Allendes Chile und die Regierung Nixon. Der chilenische Staatstreich von 1973 im interamerikanischen Kontext

War die sozialistische Regierung Chiles ohne Unterstützung der USA von Beginn an zum Scheitern verurteilt?


Seminararbeit, 2015
20 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Präsidentschaft Salvador Allendes - La Vía Chilena
2.1 Umbruch in Chile: Die demokratische Wahl Allendes
2.2 Ein friedlicher Weg zum Sozialismus: Ziele der Regierung Allende
2.2.1 Nationalisierung der Kupferindustrie
2.2.2 Agrarreformen unter Allende

3. Der 11. September 1973 - Putsch in Chile

4. Analyse der Ursachen des Putsches auf drei Ebenen
4.1 Nationale Faktoren
4.1.1 Parteienlandschaft vor dem Putsch: Die Unidad Popular zerfällt
4.1.2 Polarisierung der Gesellschaft: Radikalisierung auf beiden Seiten und Gegenrevolution
4.2 Regionale Faktoren - Die Regierung Nixon und der interamerikanische kalte Krieg
4.2.1 Auswirkungen von Allendes Wahlsieg auf die US-Politik gegenüber Chile
4.2.2 Einfluss der USA auf den Putsch in Chile
4.2.3 Lateinamerika im Einflussbereich der USA: Ursachen und Hintergründe
4.3 Internationale Faktoren - Die Angst vor dem Kommunismus

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis
6.1 Bücher
6.2 Aufsätze

1. Einleitung

Die Wahl des bekennenden Marxisten Salvador Allende löste vor allem in Nord- und Südamerika unterschiedliche Reaktionen aus: Während in Kuba Jubelstimmung herrschte, standen die USA und die Militärregimes in Argentinien und Brasilien geschlossen gegen den neuen Präsidenten und seinen chilenischen Weg zum Sozialismus:

„ Brasiliens und Argentiniens autoritäre Generäle versicherten einander ihre Geschlossenheit "im Kampf gegen alle, die ... mit Wahlen die demokratische Tradition Lateinamerikas brechen wollten “ . “ 1

Obwohl Allende demokratisch vom chilenischen Volk gewählt wurde, sehen die konservativen Militärs in Südamerika einen Bruch mit der Demokratie, gegen den sie vorgehen müssen. Allendes Inauguration sollte einen Umbruch in Chile bedeuten: Den friedlichen Weg zum Sozialismus im legalen und demokratischen Rahmen des chilenischen Staates, die sogenannte Vía Chilena. Trotz Allendes Versprechen im legalen Rahmen zu agieren, standen konservative Regierungen gegen die Regierung Allende. Es soll im Folgenden der chilenische Staatstreich am 11. September 1973 im interamerikanischen Kontext analysiert werden. Vor allem die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Chile und den Vereinigten Staaten von Amerika sollen dabei näher untersucht werden. Es wird der Frage nachgegangen, ob die Allende-Regierung ohne Unterstützung der USA von Beginn an zum Scheitern verurteilt war, oder ob es zudem andere Faktoren gab, die letztlich zum Putsch führten.

Die folgende Seminararbeit wird zunächst auf die revolutionären Ansätze und die Ziele der Allende-Regierung am Beispiel der Nationalisierungspolitik und der Agrarreform eingegangen. Im Anschluss werden die Faktoren, die den Putsch durch das Militär bedingten, in Bezug zu dem interamerikanischen kalten Krieg gesetzt.2 Nichtsdestotrotz werden in dieser Arbeit die innenpolitischen Geschehnisse nicht außer Acht gelassen, da die Regierungszeit Allendes auch von Fehlentscheidungen und Uneinigkeit innerhalb des Regierungsbündnisses geprägt war: Nach einem kurzen Überblick über die nationalen Faktoren auf den Golpe von 1973 wird auf die regionalen und zum Schluss auf die internationalen Faktoren eingegangen, die zum chilenischen Putsch beigetragen haben. Eine solche Analyse ermöglicht es, die Spannungen auf politischer, wirtschaftlicher und diplomatischer Ebene herauszuarbeiten.

2. Die Präsidentschaft Salvador Allendes - La Vía Chilena

Als Salvador Allende Gossens 1970 gewählt wurde, nahm er zum vierten Mal an einer chilenischen Präsidentschaftswahl teil. Er war der Präsidentschaftskandidat des Linksbündnisses Unidad Popular (UP). Seine ersten Versuche in den Jahren 1952, 1958 und 1964 waren nicht von Erfolg gekrönt. Aber mit jeder gescheiterten Wahl, konsolidierte sich seine Rolle als revolutionärer Führer:

„ En cada una de estas campag ñ as Salvador Allende fue capaz de crear equipos pol í ticos y t é cnicos que fueron proyectando el pensamiento socialista y consolidando la figura del l í der revolucionario. “ 3

Neben seiner Rolle als Revolutionär, vertiefte jede Kandidatur Allendes das sozialistische Denken in Chile weiter. Das Ergebnis seiner langjährigen Bemühungen um das Amt des Präsidenten zeigte sich bei Allendes viertem Versuch bei der Präsidentschaftswahl im Jahr 1970: Am 4. September 1970 wurde Allende mit einer knappen Mehrheit vom chilenischen Volk gewählt. Ein bekennender Marxist, dessen demokratische und friedliche Wahl für viele Chilenen Anlass zur Hoffnung gab, dass es eine Alternative zur gewaltsamen Revolution von unten gibt.4 Sein Wahlversprechen umfasste laut Davis unter anderem, dass die Transformation Chiles in allen Belangen legal und legitim ablaufen solle, dass er diese Transition ohne Gewalt, ohne der Diktatur des Proletariats und ohne Tote im Prozess der Transition vollziehen wolle.5 Die Vía Chilena sollte nach Allende ein friedlicher Umbruch der Gesellschaft werden.

2.1 Umbruch in Chile: Die demokratische Wahl Allendes 1970

Der Umbruch der chilenischen Gesellschaft durch Salvador Allende sollte mit einer denkbar knappen Wahl beginnen. Da der amtierende Präsident der Christdemokraten (Democracia Cristiana, DC), Eduardo Frei Montalva, auf Grund verfassungsrechtlicher Bestimmungen nach sechs Jahren Amtszeit nicht direkt im Anschluss an seine Amtszeit an der Wahl teilnehmen durfte, nominierte die DC Radomiro Tomic Romero als ihren Präsidentschaftskandidaten. Er war Teil des linken Flügels der DC. Die konservative rechte Nationalpartei (Partido National, PN) wählte Jorge Alessandri Rodríguez zu ihrem Präsidentschaftskandidaten, da er sich bereits als Präsident zwischen 1958 und 1964 verdient gemacht hatte. Salvador Allende ging für das Linksbündnis UP in das Rennen um die Präsidentschaft.6 Dieses Linksbündnis, bestehend „aus Sozialisten, Kommunisten, Radikaler Partei, Mapu (Movimiento de Acción Unitaria) und Christlicher Linker (Izquierda Cristiana), war in sich politisch und ideologisch heterogen (...).“7 und nahm den Platz der Frente de Acción Popular (FRAP) ein, für die Allende im Jahr 1964 als Präsidentschaftskandidat angetreten war.8

Allende gewann die Präsidentschaftswahl mit 36, 3 Prozent aller Stimmen, knapp vor dem konservativen Alessandri, der 34,9 Prozent holte. Tomic erreichte 27,8 Prozent der Stimmen.9 In absoluten Zahlen erreichte Allende nur rund 39.000 Stimmen mehr als sein konservativer Gegner. Weil keiner der Kandidaten im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit erzielte, gibt die chilenische Verfassung das Wahlrecht an den Kongress weiter.10 Zwar hätte sich der Kongress für Alessandri - und somit gegen den vom Volk gewählten Kandidaten - entscheiden können, auf Grund der fest verankerten Tradition in der chilenischen Demokratie, bestätigte der Kongress am 24. Oktober 1970 Allende als Wahlsieger, also denjenigen mit der Mehrheit aus dem ersten Wahlgang.11 De Vylder stellt zudem fest, dass die Wahlbasis von Tomic, zumindest in einigen Aspekten, mit der von Allende übereinstimmte: „Tomic’s electoral platform coincided, at least formally, in many vital aspects with that of Salvador Allende, (...).“12 Für De Vylder ist klar, dass im Falle eines Zweikampfes zwischen dem rechten Kandidaten Alessandri und dem linken Kandidaten Allende, ohne Teilnahme der DC mit einem ähnlich dem radikalen Programm der UP, ein Großteil der Stimmen an Allende gegangen wären.13

Das chilenische Volk hatte sich für Allende entschieden, der den friedlichen Weg zum Sozialismus einschlagen wollte. Jedoch zeigte sich schon in den Wochen bis zur Ratifizierung durch den Kongress dass ein „(...) Marxist, if elected, can be permitted to take office, albeit not without certain difficulties.“14 Die Geschehnisse vor der Bestätigung, die Allende von seinem Amtsantritt abhalten sollten, gaben bereits einen Einblick auf das, was noch kommen sollte. Dazu kam, dass die DC und die PN zusammen 89 von 150 Abgeordnete im Parlament, außerdem hatten die Parteien gemeinsam die Mehrheit im Senat.15

Auch die Polarisierung der Gesellschaft im Laufe der Präsidentschaft von Allende konnten genaue Beobachter ahnen: Zum einen vertrat die Linke, vor allem die Partido Socialista (PS) unter Parteichef Carlos Altamirano, die Politik des avanzar sin transar. Das bedeutet, dass die Linke ohne Rücksicht auf Verluste in ihrer Politik voranschreiten wollte. Die konservativen Rechten hingegen waren von Freis Reformpolitik zwischen 1964 bis 1970 verschreckt und nahmen eine klare Position gegen die geplanten Reformen der Regierung Allende ein. Die Polarisierung äußerte sich laut Nohlen durch das „Freund-Feind-Denken“ und „auf der Basis kompletter, sich gegenseitig ausschließender Gesellschaftsmodelle“, für die die jeweiligen Parteien bei der Präsidentschaftswahl im Jahr 1970 standen.16

2.2 Ein friedlicher Weg zum Sozialismus: Ziele der Regierung Allende

Das Hauptziel der Regierung Allende war der friedliche Übergang zum Sozialismus, allgemein auch bekannt als ‚Vía Chilena’ - der chilenische Weg. Die Strategie Allendes war, dass Revolution ein Prozess der strukturellen Transition sei und nicht von Wirtschaftswachstum oder -entwicklung. Er machte seine Politik des friedlichen Übergangs zum Sozialismus also nicht von der Wirtschaftlichkeit abhängig.

Diese Transformation sollte hauptsächlich durch zweilReformschwerpunkte getragen werden.

[...]


1 Ohne Autor: Allende: Großes Experiment. In: Der Spiegel, Hamburg 9.11.1970. S.146.

2 Harmer, Tanya. Allende’s Chile and the Inter-American Cold War. The New Cold War History. Chapel Hill 2011. S.2

3 Nolff, Max. Salvador Allende: El Político, El Estadista. Bibliografía Comentada Y Temática de Más 200 Libros. Santiago 1993. S.52.

4 Harmer 2011, S.3.

5 Davis, Nathaniel: The Last Two Years of Salvador Allende. Ithaca 1985. S.Preface.

6 Ebd. S.4f.

7 Nohlen, Dieter: Der Chilenische 11. September: 30 Jahre Danach. In: Lateinamerika Analysen 6 (2003). S.98.

8 Davis 1985, S.4f.

9 Spence, Jack: Class Mobilization and Conflict in Allende’s Chile: A Review Essay. In: Politics & Society 8 (1978). S.139.

10 Davis 1985, S.5

11 Nohlen Dieter 2003, S.105.

12 De Vylder, Stefan. Allende’s Chile: The Political Economy of the Rise and Fall of the Unidad Popular. Cambridge 1976. S.28.

13 Ebd. S.28 .

14 Ebd. S.31.

15 Nohlen 2003, S.98.

16 Ebd. S.108.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Allendes Chile und die Regierung Nixon. Der chilenische Staatstreich von 1973 im interamerikanischen Kontext
Untertitel
War die sozialistische Regierung Chiles ohne Unterstützung der USA von Beginn an zum Scheitern verurteilt?
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
20
Katalognummer
V296382
ISBN (eBook)
9783656950981
ISBN (Buch)
9783656950998
Dateigröße
1036 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
allendes, chile, regierung, nixon, staatstreich, kontext, chiles, unterstützung, beginn, scheitern
Arbeit zitieren
Lea Hemetsberger (Autor), 2015, Allendes Chile und die Regierung Nixon. Der chilenische Staatstreich von 1973 im interamerikanischen Kontext, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/296382

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