Gesellschaften und auch die Institution Familie sind einem ständigen Wandel unterzogen.
Es zeigt sich, dass insbesondere seit Ende der 1960er Jahre unter anderem aufgrund zahlreicher gesellschaftlicher Entwicklungen – wie einer kulturellen und rechtlichen Liberalisierung in Bezug auf Lebens- und Familienformen, dem starken Anstieg des Wohlstands in Deutschland, der Bildungsexpansion, der Emanzipation der Frauen und der damit einhergehenden zunehmend starken Erwerbsbeteiligung – die Zahl der Familien in Deutschland gesunken ist (Peuckert 2012). Gleichzeitig wurde auch ein starker Geburtenrückgang, eine sinkende Zahl an Eheschließungen sowie eine Zunahme von Ehescheidungen verzeichnet (Statistisches Bundesamt 2013, S.34f, 49f). Statistiken und Daten zu Lebens- und Familienformen und deren Zusammensetzung, die das statistische Bundesamt im Rahmen des jährlich durchgeführten Mikrozensus veröffentlicht, finden daher seit einigen Jahren besonders große Beachtung.
In der Literatur, aber sehr viel stärker noch in der öffentlichen Wahrnehmung, hat sich die Befürchtung festgesetzt, dass diese Entwicklungen, also die abnehmende Häufigkeit der sogenannten traditionellen Familie, bestehend aus Mutter, Vater und Kind, Anzeichen dafür sind, dass die Pluralität der Familienformen stark zugenommen hat (z. B. Ecarius/Köbel/Wahl 2011, S.28f) und die traditionelle Familie infolgedessen vor dem Zerfall steht (vgl. Fuhs 2007, S.17f, 21). Presseberichte zu diesen Entwicklungen mit Überschriften wie „Die traditionelle Familie stirbt aus“ (SpiegelOnline 2007) oder „Traditionelle Familie wird zum Auslaufmodell“ (FocusOnline 2012) befeuern diese Sorge zusätzlich.
Doch müssen wir uns wirklich um einen Zerfall der Familie sorgen? Sind die Krisenszenarien vom Aussterben der traditionellen Familie durch zunehmende Pluralisierung angemessen oder eher voreilig? Lässt sich die proklamierte Pluralisierung von Familienformen historisch belegen?
Diesen gesellschaftlich relevanten Fragen soll in dieser Arbeit mithilfe eines historisch vergleichenden Blicks nachgegangen werden. Zunächst aber werden einige Begriffsdefinitionen notwendig sein. Zwar hat jede(r) ein Alltagsverständnis zum Begriff Familie, jedoch ist es zu Beginn einer solchen Arbeit wichtig, den Begriff aus fachwissenschaftlicher Sicht gegenüber alltäglichen Definitionen abzugrenzen und genau zu definieren, was Familie ist. Auch wird zu klären sein, was genau unter Pluralität bzw. Pluralisierung zu verstehen ist.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Begriffsdefinitionen
2.1 Was ist Familie?
2.2 Was ist unter Pluralisierung von Familienformen zu verstehen?
3 Die historische Entwicklung der Familie / Familie im historischen Wandel
3.1 Vielfalt der Familienformen in der vorindustriellen Zeit (16. - 18. Jahrhundert)
3.2 Die bürgerliche Familie: Zur Entstehung und Etablierung eines Ideals
3.3 Familie heute: Kurzer Überblick zur Familie der Gegenwart
4 Kritische Überprüfung der These über die Pluralisierung der Familienformen
5 Zusammenfassung und Ausblick
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht kritisch die weit verbreitete These einer zunehmenden Pluralisierung von Familienformen und der damit einhergehenden Befürchtung eines Zerfalls der traditionellen Familie. Ziel ist es, durch einen historisch-vergleichenden Blick die empirische Haltbarkeit dieser Krisenszenarien zu prüfen und gesellschaftliche Fehlkonzepte zur Tradition der Familie zu hinterfragen.
- Definition des Familienbegriffs und Analyse der Pluralisierung.
- Historischer Wandel der Familienformen von der vorindustriellen Zeit bis heute.
- Analyse der bürgerlichen Familie als historisches Leitbild.
- Kritische Diskussion der Krisenszenarien und des Referenzpunkts "Golden-age-of-marriage".
Auszug aus dem Buch
3.1 Vielfalt der Familienformen in der vorindustriellen Zeit (16. - 18. Jahrhundert)
Beschreibungen zu Familien und Familienformen in der vorindustriellen Zeit sind immer in besonderem Maße vor dem Hintergrund der demographischen, sozialen und ökonomischen Rahmenbedingungen dieser Zeit zu treffen. So waren beispielsweise große Verwandtschaftsverbände und Familien mit mehr als zwei Generationen entgegen der weit verbreiteten Vorstellung kein Kennzeichen von Familienformen der vorindustriellen Zeit (Rosenbaum 2014, S.20f; Fuhs 2007, S.17f; Peuckert 2012, S. 11ff). Ganz im Gegenteil waren beide Erscheinungsformen nur äußerst selten zu finden. Vielmehr fand das familiale Leben ganz überwiegend als kleine von anderen Verwandtschaftsbeziehungen unabhängige Kleinfamilie statt.
Der zweite wesentliche Grund ist laut Rosenbaum (2014, S.20f) ökonomischer Natur. Abgesehen von den sehr wohlhabenden Schichten war das Leben der überwiegenden Mehrheit durch eine sogenannte „Familiarisierung der Arbeit“ gekennzeichnet (Rosenbaum 2014, S.20). Die familialen Haushalte bildeten eine Einheit mit der Arbeitswelt, denn sie waren gleichzeitig produzierende Betriebe (Peuckert 2012, S. 11ff). Diese waren meist nur so groß, dass sie nur wenige Personen ernähren konnten. Zusätzliche Familienmitglieder hätten also nur das ökonomische Gleichgewicht gestört. Generell lässt sich sagen, dass die ökonomischen Bedingungen keine großen Familien zuließen, weshalb auch kinderreiche Familien bis ins 19.Jahrhundert eine Seltenheit blieb (Rosenbaum 2014, S.27).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik des ständigen Wandels der Familienformen ein und problematisiert die in der Öffentlichkeit verbreitete Befürchtung des Zerfalls der traditionellen Familie.
2 Begriffsdefinitionen: In diesem Kapitel werden die zentralen Begriffe "Familie" und "Pluralisierung" definiert, um eine wissenschaftliche Basis für die weitere Untersuchung zu schaffen.
3 Die historische Entwicklung der Familie / Familie im historischen Wandel: Dieses Kapitel zeichnet die historische Entwicklung nach, von der vorindustriellen Zeit über die Entstehung der bürgerlichen Familie bis hin zur gegenwärtigen Situation.
4 Kritische Überprüfung der These über die Pluralisierung der Familienformen: Hier erfolgt die eigentliche Auseinandersetzung mit der Pluralisierungsthese, wobei insbesondere die Wahl des Referenzzeitpunktes kritisch hinterfragt wird.
5 Zusammenfassung und Ausblick: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und verneint die These eines Zerfalls der Familie, während es dazu anregt, über die Zukunft des bürgerlichen Leitbilds nachzudenken.
Schlüsselwörter
Familie, Familienformen, Pluralisierung, historischer Wandel, bürgerliche Familie, Kleinfamilie, vorindustrielle Zeit, Krisenszenarien, Normalfamilie, Strukturwandel, Golden-age-of-marriage, Demographie, Lebensformen, Sozialisation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der These, dass sich Familienformen zunehmend pluralisieren und dies den Zerfall der traditionellen Familie einleitet.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit fokussiert sich auf die Begriffsdefinition von Familie, den historischen Wandel von Familienstrukturen und die kritische Analyse gesellschaftlicher und wissenschaftlicher Krisenprognosen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die These einer krisenhaften Pluralisierung durch einen historischen Vergleich empirisch zu prüfen und zur Klärung der oft emotional geführten Debatte beizutragen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine historisch-vergleichende Perspektive sowie die Analyse vorhandener soziologischer Literatur und statistischer Daten, um die Entwicklung der Familienformen zu bewerten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Begriffsklärung, die Darstellung der historischen Entwicklung seit der vorindustriellen Zeit und die kritische Prüfung der Pluralisierungsthese anhand verschiedener Referenzpunkte.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Familienformen, Pluralisierung, historischer Wandel, bürgerliche Familie und die kritische Auseinandersetzung mit dem "Golden-age-of-marriage".
Warum wird die bürgerliche Familie als Vergleichsmaßstab kritisiert?
Die Autorin/der Autor argumentiert, dass die Dominanz der bürgerlichen Familie in den 1950er und 1960er Jahren eine historische Ausnahmesituation war und nicht als Normalmaßstab für eine "Zerfallserscheinung" dienen kann.
Konnte eine zunehmende Pluralisierung nachgewiesen werden?
Nein, im Sinne von neu entstehenden Familienformen konnte keine Pluralisierung nachgewiesen werden. Lediglich eine Verschiebung der quantitativen Verhältnisse (distributive Vielfalt) ist zu beobachten.
Welche Bedeutung kommt der "vorindustriellen Zeit" in dieser Arbeit zu?
Sie dient als Vergleichszeitpunkt, um aufzuzeigen, dass Vielfalt bei Familienformen keine moderne Erscheinung ist, sondern auch in der Vergangenheit bereits existierte.
- Citar trabajo
- Saleem Arif (Autor), 2015, Die These über die gestiegene Pluralität der Familienformen. Befürchtungen über den Zerfall der traditionellen Familie, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/296107