Leben und Alltag im Gulag. Erfahrungsbericht einer Exkursion nach Perm


Forschungsarbeit, 2011
17 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Hauptteil: Beschreibung des Lebens im Gefangenenlager

3. Ergebnisse der Spurensuche
3.1. Ehemaliger deutscher Kriegsfriedhof
3.2. Sowjetischer Kriegsfriedhof
3.3. Gedenkstein für ungarische Kriegsgefangene
3.4. Wohnhaus
3.5. Zusätzliche Informationen zu einer gefundenen Gedenkstätte
3.6. Schlussfolgerungen

4. Schlussbetrachtung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung:

Das System der Arbeitsbesserungslager, auch GULag genannt, ist eines der schrecklichsten und dunkelsten Kapitel in der sowjetischen Geschichte, welches mehr als fünfzig Jahre dauerte, erst mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 endete und dessen Wurzeln bis in die Zarenzeit hinein zurückverfolgt werden können.1 Wenn man die Anzahl der Entlassungen und die der Todesfälle zusammenrechnet, sind schätzungsweise etwa 18 Millionen Menschen aus vielen verschiedenen Nationen im GULag inhaftiert gewesen.2

Während unserer Kursexkursion nach Perm wurde deutlich, dass die Institution GULag bis heute ihre unübersehlichen Spuren in Geschichte und Gegenwart der Menschen hinterlassen hat. Die Geschichte des Lagersystems soll hier nicht im Vordergrund stehen, sondern nur am Rande erwähnt werden. Im Mittelpunkt dieser Ausarbeitung stehen das in der fast dreißig jährigen Ära Stalins und darüber hinaus erfahrende Leben und der Alltag im GULag und dessen Auswirkungen auf die Gefangenen.

Erst die Umstrukturierungsmaßnahmen unter Stalin prägten das Prinzip GULag auf die Weise, wie es in der Gegenwart verstanden wird, und zwar als eines der schlimmsten Terror-, Herrschafts-, Ausbeutungs-, und Wirtschaftssysteme der Vergangenheit Russlands. Der sogenannte Strafvollzugsapparat bekam eine völlig neue Dimension, nachdem er ab 1928 in das Wirtschaftssystem eingegliedert wurde.3 Ab diesem Zeitpunkt waren diese Lager keine rein politischen Instrumente zur Machtsicherung mehr, sondern erfüllten nun auch eine ökonomische Funktion in der Planwirtschaft der Sowjetunion.4 Die Entdeckung des wirtschaftlichen Leistungsvermögens von Zwangsarbeit mit Gefangenen löste eine unbeschreibliche Willkür aus, die das gesamte sowjetische Volk terrorisierte und das System GULag zu einem immensen Ausbeutungs- und Repressionssystem mit verheerenden Auswirkungen werden ließ.5

Im Folgenden werde ich zuerst auf die äußeren und inneren Bedingungen, denen Häftlinge in sowjetischen Arbeitslagern ausgesetzt waren, eingehen: Verhaftung, Aufenthaltssituation, Lagerregime, Wachpersonal, Arbeitswelt, Ernährung und Hunger, Unterbringung, Hygiene, Häftlingsgesellschaft, Tagesabläufe und Überlebensstrategien, die es den Häftlingen ermöglichten diese Arbeitslager auszuhalten. Im zweiten Teil werde ich die Ergebnisse der Spurensuche bezüglich des ehemaligen Kriegsfriedhofes und der ungarischen Kriegsgräberstätte in der Region Zakamsk dokumentieren, die ich während meines Aufenthalt in Perm und der Region gesammelt habe, und näher darauf eingehen.

2. Hauptteil: Beschreibung des Lebens im Gefangenenlager

Das Repressionssystem der Sowjetunion entstand Mitte der zwanziger Jahre. Das System des Terrors wurde als legitimes und normales Instrument der Regierung verwendet. Es zielte nicht nur auf die Ausschaltung von politischen Gegnern, sondern von ganzen gesellschaftlichen Gruppen, wie beispielsweise den Bauern bzw. sogenannten Kulaken, die sich ihrer Ernte nicht berauben lassen wollten.6 Der Terror wurde vor allem gegen religiöse, soziale, politische und intellektuelle Eliten eingesetzt.7 Der GULag war ein sogenanntes Besserungs- und Zwangsarbeitslager. Die Sowjetbehörden verhafteten Menschen ab den 1930er Jahre nicht mehr ohne einen Grund anzugeben. Nun gab es nach den Verhaftungen Verhöre, Prozesse und Urteile. Die Vorwürfe, unter denen man die Menschen gefangen nahm, waren ungerecht und die Verhöre absurd.8 Die Gefangenen wurden weitestgehend von der Justiz verhaftet und eingesperrt, was das Sonderbare an dem Lagersystem der Sowjetunion darstellt. „Die Mehrheit war verhört worden (wie flüchtig auch immer), hatte ihren Prozess gehabt (wie farcenhaft auch immer) und war schuldig gesprochen worden (was in vielen Fällen kaum eine Minute in Anspruch nahm).“9 Die Tatsache, dass dieses Regierungssystem legal war, bedeutete nicht, dass es auch logisch war. Über die Jahrzehnte war es dennoch nicht einfacher geworden vorauszusagen, wo die nächste Verhaftungswelle durch die Bevölkerung gehen würde. Viele Verhaftete kamen aus der Zeit des Krieges und waren Kriegsgefangene aus dem Ausland.10

Verhaftungen und Verhöre verstörten die Gefangen auf verschiedene Weise. Sie wurden verunsichert, zerstreut und zur Unterwerfung gezwungen. Die langen und anstrengenden Verhöre hatten einen negativen Einfluss auf die Gefangen und machten sie psychisch labil und eingeschüchtert und körperlich geschwächt.11 Das Wichtigste nach einer Verhaftung war das Geständnis. Denn nur dadurch wurden den Gefangenen verschiedene „Privilegien“ versprochen. Zeigte sich der Gefangene kooperativ, was mit einem Geständnis gleichgesetzt wurde, wurden ihm „Briefe, Lebensmittelpäckchen, Zeitungen und Bücher, ein monatlicher Besuch von Verwandten und ein täglicher Spaziergang von einer Stunde gestattet.“12 Wenn sich der Häftling nicht kooperativ zeigte, konnte man ihm alles streichen, was seine elementaren Überlebensbedingungen waren, sogar das Essen. Ab 1942 waren die Lager ein wichtiger Faktor für die Kriegsproduktion. Doch viele Häftlinge waren durch mangelnde Ernährung und Hygiene ganz oder fast arbeitsunfähig, welches von den Kommandanten stark beklagt wurde, sodass sich die hygienischen Verhältnisse in den Lagern fürs erste zu bessern schienen.

Nach den exaktesten bis jetzt vorliegenden Forschungen bestand der GULag zwischen 1929 und 1953 aus 476 Lagerkomplexen. Zu beachten ist aber, dass sich jeder dieser Komplexe aus vielen, zum Teil aus Hunderten von kleineren Lagereinheiten zusammensetzte.13 Eine Verallgemeinerung der Zustände in den Lagern ist sehr schwierig, denn sie waren sehr unterschiedlich. „Es gab enorme Unterschiede in den Lebens- und Arbeitsbedingungen des Gulags, die von Jahr zu Jahr und von Ort zu Ort schwankten - und zwar selbst in einem einzigen Lagerkomplex.“14 Das hing auch damit zusammen, wie groß das Lager war. Es gab Lagerkomplexe mit ein paar Duzend Gefangen, aber auch welche mit einigen Tausend. Im Zweiten Weltkrieg ging es den Gefangenen am schlechtesten, und die Sterblichkeitsrate lag bei einem Viertel der Lagerinsassen.15 In den fünfziger Jahren verbesserte sich dieser Wert und war mit der Sterblichkeitsrate des übrigen Landes vergleichbar. Unter einem liberalen Wachmann konnte das Lagerleben sogar relativ angenehm sein.16 Im ersten Jahrzehnt der GULag gab es kaum Regeln, die den Wächtern sagten, wie sie mit den Gefangenen umzugehen hatten, dies blieb meist ihnen selbst überlassen. Danach hingegen gab es feste Anweisungen, die jeden Aspekt des Lagerlebens vom Barackenbau bis zum Tagesablauf bestimmten.17 Seit 1939 rückten unter Stalin die wirtschaftlichen Aspekte der Lager in den Vordergrund. „Der Große Terror, in dessen Gefolge die Lager sich zeitweise in Todeslager verwandelt hatten, war vorbei. Nun hatten die Häftlinge im Interesse des Produktionsplanes zu funktionieren wie die Zahnräder einer Maschine.“18 Daher hatte die strenge Kontrolle der Gefangenen eine wichtige Funktion, auch wenn dies nur durch Folterungen, Liquidierungen oder Erniedrigungen funktionierte.19 Die Häftlinge wurden außerdem einzeln nach Straftat, Beruf und Arbeitsfähigkeit klassifiziert. Es hing immer von der eigenen Norm ab, wie gut der einzelne Sek20 seine Grundbedürfnisse (Nahrung, Kleidung, Unterkunft und Lebensraum) befriedigen konnte. „Im Prinzip war jeder Aspekt des Lagerlebens darauf ausgerichtet, die Produktionsergebnisse zu verbessern.“21 In den Lagern gab es auch Kultur- und Erziehungseinrichtungen, weil man sich erhoffte, dadurch die Produktionsleistung zu erhöhen. Das Lager war eine Stätte ohne jegliches Privatleben, eine Gemeinschaft der „Kumpel“, nicht der Kameraden.22 Inspektionen wurden in regelmäßigen Abständen abgehalten, man konnte sich sogar beim Lagerchef selbst beschweren, wenn gewisse Regeln nicht funktionierten und so die harmonischen Abläufe des Alltages behinderten. In der Realität sah es aber immer ganz anders aus. Die Lagerkomplexe waren nicht sauber, geschweige denn reibungslos funktionierende Betriebe. Denn das System GULag hat nie so funktioniert, wie es bestimmt wurde. Es gab viele schwere Grundprobleme. Das Wachpersonal war korrupt, die Lagerchefs arbeiteten in die eigenen Taschen und die Gefangenen konnten Wege finden, um Anweisungen zu umgehen.23 Es gab eine strenge Hierarchie in den Lagern, die sich die Gefangenen und die Wachen selber aufgebaut hatten. „In der Praxis spielte das Verhältnis der Gefangenen zu ihren Wärtern und untereinander ebenso eine Rolle.“24

In den meisten Lagern waren die Gefangenen in Baracken untergebracht. Oft mussten die Gefangenen diese Baracken erst bauen, wenn sie eintrafen. Viele mussten während der Bauarbeiten in Zelten leben oder hatten gar kein Dach über dem Kopf. So kam es sogar vor, dass mitten im Winter auf blanker Erde ein neuer Lagerstandpunkt aufgebaut werden musste, so wie beispielsweise in der Nachkriegszeit an der Kolyma. Viele Häftlinge, die dort eingesetzt wurden, starben aufgrund der Kälte.25 Die Baracken waren zumeist nur sehr primitive Holzhütten oder in einfachster Weise aus Stein gebaut, in langen Reihen stehend.26 Nur selten gab es Holztische oder Sitzbänke für die Bewohner.27 Andere Gefangene waren wiederum in Erdhütten untergebracht. Diese wurde vor allem in der Nähe von Straßen- und Eisenbahnstrecken errichtet. Auch die sogenannten „echten“ Baracken erreichten nie die Moskauer Vorgaben. Sie waren immer sehr überfüllt, und es stand meist „nicht mehr als eineinhalb Quadratmeter Lebensraum pro Person zur Verfügung.“28 Die Baracken waren für gewöhnlich von furchtbarem Gestank erfüllt, weil es überall feucht und dreckig war und nasse bzw. schmutzige Kleidungsstücke zum Trocknen aufgehängt wurden. Es blieb den Häftlingen kaum Luft zum Atmen, weil die Baracken beispielweise nachts verschlossen wurden. Die Notdurft mussten die Gefangenen auf der Parascha, einem Kübel, verrichten, was zu dem bestialischen Gestank noch beitrug.29

Die Frage nach einem geeigneten Schlafplatz war sehr entscheidend. Die Schlafbedingungen waren wichtige Instrumente zur Kontrolle der Häftlinge.30 Es gab auch hier eine Hierarchie und Streit um den besten Schlafplatz. In den Lagern herrschte ein ständiger Kampf gegen Krankheiten wie Typhus, Dystrophie, Unterernährung und Parasiten wie der Befall von Läusen.31 Ein Bad in der Banja alle zehn Tage war Pflicht. Im Bad selbst war das Wasser so knapp, dass es niemals für eine gründliche Wäsche reichte.32

[...]


1 Vgl. Courtois, Handbuch des Kommunismus, S. 31.

2 Vgl. Ebd., S. 364.

3 Vgl. Ebd., S. 31.

4 Vgl. Stettner, „Archipal GULag“, S. 335.

5 Vgl. Linke, Geschichte Russlands, S. 164.

6 Vgl. Courtois, Handbuch des Kommunismus, S. 36.

7 Vgl. Linke, Geschichte Russlands, S. 181.

8 Vgl. Courtois, Handbuch des Kommunismus, S. 364.

9 Applebaum, Der Gulag, S. 155.

10 Vgl. Schneider, „Russland verlässt mich nie“, S. 129.

11 Vgl. Applebaum, Der Gulag, S. 177.

12 Ebd., S. 178.

13 Vgl. Schneider, „Russland verlässt mich nie“, S. 123.

14 Applebaum, Das Gulag, S. 211.

15 Vgl. Schneider, „Russland verlässt mich nie“, S. 126.

16 Vgl. Applebaum, Der Gulag, S. 212f.

17 Vgl. Hilger, Deutsche Kriegsgefangene in der Sowjetunion, S. 302.

18 Applebaum, Der Gulag, S. 212.

19 Vgl. Courtois, Handbuch des Kommunismus, S. 361. 3

20 Die Bezeichnung Sek - ein Akkronym für „inhaftierter Kanalsoldat“ - wird bald zum Sammelbegriff für alle GULag-Häftlinge.

21 Applebaum, Der Gulag, S. 213.

22 Vgl. Schneider, „Russland verlässt mich nie“, S. 138.

23 Vgl. Donga-Sylvester, Ihr verreckt hier bei ehrlicher Arbeit!, S. 112.

24 Applebaum, Das Gulag, S. 213.

25 Vgl. Ebd., S. 222.

26 Vgl. Donga-Sylvester, Ihr verreckt hier bei ehrlicher Arbeit!, S. 112.

27 Vgl. Applebaum, Das Gulag, S.223.

28 Applebaum, Der Gulag, S. 224.

29 Vgl. Schneider, „Russland verlässt mich nie“, S. 127.

30 Vgl. Applebaum, Der Gulag, S. 226.

31 Vgl. Schneider, „Russland verlässt mich nie“, S. 127.

32 Vgl. Applebaum, Der Gulag, S. 230f.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Leben und Alltag im Gulag. Erfahrungsbericht einer Exkursion nach Perm
Hochschule
Universität Vechta; früher Hochschule Vechta  (Institut für Geistes- und Kulturwissenschaften - Abteilung für Kulturgeschichte und vergleichende Landesforschung)
Veranstaltung
GS-6.1: Das Sowjetische System der Strafgefangenenlager in der stalinistischen Ära
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
17
Katalognummer
V296258
ISBN (eBook)
9783656943808
ISBN (Buch)
9783656943815
Dateigröße
458 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
leben, alltag, gulag, erfahrungsbericht, exkursion, perm
Arbeit zitieren
Laura Endrizzi (Autor), 2011, Leben und Alltag im Gulag. Erfahrungsbericht einer Exkursion nach Perm, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/296258

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Leben und Alltag im Gulag. Erfahrungsbericht einer Exkursion nach Perm


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden