Brennende Autos, zerstörte Geschäfte, Straßenschlacht-ähnliche Szenen mit der Polizei. Das sind die Bilder, die vor einiger Zeit durch die Nachrichten gingen. Szenen aus französischen Vororten, den „Banlieues“. Ähnliche Szenen finden immer wieder in Großstädten Europas und USA statt.
Die Menschen, die dort auf die Straße gehen sind meist Jugendliche und Heranwachsende. Menschen, die sich vom Wohlstand und der Sicherheit der Gesellschaft ausgeschlossen fühlen. Ihnen fehlt die Perspektive auf eine reguläre und gesicherte Erwerbsarbeit und mit dieser auch auf soziale
Absicherung. Diese Menschen leben in prekären Verhältnissen, sie sind sich ihrer Zukunft unsicher und damit verlieren sie auch die Angst vor dem Staat und der Staatsgewalt. Doch das Phänomen des prekären Lebens betrifft längst nicht mehr nur die Kinder aus ArbeiterInnenfamilien, auch die Kinder
aus wohlhabenden Familien mit akademischem Abschluss sind zunehmend von dieser Entwicklung betroffen, wie man nicht zuletzt auch in Griechenland erkennen kann.
Doch wie, und vor allem warum, ist es zu dieser Entwicklung gekommen, wo die Erlangung der sozialen Sicherheit, wie z.B. die Renten- und Krankenversicherung, historisch gesehen noch gar nicht so alt ist? Sind ähnlich gewaltsame Proteste wie die in Frankreich und Griechenland auch in anderen westlichen Ländern, insbesondere Deutschland möglich, und warum stehen hauptsächlich Jugendliche und Heranwachsende im Mittelpunkt solcher Proteste?
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Prekarität
2.1 marginalisierte Prekarität
2.2 Der Übergang zur diskriminierenden Prekarität
3 Analyse Prekarität
4 Prekäres Leben
5 Folgen der Prekarisierung
6 Situation in den französischen Banlieues
7 Vergleich Deutschland / Frankreich
8 Fazit
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Diese Arbeit untersucht die zunehmende Prekarisierung von Lebens- und Arbeitsverhältnissen in westlichen Gesellschaften und analysiert den Zusammenhang zwischen prekären Lebenslagen und gewaltsamen sozialen Protesten, insbesondere am Beispiel der französischen Banlieues im Vergleich zu Deutschland.
- Historische Entwicklung und Definition von Prekarität
- Strukturelle Ursachen und Folgen der Prekarisierung für Jugendliche
- Analyse der Protestbewegungen in französischen Vororten
- Vergleichende Betrachtung der Integrationsbedingungen in Deutschland und Frankreich
- Die Rolle des Finanzmarkt-Kapitalismus bei der Entstehung prekärer Verhältnisse
Auszug aus dem Buch
2.1 marginalisierte Prekarität
Die Entwicklung der Prekarität hat eine lange historische Entwicklung hinter sich, welche bereits im 19. Jahrhundert beginnt. Das damalige Proletariat (nach Karl Marx) war auf strukturell unsichere Lohnarbeit angewiesen. Die ArbeiterInnen hatten dadurch keinen Zugriff auf gesellschaftliche Sicherungssysteme. Nach 1945 änderte sich dies. Sowohl in den westlichen kapitalistischen Ländern als auch in den sozialistischen Nachbarländern kam eine sozialpolitische Lösung für das Problem auf: Erwerbsarbeit wurde mit Schutzmechanismen wie arbeitsrechtliche Bestimmungen, Unfall-, Kranken-, und Rentenversicherung verknüpft. Das Proletariat konnte sich mit Hilfe der „Ansprüche auf soziales Eigentum, einem Eigentum zur Existenzsicherung“ zu einem sozialen Bürgertum entwickeln. (vgl. Dörre 2010, S. 41 f)
Trotz der sozialen Sicherungssysteme konnte Armut und Prekarität nicht endgültig ausgeschlossen, jedoch marginalisiert werden. Klaus Dörre beschreibt diese Entwicklung als „marginalisierte Prekarität“ (Dörre 2010, S. 46). Während ein Großteil der Bevölkerung in gesetzlich und tariflich geregelter Lohnarbeit beschäftigt war, entwickelte sich die Prekarität außerhalb dieser Lohnarbeit.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet aktuelle gewaltsame Proteste in europäischen Städten und führt in die Fragestellung ein, warum prekäre Lebensverhältnisse zunehmend auch Jugendliche aus privilegierten Schichten betreffen.
2 Prekarität: Dieses Kapitel definiert Prekarität als unsichere Lebens- und Beschäftigungsverhältnisse und zeichnet den historischen Wandel von einer marginalisierten hin zu einer diskriminierenden Form der Prekarisierung nach.
3 Analyse Prekarität: Es werden verschiedene wissenschaftliche Konzepte zur Analyse der Prekarisierung diskutiert, wobei insbesondere die Erweiterung des Ansatzes von Robert Castel um qualitative Dimensionen und Partizipationsrechte hervorgehoben wird.
4 Prekäres Leben: Der Fokus liegt hier auf der spezifischen Situation von Jugendlichen, für die prekäre Arbeit aufgrund fehlender Erfahrung und gesellschaftlicher Ausschlussmechanismen zu einer Lebensform wird.
5 Folgen der Prekarisierung: Dieses Kapitel behandelt die individuellen und gesellschaftlichen Auswirkungen, von Überlebensstrategien der Betroffenen bis hin zu generationellen Konflikten und der Ermattung zivilgesellschaftlicher Akteure.
6 Situation in den französischen Banlieues: Die Analyse der französischen Vororte zeigt auf, wie städtebauliche Fehlplanungen, Arbeitslosigkeit und soziale Ausgrenzung zu gewaltsamen Entladungen führen.
7 Vergleich Deutschland / Frankreich: Ein systematischer Vergleich verdeutlicht, warum es in Deutschland trotz vorhandener Prekarisierung bisher nicht zu vergleichbaren Eskalationen kam wie in Frankreich.
8 Fazit: Die abschließende Zusammenfassung betont, dass Prekarisierung kein temporäres Phänomen ist, sondern systemimmanent bleibt, und dass künftige Proteste ohne positive Visionen und gesellschaftliche Utopien weiter zu erwarten sind.
Schlüsselwörter
Prekarität, Prekarisierung, Finanzmarkt-Kapitalismus, Jugendproteste, Banlieues, soziale Ausgrenzung, Erwerbsbiografie, atypische Beschäftigung, Arbeitslosigkeit, Integration, soziale Sicherungssysteme, Generationenkonflikt, Kapitalakkumulation, Arbeitsmarktpolitik, Segregation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Ausbreitung von unsicheren Arbeits- und Lebensverhältnissen in westlichen Gesellschaften und deren soziopolitischen Konsequenzen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die historische Entwicklung der Prekarität, die Auswirkungen auf die junge Generation sowie die Gründe für gewaltsame soziale Unruhen im städtischen Raum.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu ergründen, warum Prekarisierung zunehmend als gesichert geltende soziale Schichten erreicht und welche Bedingungen zu gewaltsamen Protesten führen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Analyse, die auf soziologischen Fachpublikationen basiert und diese in einem deutsch-französischen Vergleich gegenüberstellt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Mechanismen der Prekarisierung, die Situation junger Menschen am Arbeitsmarkt sowie die Ursachen für die Ausschreitungen in französischen Banlieues.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wesentliche Begriffe sind Prekarität, soziale Ausgrenzung, Jugendproteste, Finanzmarkt-Kapitalismus und gesellschaftliche Integration.
Warum betrifft Prekarität heute auch Akademiker?
Laut Text ist Prekarität einem Wandel unterworfen, der soziale Gruppen erfasst, die zuvor als sicher galten, da der Kapitalismus zunehmend marktbegrenzende Institutionen schwächt.
Welche Rolle spielt die räumliche Segregation in französischen Vororten?
Räumliche Segregation ist eine wesentliche Ursache für die Konzentration sozialer Probleme, die in den Banlieues in gewaltsamen Protesten als Ausdruck der Ohnmacht gipfelt.
Warum unterscheidet sich Deutschland von Frankreich bei den Protesten?
Der Vergleich identifiziert Faktoren wie kolonialen Hintergrund, das Staatsbürgerschaftsrecht (Geburtsortprinzip vs. Abstammungsprinzip) und die Qualität der Kommunikation zwischen Staat und Zivilgesellschaft.
Gibt es eine Lösung für die prekäre Situation der Jugend?
Das Fazit bleibt skeptisch und weist darauf hin, dass ohne eine gemeinsame Utopie oder eine politische Vision lediglich Proteste statt Revolutionen zu erwarten sind.
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- Hendrik Lang (Author), 2015, Prekarisierung und Protest. Deutschland und Frankreich im Vergleich, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/298511