Das letzte Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts wurde, nachdem man sich eher überrascht vom Zusammenbruch des Blockdenkens in Deutschland innerhalb eines Jahres wiedervereinigt vorfand und sich nicht nur politisch neu
zurechtzufinden hatte, im öffentlichen Erörtern der geistesgeschichtlichen Situation mehrfach aufgescheucht. In einer der vielen Feuilleton-Debatten, die in diesen Jahren geführt wurden, kam Botho Strauß politisch in den Verruf einer reaktionären und demokratiefeindlichen 'persona non grata', was den Autor und seine Arbeit umso überraschender und ungerechter traf, als er sich im Unterschied zu den öffentlich debattierenden Walser, Handke, Grass oder Sloterdijk kaum selbst am Disput beteiligte. Ausreichend und ausschlaggebend
für das öffentliche Urteil waren wenige aus dem Zusammenhang gerissene Reizworte in der bisher größten öffentlichen Provokation seines Spiegelessays „Anschwellender Bocksgesang“.
Die Debatte hatte ihre Wurzeln jedoch in einem älteren Streit um die Einschätzung der Autoren Botho Strauß und Peter Handke, der 1985 zwischen den Feuilletons der Neuen Züricher Zeitung und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ausgetragen wurde. Während man sich 1992/93 eher um eine politische und philosophische Begrifflichkeit, bzw. um die ‚rechte‘
Einschätzung der politischen Provokationen stritt, zeigte die Diskussion von 1985 deutlicher den ästhetischen bzw. kunsttheoretischen Hintergrund der Auseinandersetzung. Die Neue Züricher Zeitung hatte in einer Literaturkritik-Beilage zu einer Kritik der Kritik und einer Revision der ästhetischen Maßstäbe aufgerufen. In seinem Leitartikel „Über das Bedürfnis nach Schönheit“ erklärte Peter Hamm, warum ihm eine neue Reflexion über den Begriff des Schönen und eine Revision der literaturkritischen Maßstäbe geboten schien: [...]
Inhalt
Einleitung
1. Die Form der Anspielungen und ihr Verständnis
1.1. Mythos und Logos
1.2. Mythostheorie und Postmodernediskussion
1.3. Allegorie und Anspielung
2. Das Spiel mit griechischer Mythologie
2.1. Bacchus und Pan in ”Die Fremdenführerin”
2.2. Medea in ”Die Zeit und das Zimmer”
2.3. Diana in ”Die Zeit und das Zimmer” und in ”Schlußchor”
2.4. Dionysisches in ”Kalldewey, Farce”
2.5. Dädalus und Pasiphaë in ”Der Park”
3. Biblische Anspielungen
3.1. Das Osterwunder in ”Trilogie des Wiedersehens”
3.2. Berufene, Braut und ‘ekliger Engel’ in ”Groß und Klein”
3.3. Das Jeremia-Zitat in ”Besucher”
3.4. David und Bathseba in ”Schlußchor”
3.5. Die Bibel-Adaptation in ”Lotphantasie”
4. Offene Struktur und Eindeutigkeit der Anspielungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Funktion und Form mythischer sowie biblischer Anspielungen im dramatischen Werk von Botho Strauß. Ziel ist es, die spezifische Art und Weise zu entschlüsseln, wie diese Anspielungen in Strauß’ Theaterstücken eingesetzt werden, um ästhetische, philosophische und zeitkritische Dimensionen zu eröffnen und dabei die Grenze zwischen Allegorie und Anspielung auszuloten.
- Analyse der theoretischen Konzepte von Mythos und Logos im Kontext moderner Literatur.
- Untersuchung der spielerischen Verwendung griechischer Mythologie in verschiedenen Theaterstücken.
- Darstellung der biblischen Intertextualität als Mittel der existentiellen Reflexion.
- Klärung des Spannungsfeldes zwischen individueller Identität und überzeitlichen Urbildern.
- Diskussion der formalen Offenheit und Eindeutigkeit literarischer Anspielungen bei Strauß.
Auszug aus dem Buch
Die Form der Anspielungen und ihr Verständnis
Die Sichtung der grundlegenden Bedingungen für einen Vergleich von mythischen und biblischen Anspielungen kann, insofern sie die biblische Logos-Tradition ernst zu nehmen bemüht ist, um eine Auseinandersetzung mit der Weite und der Vermischung der Begrifflichkeit nicht herumkommen. Schon 1983 wurde die Unübersichtlichkeit im Stand der Diskussion um die großen und alten Begriffe „Mythos“ und „Logos“ als wachsendes Hindernis einer sinnvollen Beschäftigung beklagt:
„Ende dieses Millenniums weiß ein halbwegs Gebildeter kaum noch zu sagen, welch unkanalisierte Erinnerungsflut losbricht, wenn er Großworte wie Mythos und Logos, wie Geist und Leben, wie Glaube und Hoffnung in den Mund nimmt oder zu Papier bringt. Um wieviel weniger wird er es im nächsten wissen“30.
Die steigende Beliebtheit des Mythos in der Philosophie31 und das ebenso reizvolle wie verwirrende Eindringen eines mythogenen Diskurses in die neuere Wissenschaftssprache32 sind als Ausläufer einer längeren Geschichte der begrifflichen Vermischung zu verstehen, vor der zu verzweifeln dem Diskurs weder im endenden noch im anbrechenden Millennium ansteht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die Form der Anspielungen und ihr Verständnis: Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Grundlagen des Mythos- und Logos-Begriffs und deren Bedeutung für das Verständnis literarischer Anspielungen bei Strauß.
2. Das Spiel mit griechischer Mythologie: Hier wird anhand konkreter Stücke wie "Die Fremdenführerin" oder "Der Park" die Transformation griechischer Mythen in die dramatische Struktur analysiert.
3. Biblische Anspielungen: Dieses Kapitel widmet sich der christlich-jüdischen Tradition in Stücken wie "Trilogie des Wiedersehens" oder "Lotphantasie" und deren Funktion für die Figurengestaltung.
4. Offene Struktur und Eindeutigkeit der Anspielungen: Das abschließende Kapitel synthetisiert die Ergebnisse und diskutiert die Paradoxie der Anspielung als Instrument zwischen offener Vieldeutigkeit und spezifischer Aussagekraft.
Schlüsselwörter
Botho Strauß, Mythos, Logos, Biblische Anspielungen, Theaterwissenschaft, Allegorie, Postmoderne, Intertextualität, Literaturkritik, Dramaturgie, Identität, Zeichencharakter, Zeitverständnis, Mythologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie Botho Strauß mythische und biblische Anspielungen in seinen Theaterstücken verwendet, um komplexe Bedeutungsebenen zu konstruieren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Arbeit fokussiert sich auf die Verbindung von Mythos-Rezeption, biblischer Tradition, ästhetischer Theorie und deren Anwendung in den Dramen von Botho Strauß.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die spezifische Funktion und die Wirkung dieser Anspielungen auf das moderne Theaterpublikum und die literaturkritische Rezeption zu analysieren.
Welche wissenschaftliche Methodik kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Detailanalyse, die hermeneutische Ansätze mit einem komparativen Vergleich der verwendeten Quellen verknüpft.
Was behandelt der Hauptteil der Arbeit?
Der Hauptteil gliedert sich in eine systematische Untersuchung mythischer (griechische Mythologie) und biblischer Motive und deren konkrete Umsetzung in ausgewählten Theaterstücken.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Botho Strauß, Mythos, Logos, Allegorie, Intertextualität und Dramaturgie geprägt.
Welche Rolle spielen die Begriffe Mythos und Logos in der Argumentation?
Sie bilden das philosophische Spannungsfeld, das die Grundlage für das Verständnis der "Anspielungen" bei Strauß bildet und das kritische Potenzial seiner Stücke verdeutlicht.
Wie unterscheidet die Arbeit zwischen Allegorie und Anspielung?
Die Arbeit differenziert, indem sie die Allegorie als geschlosseneres System begreift, während die Anspielung bei Strauß stärker vom Kontext abhängt und auf die Interaktion mit dem Wissen des Lesers/Zuschauers angewiesen ist.
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- Dr. Sebastian Schauberger (Author), 2000, Permanenz der Urbilder. Mythische und biblische Anspielungen bei Botho Strauß, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/296271