ein Oberbegriff für jegliche Kampfstile und -schulen aus China. In der heutigen Volks- republik China finden sich zwei Verständnisse von Wushu, wobei das Eine das An- dere nicht ausschließt. Eine Richtung deutet auf die chinesischen Kampfkünste in ihren Methoden, Techniken, Bewegungen, etc. sowie auf ihre Tradition, Geschichte und Philosophie hin. Die andere Ausrichtung zielt (i.e.S.) auf die Bezeichnung des modernen, hauptsächlich leistungsorientierten Wushu-Wettkampfsportes (vgl. Fili- piak 2000, S.9; Paetzold 2003, S.10). Der Begriff Wushu ist dabei relativ modern. In der Geschichte der chinesischen Kampfkunst gab es verschiedene Bezeichnungen.

2.2 Zu den historische Wandlungen des Begriffes Wushu

Kang (1995) zeigt auf, dass der Begriff Shoubo (Shǒubó [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]; shǒu 手 Hand, bó [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]kämpfen) ca. im zwölften Jahrhundert v. Chr. zur Zeit des Kaisers Wu Yi der Shang-Dynastie den frühesten Bezug zum Wushu aufweist. In der westlichen Zhou-Dynastie (1045 bis 770 v. Chr.) gab es für die Faustkämpfe Drillübungen. Diese wurden zu jener Zeit als Bozhi (Bózhì [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]; zhì [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] erfassen, greifen) bezeich- net und enthielten scheinbar auch Techniken, die dem Ringen oder japanischen Judo ähnlich waren. In den Frühlings- und Herbstannalen (770 bis 476. v.Chr.) war in dem Zusammenhang der Begriff Xiangbo (Xiāngbó[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]; xiāng [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] gegenseitig, miteinander) weit verbreitet. Xiangbo bzw. Shoubo bezog sich eher auf den Zwei- kampf und ähnelte in etwa dem heutigen Zweikampfsport Sanda, in dem Schläge, Fußtritte, Greiftechniken und Würfe Anwendung finden. Nachdem sich die Shoubo - Techniken weiter entwickelten und auch unter dem Volk eine zunehmende Verbrei- tung fand, bezeichnete man sie in der Zeit der streitenden Reiche (476 bis 221 v.Chr.) allgemein als Jiji (Jìjí [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]Jì [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Können, Fähigkeit, Talent, Jí [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Schlag, Angriff, Kampf). Kennedy und Guo (1995) geben in diesem Zusammenhang an, dass Jiji in seiner damaligen Bedeutung sowohl den bewaffneten als auch den un- bewaffneten Kampf beinhaltete. Im gleichen Zeitalter entstanden ferner die Jiaodi - Wettkämpfe (Jǐaodǐ [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Jǐao [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]Horn, Winkel, dǐ [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]wehren, widersetzen), auch Xiangpu (Xiāngpū [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] pū [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] stoßen, schlagen, angreifen) genannt. Im Gegen- satz zum Shoubo waren im Jiaodi nur Würfe erlaubt. Beides waren beliebte jährlich stattfindende Wettkämpfe mit starkem Sportcharakter zur Unterhaltung des Volkes. In der zweiten Periode der Han-Dynastie (späte oder auch östliche Han-Dynastie 25 bis 220 n.Chr.) wurden alle angreifenden und verteidigenden Techniken sowohl mit, als auch ohne Waffen Wuyi (Wǔyu [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]; Wǔ [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Gewalt, Militär, Yì [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Kunst, Talent, Fähigkeit) genannt. Wörtlich übersetzt heißt es also ÄGewalt ausübende Kunst“ oder Kampfkunst. Der Begriff hielt sich fast ausschließlich bis zum Ende der Ming-Dynastie (1368 bis 1644). Im zeitlichen Abschnitt der südlichen Dynastien (Südliche und Nördliche Dynastien, Nánběicháo [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] 420-589) tauchte erstmals der Begriff Wushu auf. In der Zeit verwies der Begriff jedoch auf Kampftechniken im militärischen Sinne. In der Qing-Dynastie (1644 bis 1911) griff man auf den Begriff Wushu zurück, der dann Wuyi in einem weiteren Sinne ausdrückte, einschließlich seiner tieferen kulturellen Elemente und Funktionen. Während der Republikzeit Chinas (1911 - 1949) verwendete man neben Wushu wieder den Begriff Jiji, spezi- ell im Zusammenhang mit dem Jingwu - Verband. Der Vereinigung hatte ihren größten Einfluss auf die Kampfkünste ca. zwischen 1909 und 1924 (vgl. Kang 1995; Kennedy & Guo 2010). 1927 errang die Guomindang (Wade-Giles: Kuomin- tang) die Herrschaft über das Festland. Die Nationalpartei stipulierte Begriffe wie z.B. Guoyu (Nationale Sprache), Guoyi (Nationale Medizin) oder Guoyu (Nationale Oper) als neue offizielle Namen, um nationalistische Werte, als Teil ihres politi- schen Programmes, zu popularisieren. Dadurch änderte sich der Name Wushu in Guoshu (Gúoshù; Gúo [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]Land, Nation; Shù [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Technik, Methode). Kang (1995, S. 84) schrieb dazu: ÄUm Wushu zu fördern, schlugen Zhang Zhijiang und Li Liejun vor, den Namen Wushu in Guoshu zu ändern und initiierten die Gründung des Guoshu Forschungsinstitutes“. Der Begriff wird heute noch in Taiwan zur Be- zeichnung der chinesischen Kampfkünste benutzt. Nach dem chinesischen Bürger- krieg und der Flucht der Guomindang wurde mit der Gründung der Volksrepublik China 1949 von der kommunistischen Partei Chinas der Begriff Wushu erneut ein- geführt, der bis heute Oberbegriff für aller chinesischen Kampfkünste und etwa 129 verschiedene Stile ist.

2.3 Abgrenzung Kung Fu

Im Westen wird häufig der Begriff Kung Fu für die chinesischen Kampfkünste ver- wendet. Diese Schreibweise wird mit dem Wade - Gales - System, dass früher vor allem in den Vereinigten Staaten von Amerika verwendet wurde, dementsprechend in unsere lateinische Schrift transkribiert. Mit dem heutigen offiziellen Pinyin- System gilt die Transliteration Gōngfū. Gōng 功 wird mit Arbeit, Leistung oder Ver- dienst übersetzt. Fū 夫 bedeutet Mann oder Person. In dem Sinne bezeichnet Gongfu die Arbeit oder Leistung eines Menschen, die er vollbringt. Der Begriff drückt demnach einen gewissen Grad einer Fähigkeit oder Fertigkeit aus, die durch geduldige oder harte Arbeit erreicht wurde (vgl. Paetzold 2003, Roblitschka 2008). Juhrs (2003) zeigt in diesem Zusammenhang auf, dass Gongfu direkt mit Kampf- kunst nichts zu tun. Vielmehr ist damit der Zustand gemeint, den man nach sehr langem und hartem Üben erreicht. Gongfu bezeichnet also ein beliebiges Können. So kann z.B. ein Bäcker oder ein Künstler genauso Gongfu haben, wie ein Fußbal- ler, Turner oder eben ein Kampfkünstler. Paetzold (2003, S.10) begründet die po- pularisierte Verwendung des Wortes Gongfu, als Begriff für eine oder mehrere chi- nesische Kampfkünste, mit dem Ägroßen Kungfu-Boom“ in Amerika und Europa während der siebziger Jahre - ausgelöst durch die Filme des sino-amerikanischen Schauspielers und Kampfkünstlers Lee Jun-fan (Kant. Lee Jun-Fan; chinesisch [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Lǐ Zhqnfán), der mit dem Künstlernamen Bruce Lee (Kant. Lee Siu-Lung; chin. Lǐ Xiǎolóng[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] ) bekannt wurde. In Interviews sprach Lee grundsätzlich vom chinesischen Gongfu. Roblitschka (2008) weist zudem darauf hin, dass Gong- fu bereits zur Zeit der Republikgründung in südlichen Teilen Chinas ein gängiger Begriff war. Schmude (2011) gibt zudem an, dass

Ä[..]chinesische Auswanderer aus dem Süden Chinas, hauptsächlich aus der Provinz Guandong (Kanton) häufig diesen Begriff für ihre Kampfkunst benutzten. Im eigentlichen Sinne wird und wurde der Begriff immer mit einem Stilnamen verwendet, wie z.B. shaolin gongfu, hongjia gong- fu, chaquan gongfu etc. der dann immer häufiger der Abkürzung halber weggelassen wurde.“

In der geschichtlichen Entwicklung der chinesischen Kampfkünste wurde der Name mehrfach geändert, jedoch blieb immer der semantische Bezug zum Kampf, wie unter 2.2 aufgezeigt, erhalten. Gongfu bezieht sich dagegen nur bedingt auf die chinesische Kampfkunst oder einen bestimmten Kampfkunststil.

3 Mystifizierung der chinesischen Kampfkünste

3.1 Zur Entstehungsgeschichte der Shaolin-Kampfkunst

In der Literatur finden sich viele Erzählungen und Legenden zur Entstehungsgeschichte der chinesischen Kampfkunst. Die folgenden Ausführungen beziehen sich hauptsächlich auf die Ausführungen Filipiaks (2001).

Die bekannteste Schilderung ist die von der Ankunft des indischen Mönches Bod- hidharma (Chin. Pútídámó [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] oder kurz Dámó [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] geboren um 440, gestorben um 528) im Kloster Shaolin (Shàolín [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]), das dadurch zum Ursprungsort des heutigen chinesischen Kungfu bzw. Shaolin-Kungfu wurde. Der Legende nach kam der Mönch, der in China auch als Begründer des Chan- bzw. Zen-Buddhismus an- gesehen wird, um das Jahr 527 in das Shaolin-Kloster. Während des Unterrichts bemerkte er, dass seine Schüler aus Schwäche und Übermüdung oft einschliefen. Um nicht nur den Geist, sondern auch den Körper zu schulen, in der Überzeugung, dass ein starker Körper einen gesunden Geist hervorbringt, lehrte er sie 18 Körper- übungen. Diese bilden die Grundlagen der Shaolin-Kampfkunst, die später im Klos- ter weiterentwickelt und tradiert wurden (vgl. Smith 1964; Paetzold 2003).

[...]


1 Dimension wird als ÄMerkmalsbereich“ verstanden, z.B. den Bereich des Sports oder der Gesundheitsbe- reich

2 In der Literatur herrscht oft Uneinigkeit über die Begriffe Schule, Stil und System in Bezug zur Kampf- kunst. Vielfach werden die Begriffe auch synonym verwendet. In der vorliegenden Arbeit meint Schule: eine Kampfkunstschule, die mehrere Systeme lehrt, System: Sammlung von Techniken, die auf einer ge- bräuchlichen Theorie oder einem bestimmten Prinzip basiert (z.B. Taijiquan), Stil: Variante eines Systems (z.B. Yang-Stil des Taijiquan).

3 Drei grundlegende philosophische Konzepte liegen dem Wushu zugrunde: Das Konzept der Ganzheitlich- keit, das Konzept von Yin und Yang und die Wushu-Stile im Speziellen, die sich einer philosophischen Theorie bedienen und sowohl ihre Methoden als auch Inhalte nach jener Theorie komplett ausrichten. Diese Stile tragen oft den Namen der jeweiligen Theorie. Die bekanntesten Stile sind Taijiquan, Baguaz- hang und Xingyiquan.

4 Das Verständnis des kulturellen Wertes führt lt. Kang zur Würdigung der Tradition. Dies basiert auf der Auseinandersetzung mit sich selbst und dem Partner innerhalb der Ausübung der chinesischen Kampf- künste zustande als auch aus der Darbietung und Zurschaustellung des Wushu als ästhetischer Wert.

Ende der Leseprobe aus 51 Seiten

Details

Titel
Wushu. Zur Kennzeichnung und den Inhalten der chinesischen Kampfkunst
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Bewegungs- und Trainingswissenschaften der Sportarten II)
Note
1,5
Autor
Jahr
2012
Seiten
51
Katalognummer
V295961
ISBN (eBook)
9783656939290
Dateigröße
1216 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
wushu, kennzeichnung, inhalte, kungfu, kung, fu, kung-fu, kampfkunst, kampfsport, selbstverteidigung, chinesisch, shaolin
Arbeit zitieren
M.Ed. Alessandro Janus (Autor), 2012, Wushu. Zur Kennzeichnung und den Inhalten der chinesischen Kampfkunst, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/295961

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