Mit gutem Recht wird das Nibelungenlied in den 1960er und 1970er Jahren als „Frauenbiographie“ bzw. „Frauentragödie“ gedeutet. Betrachtet man die Situation der Frau, so wie sie in der mittelalterlichen Gesellschaft verankert war, begegnen einem zahlreiche sich überlappende Äußerungs- und Darstellungsmodi, die aber in der einen oder anderen Form auf dieselbe Grundidee zurückzuführen sind: Gemäß des mittelalterlichen Vorstellungshorizonts waren Geschlechterverhältnisse dermaßen ausgelegt, dass die Rolle der Frau nur durch jene des Mannes bestimmt wurde und dadurch eine deutliche Abwertung und Ausgrenzung bis hin zur Reduzierung auf den Objektstatus erfuhr. Sichtbar werden diese Verhältnisse auch anhand der mysogynen Perspektive des Dichters.
Das Thema ist von besonderer Aktualität und nimmt in der Weltliteratur eine wichtige Stellung ein. Die eingeschränkte Rolle der Frau in der Gesellschaft und die Ursachen ihres wenn auch nur kurzzeitig abweichenden Verhaltens bis die Ordnung wieder hergestellt wird, ist das Phänomen, das in vorliegender Arbeit untersucht werden soll.
In dieser Hinsicht gibt das Nibelungenlied Auskunft über damalige Vorgänge und Praktiken sowie über historische und kulturelle Wandlungsprozesse. Die Verknüpfung des Mythischen mit dem Historischen, des Wahren und des Märchenhaften, bedingen sowohl Charakterzüge der Gestalten wie auch ihre vielfältige Dimension. Das Epos vermittelt eine klare Darstellung der frühen Feudalgesellschaft - Lebensbedingungen, Beziehungen zwischen Feudalherren und Lehnsmännern, und selbstverständlich auch deren typische und deviante Männlichkeits- und Weiblichkeitsbilder. Der Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit liegt in der Untersuchung der beiden devianten Weiblichkeitsbilder und in der Bestimmung der Relevanz ihrer Andersartigkeit für den tragischen Ausgang der Geschichte.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. HAUPTTEIL
2.1. Die Rolle der Frau im Mittelalter
2.1.1. daz edel wîp im Rahmen des politischen Gemeinschaftslebens
2.1.1.1.Die Ehe
2.1.1.2.Die Liebe und das Sexualleben
2.1.1.3.Betrug von und durch Frauen
2.2. Brünhild und Kriemhild – zwei Frauen, ein einziges Schicksal
3. SCHLUSS
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle der Frau im Nibelungenlied und analysiert, wie deviante Weiblichkeitsbilder sowie Machtkonstellationen den tragischen Ausgang des Epos maßgeblich beeinflussen. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie sich Brünhild und Kriemhild innerhalb einer patriarchalischen Feudalgesellschaft positionieren und welche Konsequenzen ihr Ausbrechen aus normativen Rollenbildern nach sich zieht.
- Die gesellschaftliche Stellung der Frau im Mittelalter
- Machtdynamiken und Geschlechterrollen im Nibelungenlied
- Die Instrumentalisierung von Ehe, Liebe und Sexualität
- Betrugs- und Rachestrategien als Mittel weiblicher Selbstbehauptung
- Die Darstellung von Brünhild und Kriemhild als deviante Heldinnen
Auszug aus dem Buch
2.1.1.3.Betrug von und durch Frauen
Das Nibelungenlied spielt in vielen Situationen auf zwei unterschiedlichen Ebenen: die Ebene des Sichtbaren, der realen, unmittelbaren Handlungen, und jene des Unsichtbaren, der Handlungen, die bestimmten Gestalten gezielt verschwiegen werden. Eine Art dramatischer Ironie prägt diese Situationen, die aber unvermeidlich zum tragischen Ende hin führen.
Betrugshandlungen sind emblematisch in ihrem Abspielen auf beiden Ebenen und werden hier aus Argumentationszwecken in solche, in denen Frauen zum Opfer fallen, und solche, die von den Frauen vollzogen werden, eingeteilt. Es ist nötig, diese Situationen aus beiden Perspektiven zu analysieren.
Die ersteren sind am Beispiel Brünhilds zu erläutern, die übermächtige, unabhängige Königin Islands, die auf einmal ihren Status verliert und durch Männer unterjocht wird. Gunther gelingt es durch Siegfrieds Hilfeleistung die rebellische Herrin trotz ihrer eigenen Spielregeln zu besiegen. Grenzler zufolge hat Brünhild diese Kampfspiele als Qualifikation ihres künftigen Gatten deswegen selbst eingerichtet, weil sie ihr Interesse darin auf funktionale Weise realisieren kann, sich als Ehemann einen hinsichtlich seines herrschaftlichen Potentials angemessenen Mann zu sichern – diesem gebührt ihre Zuneigung, ihm will sie sich “schenken“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Die Einleitung führt in die Problematik der weiblichen Rollenbilder im Nibelungenlied ein und verortet das Werk im Kontext der mittelalterlichen Feudalgesellschaft.
2. HAUPTTEIL: Der Hauptteil untersucht detailliert die ständischen und patriarchalischen Bedingungen des Mittelalters sowie deren Einfluss auf die weiblichen Protagonistinnen Brünhild und Kriemhild.
3. SCHLUSS: Der Schluss fasst zusammen, dass das tragische Scheitern beider Frauen aus ihrem Widerstand gegen die herrschende Gesellschaftsordnung resultiert und im Tode eine kathartische Auflösung findet.
Schlüsselwörter
Nibelungenlied, Mittelalter, Frauenrolle, Brünhild, Kriemhild, Patriarchat, Ehe, Minne, Rache, Machtkonstellation, Geschlechterverhältnis, Devianz, Feudalgesellschaft, Verrat, Schicksal
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Situation und das Handeln weiblicher Hauptfiguren im Nibelungenlied innerhalb einer patriarchalischen Gesellschaftsstruktur.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen die Rolle der adligen Frau, die Bedeutung von Ehe und Liebe, sowie Mechanismen von Macht, Rache und Betrug.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es zu bestimmen, inwiefern das deviante Verhalten der beiden Protagonistinnen Brünhild und Kriemhild eine Relevanz für den tragischen Ausgang des Epos besitzt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse angewandt, die den Text des Nibelungenliedes in den historischen und gesellschaftlichen Kontext des Mittelalters einbettet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Untersuchung der allgemeinen Rolle der Frau im Mittelalter sowie eine spezifische Betrachtung der Handlungsweisen von Brünhild und Kriemhild.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Nibelungenlied, Patriarchat, Frauenrolle, Macht, Rache und Geschlechterverhältnis definiert.
Inwiefern unterscheiden sich die Beweggründe von Brünhild und Kriemhild?
Während Brünhilds Handeln aus der Verletzung ihrer Machtstellung und Identität entspringt, ist Kriemhilds Rache durch den gewaltsamen Verlust ihres Ehemannes Siegfried motiviert.
Welche Bedeutung kommt dem "Königinnenstreit" zu?
Der Königinnenstreit wird als der entscheidende Wendepunkt identifiziert, an dem die verborgene Wahrheit ans Licht kommt und die Katastrophe ihren Lauf nimmt.
- Citation du texte
- Maria Baciu (Auteur), 2014, Liebe, Ehe und Schicksal im Nibelungenlied, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/296162