Blickt man, ausgehend vom 21. Jahrhundert zurück in die Rezeptions- und Wirkungsgeschichte der Werke Friedrich Hölderlins, so scheint den interessierten Leser die ungeheuere Vielfalt an Texten, an Auslegungen und Interpretationen zu erschlagen. War man im 19. Jahrhundert noch damit beschäftigt, die ungeheure Fülle literarischen Materials zu ordnen und zu chronologisieren, setzte erst mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts eine zunehmende Faszination und Begeisterung für seine Werke, aber auch vor allem für Hölderlin selbst als dichterische Existenz ein. Das Exklusiv-Schwierige, die Dunkelheit in vielen Gedichten, ausgelöst durch sich verstärkende Schübe der Geisteskrankheit spiegeln sich in mannigfaltigen Chiffren und Netzwerken wieder. Die Folge war die Nutzung seiner Schriften in unterschiedlichsten ideologischen Zusammenhängen. Jochen Faust beschreibt diese Entfremdung, bzw. stark reduzierende, einseitige Perspektive farblich sehr treffend mit dem „idealischen Licht des Georgekreises über Heideggers Erdbraun, die schwärzliche Restaurationsgestalt der 50er Jahre, bis zum roten Knalleffekt von 1968“.
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In der folgenden Ausarbeitung soll nun, der Problematik der Hölderlin-Forschung bewusst versucht werden das Selbstverständnis Hölderlins als Dichter in einem engen Zeitausschnitt anhand zweier Gedichte zu untersuchen. Zugrunde gelegt wird eine Hermeneutik im Sinne eines dreidimensionalen Ansatzes (vgl. Beyer/ Brauer 2000), die das Leben (Realgeschichte), Dichten (visionäre Wahrnehmung und Darstellung) und Denken (Reflektion) des Dichters in einer zusammenfassenden Analyse untersuchen soll. Entscheidend wird es um die Fragen gehen, welche Rolle Napoleon für Hölderlin spie lte und welche Position er seiner eigenen Person im geschichtlichen Rahmen dabei einräumte. Hierbei soll auch das zunehmende Spannungsfeld zwischen den eigenen Idealen und der tatsächlich erlebten Wirklichkeit in Deutschland Gegenstand der Betrachtung sein. Die ausgewählten Gedichte bieten sich durch ihre besondere Eigenreflexion hier- für besonders an. Die französische Revolution (1789) als zentrales und prägendes Ereignis des 18. Jahrhunderts mit Einflüssen im gesamten europäischen Raum steht im Blickfeld der Realgeschichte (Leben) Hölderlins und soll im Folgenden kurz skizziert werden. Die verwendeten Gedichte stammen bevorzugt aus der Frankfurter Hölderlin Ausgabe und werden im Folgenden, außer abweichend, nicht extra gelistet.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Entwicklung/ Bezug zur französischen Revolution
2.1 Historischer Hintergrund
2.2 Intentionsansätze/ realgeschichtliche Verarbeitungsbezüge
3. Textbezogene Überlegungen
3.1 Buonaparte
3.2 Dem Allbekannten
4. Fazit/ Schluss
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die Arbeit untersucht das Selbstverständnis von Friedrich Hölderlin als Dichter im historischen Kontext der französischen Revolution und seine Auseinandersetzung mit der Figur Napoleons anhand ausgewählter Zeitgedichte. Ziel ist es, die Diskrepanz zwischen Hölderlins poetischen Idealen und der realgeschichtlichen Entwicklung sowie seine Positionierung als Vermittler zwischen Zeitgeschichte und visionärer Darstellung zu analysieren.
- Hölderlins Selbstverständnis als Dichter und prophetischer Verkünder
- Einfluss der französischen Revolution auf Hölderlins geschichtsphilosophische Anschauung
- Die Figur Napoleons als Projektionsfläche für Hoffnungen und gesellschaftliche Ideale
- Poetologische Reflexionen in den Gedichten "Buonaparte" und "Dem Allbekannten"
- Spannungsfeld zwischen dichterischer Vision ("Dichten") und realer Wirklichkeit ("Leben")
Auszug aus dem Buch
3.1 Buonaparte
Schon die ganz im Zeichen des historischen Vorbildes Pindar stehende, beabsichtigte formale Gestaltung des Gedichtes in Form einer durchstrukturierten Ode (ähnlich anderen Hölderlin Odenversen mit eingerücktem Text) lässt auf die Inhaltsintention schließen, die sich ganz entsprechend in den Kanon der Heldenpreisungen einreiht. Die Inhaltsproblematik führte, wie sich später zeigen wird jedoch zu einer Ode mit epigrammatischem Charakter, die in ihrer Form fragmentarisch bleibt. Insbesondere durch das formal unvollendete, fragmentarische wird der Gepriesene noch erhöht indem implizite, nicht zu füllende Leerstellen gelassen werden.
Beginnend mit der Inhaltsanalyse weist schon die erste Verszeile, „Heilige Gefäße sind die Dichter“ einen hohen Reflektionsgrad auf, da sie formuliert als hypothetische Feststellung, auf den Dichter selbst referiert. Hölderlin trifft selbstbewusst eine All-Aussage, die ihn zum einen in seiner Funktion als Dichter charakterisiert und zum anderen in den Kontext seiner Berufskollegen stellt bzw. ihn selbst in eine Dichter-Gemeinschaft integriert. Neben dem positiv integrativen Charakter der Aussage rückt Hölderlin vor dem Hintergrund des visuellen, antiken Strophenmaßes seine Dichtung in den traditionellen Charakter des pindarischen Heldenpreisens. Wesentlicher und zutiefst problematischer Unterschied zu Pindar ist der verschiedene, zeitliche Kontext der beschrieben Taten. Pindar berichtet von abgeschlossenen, finalen Gegebenheiten in der Vergangenheit, Napoleon, der in diesem Fall Hölderlins Heros darstellt, lebt jedoch in seiner unmittelbaren Gegenwart. Grundsätzlich ist somit eine immanente Fehlbarkeitsmöglichkeit in Zukunftsfragen gegeben.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Darstellung der Forschungsgeschichte zu Hölderlin und Einführung in die methodische Herangehensweise zur Untersuchung des Selbstverständnisses anhand zweier Gedichte.
2. Entwicklung/ Bezug zur französischen Revolution: Analyse der historischen Lage in Deutschland und Hölderlins veränderte Sicht auf den Revolutionsgedanken im Kontext politischer Entwicklungen.
2.1 Historischer Hintergrund: Skizzierung der sozioökonomischen und politischen Situation im Deutschland des späten 18. Jahrhunderts unter dem Eindruck der Koalitionskriege.
2.2 Intentionsansätze/ realgeschichtliche Verarbeitungsbezüge: Untersuchung der brieflichen Zeugnisse und der hymnischen Verarbeitung realgeschichtlicher Bezüge durch Hölderlin.
3. Textbezogene Überlegungen: Detaillierte Analyse der Gedichte "Buonaparte" und "Dem Allbekannten" hinsichtlich ihrer poetologischen und inhaltlichen Struktur.
3.1 Buonaparte: Interpretation der Ode als Auseinandersetzung mit der Rolle des Dichters als Gefäß und der prophetischen Einschätzung Napoleons.
3.2 Dem Allbekannten: Untersuchung der späteren Fassung und der darin enthaltenen Resignation sowie der fortwährenden Suche nach einem geschichtlichen Hoffnungsträger.
4. Fazit/ Schluss: Zusammenfassende Betrachtung der poetologischen Reflexion als zentrales Moment, die die Kluft zwischen Leben und Dichten in Hölderlins Schaffen verdeutlicht.
Schlüsselwörter
Friedrich Hölderlin, Napoleon, französische Revolution, Zeitgedichte, Buonaparte, Dem Allbekannten, poetologische Reflexion, Geschichtsphilosophie, Dichterrolle, Ideal und Wirklichkeit, Rezeptionsgeschichte, Epochenumbruch, Mythos, Prophetie, deutsche Klassik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht Hölderlins Selbstverständnis als Dichter im Kontext der dramatischen gesellschaftspolitischen Umbrüche durch die Französische Revolution und die aufkommende Figur Napoleons.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Themen umfassen die Rolle des Dichters als "Gefäß" und Vermittler, die geschichtsphilosophische Verarbeitung von Kriegen sowie die Diskrepanz zwischen ästhetischen Idealen und der historischen Realität.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Analyse der Positionierung Hölderlins und der Frage, wie er seine eigene Person und sein dichterisches Schaffen in den geschichtlichen Rahmen der Ära Napoleon einordnete.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine hermeneutische Analyse angewandt, die einen dreidimensionalen Ansatz verfolgt: das Leben (Realgeschichte), das Dichten (visionäre Wahrnehmung) und das Denken (Reflektion) des Autors.
Welche Gedichte stehen im Fokus des Hauptteils?
Im Hauptteil werden die Gedichte "Buonaparte" und "Dem Allbekannten" detailliert analysiert, um die Entwicklung von Hölderlins Napoleon-Bild und seiner poetologischen Eigenreflexion nachzuzeichnen.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit lässt sich am besten durch Begriffe wie poetologische Reflexion, geschichtsphilosophische Entwicklung, prophetische Dichtung und das Spannungsverhältnis zwischen Ideal und Wirklichkeit beschreiben.
Wie bewertet Hölderlin in "Buonaparte" seine eigene Rolle?
Hölderlin definiert den Dichter als "heiliges Gefäß", das den Geist des Helden aufbewahrt, ohne ihn aktiv zu zerstören, was eine Gratwanderung zwischen objektiver Vermittlung und subjektivem Anspruch darstellt.
Welche Rolle spielt die geschichtliche Enttäuschung in "Dem Allbekannten"?
Das Gedicht spiegelt Hölderlins zunehmende Ernüchterung wider, da die realpolitischen Erwartungen an Napoleon und einen versöhnenden Frieden nicht erfüllt wurden, was zu einer resignativeren, aber weiterhin suchenden Haltung führt.
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- Philipp Schaubruch (Author), 2004, Hölderlin, Selbstverständnis und Positionierung im Hinblick auf die Figur Napoleons zwischen 1796-1800 anhand zweier Zeitgedichte, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/29690