Die Überführung der Alexanderreliquien nach Wildeshausen. Heilige und ihre Reliquien als Symbole der Mission und des Glaubens


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013
23 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Heiligenverehrung und Reliquienkult

Heiligkeit als Verhaltensideal und die Funktion von Heiligenschriften

Die Alexanderreliquien und Wildeshausen

Anhang

Einleitung

Die Verehrung der Heiligen spielte im christlichen Glaubenssystem seit seiner Entstehung bis in die Neuzeit hinein eine wichtige Rolle. Die Gläubigen suchten nach geistlicher Führung und übernatürlicher Unterstützung in ihrem oft durch unverstandene Naturgewalten geprägten Alltagsleben. Diese Unterstützung boten ihnen diejenigen Menschen, welche durch ihr gottgefälliges Leben den Stand der Gnade bereits erreicht hatten und sich aus christlicher Nächstenliebe der noch in Sünde verhafteten Gläubigen annehmen wollten.

Als Beweis für die Heiligkeit einer Person galten verschiedene Kriterien, so zum Beispiel der Märtyrertod überzeugter Christen, welche ihrem Glauben zuliebe ihr Leben ließen. Einer jener Märtyrer war der junge Alexander, der im 2. Jahrhundert in Rom lebte und sich gemeinsam mit seiner Mutter und seinen Brüdern weigerte, dem christlichen Glauben abzuschwören und deshalb hingerichtet wurde. Der Verbleib seiner sterblichen Überreste, der Alexanderreliquien, soll später noch genauer erläutert werden.

Einen weiteren Beweis für die Heiligkeit eines Menschen bot das Wirken von Wundern. Oft handelte es sich bei diesen Wundern um die Heilung von Krankheiten oder die Errettung aus großer Gefahr, welche die Gläubigen auf den Einfluss desjenigen Heiligen zurückführten, den sie in ihrer Not angerufen hatten. Ein Heiliger hatte neben der Hilfe bei Krankheit, Not und Gefahr noch weitere Bedeutung. Er bot ein Vorbild für ein überzeugend gelebtes Christentum und war in der Lage, als Vermittler zwischen Gott und Mensch Fürsprache für Sünder einzulegen und ihnen so die Aufnahme in den Himmel zu erleichtern. Diese erwünschte Unterstützung im Leben wie im Tod konnten auch bereits verstorbene Heilige leisten, da diese sich dem Glauben nach in der Nähe Gottes befanden und so die Anliegen der Gläubigen direkt an den Höchsten weitergeben konnten.

Den sterblichen Überresten der Heiligen wurde zudem eine heilende Wirkung zugesprochen, was zu Pilgerreisen zu ihren Gräbern führte. Im Laufe der Zeit kam es dazu, dass die Leiber der Heiligen exhumiert und ganz oder in einzelne Teile zerlegt an Kirchen verteilt wurden, wo die Gläubigen in der Nähe dieser Reliquien beten und die Heiligen um Unterstützung anrufen konnten.

Besondere Wichtigkeit erlangten Reliquien bei der Missionierung. Menschen, die noch nicht oder erst seit kurzer Zeit dem Christentum angehörten, sollte mit den wundertätigen Reliquien etwas Greifbares gegeben werden, was dem Christentum mehr Überzeugungskraft verleihen und den Glauben an das Christentum stärken konnte. So war auch die beabsichtigte Stärkung des christlichen Glaubens bei den erst kürzlich missionierten Sachsen ein starkes Motiv für die Überführung der Alexanderreliquien von Rom nach Wildeshausen.

Heiligenverehrung und Reliquienkult

Die Heiligenverehrung als Glaubenspraxis ist ein fester Bestandteil der Katholischen Kirche, findet sich aber ebenfalls in den Orthodoxen Kirchen und in geringerem Ausmaß bei verschiedenen protestantischen Glaubensgemeinschaften. Der Begriff „Verehrung“ wird dabei in der Auslegung unterschiedlich angewendet und interpretiert. Verehrung kann im christlichen Sinn die Hochschätzung und Bewunderung oder sogar Liebe der Gläubigen zu einem religiösen Vorbild bedeuten, vorwiegend handelt es sich bei der Heiligenverehrung aber um die kultische Verehrung einer bestimmten, als heilig anerkannten Person.

Bereits im Alten Testament lassen sich verschiedene Anzeichen für die Verehrung von vorbildlichen und gottesfürchtigen Personen finden.1 Der Begriff „heilig“ wird dort jedoch vorwiegend auf die Person und den Bereich Gottes angewendet, so ruft zum Beispiel Gott auserwählte Menschen in seinen heiligen Bereich. Die Beschreibungen dieser Phänomene im Alten Testament weisen die Gemeinsamkeit auf, dass sie immer in irgendeiner Weise das Heilige und das religiöse Leben dem Profanen und dem weltlichen Leben entgegen setzen.2 Gott sondert sozusagen das Heilige aus dem weltlichen und profanen Leben aus und bestimmt es für sich. Der in unserem Zusammenhang relevante christliche Heiligkeitsbegriff, der das Mittelalter überdauerte und bis in die Gegenwart wirksam ist, hat seinen Ursprung im Neuen Testament.3

Hier wird der Begriff „heilig“ hauptsächlich auf Menschen angewendet, welche aus eigenem Entschluss die Nachfolge Christi antreten. Somit sind nach der Vorstellung des Neuen Testaments mehr oder weniger alle Christen Heilige. Paulus zum Beispiel fordert die Gläubigen auf, gemäß der göttlichen Berufung im persönlichen Leben heilig und ehrwürdig nach göttlichem Vorbild zu streben und dementsprechend auf Erden zu leben.4 Ausgehend von dem Glauben, Gott habe jedem Menschen die Gabe der Heiligkeit verliehen, indem er ihn zu Gerechtigkeit, Lauterkeit, Reinheit und Vollkommenheit befähigt, gilt derjenige als heilig, der diese gottgegebenen Tugenden tatsächlich walten lässt und ihnen sein Leben und Wirken verschreibt.5 Im Mittelpunkt dieser Vorstellung steht also die „Idee der freiwilligen und selbstbestimmten Unterordnung ‚individueller Egoismen‘ unter das Gebot Gottes, welche ihren Ausdruck im unbedingten Dienst am Nächsten im Namen eben jenes Gebotes findet.“6

Wegen der Standhaftigkeit in ihrem Glauben und der Bereitschaft für ihren Glauben zu sterben wurden Märtyrer7 seit dem 2. Jahrhundert von allen Christen verehrt und als heilig anerkannt. Nach der klassischen Auffassung besitzt der Opfertod die Vergeltungskraft für alle nach der Taufe begangenen Sünden, er kann sogar die Taufe ersetzen. Somit reinigt das Sterben für den Glauben den Märtyrer von allen Sünden. Wegen der Reinheit seiner Seele ist bei dem Heiligsprechungsprozess eines Märtyrers auch kein Nachweis eines tugendhaften Lebens notwendig, wie dies zum Beispiel bei anderen christlichen Heiligen der Fall ist. Zum Zeitpunkt des Jüngsten Gerichts haben die Märtyrer ihren Platz neben Christus und können für die Sünder Fürbitte einlegen.8 Diese Wirkung als Fürsprecher besaßen sie auch schon auf Erden. „Symbolisch präsent waren sie in ihren Reliquien, weil ihr Leib Tempel des Heiligen Geistes war und einst in der Auferstehung des Fleisches an der seligen Anschauung Gottes teilnimmt.“9 Eine entscheidende Rolle für die Verehrung der Märtyrer kann also von ihrer Funktion als Vermittler und Fürsprecher vor Gott abgeleitet werden. Dieser Glaube lebt von der Annahme, dass die in Gemeinschaft mit Christus Lebenden mit ihm zusammen auch nach ihrem Tod weiterwirken.10

Besonders im Mittelalter glaubten die Christen daran, dass die Sühnewirkung der Märtyrer und Heiligen auch auf andere Gläubige übergehen kann. Daher ist es verständlich, dass die Gräber der Märtyrer nicht nur zu Stätten der Erinnerung wurden, sondern auch im übertragenden Sinne zu Orten der Barmherzigkeit.11 Pilgerreisen zu diesen heiligen Stätten waren ebenfalls üblich, dort erhofften sich die Menschen Hilfe gegen Not und bei Krankheit, man sagte den Gräbern eine heilende Wirkung nach.12 Mit der zunehmenden Bedeutung der Heiligengräber stieg das Verlangen der frühmittelalterlichen Christen, sich in ihrer unmittelbaren Nähe bestatten zu lassen.13 Gläubige verbanden mit den Heiligengräbern die Hoffnung, die Nachbarschaft eines Märtyrers würde auch nach dem Tod dazu führen, dass dieser bei Gott ein gutes Wort für sie einlegen werde.

Zu einem späteren Zeitpunkt wurden bei diesen Gräbern dann Kirchen errichtet, zu denen die Gläubigen fortan pilgern konnten, um die Gebeine der Märtyrer zu verehren.14 So wurden die Märtyrer sozusagen zum Prototyp des Heiligen, und aus der Märtyrerverehrung entwickelte sich in der Spätantike die Heiligenverehrung.15 Der Beginn der Heiligenverehrung ist jedoch nicht genau datierbar, denn Anhaltspunkte für die kollektive Verehrung Verstorbener geben nur zufällig überlieferte Berichte und Objekte, welche die Zeiten überstanden haben.16

Heiligkeit als Verhaltensideal und die Funktion von Heiligenschriften

In der christlichen Glaubenspraxis wurden Bitten immer direkt an Gott gerichtet. Sein Wirken war aber undurchschaubar und häufig nicht zu verstehen. Den Kräften der Natur stand die mittelalterliche Agrargesellschaft weitestgehend hilflos gegenüber, dazu gehörten das Wetter und die Gefahr von Unwettern, die Fruchtbarkeit des Viehs und der Ausfall der Ernte, Krankheiten, Unfälle und Seuchen, Geburt, Leben und Tod.17 Den Menschen, die vorwiegend auf dem Land lebten, fehlte eine Beschwörung der Naturkräfte zur Bewältigung der kosmischen Mächte, denen sie sich im täglichen Leben ausgesetzt sahen.

Die Kirche versuchte, mit verschiedenen Riten auf die Bitten der Gläubigen einzugehen. Neben Segnungen und Exorzismen gehörte dazu auch die Heiligenverehrung. Der Glaube an die Wunderwirkung von Heiligen war für die mittelalterliche Gesellschaft von hoher Bedeutung: „Ihre spezifizierten Zuständigkeiten für Wetter und Vieh, für Früchte und Felder, ihre Schutzwehr gegen Feuer und Blitz, ihre Heilkraft in Schmerz und Leid, nicht zuletzt ihre Bezwingung von Teufel und Dämonen“18 boten Schutz und Trost in einer unberechenbaren Welt. Deshalb gehörte zu jeder Gefahr und Naturmacht ein Heiliger, der Kompetenzen zu deren Bewältigung besaß und den Menschen zu Hilfe eilen konnte. Das Wirken eines Heiligen war bedeutend, und so wurden zahlreiche Orte, Berge, Quellen und ebenso Riten nach den Wunderwirkungen von Heiligen benannt.19 Dabei kam es nicht unbedingt darauf an, ob der Heilige eher Glaubenszeuge oder Wundertäter war. Entscheidend war, dass die Heiligen als ethisch und religiös Vollendete und auch als Wundertäter in der mittelalterlichen Glaubensgemeinschaft anerkannt wurden.20

Die Eigenschaften, die den Heiligen zugesprochen werden, sind vielschichtig. Dazu gehört die Befehlsgewalt über die belebte und die unbelebte Natur, des Weiteren die Macht zu segnen und zu fluchen, das heißt Heil- und Strafwunder zu vollbringen. Hinzu kommen die Unempfindlichkeit gegenüber Feuer und Gift, die Zeit- und Raumüberlegenheit, aber auch die Fähigkeit ohne Nahrung auszukommen, außerdem die Gabe des Vorauswissens und der Prophezeiung.21

Der christliche Heiligkeitsbegriff definiert eine ‚göttlichen Ethik des Verhaltens‘,22 welche unter den drei folgenden Gesichtspunkten gedeutet werden kann:

1. Als universelle Norm gilt die uneingeschränkte und allgegenwärtige Gehorsamkeit gegenüber Gott und damit unbeschränkte und absolute Unterordnung und Dienstwilligkeit gegenüber dem Nächsten. Menschliches Verhalten soll sich in jeder Hinsicht daran orientieren.
2. Diese Gesetzmäßigkeit oder Norm lässt sich jedoch nicht durch eine passive Aufopferungsbereitschaft erfüllen, sondern nur in einer aktiven, überzeugten und aus religiöser Gewissheit motivierten Lebensart und im stetigen Vertrauen auf Gott.
3. Attribute wie die Bereitschaft zur Selbstaufopferung, Unnachgiebigkeit in der religiösen Überzeugung und Entschlossenheit zum Durchhalten mit aller Kraft werden in diesem Zusammenhang zu den erstrebenswertesten menschlichen Charaktereigenschaften erklärt.23

Daraus ergibt sich, dass die christliche Heiligkeit auf dem aktiven Streben nach einer bestimmten ‚Sozial-Ethik‘ fußt, die als Gebot Gottes an die Menschheit aufgefasst wird.24 Im Zentrum dieser Ethik steht zum einen das uneingeschränkte Vertrauen auf Gott und zum anderen die ebenso absolute Liebe gegenüber dem Nächsten, welche bis zur Selbstaufgabe reicht. Ausdrücklich einbezogen wird das Martyrium als Blutzeugnis und ultimative Konsequenz in der Befolgung des göttlichen Willens.25

Dieses Verhaltensideal christlicher Vollkommenheit war nicht durch abstrakte, vorherrschend im Verborgenen gehaltene Frömmigkeit geprägt. Menschen, die ein besonders gottestreues Leben führten, waren den Vorstellungen der Allgemeinheit nach an gewissen äußeren Zeichen zu erkennen. Bedeutsam erscheinen in diesem Kontext insbesondere die Wundertätigkeit schon zu Lebzeiten der Heiligen und ein Wunderwirken noch über ihren Tod hinaus. Beide Eigenschaften wurden als einzigartiges Einvernehmen mit Gott verstanden.26 In der mittelalterlichen Gesellschaft fanden Wunderwirkungen ihren Ausdruck hauptsächlich in der Heilung unheilbarer Krankheiten wie Lepra und körperlicher Gebrechen wie Blindheit, Lähmungen oder ähnlichen Behinderungen. Andere Wunder wie zum Beispiel die Wiederauferstehung vom Tode und Schutz in Gefahren werden zwar erwähnt, spielen aber eine verhältnismäßig geringe Rolle. So wird angenommen, dass rund 90 Prozent aller kirchlich anerkannten Wunder im 13. Jahrhundert medizinischer Natur waren.27

Die Heiligen wurden von den Gläubigen bewundert, verehrt und zugleich gefürchtet.28 Diese Verehrung bezog sich auch auf ihre sterblichen Überreste. In Bezug auf das Wunderwirken der Heiligen über ihren Tod hinaus kommt diesen Überresten oder Reliquien eine besondere Bedeutung zu. Die Gebeine stellen die sogenannten Primärreliquien dar, während Gegenstände aus dem Besitz der Heiligen wie Gewänder und Ähnliches zu den sogenannten Sekundärreliquien zählen.

Reliquien waren im Mittelalter allgegenwärtig, sowohl im Bereich privater Frömmigkeit als auch im öffentlichen Leben. Von ihnen versprachen sich die Gläubigen himmlische Hilfe in täglicher Not. Die christliche Frühzeit kannte zunächst keine Reliquienverehrung, da man die sterblichen Überresten für bedeutungslos hielt und hoffte, durch die Auferstehung anstatt des irdischen Körpers einen neuen ‚spirituellen‘ Leib zu erhalten. Aber schon seit dem 2. Jahrhundert begann eine christliche Reliquienverehrung, basierend auf der Idee, „dass die im Himmel verweilende Seele den irdischen-toten Leib bei dessen Auferstehung verwandelt wiedererhalte […].“29 Man nahm an, dass Gott als Zeichen seines Wohlwollens die Gebeine der Heiligen mit besonderen und heilbringenden Kräften ausstatten würde, welche sich durch eine ausbleibende Verwesung und einen angenehmen Geruch, aber auch durch eine heilsame Wirkung ihrer Überreste zeige. „Die Unverwestheit galt im Hinblick auf die eigentliche erst bei der Auferstehung zu erhoffenden Unverweslichkeit als vollzogener Gnadenerweis.“30 Man glaubte, dass die Berührung der heiligen Gebeine die darin enthaltene Kraft auch auf denjenigen übertrage, der damit in Kontakt komme.

Die Präsenz des Heiligen auf Erden war an seine sterblichen Überreste gebunden, seine Seele hingegen war bei Gott im Himmel. Durch diese Doppelpräsenz wurden die Heiligen zu Vermittlern zwischen Himmel und Erde.31 Durch die Nähe zu einer Reliquie konnte ein Gläubiger in Kontakt zu einem Heiligen treten, durch die Nähe zu Gott konnte dieser Heilige dann Fürbitte für den Gläubigen leisten. Sowohl in der Ostkirche als auch in der westlichen Tradition verstand die Christenheit „die Heiligen als ‚Freunde Gottes und seine Söhne‘ […], als unsere Fürsprecher und Mittler bei Gott, allerdings nicht als Mittler der Erlösung und Versöhnung mit Gott, sondern innerhalb der vollkommenen, einzigen geschichtlichen und aktuellen Mittlerschaft Jesu Christi als Diener Christi und als Brüder und Glieder seines Leibes, der Kirche.“32 Der starke Glaube an die allgegenwärtige Anwesenheit göttlicher Segnung und Kraft, die virtus, in diesen Überresten dürfte einer der Hauptgründe für die übermäßige Fixierung der Heiligenverehrung auf die sterblichen Überreste des jeweiligen Heiligen bzw. mit ihm in Verbindung gebrachter Gegenstände sein.33

Die große Bedeutung und der hohe Wert der Reliquien führte schließlich zu dem Brauch der Elevation, der Erhebung der Gebeine aus dem ursprünglichen Grab und zur Translation, also ihrer Überführung an den späteren Aufbewahrungsort, überwiegend in Kirchen, und zuletzt zur Deposition, ihrer Aufbewahrung in direkter Nähe des Altars in der Kirche.34 Da jede Kirche sich bemühte, wenigstens einen Heiligen vorweisen zu können, war der Bedarf an Reliquien demgemäß groß. Das begünstigte die Teilung eines heiligen Leichnams mit dem Ziel der möglichst breiten Streuung seiner heilsbringenden Wirkung.35

Da die Reliquien für die Gläubigen oft von großem Wert waren, hat ein regelrechter Handel stattgefunden. Problematisch war ebenfalls die Plünderung von heiligen Gebeinen aus Kirchen oder Gräbern.36 Neben den echten Gebeinen von Heiligen gelangten aber auch viele Fälschungen in die Kirchen und in den Privatbesitz von Gläubigen. Zum Teil wurde versucht, mit Echtheitszertifikaten die heiligen Hinterlassenschaften von Fälschungen zu unterscheiden, oder man setzte sie der Feuerprobe aus, da die echten Gebeine als nicht verbrennbar galten.37

Auch die Heiligen selber wurden überprüft. In der Spätantike und im Frühmittelalter wurden von den Gläubigen verehrte Personen durch die örtlichen Bischöfe heiliggesprochen, wozu der zuständige weltliche Herrschaftsträger sein Einverständnis geben musste.38 Ab dem 10. Jahrhundert wurde dieses Privileg auf den Papst übertragen, und der Vorgang der Heiligsprechung oder Kanonisation wurde komplizierter. Das Leben und besonders die gewirkten Wunder des Heiligen wurden gründlich geprüft und mussten durch glaubwürdige Zeugen bewiesen werden.39

War ein Heiliger von der Kirche anerkannt worden, wurde eine offizielle Beschreibung seines Lebens erstellt, die sogenannte Vita. Diese Viten bilden einen zentralen Bestandteil der Heiligenschriften, auch Hagiographie genannt. Dazu kommen die Geschichten über vollbrachte Wunder, sogenannte Miracula, und ebenfalls die Passio, der Märtyrerbericht. Dieser beinhaltet Augenzeugenberichte über das Leiden und Sterben der Heiligen.40

Unter Hagiographie (griechisch für heiligschreiben) wird die Gesamtheit der Literatur verstanden, deren Thema die christliche Heiligenverehrung ist, die sich also mit dem Leben und Wirken von Heiligen befasst. Sie stellt daher eine typische christliche Quellengattung dar, die ihren Ursprung in der christlichen Heiligen- und Reliquienverehrung hat. Sie gehört zu den meistverbreiteten mittelalterlichen Gattungen erzählender Quellen. 41 Die Hagiographie ist eine Sonderform der Historiographie, weil sie ähnliche Zielsetzungen verfolgt, nämlich wahre Ereignisse berichten zu wollen, wenn auch in diesem Fall hauptsächlich im Sinne der Heilsgeschichte. Zur Hagiographie gehört ebenfalls die historische und theologische Wissenschaft, welche die Heiligenliturgie und ihre Verehrung in allen unterschiedlichen Aspekten untersucht. Im Mittelalter wurde die Hagiographie selbst als ein wesentlicher Teil der Geschichtsschreibung aufgefasst und oft als historia bezeichnet. Sie liegt aber außerhalb unseres heutigen Geschichtsbildes, weil sie eher eine Typologie der Heiligkeit übermitteln will und damit letztlich anderen Kriterien folgt. Neben Viten, Miracula, Passio und Forschungsergebnissen bilden die Translationsberichte, welche die Übertragung der heiligen Reliquien von einem Ort zum anderen dokumentieren, einen weiteren wichtigen Teil der Hagiographie.42

[...]


1 Vgl. Angenendt, Arnold: Der Heilige auf Erden – im Himmel. In: Petersohn, Jürgen (Hrsg.): Politik und Heiligenverehrung im Hochmittelalter. Sigmaringen 1994, S. 12f.

2 Vgl. Angenendt, Arnold (Hrsg.): Heilige und Reliquien. Die Geschichte ihres Kultes vom frühen Christentum bis zur Gegenwart. München 1997, S. 10.

3 Vgl. Angenendt, Heilige und Reliquien (wie Anm. 2), S. 24f.

4 Vgl. Gemeinhardt, Peter (Hrsg.): Die Heiligen. Von der frühchristlichen Märtyrern bis zur Gegenwart. München 2010, S. 14f.

5 Vgl. Angenendt, Der Heilige auf Erden (wie Anm. 1), S. 13f.

6 Angenendt, Heilige und Reliquien (wie Anm. 2), S. 25f.

7 Aus Gründen der Vereinfachung und besseren Lesbarkeit wird im Folgenden ausschließlich die männliche Form gewählt, dabei sind jedoch stets beide Geschlechter gemeint.

8 Vgl. Weigel, Sigrid (Hrsg.): Märtyrer-Portraits. Von Opfertod, Blutzeugen und heiligen Kriegern. München 2007, S. 18.

9 Vgl. Müller, Gerhard Ludwig (Hrsg.): Gemeinschaft und Verehrung der Heiligen. Geschichtlich-systematische Grundlegung der Hagiologie. Freiburg 1986, S. 30f.

10 Vgl. Becker, Hans-Jürgen: Der Heilige und das Recht. In: Petersohn, Jürgen (Hrsg.): Politik und Heiligenverehrung im Hochmittelalter. Sigmaringen 1994, S. 54f.

11 Vgl. Weigel, Märtyrer-Portraits (wie Anm. 8), S. 22f.

12 Vgl. Meier, Esther (Hrsg.): Handbuch der Heiligen. Darmstadt 2010, S. 15f.

13 Vgl. Brown, Peter (Hrsg.): Die Heiligenverehrung. Ihre Entstehung und Funktion in der lateinischen Christenheit. Leipzig 1991, S. 14f.

14 Vgl. Becker, Der Heilige und das Recht (wie Anm. 10), S. 55f.

15 Vgl. Holzbauer, Hermann (Hrsg.): Mittelalterliche Heiligenverehrung. Heilige Walpurgis. Eichstätt 1972, S. 19.

16 Vgl. Holzbauer, Mittelalterliche Heiligenverehrung (wie Anm. 15), S. 15f.

17 Vgl. Meier, Handbuch der Heiligen (wie Anm. 12), S. 12.

18 Angenendt, Heilige und Reliquien (wie Anm. 2), S. 13.

19 Vgl. Pernoud, Régine (Hrsg.): Die Heiligen im Mittelalter. Frauen und Männer, die ein Jahrtausend prägten. Bergisch Gladbach 1988, S. 23f.

20 Vgl. Angenendt, Arnold (Hrsg.): Grundformen der Frömmigkeit im Mittelalter. Enzyklopädie Deutscher Geschichte. Bd. 68, München 2004, S. 31f.

21 Vgl. Gemeinhardt, Die Heiligen (wie Anm. 4), S. 107ff.

22 Vgl. Angenendt, Der Heilige auf Erden (wie Anm. 1), S. 13f.

23 Vgl. Angenendt, Heilige und Reliquien (wie Anm. 2), S. 25f.

24 Vgl. Angenendt, Der Heilige auf Erden (wie Anm. 1), S. 14f.

25 Vgl. Meier, Handbuch der Heiligen (wie Anm. 12), S. 250.

26 Vgl. Angenendt, Heilige und Reliquien (wie Anm. 2), S. 75.

27 Vgl. Vauchez, André (Hg.): Sainthood in the later middle ages. Cambridge 1997, S. 425ff.

28 Vgl. Angenendt, Heilige und Reliquien (wie Anm. 2), S. 10f.

29 Angenendt, Grundformen der Frömmigkeit im Mittelalter (wie Anm. 20), S. 110f.

30 Angenendt, Grundformen der Frömmigkeit im Mittelalter (wie Anm. 20), S. 111.

31 Vgl. Meier, Handbuch der Heiligen (wie Anm. 12), S. 13ff.

32 Müller, Die Gemeinschaft und Verehrung der Heiligen (wie Anm. 9), S. 31.

33 Vgl. Angenendt, Heilige und Reliquien (wie Anm. 2), S. 155ff.

34 Vgl. Angenendt, Der Heilige auf Erden (wie Anm. 1), S. 46f.

35 Vgl. Angenendt, Heilige und Reliquien (wie Anm. 2), S. 154f

36 Vgl. Angenendt, Heilige und Reliquien (wie Anm. 2), S. 162f.

37 Vgl. Angenendt, Heilige und Reliquien (wie Anm. 2), S. 162.

38 Vgl. Gemeinhardt, Die Heiligen (wie Anm. 4), S. 78.

39 Vgl. Gemeinhardt, Die Heiligen (wie Anm. 4), S. 79f.

40 Vgl. Angenendt, Heilige und Reliquien (wie Anm. 2), S. 138.

41 Vgl. Meier, Handbuch der Heiligen (wie Anm. 12), S. 19f.

42 Vgl. Leonardi, Claudio u. a.: Art. Hagiographie. In: Lexikon des Mittelalters. Bd. 4, Stuttgart 1989, S. 56.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Die Überführung der Alexanderreliquien nach Wildeshausen. Heilige und ihre Reliquien als Symbole der Mission und des Glaubens
Hochschule
Universität Vechta; früher Hochschule Vechta  (Institut für Geistes- und Kulturwissenschaften - Abteilung für Kulturgeschichte und vergleichende Landesforschung)
Veranstaltung
GSM-4.1 Religiosität im Mittelalter
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
23
Katalognummer
V296303
ISBN (eBook)
9783656945079
ISBN (Buch)
9783656945086
Dateigröße
777 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
überführung, alexanderreliquien, wildeshausen, heilige, reliquien, symbole, mission, glaubens
Arbeit zitieren
Laura Endrizzi (Autor), 2013, Die Überführung der Alexanderreliquien nach Wildeshausen. Heilige und ihre Reliquien als Symbole der Mission und des Glaubens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/296303

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