Definition und Geschichte der Hamburger Schule. Warum deutsche Texte?


Akademische Arbeit, 2007

24 Seiten


Leseprobe

Inhalt

1. Die Hamburger Schule
1.1 Der Begriff ‚Hamburger Schule’
1.2 Kritik am Terminus
1.3 Frankfurter Schule und Diskursrock

2. Die Geschichte der Hamburger Schule
2.1 Einführung zu den Herkünften und Vorbedingungen
2.2 Die Hamburg-Ostwestfalen-Verbindung
2.3 Hamburg - öffentliche und private Räume
2.4 Das Politische
2.5. L’Age D’Or und andere Verlage

3. Warum deutsche Texte?

4. Die frühe Hamburger Schule

Literaturverzeichnis (inklusive weiterführender Literatur)

1. Die Hamburger Schule

Die vorliegende Arbeit möchte sich im Allgemeinen mit dem Phänomen der Hamburger Schule beschäftigen. Als Musikströmung der 1980er und 1990er Jahre in Deutschland nimmt sie die maßgebliche Vorreiterrolle für den zeitgenössischen Trend zum deutschsprachigen Texten in der Pop- und Rockmusik ein.

Nachdem zuerst auf den Begriff der Hamburger Schule sowie auf Kritik an diesem eingegangen wird, sollen auch die Geschichte dieser Musikströmung und ihre frühen Anfänge beleuchtet werden.

1.1 Der Begriff ‚Hamburger Schule’

Von der Entstehung des Begriffes ‚Hamburger Schule’ existieren viele mehr oder weniger belegte Versionen. Allen gemein ist der Name Thomas Groß. Dieser soll den Begriff erstmals in einem Artikel in der TAZ über die nahezu gleichzeitig erschienenen Alben Reformhölle von Cpt. Kirk & und Ich-Maschine von Blumfeld benutzt und ihn darin in Analogie zur Frankfurter Schule gesetzt haben. Der Autor selber sagt, dass er ihn mit Sicherheit nicht als terminus technicus eingeführt hat und verneint dessen Erfindung.

Weitere Theorien lauten, dass der Artikel, in dem der Begriff auftaucht, zuerst im Berliner TIP erschienen sein soll. Pascal Fuhlbrügge, einer der Gründerväter der Hamburger Schule, meint, dass Volker Backes den Begriff zum ersten Mal im Bielefelder Fanzine What’s that noise benutzt haben soll, bevor er dann von Groß übernommen worden ist.[1]

1.2 Kritik am Terminus

Dass die Bezeichnung nicht unumstritten war, zeigt eine Vielzahl von kritischen Stimmen, die aus der Hamburger Szene selbst kommen. Von vielen wurde der Begriff als problematisch empfunden, sogar abgelehnt. Die Beschränkung einer Musikidee auf eine Stadt passe nicht zur antinationalistischen Idee ihrer Inhalte, Lokalpatriotismus nicht zum gegenspießbürgerlichen Habitus der Protagonisten. Die Band Tocotronic persiflierte den Begriff in ihrem Lied Ich bin neu in der Hamburger Schule, was allerdings von vielen missverstanden wurde und was den Song für Außenstehende fälschlicherweise zu so etwas wie einer Hymne für die Hamburger Schule machte.

Neben Annahme und Verweigerung gab es aber auch noch gleichgültige Positionen, die sich nicht um eine Etikettierung scherten und ihre ganz subjektiven Assoziationen hatten, wie zum Beispiel die Hamburger Größe Rocko Schamoni.

„Mir war das total egal, wie sie das nennen. Für mich war das mein Freundschafts-Haufen, mit dem ich, wenn es ging, jeden Abend verbracht habe.“[2]

1.3 Frankfurter Schule und Diskursrock

„Als die Frankfurter Schule wird die neomarxistische , dialektische Kritische Theorie bezeichnet, die von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno im Institut für Sozialforschung begründet worden war.“ [3]

Der Ursprung der Frankfurter Schule liegt in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts. Zu dieser Zeit wurde Max Horkheimer Direktor des Instituts für Sozialforschung an der Johann Wolfgang Goethe Universität in Frankfurt am Main und begründete die „Zeitschrift für Sozialforschung“ als theoretisches Organ. Erste Forschungsschwerpunkte lagen im Bereich soziologischer Phänomene wie Persönlichkeit, Autorität, Massenmedien und Familie. Der Kapitalismus wurde als inhaltliche Gegenströmung zu einem revolutionären und kritischen Bewusstsein von den Mitgliedern erkannt, zu denen auch Theodor W. Adorno, Herbert Marcuse, Erich Fromm und Walter Benjamin gehörten.

Als zentrale Werke der Frankfurter Schule gelten Horkheimer und Adornos „Dialektik der Aufklärung“ und Adornos „Minima Moralia“, in denen sich eine Akzentverschiebung andeutet, die von einer Kritik des Kapitalismus auf eine Kritik der gesamten westlichen Gesellschaft umschwenkt. Dabei wird der Vernunftbegriff der westlichen Zivilisation als durchmischt von der Herrschaft einer technischen Vernunft, die alle natürlichen Kräfte unter die Kontrolle des Subjektes bringen will, verstanden. Die Beherrschung der Natur wird wesentlichstes Merkmal des zivilisierten Westens. Jedoch würde sich das Subjekt dadurch selber aufheben und keine soziale Macht wäre mehr in der Lage ihm zur Emanzipation zu verhelfen.[4] Als politisch anspruchsvolle Strömung findet die Hamburger Schule besonders hierin Anknüpfungspunkte und eine äußerst detaillierte Bearbeitung dieses Themenkomplexes wird sich im Werk Jochen Distelmeyers und seiner Band Blumfeld finden. Auch die dialektische Methode der Frankfurter Schule fand Anklang in Hamburg und äußerte sich in der Diskurshaftigkeit der dortigen intellektuellen Musikszene.

„Auf dem Dorf hat man immer das Problem, dass es wenige Opinion-Leader gibt, also nicht wirklich eine Diskussion in Gang kommt. Das ist in Hamburg schon ein anderes Gefühl gewesen. Auch, was dabei herausgekommen ist, hatte für mich eine andere Qualität, das war eine andere Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit.“ [5]

Durch die Verbindung einer Orientierung an der Kritischen Theorie Horkheimers und Adornos mit einer unreglementierten und antiautoritären Musikproduktion wurde der Begriff ‚Diskurspop’ beziehungsweise ‚Diskursrock’ geprägt. Darunter verstand man, dass die Musik nicht einfach nur als netter Pop auftrat, sondern sich geistreich mit politischen und gesellschaftlichen Themen auseinandersetzte.[6]

„Die Spex hat den Begriff Diskurspop gebracht, (…) Der Begriff Diskurspop war zwar auch zu kurz gegriffen auf alles mögliche, was man wollte, aber die Verknappung als Reflex kann ich verstehen.“ [7]

Außerdem war eine neue Innerlichkeit entdeckt worden, die das öffentliche Singen über relativ durchschnittliche Gefühle als hochgradig politisch verstand und die Frage des Einflusses von Körper, Liebe und Geld auf das Subjekt in den Mittelpunkt rückte. Antwortgeber waren damals sowohl postmoderne Theoretiker und Künstler, wie Marcuse, Adorno, Godard und Rohmer, als auch die zeitgenössischen Popstars, zum Beispiel Madonna. Problematiken, die sich aus diesen Themenfeldern ergaben, wurden diskursiv in der Szene besprochen und waren daraufhin große Inspirationsquelle für ein kreatives Schaffen.

2. Die Geschichte der Hamburger Schule

2.1 Einführung zu den Herkünften und Vorbedingungen

„Die Hamburger Schule entstand Ende der 1980er Jahre und war bis Mitte der 1990er Jahre aktiv. (…) Die Hamburger Schule zeichnet sich durch die Verwendung deutschsprachiger Texte aus, die oft hohen intellektuellen Anspruch haben und mit Gesellschaftskritik umgehen, weswegen auch der Begriff Diskurs-Rock eine zeitlang kursierte. Mitte der 1990er Jahre zählten Tocotronic , Blumfeld und Die Sterne zu den wichtigsten Vertretern dieses Genres. Zu dieser Zeit galt die Hamburger Schule als Inbegriff und Begründer des deutschen Indie [8] -Pops .“ [9]

So findet sich die Hamburger Schule in der Internetenzyklopädie für Musik Indiepedia.de definiert. Und tatsächlich stellte sie eine lose Musikbewegung dar, die sich Ende der 1980er Jahre aus verschiedenen Ursprüngen formte und im Laufe ihres Wirkens zur bedeutendsten Independent-Jugendkultur der 1990er wurde. Damit war und ist sie ein wichtiger Teil der gesamtdeutschen Musik- und Jugendkultur und „brachte ein neues Selbstverständnis für den Gebrauch der deutschen Sprache in der Popmusik mit sich.“[10] In ihren frühen Jahren am stärksten beeinflusst durch die 80er Jahre Tradition der Neuen Deutschen Welle und der Punkmusik, band sie im Verlauf ihrer Geschichte zusätzlich Elemente der zur gleichen Zeit in Nordamerika entstandenen Grungebewegung und des Pop mit ein.

Wie schon erwähnt, es existierten die verschiedensten Ursachen, die zur Gründung der Hamburger Schule führten, wobei man beachten muss, dass es während der Entstehungszeit kein einheitliches Konzept gab, das vorzeigte, in welche Richtung man sich bewegen oder welche Wege man einschlagen sollte. Die wohl wichtigsten Ursprünge waren zum einen geographischer und zum anderen strukturell-inhaltlicher Art. Neben der Befruchtung der Hamburger Musikszene aus Ostwestfalen, waren es auch das politische Zeitgeschehen und die Herausforderungen der Songkrise, die auf die Entstehung einwirkten.

2.2 Die Hamburg-Ostwestfalen-Verbindung

Am zentralsten war, wie der Name schon sagt, natürlich die Stadt Hamburg und hier besonders der Ortsteil St. Pauli sowie die Reeperbahn. Dennoch spielt auch der ostwestfälische Ort Bad Salzuflen eine bedeutende Rolle in der Entstehung der Hamburger Schule. Hier hatte sich bereits Mitte der 1980er eine junge Musikszene gegründet und schon 1981 wurde in dieser Stadt der Musikverlag fast weltweit von Frank Werner und anderen Musikern aus Bad Salzuflen, Herford und Bielefeld gegründet. Das Label veröffentlichte zuerst Bands und Musiker, die später in der Hamburger Schule eine große Rolle spielen sollten. So unter anderem Bernd Begemann, der 1981 zu den ersten Veröffentlichungen zählte und wenige Jahre darauf die Band des späteren Sterne -Chefs Frank Spilker namens Discount. Die Sterne selber veröffentlichten 1987 erstmals auf fast weltweit neben Bernadette Hengst, Jetzt!, Time Twister und der Vorgängerband von Blumfeld, Jochen Distelmeyers Bienenjäger.

Stilistisch findet sich eine Vielfalt und Vermischung, die von Wave über Pop bis hin zu labeltypischen Teenage-Weltschmerz-Liedern reicht, die auf Deutsch oder Englisch gesungen werden.

1984 stellte sich dann die Verbindung zu Hamburg her, als Bernd Begemann als erster in die Hansestadt ging, um dort die Band Die Antwort zu gründen. Dank dieser Verbindung konnten immer wieder Gruppen aus Ostwestfalen in Hamburg Auftritte bekommen und es begann eine wechselseitige Einflussnahme mit lokalen Hamburger Bands. Die Kontakte vermehrten sich und die Vernetzung ging so weit, dass ein reger Austausch an Personal zwischen den verschiedenen Formationen stattfand.

Es gab auch vereinzelt Bands der ersten Generation der Hamburger Schule, die ebenfalls nicht aus Hamburg stammten, wie zum Beispiel Tilman Rossmys Die Regierung (Essen) oder die post-Spaßpunk-Band Das neue Brot (Emden).

2.3 Hamburg - öffentliche und private Räume

Die eigentlichen Anfänge der Hamburger Schule finden sich aber in den zahlreichen Kiezkneipen beziehungsweise im geistigen Raum dazwischen und weniger auf den Straßen der Metropole. Rocko Schamoni verortet die Keimzelle im damaligen „ Kennlern-Laden[11] Sorgenbrecher.

„Das, was man als Hamburger Schule bezeichnet – ob man Klischees mag oder nicht -, das hat da angefangen, dass wir uns jeden Abend getroffen haben.“[12]

Weitere erste Orte waren die Bars Kir, Subito und Luxor, in denen Ende der achtziger Jahre Bands wie Tav Falco und Sylvia Juncosa auftraten, die Musiker, wie die soeben nach Hamburg gezogene Bernadette Hengst, zum Musizieren bewegten. Niemand wollte aber in vorgefertigte Fußstapfen treten und so blieb meistens kaum etwas anderes übrig, als eigenständige Musik zu machen. Die Attitüde und der idealistische Hintergrund entstammten dem Wechselspiel zwischen Beobachtungen der äußeren Welt, d.h. im Allgemeinen den Weltphänomenen und –mechanismen und im Speziellen dem soziokulturellen Milieu der Bars und Studentenwohnungen, und dem inneren Monolog über die eigene Ausrichtung.

„Da entstand dann ja vielleicht dieses Nachdenken. Wenn die ein bisschen so aussahen wie ‚Was kostet die Welt?’, war es für mich und die Leute, auf die ich reagiert habe, so etwas wie: ‚Was ist die Welt und wie funktioniert die?’ Es wurde ganz viel Mühe darauf verwandt, in Texten – zuungunsten des Rock’n’Roll-Faktors – Strukturen zu beschreiben. Und sich gleichzeitig eigene Strukturen aufzubauen, das hatte dann mit der Sprache zu tun. Und das, was man sich ausgedacht hatte, hatte man exakt seit gestern oder vorgestern – es gab keine große Tradition.“[13]

Tobias Levin, Mitglied bei Cpt. Kirk & und später Tocotronic-Produzent, macht hier deutlich, dass bereits beim ersten Kontakt mit einem neuen Milieu eine Art von authentischer Selbstpositionierung vonstatten ging und dass es niemandem daran gelegen war ‚zu klingen wie’.

„Das hat in Hamburg eine Zeit lang ganz toll funktioniert, dass es dann mit dieser sogenannten Hamburger Schule plötzlich etwas gab, was aus einem Kreis von Leuten bestand, die nicht an der letzten Szene mitgearbeitet hatten.“[14]

Es wurde bemerkt, dass die vorangegangene Phase der Eindeutigkeit mit Poptexten und Instrumentationen, die nur auf einer Ebene existierten, vorbeiging und man stellte fest, dass das aufkommende Uneindeutige nur noch formuliert und herausgebracht werden musste. Die Hamburger Szene schuf sich sozusagen eine neue Basis, von der aus das noch Kommende angegangen werden konnte. Begünstigt wurde diese Entwicklung dadurch, „dass es in Hamburg die entsprechenden Menschen gibt und die notwendige Infrastruktur.“[15] Grundsätzlich war das Interesse an einer neuen Art von Popmusik sehr groß, es gab eine Vielzahl von Konzertorten und Zeitschriften, die über die Veranstaltungen berichteten. Die wichtigsten Stadtmagazine hierfür waren Tango und Szene Hamburg. Sogar die Hamburger Morgenpost installierte eine Pop-Seite. Hinzu kam ein reger Austausch zwischen Journalisten und Musikern, wobei Erstere nicht selten auch gleichzeitig das Zweite waren. Dadurch wiederum konnte der hohe Grad an Vernetzung effektiv wirken, denn in den wichtigsten Szenekneipen traf man immer jemanden, den man kannte und mit dem man reden konnte, was von den Musikschaffenden als sehr angenehm empfunden wurde. Der soziale Kontakt in einem Raum der Möglichkeiten war für viele Kreative sehr wichtig, weil sie aus diesem Raum, in dem sie mit ihrer Umwelt interagierten, die Gegenstände für ihre Arbeit entnahmen. Die meisten Songs der Hamburger Schule sind keine autistischen Selbstreflexionen, sondern immer der Blick aus dem Selbst auf die Umwelt, mit der man es zu tun hat. Viele Lieder handeln zwar von subjektiven Befindlichkeiten, die aber größtenteils immer auf Beziehungen zu anderen Menschen gerichtet sind oder aus ihnen hervorgehen.

Wenn Bernd Begemann deklarierte „Das Leben findet in Wohnungen statt“[16], sollte das nicht den Rückzug in die Isolation bedeuten, sondern den Ort einer Gemeinschaft bezeichnen, an dem man Freunde und Bekannte einlädt, um gemeinsam zu kochen, Filme zu sehen oder Videospiele zu spielen. Die gegenseitige Befruchtung funktionierte auch nur so, weil die meisten eine künstliche und entpersonalisierte Kommunikation über zum Beispiel Internet-Chat-Foren als nicht natürlich empfanden. Gerade diese Natürlichkeit und Unmittelbarkeit des sozialen Lebens war es, die den Künstlern Material bot. Man wollte das Leben mit allen Sinnen erfassen, aufnehmen und verarbeiten. Erst als der konkrete Liedentstehungsprozess begann, zog man sich ins Private zurück. Angereichert durch persönliche Elemente und umgewandelt in eine subjektive Position, wurden die aus der Umwelt destillierten Stücke dann in Liedern Eins zu Eins wiedergegeben. Dieser Prozess führte dazu, dass Eindeutigkeit und Unmittelbarkeit zu den bedeutendsten Merkmalen der Hamburger Schule gehören.

Diese Auseinandersetzungen des Subjektes mit der Welt bezogen sich aber nicht nur auf Phänomene des eigenen Stadtteiles, sondern richteten sich auch auf die sprichwörtliche Welt. Sehr genau wurden überregionale Geschehnisse wahrgenommen und auf sie reagiert. Jedoch weniger die radikalpolitische Aktion, als vielmehr die Schaffung eines realpolitischen Bewusstseins war Anspruch der aufgeklärt-humanistischen Ausrichtung der Hamburger Schule. So kam es, dass auch die Beschäftigung mit der Politik beziehungsweise mit deren Effekten und Auswirkungen zu ihrem Merkmal wurde.

2.4 Das Politische

Die Szene der Hamburger Schule war nach außen hin ein relativ abgeschlossenes Gebilde. Während der Freizeit hatte man eigentlich kaum mit Menschen zu tun, die nicht diesem Kreis angehörten. Wie schon beschrieben, waren das Diskursive und der persönliche Austausch stark von Bedeutung, was dazu führte, dass Ideen innerhalb dieses Milieus schnell aktiviert wurden und stets einer immer wiederkehrenden kritischen Bewertung ausgesetzt waren. Dies wiederum hatte die Ausbildung eines pluralisierten Meinungsbildes zur Folge und sorgte für eine aufgeklärte und demokratische Atmosphäre. Aus dieser Atmosphäre heraus entstand ein permanent latentes Unwohlsein gegenüber der politischen Situation in Deutschland im Allgemeinen und dem neu erstarkenden Neofaschismus im Speziellen.

„(…) man konnte über andere Sachen reden und merkte auch, dass die anderen nicht darüber reden. Und dann entstand dieses Gemeinsame, innerhalb von diesem Kreis gab es relativ wenig Konkurrenz. Und es gab eben eine naive, hysterische, pubertäre Hoffnung – und hysterisch empfinde ich als gut und richtig, absolut wichtig -, dass man in einem wie auch immer kleinen oder großen Kreis die Zustände nicht ändern, dafür aber formen kann. Und das war damals eben inhaltlich ausgerichtet, im Sinne von gesellschaftlich, ja, durchaus politisch.“[17]

Nach den rechtsradikal motivierten Anschlägen von Rostock und Mölln war es auch an der Zeit für die Hamburger Schule, aktiv zu werden. Jochen Distelmeyer und Christoph Gurk drängten darauf, dass etwas unternommen werden müsse und im Sorgenbrecher begannen heftige Diskussionen über die Vorgehensweise. Als dann noch die linke Punkband Die Goldenen Zitronen während einer Tour in Ostdeutschland angegriffen wurden, begann die Geschichte der Wohlfahrtsausschüsse.

Der Wohlfahrtsausschuss in Hamburg war eine antifaschistische Organisation, die aus Musikern, Journalisten, Malern und Filmwissenschaftlern bestand, die regelmäßig Lesungen, Konzerte und Diskussionsrunden veranstalteten. In Köln, Frankfurt und Düsseldorf existierten ebenfalls Zusammenschlüsse unter diesem Namen. Blumfeld, Die Sterne, Kastrierte Philosophen, Absolute Beginner, Die Goldenen Zitronen, Cpt. Kirk & und andere begaben sich 1993 unter dem Motto ‚Etwas Besseres als die Nation’ auf eine Tour durch Ostdeutschland. Leider blieb der Erfolg aus, weil die Arbeit der Beteiligten zu doktrinär wirkte.

„Hinterher hat das ein ganz ungutes Gefühl hinterlassen, weil es so belehrend war. (…) man kann auch nicht einfach hingehen und einfordern, dass es so ist, wie man sich das vorgestellt hat. Man muss natürlich auch mit den Leuten reden, das muss ein langer Prozess sein.“[18]

[...]


[1] Eine genaue Klärung der Herkunft war nicht möglich, da bis auf die TAZ sämtliche Zeitschriften und Fanzines nicht mehr veröffentlicht werden und/oder keine Archive angelegt sind. Der in der TAZ veröffentlichte Artikel von Thomas Groß, auf den sich überall bezogen wird, konnte im Archiv nicht gefunden werden, weil in sämtlichen Bezugnahmen die Datierung oder Quellenverweise hierzu fehlen. Der Autor konnte auf Nachfrage auch keine genaue Auskunft geben und selbst eine zeitliche Eingrenzung auf den (überall zitierten) Anlass – die Veröffentlichung der Alben ‚Reformhölle’ von Cpt. Kirk &. und ‚Ich-Maschine’ von Blumfeld – führte zu keinem Ergebnis.

[2] Kuhn, Wiebke Anabess; „Die Hamburger Schule“; in: Twickel, Christoph (Hrsg.) „Läden, Schuppen, Kaschemmen – eine Hamburger Popkulturgeschichte“; Edition Nautilus, Verlag Lutz Schulenburg, Hamburg, 2003; S. 173

[3] http://de.wikipedia.org/wiki/Frankfurter_Schule; (Stand: 01.05.2007)

[4] vgl. ebd.

[5] Kuhn; S. 172

[6] vgl. Büsser; 2000; S. 78

[7] Kuhn; S. 172

[8] Kurzform von ‘Independent’ (engl.; unabhängig)

[9] http://www.indiepedia.de/index.php/Hamburger_Schule; Stand: 19.03.2007

[10] http://de.wikipedia.org/wiki/Hamburger_Schule_%28Popmusik%29; Stand: 19.03.2007

[11] Kuhn; S. 154

[12] ebd.

[13] ebd.; S. 130

[14] ebd.; S.156

[15] ebd.; S.173

[16] http://archiv.tagesspiegel.de/archiv/17.09.2004/1360729.asp

[17] Kuhn; S. 156

[18] Kuhn; S. 157

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Definition und Geschichte der Hamburger Schule. Warum deutsche Texte?
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Germanistik)
Autor
Jahr
2007
Seiten
24
Katalognummer
V296380
ISBN (eBook)
9783656941170
ISBN (Buch)
9783656941347
Dateigröße
480 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
definition, geschichte, hamburger, schule, warum, texte
Arbeit zitieren
Björn Fischer (Autor), 2007, Definition und Geschichte der Hamburger Schule. Warum deutsche Texte?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/296380

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