Liebe, Ehe und Schicksal im Nibelungenlied


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014
16 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG

2. HAUPTTEIL
2.1. Die Rolle der Frau im Mittelalter
2.1.1. daz edel wîp im Rahmen des politischen Gemeinschaftslebens
2.1.1.1.Die Ehe
2.1.1.2.Die Liebe und das Sexualleben
2.1.1.3.Betrug von und durch Frauen
2.2. Brünhild und Kriemhild - zwei Frauen, ein einziges Schicksal

3. SCHLUSS

4. LITERATURVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG

sol ich nu mînen lîp von einer magt verliesen, sô mugen elliu wîp her nâch immer mêre tragen gelpfen muot gegen ir manne, diu ez sus nímmér getuot.1

Die vorliegende Passage aus dem Nibelungenlied beschreibt in der Konfrontation zwischen Siegfried und Brünhild in der Brautnachtsszene die aussichtslose Lage der Frau in der Auseinandersetzung mit dem männlichen Geschlecht. Mit gutem Recht wird demnach das Nibelungenlied in den 1960er und 1970er Jahren als ÄFrauenbiographie“ bzw. ÄFrauentragödie“ gedeutet.2

Betrachtet man die Situation der Frau, so wie sie in der mittelalterlichen Gesellschaft verankert war, begegnen einem zahlreiche sich überlappende Äußerungs- und Darstellungsmodi, die aber in der einen oder anderen Form auf dieselbe Grundidee zurückzuführen sind: Gemäß des mittelalterlichen Vorstellungshorizonts waren Geschlechterverhältnisse dermaßen ausgelegt, dass die Rolle der Frau nur durch jene des Mannes bestimmt wurde und dadurch eine deutliche Abwertung und Ausgrenzung bis hin zur Reduzierung auf den Objektstatus erfuhr.3 Sichtbar werden diese Verhältnisse auch anhand der mysogynen Perspektive des Dichters.

Das Thema ist von besonderer Aktualität und nimmt in der Weltliteratur eine wichtige Stellung ein. Die eingeschränkte Rolle der Frau in der Gesellschaft und die Ursachen ihres wenn auch nur kurzzeitig abweichenden Verhaltens bis die Ordnung wieder hergestellt wird, ist das Phänomen, das in vorliegender Arbeit untersucht werden soll.

In dieser Hinsicht gibt das Nibelungenlied Auskunft über damalige Vorgänge und Praktiken sowie über historische und kulturelle Wandlungsprozesse. Die Verknüpfung des Mythischen mit dem Historischen, des Wahren und des Märchenhaften, bedingen sowohl Charakterzüge der Gestalten wie auch ihre vielfältige Dimension. Das Epos vermittelt eine klare Darstellung der frühen Feudalgesellschaft - Lebensbedingungen, Beziehungen zwischen Feudalherren und Lehnsmännern, und selbstverständlich auch deren typische und deviante Männlichkeits- und Weiblichkeitsbilder. Der Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit liegt in der Untersuchung der beiden devianten Weiblichkeitsbilder und in der Bestimmung der Relevanz ihrer Andersartigkeit für den tragischen Ausgang der Geschichte.

2. HAUPTTEIL

2.1. Die Rolle der Frau im Mittelalter

Die mittelalterliche Gesellschaft um 1200 war eine ständisch gegliederte, patriarchalisch angelegte Gesellschaft. Eine zentrale Rolle neben den dazugehörigen Vasallitätsverhältnissen spielten auch Werte, die auf der traditionellen Ordnung und auf den ritterlichen Tugenden beruhten: Ehre, Treue des Vasallen gegenüber seinem Herrn, die Verachtung dem Tod gegenüber, Freigiebigkeit, Maß halten, da Maß- und Einheitslosigkeit die soziale Ordnung störten. Außerdem bestimmte der christliche Glaube voll und ganz das Denken und moralische Handeln der Menschen.

Ein grundlegender Aspekt für die vorliegende Argumentation ist die barbarische Natur der Epoche, mit ihrer kriegerischen Schwerpunktsetzung, die sich durch auf Rache und Betrug gründenden Handlungen, sowie auch durch Schlachten und Gemetzel äußerte. Gewalt in ihren unterschiedlichsten Formen galt im Mittelalter als Selbstverständlichkeit und diente dem Individuum meistens dazu, seine (soziale, familiale) Identität unter Beweis zu stellen oder einen gewissen Status zu demonstrieren oder zu erreichen. Der fundamental hierarchische und patriarchalische Charakter der Gesellschaft steht im Zusammenhang mit komplexen und problematischen Machtkonstellationen, triuwe-Bindungen und Ägeschlechterorientierte[n] Spielregeln“4.

Die nibelungische Gesellschaft besteht vorwiegend aus Adligen und deren Untertanen, wobei die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Stand vorgegeben war, ja sogar als gottgewollt galt.5 Der König, als von Gott erwählt, musste sich keiner Ordnung unterstellen, alle anderen waren ihm jedoch untergeordnet und mussten ihm gehorchen. Das Gemeinschaftsleben war nicht nur der Rahmen für das Leben des Einzelnen, sondern, indem es Wert- und Normvorstellungen vorgab, auch Dreh- und Angelpunkt seiner Existenz. Während die Existenz der hohen Frauen nur auf das höfische Leben begrenzt war, mussten die Männer vorrangig heroische Eigenschaften aufzeigen, da physische Kraft und Kampftüchtigkeit als Attribute eines jeden Ritters galten. Als solcher nahm er dann an Turnieren teil und suchte dadurch sein Ansehen zu steigern oder seine Angebetete zu beeindrucken. Während Männer in der Öffentlichkeit als Ritter, Werber oder Krieger ungehindert auftreten durften, konnte eine adlige Frau nur mit Erlaubnis oder von einer männlichen Person begleitet6 die Privatsphäre verlassen und öffentlich auftreten. Somit erfüllte die Frau lediglich eine ornamentale Funktion, da sie vom Mann bewundert und begehrt werden konnte.7 Der Ausdruck solcher männlicher Phantasien war oft auch mit sexueller Konnotation belegt.8 Den Männern war auch Ehebruch oder Geschlechtsverkehr außerhalb der Ehe erlaubt, was anhand der Beispiele von Siegfried und Gunther erläutert werden kann: während es sich in Siegfrieds Fall nur um einen hypothetischen Ehebruch handelt, so wie Kriemhild seine Abwesenheit aus dem Schlafgemach einsieht und duldet9, wird in Gunthers Fall explizit erwähnt, dass er vor der Ehe mit Brünhild bî andern wîbén gelegen10 habe. In diesem Sinne ist das Mittelalter eine Epoche der monologischen Männlichkeit (monologic masculinity)11, in der Frauen den Männern unterworfen sind und lediglich als Mittel zum Zweck fungieren.

Abgesehen von den ideologischen Männlichkeits- und Weiblichkeitskonstrukten liefert das Nibelungenlied auch transgressive Genderidentitäten, wobei die Dichotomie entsteht, in der das Männliche als das Allgemeine, das Normale erscheint, während das Weibliche als das Andere, das Abweichende präsentiert wird. In dieser Hinsicht sind die zwei Gestalten Brünhild und Kriemhild diejenigen, die über ihre Rolle hinaus handeln, ja sogar männliche Attribute annehmen, wenn es nötig wird, ihr bedrohtes Eigentum und Recht zu verteidigen. Brünhild, die übermächtige Amazone, kämpft um ihre Jugfräulichkeit, die mit ihrer politischen Macht in enger Verbindung steht; Kriemhild hingegen hat nichts mehr zu verteidigen, denn sie wurde komplett enteignet. Der Kampf um den Hort verbirgt ihre übelste Racheabsicht, die schließlich alle in den Abgrund treibt. Poetische Gerechtigkeit wird in beiden Fällen eingesetzt, weil die Figuren es wagen, aus den normativen Bedingungen ihrer Rollen zu fallen.

2.1.1. daz edel wîp im Rahmen des politischen Gemeinschaftslebens

In Bezug auf das Nibelungenlied wird dieses Kapitel ausschließlich auf die Rolle der adligen Frau (Prinzessin, Königin) und den damit verbundenen wichtigsten Aspekten und Ereignissen des sozialen Lebens am Hof eingehen. Von zentraler Bedeutung sind hier ihre Funktionen und Verpflichtungen in der Beziehung mit den männlichen Figuren.

2.1.1.1. Die Ehe

Im Mittelalter war auch die Ehe ein vom Mann geplanter Anlass - er war auch derjenige, der Nutzen daraus ziehen konnte.12 Mit diesem Aspekt stehen zahlreiche andere soziale und politische Probleme im Zusammenhang, die in diesem Kapitel diskutiert und durch konkrete Beispiele illustriert werden sollen.

Die Initiative zur Heirat ging nur von Seiten des Mannes aus und war fast immer damit verknüpft, dass die Ehe nicht auf Liebe basierte, sondern politisch oder durch die Schönheit der Frau motiviert war. In solchen Fällen wurde die Ehe gegen den Willen der Frau vollzogen, indem sie entweder dazu gezwungen wurde oder die Entscheidung passiv hinnahm. Oft dem römischen Muster folgend, fanden solche Ehen als Folge eines Arrangements statt und es bestand von vornherein durch den Altersunterschied eine erhebliche Differenz zwischen den beiden Partnern.13

Auch innerhalb der Ehe hatte die Frau kaum Rechte und jeder Eingriff in öffentlichen Belange wurde vom Mann hart bestraft (ez sol ir werden leit14 ). Meistens erkundigten sich die Frauen bei ihren Ehemännern, Äwelche höfische Repräsentationsform in diesem oder jenem Falle angemessen sei.“15 Das verhindert wiederum nicht, dass Frauen sich in Abwesenheit ihrer Männer unangemessen benehmen oder geheime Informationen preisgeben (jane wás ez niht mîn bruoder, der dir den magetuom angewan)16.

Die wichtigsten Eheschließungen im Nibelungenlied folgen mehr oder weniger einem bestimmten Schema: die Ehe zwischen Kriemhild und Siegfried hat als Ausgangspunkt eine ÄGeschäftshandlung“, zwischen Brünhild und Gunther erfolgt eine Zwangsehe, während in der Ehe Kriemhilds mit Etzel eine Umpolung der Machtgefälle stattfindet.

[...]


1 Das Nibelungenlied, 673.

2 Nolte, 2004, S. 31.

3 Vgl. Scheuble, 2005, S. 116.

4 Schul, 2011, S. 95.

5 Vgl. Scheuble, 2005, S. 74.

6 Scheuble, 2005, S. 106.

7 Nibelungenlied, 392; 601.

8 Ebd., S. 107.

9 Nibelungenlied, 661-662.

10 Ebd., 630, 4.

11 Gaunt, 1995, 22ff.

12 Vgl. Frakes, 1994, S. 64.

13 Ebd., S. 63.

14 Nibelungenlied, 858, 2.

15 Nolte, 2004, S. 40.

16 Das Gespräch zwischen den Königinnen gipfelt in Kriemhilds Aussage, dass Brünhild nicht von Gunther, sondern von ihrem Mann Siegfried entjungfert worden sei (Nibelungenlied, 840, 4).

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Liebe, Ehe und Schicksal im Nibelungenlied
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Veranstaltung
Einblicke in die Geschichte der germanistischen Mediävistik
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
16
Katalognummer
V296162
ISBN (eBook)
9783656942559
ISBN (Buch)
9783656942566
Dateigröße
890 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gender studies, die Frau im Mittelalter, das Nibelungenlied, Brünhild, Kriemhild, Betrug, Ehe im Mittelalter, triuwe, Liebe, Nibelungentragödie, Brünhilds Rache, medieval literature, brides and doom, minne, Gewalt, Sozialisation, Geschlecht, Gesellschaft, gender, die Rolle der Frau, Mittelalter, mittelalterliche Literatur, Gender im Mittelalter
Arbeit zitieren
Maria Baciu (Autor), 2014, Liebe, Ehe und Schicksal im Nibelungenlied, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/296162

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