Das Stresserleben von Jugendlichen unter Berücksichtigung der gesundheitlichen Folgen und die Darstellung von Handlungsmöglichkeiten


Seminararbeit, 2004
40 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die Lebensphase Jugend
1.1 Dimensionen des Begriffes Jugend
1.2 Die historische Entwicklung der Lebensphase Jugend
1.3 Psychologische Kriterien zur Eingrenzung der Lebensphase Jugend
1.3.1 Abgrenzung Kindheitsphase - Jugendphase
1.3.2 Abgrenzung Jugendphase - Erwachsenenphase
1.4 Soziologische Aspekte von Jugend
1.4.1 Abgrenzung Kindheitsphase – Jugendphase
1.4.2 Abgrenzung Jugendphase – Erwachsenenphase
1.5 Theorien zur Jugendforschung
1.5.1 Die strukturfunktionalistischen und rollentheoretischen Ansätze
1.5.2 Die entwicklungspsychologischen und psychodynamischen Ansätze 11
1.5.3 Die systemtheoretisch-ökologischen Ansätze
1.5.4 Die reflexiv-handlungstheoretischen Ansätze

2. Stress
2.1 Stresstheoretische Grundlagen
2.2 Die Entwicklung des Stressbegriffes
2.3 Die kognitiv-transaktionale Stresstheorie
2.4 Die Theorie der Ressourcenerhaltung
2.5 Der Stressansatz von Pearlin
2.6 Die Messung von Stress

3. Die Lebenslage Jugendlicher
3.1 Das Bildungssystem
3.2 Der Freizeit- und Konsumbereich
3.3 Die Familie
3.4 Formen der Spannungsregulation
3.5 Stress als mögliche Ursache von Erkrankungen
3.6 Psychosoziale Belastungen als mitverursachende Faktoren
3.6.1 Gesundheitsrelevante Verhaltensweisen
3.7 Psychosoziale Belastungen als entscheidende Faktoren

4. Psychosoziale Hilfsmöglichkeiten für Jugendliche
4.1 Soziale Unterstützung und Netzwerke von Jugendlichen
4.2 Professionelle Beratung

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

Einleitung

Stress ist in der heutigen Zeit ein vielfach verwendeter Begriff, der umgangssprachlich oft mit ganz anderen Inhalten belegt ist, als in der Fachsprache. Mir ist allerdings aufgefallen, dass überwiegend „Erwachsene“ von und über Stress sprechen und im Alltag fast völlig untergeht, dass auch andere Altersgruppen mit diesem Phänomen konfrontiert sind. Das ist der Grund, warum ich mich in dieser Ausarbeitung mit dem Stresserleben von Jugendlichen und den möglichen gesundheitlichen Auswirkungen beschäftige, sowie eventuelle Bewältigungsmöglichkeiten aufzeige.

Ausgehend von der Auffassung, dass die Lebensphase Jugend historisch gesehen starken Veränderungen unterlegen war und immer noch ist, und heute als ein sehr komplexer und grundlegender Abschnitt des Lebens angesehen werden kann, wende ich mich im ersten Teil dieser Arbeit dem Versuch zu, den Begriff Jugend zu untersuchen und terminologisch und zeitlich einzugrenzen. Dabei geht es auch um eine Übersicht der Theorieansätze zum Thema Jugend, die sowohl soziologische als auch entwicklungspsychologische Aspekte umfasst. Im zweiten Kapitel beschäftige ich mich mit dem Thema Stress und stelle hier die verschiedenen Stresstheoretischen Ansätze vor. Explizit zu nennen ist hier der Ansatz von Lazarus, der Ansatz von Hobfoll und der Ansatz von Pearlin. Weitergehend beinhaltet das zweite Kapitel einen Abschnitt über die Möglichkeiten der Messung von Stress. Im dritten Kapitel sind die verschiedenen Erscheinungsformen von Stress unter besonderen Hinblick auf die Auswirkungen auf Jugendliche Thema. Kapitel 4 beinhaltet eine Darstellung und Erläuterung der Bewältigungsmöglichkeiten und Handlungsregulationen von Stress.

1. Die Lebensphase Jugend

Die Lebensphase Jugend steht heute verstärkt im Interesse der Sozialforschung. Diese Entwicklung hat ungefähr erst zum Ende der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts begonnen. Bis zu dieser Zeit sprach man von der Kindheit, als der dem Erwachsensein vorgelagerten Phase. Diese Phase der Entwicklung war unterteilt in eine frühe und späte Phase und diese späte Phase wurde als Jugend bezeichnet. Sie wurde aber eben nur als Endphase der Kindheit betrachtet. Hier zeigt sich schon, dass der Begriff Jugend thematisch sehr unterschiedlich belegt ist, und einem fast grundlegenden Wandel in der inhaltlichen Bedeutung ausgesetzt war und immer noch ist. Hurrelmann verweist auf die Arbeiten von Gillis, der deutlich gemacht hat, dass „die Definition der Lebensphase Jugend von ökonomischen, kulturellen und sozialen Vorgaben in der Geschichte abhängig ist“ (Gillis 1980) (Hurrelmann 1999 S.26).

Als Phase der körperlichen und geistigen Entwicklung bedeutet die Jugendphase, ähnlich wie bei anderen Lebensphasen für die einen eine überwiegend positive Zeitspanne, für die anderen ist sie mit teilweisen sehr großen Problemen im persönlichen, familiären und außerfamiliären Bereich verbunden (vgl. Oerter, Montarda 1998, S. 310). Umgangssprachlich wird mit der Jugend bzw. dem Jugendalter der Übergang von der Kindheit zum Erwachsensein beschrieben. Es handelt sich also um Periode des Übergangs von der Lebenswelt des Kindes in die Welt des Erwachsenen. Oerter spricht in diesem Zusammenhang von einer „Zwischenposition, die beides umfasst: Verhaltensformen und Privilegien der Kindheit aufzugeben und Merkmale/Kompetenzen zu erwerben, die Aufgaben, Rollen und Status des Erwachsenen begründen“ (Oerter, Montarda 1998, S. 310).

Hurrelmann geht weiter und beschreibt die Lebensphase Jugend als einen „turbulenten und belastenden, aber auch als einen besonders anregenden und ertragreichen Abschnitt im Lebenslauf, der ausschlaggebende Bedeutung für die anschließenden Lebensphasen besitzt“ (Hurrelmann 1999, S. 11).

1.1 Dimensionen des Begriffes Jugend

Der Begriff der Jugend begegnet uns in den verschiedensten Dimensionen und ist mit unterschiedlichen Inhalten belegt. Folgende Aufstellung nach Weber soll die verschiedenen Bedeutungen des Begriffs Jugend verdeutlichen:

- Jugend kann als Entwicklungsstadium im individuellen Lebenslauf gesehen werden,
- Jugend kann Altersgenossen bezeichnen, die Teil der Gesamtbevölkerung einer Gesellschaft oder eines Kulturkreises sind,
- Jugend werden als Kohorten innerhalb des historischen Wandels wahrgenommen, wie bspw. die kritische 68er Protest-Generation oder die Alternativ-orientierte Jugend der 80er Jahre,
- Jugend wird auch als Ideal oder Idol angesehen und stellt somit ein Leitbild oder einen Wertebegriff dar.

Oerter und Dreher nennen noch weitere Dimensionen, wie die „soziale Differenzierung“ oder die „geschlechtsspezifischen Typisierungen“ (vgl. Oerter, Montarda 1998).

1.2 Die historische Entwicklung der Lebensphase Jugend

Die Entwicklung der Abgrenzung der einzelnen Lebensphasen ist meiner Auffassung nach im historischen Kontext zu sehen, da hier unter anderem der Schlüssel für das Verständnis dieser Herausbildung eigenständiger Phasen in der Entwicklung des Menschen vom Neugeborenen hin zum Erwachsenen bzw. Greis liegt. Auf der Grundlage der vorindustriellen Gesellschaftsform, also der agrarwirtschaftlich geprägten Großfamilie, wurde, wie unter Punkt 1.1 erwähnt, nur zwischen Kindheit und Erwachsensein unterschieden. Die täglichen Aufgaben und die Sozialkontakte bei Kindern und Erwachsenen waren weitgehend ähnlich strukturiert und Kinder galten als so etwas wie eine „Miniaturausgabe“ von Erwachsenen. Die ab dem 18. Jahrhundert in Europa einsetzende Industrialisierung und die damit einhergehenden einschneidenden Veränderungen gerade in den sozialen Lebensbereichen der Menschen führten zu einer Trennung der Tätigkeitsbereiche von Kindern und Erwachsenen. Immer mehr griff die Erwerbstätigkeit außerhalb des Familienverbundes um sich, und verlagerte gerade die erzieherischen, religiösen und politischen Aktivitäten in besondere soziale Systeme außerhalb der Familie. Als Folge davon kam es hier zu einer Trennung der Handlungsabläufe von Kindern und Erwachsenen. Jaide bezeichnet diesen Vorgang als einen Prozess „der sozialen „Entmischung“ der Generationen“ (Hurrelmann 1999, S.27) und verweist darauf, dass dieser Prozess durch die Errichtung und Verbreitung des allgemeinen Schulwesens ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, massiv unterstützt wurde. Gerade durch das sich neu formierende und weiter entwickelnde System der Berufsausbildung entstanden für die Kinder spezielle Lebensräume, die sich teilweise erheblich von denen der Eltern unterschieden. Eine eigenständige Jugendphase hat sich also ab dem Zeitpunkt etabliert, als es notwendig geworden war, den gestiegenen Qualifikationsanforderungen der neuen beruflichen Tätigkeiten in Form von spezieller Ausbildung Rechnung zu tragen. In diesem Zusammenhang wurde die Jugendphase „zur Zeitspanne, die von Erwerbsarbeit freisetzt und den institutionellen Zugang zu Ausbildung und Vorbereitung auf Anforderungen der Lebensbewältigung ermöglicht“ (Oerter, Montarda 1998 S. 311). Es lässt sich somit festhalten, dass die bewusste Ausdifferenzierung der Phasen der Kindheit und der Jugend innerhalb des menschlichen Lebenslaufes weitgehend auf die Entwicklung der Industrialisierung und der damit einhergehenden Veränderungen im politischen, kulturellen und sozialen Bereich zurückzuführen ist. Allerdings ist zu berücksichtigen, dass die Lebensphase Jugend nicht nur im soziohistorischen Kontext zu betrachten ist, sondern unter anderem auch die Aspekte der Psychologie, Pädagogik, Biologie und Medizin, wie es unter Punkt 1.3 angestrebt ist , nicht vergessen werden dürfen.

1.3 Psychologische Kriterien zur Eingrenzung der Lebensphase Jugend

Nach der Darstellung wann und warum sich die eigenständige Lebensphase Jugend gebildet hat, und als solche auch wahrgenommen wurde, geht es in diesem Abschnitt um die Abgrenzung dieser Phase von dem vorangehenden- bzw. folgenden Abschnitten der Entwicklung des Menschen. Anhand der Darstellung der psychologischen Aspekte, stelle ich die dafür notwendigen Zusammenhänge dar.

1.3.1 Abgrenzung Kindheitsphase – Jugendphase

Aus der Sicht der Entwicklungspsychologie und der Persönlichkeitspsychologie sprechen einige Gesichtspunkte dafür, zwischen der Kindheit und der Jugend eine Abgrenzung vorzunehmen.

Der Beginn der Pubertät ist ein einschneidender Moment in der individuellen Entwicklung eines jeden Menschen, markiert sie doch ein plötzliches Ungleichgewicht innerhalb der psychologischen und physiologischen Struktur der Persönlichkeit. Aufgrund dieser hormonellen und körperlichen Veränderungen ist eine entsprechende Assimilierung auf der physiologischen, seelischen und sozialen Ebene notwendig. Oerter und Montarda sprechen in diesem Zusammenhang von einer „Neuprogrammierung“ der psychologischen, physiologischen und sozialen Systeme, um auf die geänderten körperlichen Funktionen und damit zum Teil verbundenen veränderten Umweltbedingungen reagieren zu können (vgl. Oerter, Montarda 1998). Obwohl natürlich auch in der Phase der Kindheit Veränderungsprozesse vielfältiger Art stattfinden, unterscheiden sich diese beiden Abschnitte dadurch, dass eine Bewältigung, der mit der Pubertät einhergehenden Veränderungen nur dann gelingen kann, wenn ein gewisser Ablösungsprozess von den primären Bezugspersonen, meistens Mutter und Vater stattfindet. Standen während der Kindheit noch die Imitation der Eltern und die Identifikation mit ihnen als psychische Mechanismen im Vordergrund, so findet in der Jugendphase eine Distanzierung und die Entwicklung eigenständiger Aufarbeitungsmechanismen statt. Im Hinblick hierauf erscheint es sinnvoll zwischen der Kindheit und der Jugend aus psychologischer Sicht eine Trennung vorzunehmen. Oerter weist in diesem Zusammenhang daraufhin, dass die „Fähigkeiten zur Bewältigung von Lebenssituationen (Hurrelmann 1999, S.32)“ über den gesamten Lebenslauf hinweg dynamisch entwickelt werden müssen. Dementsprechend lassen sich für die verschiedenen Lebensphasen entwicklungstypische Kompetenzen diagnostizieren, deren Herausbildung als eine Voraussetzung für die Bewältigung der folgenden Entwicklungsschritte zu sehen ist.

Um diesen Sachverhalt zu beschreiben, hat sich in der Entwicklungspsychologie der Begriff der „Entwicklungsaufgabe“ durchgesetzt, der nach Hurrelmann für ein Konzept steht, dass er so definiert: „Unter Entwicklungsaufgabe werden die psychisch und sozial vorgegebenen Erwartungen und Anforderungen verstanden, die an Personen in einem bestimmten Lebensabschnitt gestellt werden (Hurrelmann 1999, S.33)“. Allerdings ist noch darauf hinzuweisen, dass diese Entwicklungsaufgaben nicht isoliert nebeneinander stehen, sondern sich gegenseitig tangieren und auch ineinander übergehen. Das „erfolgreiche“ bewältigen einer Entwicklungsaufgabe kann als eine Voraussetzung für weitere Entwicklungsaufgaben gesehen werden. Aufbauend auf diesem Konzept formuliert Hurrelmann folgende Entwicklungsaufgaben für Jugendliche in der Gegenwart:

- Entwicklung einer intellektuellen und sozialen Kompetenz, mit dem Ziel selbstverantwortlich schulische und berufliche Qualifikationen zu erwerben, um eine berufliche Erwerbsarbeit zu erlangen. Sie wird als ökonomische und finanzielle Grundlage für eine eigenständige Existenz gesehen,
- Entwicklung einer eigenen Geschlechterrolle und eines sozialen Bindungsverhaltens zu Gleichaltrigen beider Geschlechter als Grundlage für den Aufbau einer Partnerbeziehung mit dem eventuellen Ziel der Fortpflanzung und Erziehung eigener Kinder,
- Entwicklung eines eigenen Wert- und Normsystems, sowie eines politischen und ethischen Bewusstseins. Dabei sollte eine Übereinstimmung mit dem eigenen Handeln angestrebt werden, um auch langfristig eigenverantwortliches Handeln zu ermöglichen,
- Entwicklung eigener Handlungsmuster zur Nutzung des Konsumwarenmarktes und des Freizeitmarktes. Ziel ist hier, einen eigenen Lebensstil zu entwickeln und zu einem unabhängig gestalteten, und an eigenen Bedürfnissen orientierten Umgang mit der Angebotsvielfalt zu gelangen (vgl. Palentin 1997).

Anhand dieser Aufstellung wird noch einmal deutlich, dass die Entwicklungsaufgaben in der Jugendphase sich erheblich von denen in der Kindheitsphase unterscheiden. Geht es in der Kindheit unter anderem auch um die „Entwicklung elementarer kognitiver und sprachlicher Kompetenzen, die Erstentwicklung sozialer Kooperationsformen und moralischer Grundorientierung (Hurrelmann 1999 S.34)“, so sind diese Aufgaben in mancher Hinsicht als Grundlage für die Entwicklungsaufgaben der Jugendphase zu sehen. In der Jugendphase geht es unter dem Aspekt der Persönlichkeitsentwicklung zum ersten Mal in der Biographie um die bewusstseinsfähige Entwicklung eines eigenen Selbstbildes und einer Ich-Empfindung.

Dementsprechend ist die Jugendphase als ein Lebensabschnitt zu sehen, der im Vergleich mit der Kindheitsphase einen markanten Sprung in der Entwicklung der eigenen Persönlichkeit aufweist. Palentin spricht in diesem Zusammenhang in Anlehnung an das Konzept von Havinghurst von der Phase der Adoleszenz, die „sowohl durch den Prozess der Individualisierung als auch der Integration gekennzeichnet (Palentin 1997, S.15)“ ist.

1.3.2 Abgrenzung Jugendphase – Erwachsenenphase

Der Übergang aus der Jugendphase in die Erwachsenenphase scheint vollzogen, wenn die unter Punkt 2.2.1 Entwicklungsschritte bewältigt worden sind. Am Ende dieser Bewältigung soll dann die „Selbstbestimmungsfähigkeit“ des Individuums erreicht sein. Anders ausgedrückt ist „die Fähigkeit ausgeprägt, auf Anforderungen von „ innen“ (Körperveränderung usw.) und von „außen“ (durch die Umwelt) wirksam und eigenständig einzugehen“ (Hurrelmann 1999, S. 35). Aus entwicklungspsychologischer Betrachtungsweise ist das Augenmerk daraufgerichtet, ob die teilweise sehr unruhige „Such- und Tastphase“ (Hurrelmann 1999, S.35) auf dem Gebiet der körperlichen, psychischen und sozialen Entwicklung zu einem vorläufigem Ende gekommen ist. Hier ist wiederum eine Voraussetzung erreicht, um von den Erwachsenen als Erwachsener anerkannt zu werden. Kennzeichnend für das Erreichen dieses Stadiums ist die „psychische und soziale Ablösung von den eigenen Eltern“ (Hurrelmann 1999, S.35). Allerdings ist in diesem Kontext keinesfalls eine Trennung gemeint, sondern das Bemühen, eine neudefinierte, abgeklärte Beziehung zu den Eltern herzustellen, das die durchlebten Veränderungen reflektiert. Anhand dieser Sachverhalte wird deutlich, dass die Abgrenzung der Jugendphase von dem Lebensabschnitt des Erwachsensein weitaus schwieriger ist, als es bei der Kinder- und Jugendphase der Fall ist, fehlt hier doch als Äquivalent der Zeitraum der beginnenden Geschlechtsreife. Dementsprechend lässt sich hier kaum eine an das Lebensalter gekoppelte Spanne angeben. Hat man kulturabhängig von einer Phase zwischen dem 18. und dem 21. Lebensjahr gesprochen, so lässt immer deutlicher feststellen, dass heutzutage immer breitere Kohorten der jugendlichen Bevölkerung einen längeren Zeitraum für diese Entwicklung benötigen.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Jugendphase gekennzeichnet ist als ein Prozess, in dem eine „selbstständige und bewusste Individuation, also der Entwicklung einer besonderen und unverwechselbaren Persönlichkeitsstruktur“ (Hurrelmann 1999, S.36) stattfindet. Eng verbunden mit diesem Prozess ist die Herausbildung einer eigenen Identität, die es ermöglicht über verschiedenste biographische Einzelschritte hinweg, eine „Kontinuität des Selbsterlebens“ (Hurrelmann 1999, S.36) zu entwickeln und zu bewahren.

1.4 Soziologische Aspekte von Jugend

Nach Palentin reicht eine rein entwicklungspsychologische Betrachtungsweise der Lebensphase Jugend nicht aus, um der Komplexität dieses Lebensabschnitts gerecht zu werden. Daher gebe ich in diesem Unterkapitel einen Überblick über die soziologischen Kriterien dieser Lebensphase. Eine strikte Trennung von psychologischer und soziologischer Betrachtungsweise ist allerdings nicht angebracht, vielmehr ist eine Verknüpfung sinnvoll und angestrebt.

Ansatzpunkt der soziologischen Sicht ist die individuelle Lebenssituation, die durch diverse Handlungsmöglichkeiten gekennzeichnet ist. Hurrelmann spricht in diesem Kontext auch von dem Übergang von einer sozialen Position in eine andere (vgl. Hurrelmann 1999). Er verwendet die Begriffe „Positions- oder Statuspassage“. Verbunden mit einem solchem Übergang ist immer auch die Vorstellung darüber, ob sich die Positionsinhaber dem neuen Status entsprechend verhalten, und welche Rechte und Pflichten mit diesem sozialen Status verbunden sind. Es wird hier auch von „Statusmerkmalen“ gesprochen. Palentin nennt in Anlehnung an Nunner-Winkler folgende Merkmale:

- Berufswahl,
- Wahl des Lebenspartners,
- Wahl der Familienform, Definition des Kinderwunsches,
- Wahl der religiösen Zugehörigkeit,
- Wahl des Stils der Lebensführung, des politischen Engagements und der Lebensbedeutung (vgl. Palentin 1997).

Waren diese Merkmale in der Vergangenheit stark durch die Trennung der Gesellschaft in Klassen und Schichten vorgegeben, so sind sie heute der relativ freien Entscheidung des Individuums unterworfen. In den heutigen Industriegesellschaften sind diese, auch als Statusübergänge bezeichneten Schritte, allerdings nicht eindeutig definiert und zeitlich eingegrenzt, nicht zuletzt, weil unterstützende rituelle oder zeremonielle Riten weitgehend verdrängt worden sind.

1.4.1 Abgrenzung Kindheitsphase - Jugendphase

Der Wechsel aus der Kindheit in die Jugend ist aus soziologischer Sicht bestimmt durch eine „schrittweise Erweiterung der Handlungsspielräume, die eine gleichzeitige Rollenvielfalt mit sich bringt“ (Hurrelmann 1999, S.39). Einhergehend mit dieser Vergrößerung der Handlungsspielräume ist die Integration in ein wachsendes und komplexer werdendes Netzwerk sozialer

Erwartungen und Pflichten. Dabei steigt auch die Kompetenz an Interaktionsprozessen aktiv

teilzunehmen. Um diese Schritte zu bewältigen sind ebenfalls die unter 2.3.1 genannten Ent-

wicklungsaufgaben zu lösen. Es handelt sich hierbei um eine Rollenübernahme, die stark untergliedert ist, und sozial bewertet wird, was als Unterschied zur entwicklungspsychologischen Betrachtungsweise gesehen werden kann. Der Jugendliche wird also bezüglich seiner sozialen Akzeptanz und Attraktivität beurteilt, was für ihn eine völlig neue Erlebensdimension darstellt. Da bei der soziologischen Perspektive die biologische Entwicklung etwas im Hintergrund steht, ist eine Festlegung des Übergangs von der Kindheit in die Jugend anhand des Lebensalters nur unter Vorbehalt vorzunehmen. So stellt beispielsweise der Beginn der Schullaufbahn einen entscheidenden Schritt bei der Erweiterung der Handlungsspielräume dar, ist allerdings für sich allein betrachtet nicht ausreichend stark ausgeprägt, um als Übergang in eine weitere soziale Rolle gesehen zu werden. Erst die Hinwendung zu Gleichaltrigengruppen (Peers) und die damit verbundene zaghafte Abwendung von den Eltern bewirkt die nötige Selbstbestimmung. Dementsprechend datiert Hurrelmann diesen Zeitraum etwa zwischen dem 12. und 14. Lebensjahr. Als Hauptunterschied zwischen Kindheit und Jugend ist aus soziologischer Sicht die Entwicklung der Fähigkeit zu sehen, innerhalb der verschiedenen sozialen Handlungsfelder mit unterschiedlichsten Spannungen im Rahmen der Rollenerwartungen umzugehen.

1.4.2 Abgrenzung Jugendphase – Erwachsenenphase

Bei der Abgrenzung der Jugendphase kommt es mehr als bei der Kindheits- und Jugendphase darauf an, inwieweit normativ definierte Teilbereiche der Gesellschaftsstruktur erreicht werden. Hurrelmann listet hierzu 4 Segmente auf:

- die berufliche Rolle, inklusive der ökonomischen Selbstständigkeit,
- die interaktiv-partnerschaftliche Rolle, inklusive der Option der Familiengründung,
- die Rolle als Kulturbürger und Konsument und
- die Rolle als politisch denkender Mensch.

Ist es dem Jugendlichen gelungen, in diesen Bereichen eine entsprechende Handlungsautonomie zu erreichen, ist die Phase des „Erwachsensein“ erreicht. In der überwiegenden Zahl der heutigen Gesellschaften sind die einzelnen Übergänge auf eine weitere soziale Statusstufe an das Erreichen einer bestimmten biologischen Altersstufe gekoppelt, wie bspw. in Deutschland die Volljährigkeit mit dem Erreichen des 18. Lebensjahres und gesetzlich festgelegt. Für eine detaillierte Aufstellung siehe Hurrelmann 1999. In Abhängigkeit von der Komplexität und Differenzierung einer Gesellschaft treten aber Unübersichtlichkeiten und Verwirrungen bezüglich dieser Kopplung auf. Es ist augenscheinlich, dass die bloße Zuschreibung von Altersnormen relativ wenig über die tatsächliche individuelle Lebenssituation des Jugendlichen aussagt und daher sind auch soziale Konventionen zu berücksichtigen, die ebenfalls soziale Teilnahmechancen gewähren.

1.5 Theorien zur Jugendforschung

In diesem Abschnitt gebe ich einen kurzen Überblick über die verschiedenen Theorieansätze zum Thema Jugend. Dabei wird die unter Punkt 2.3 und 2.4 gewählte Trennung der Perspektiven (Psychologie und Soziologie) teilweise aufgehoben, da eine Festlegung auf nur eine Sichtweise der Komplexität der Entwicklungsphase Jugend nicht gerecht wird. Hurrelmann nennt vier verschiedene Ansätze, die ich hier kurz skizziere. Diese Darstellung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern soll nur der Orientierung dienen. Als „Klammer“ zur Verbindung der beiden Perspektiven dient die Sozialisationstheorie, deren Ausgangspunkt der Begriff der Sozialisation (Emile Durkheim) ist, der wie folgt definiert werden kann: „Unter dem Begriff Sozialisation wird in der Fachliteratur der Prozess der Entwicklung der Persönlichkeit in Abhängigkeit von und in Auseinandersetzung mit der inneren (Körper und Psyche) und der äußeren Realität (sozialer und ökologischer Umwelt) verstanden (Hurrelmann 1993, S.70)“ (Hurrelmann 1999, S.53). Bei dem Prozess der Sozialisation werden nach Dieter Claessens drei grundlegende Aspekte unterschieden. Es sind dies:

- die Soziabilisierung,
- die Enkulturation,
- die sekundäre soziale Fixierung (vgl. Korte, Schäfers 2002).

Die Sozialisationstheorie bietet gerade durch die Berücksichtigung und Verbindung der Persönlichkeits- und Gesellschaftsentwicklung den notwendigen Rahmen, der einen interdisziplinären Zugang zur Jugendforschung ermöglicht. Unter diesem „Dach“ lassen sich nach Hurrelmann 4 theoretische Traditionen nennen. Es sind dies die strukturfunktionalistischen und rollentheoretischen Ansätze (2.5.1), die entwicklungsbezogenen und psychodynamischen Ansätze (2.5.2), die systemtheoretisch-ökologischen Ansätze (2.5.3) und die reflexiv-handlungstheoretischen Ansätze (2.5.4).

[...]

Ende der Leseprobe aus 40 Seiten

Details

Titel
Das Stresserleben von Jugendlichen unter Berücksichtigung der gesundheitlichen Folgen und die Darstellung von Handlungsmöglichkeiten
Hochschule
Hochschule Bremen
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
40
Katalognummer
V29698
ISBN (eBook)
9783638311502
ISBN (Buch)
9783638703109
Dateigröße
577 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Stresserleben, Jugendlichen, Berücksichtigung, Folgen, Darstellung, Handlungsmöglichkeiten
Arbeit zitieren
Stefan Maschack (Autor), 2004, Das Stresserleben von Jugendlichen unter Berücksichtigung der gesundheitlichen Folgen und die Darstellung von Handlungsmöglichkeiten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/29698

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