„Eine Darstellung der Grundgedanken der Humeschen Philosophie mit dem
Problem der Kausalität zu beginnen, hat eine lange und mittlerweile geradezu
ehrwürdige Tradition, welche sich (mindestens) bis auf Kant zurückführen
läßt.“ (Bong 1998, S. 283)
Tatsächlich gibt Kant in den Prolegomena nicht nur über Humes Hilfe bei der Erweckung
aus seinem „dogmatischen Schlummer“ (Kant 1968b, A12) Auskunft. Desweiteren
ist dort auch zu erfahren, dass Humes Metaphysik Kants Meinung nach
vorrangig der Frage nachging, wie „etwas so beschaffen sein könne, daß, wenn es
gesetzt ist, dadurch auch etwas anderes notwendig gesetzt werden müsse“ (Kant
1968b, A7). Im Vertrauen auf Kants Urteil sollte mit der Frage nach der Notwendigkeit
ein Aspekt der Philosophie Humes angesprochen sein, der allein aufgrund seiner
historischen Präsenz eine Beschäftigung mit dem Thema rechtfertigt.
Das Problem der idea of necessary connexion findet sich originär im 14. Abschnitt des
dritten Teils von Buch I des Treatise of Human Nature ausführlich behandelt. Dort
schlussfolgert Hume bezüglich der Natur der Notwendigkeit:
„There is, then, nothing new either discovered or produc'd in any objects by
their constant conjunction [...]. These ideas, therefore, represent not any thing,
that does or can belong to the objects, which are constantly conjoin'd.“ (S.
164)1
Stattdessen verortet Hume das Kausalitätsprinzip im menschlichen Geist: „the efficacy
of causes lie in the determination of the mind!“ (S. 167)
„Humes Paukenschlag“ (Pätzold 1998, S. 10) ist nicht unmittelbar einsichtig und bedarf
der Ausführung. Deshalb soll hier zunächst die Argumentationsstruktur nachgezeichnet
werden, mit der Hume seine „Kausalitätsskepsis“ (Bonk 1998, S. 283) begründet
(I). Daran anschließend soll geprüft werden, ob Humes Argumentation überzeugen
kann und überzeugt hat (II) und welches Interpretationsspektrum von Humes
Lösung aufgeworfen wird (III).
Abschließend sei darauf hingewiesen, dass ich aus Gründen der Übersichtlichkeit
und Lesbarkeit das generische Maskulinum als Kollektivbezeichnung verwende.
1 Angaben ohne weiteren Hinweis auf Autor und Erscheinungsjahr verweisen auf: Hume 1978.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
I. Die idea of necessity
I.1. Begriffliche und theoretische Vorentscheidungen
I.2. Das Wesen der Notwendigkeit
I.2.1. Gewöhnliche Annahmen
I.2.2. Gangbare Worte
I.2.3. Humes negative Antwort
I.2.4. Humes positive Antwort
I.3. Zusammenfassung
I.3.1. Die gewöhnliche Meinung (M1)
I.3.2. Die falsche philosophische Meinung (M2)
I.3.3. Die richtige philosophische Meinung (M3)
II. Zur Überzeugungskraft der humeschen Argumentation
II.1. Zur Kohärenz der Argumentationsstränge
II.1.1. M1
II.1.2. M2
II.1.3. M3
II.2. Klärungen und Korrekturen
II.2.1. Radikaler Reduktionismus
II.2.2. Naive Auffassungen
II.2.3. Unstimmigkeiten
II.3. Kants und Husserls Einwände gegen Hume
II.3.1. Kant
II.3.2. Husserl
II.4. Urteil
III. Zur Interpretation des humeschen Kausalitätskonzepts
III.1. Kausalität abschaffen
III.2. Was bleibt?
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht kritisch Humes philosophische Analyse der Kausalität und der Notwendigkeit im "Treatise of Human Nature". Ziel ist es, die Argumentationsstruktur Humes auf ihre Konsistenz zu prüfen, ihre erkenntnistheoretischen Implikationen zu beleuchten und sie in den Kontext der Kritik durch Kant und Husserl sowie moderner Interpretationen zu stellen.
- Rekonstruktion der humeschen "Kausalitätsskepsis" und der Herleitung der "idea of necessity".
- Untersuchung der Kohärenz von Humes Argumentationsschritten (M1, M2, M3).
- Kritische Auseinandersetzung mit der Naivität des humeschen Sensualismus.
- Gegenüberstellung von Kants und Husserls Einwänden gegenüber Humes empirischem Ansatz.
- Diskussion über die Relevanz des humeschen Kausalitätskonzepts für ein pragmatisches Wirklichkeitsverständnis.
Auszug aus dem Buch
II.2. Das Wesen der Notwendigkeit
Unter Voraussetzung der empirischen These macht sich Hume auf die Suche nach der impression, die die idea of necessity ausgelöst hat: „we must find some impression, that gives rise to this idea of necessity“ (S. 155). Dazu widmet sich Hume zunächst gewöhnlicher Annahmen („what is [...] commonly suppos'd“ (ebd.)) zum Notwendigkeitsproblem und gelangt zu einem Urteil, das „at first sight be receiv'd without difficulty“ (S. 156).
Demnach werde Notwendigkeit immer einer kausalen Verknüpfung zweier Gegenstände („objects“ (ebd.)) zugeschrieben, an der unmittelbar wahrgenommen („immediately preceive[d]“ (ebd.)) werden könne, dass die Ursache der Wirkung vorausgeht und dass beide Gegenstände zueinander in raumzeitlicher Kontiguität stehen. Damit aber sei schon alles gesagt, was zur Betrachtung zweier kausal verknüpfter Gegenstände gesagt werden könne: „In no instance can I go any farther, nor is it possible for me to discover any third relation betwixt these objects“ (ebd.). Allein aus der Betrachtung zweier anscheinend kausal verknüpfter Gegenstände lässt sich das Wesen oder die Natur der Notwendigkeit nicht ableiten. Was 'Notwendigkeit' ist, bleibt zunächst unklar.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in Humes Philosophie der Kausalität, die Problemstellung der Notwendigkeit und den methodischen Aufbau der Arbeit.
I. Die idea of necessity: Darstellung von Humes Vorentscheidungen sowie seine Suche nach dem Ursprung der Idee der Notwendigkeit.
II. Zur Überzeugungskraft der humeschen Argumentation: Kritische Prüfung der Kohärenz von Humes Argumenten, Auseinandersetzung mit Kant und Husserl sowie ein abschließendes Urteil über die Tragfähigkeit des Ansatzes.
III. Zur Interpretation des humeschen Kausalitätskonzepts: Ausblick auf weiterführende Interpretationen, insbesondere Russells radikale Kritik und die Frage nach der pragmatischen Bedeutung Humes.
Schlüsselwörter
Hume, Treatise of Human Nature, Kausalität, Notwendigkeit, idea of necessity, Empirismus, impressions, ideas, Gewohnheit, Erkenntnistheorie, Kant, Husserl, Russell, Kausalitätsskepsis, Wahrnehmung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert David Humes Untersuchung über Kausalität und das Wesen der Notwendigkeit, wie er sie im ersten Buch seines "Treatise of Human Nature" darlegt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind der empirische Ursprung unserer Ideen, die Kritik am traditionellen Kausalitätsverständnis und die Frage, wie der menschliche Geist durch Gewohnheit kausale Verknüpfungen konstituiert.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die interne Kohärenz von Humes Argumentation aufzuzeigen, ihre Schwachstellen zu benennen und ihren philosophischen Stellenwert im Lichte namhafter Kritiker zu bewerten.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor führt eine textkritische Rekonstruktion durch, ergänzt durch einen Vergleich mit philosophiegeschichtlichen Positionen (Kant, Husserl) und moderne analytische Interpretationen (Russell).
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Rekonstruktion von Humes Argumentationssträngen (M1, M2, M3), eine kritische Analyse seiner Annahmen zum Sensualismus und eine Diskussion seiner Bedeutung als skeptischer Pragmatiker.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Kausalität, Notwendigkeit, Empirismus, impressions, ideas und die humesche Skepsis charakterisiert.
Wie bewertet der Autor die Bedeutung von Kants und Husserls Kritik für Hume?
Der Autor nutzt Kants und Husserls Einwände, um die Grenzen von Humes empirischem Verfahren und die Schwierigkeiten seines psychologischen Erklärungsansatzes zur Kausalität deutlich zu machen.
Welchen pragmatischen Nutzen zieht der Autor aus Humes Überlegungen?
Der Autor argumentiert, dass Hume den Skeptizismus in Grenzen weist, indem er Philosophie als eine Tätigkeit versteht, die handlungsrelevant sein muss und einen angemessenen Umgang mit "Glaubensüberzeugungen" in der Welt erfordert.
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- Magister Artium Markus Szczesny (Author), 2004, Und Glauben heißt doch Wissen! Notwendigkeit und Kausalität in Humes Treatise, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/29736