Traumwirklichkeit in "Traumnovelle" von Arthur Schnitzler und "Eyes Wide Shut"


Hausarbeit, 2013

25 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A) Einleitung
I.) Literaturverfilmung
II.) Traumwirklichkeit in der Traumnovelle (Arthur Schnitzler)
1.) Die „Traumnovelle“ und die Psychoanalyse
2.) Erzählinstanz nach Franz K. Stanzel
3.) Einsatz sprachlicher Wendungen
4.) Sinneswahrnehmungen
5.) Meta-Märchen als intertextueller Verweis
III.) Traumwirklichkeit in Eyes Wide Shut (Stanley Kubrick)
1.) „Eyes Wide Shut“ als interpretierende Adaption
2.) Traumwahrnehmung im Film
3.) Das Kamera-Auge als Erzählinstanz
4.) Kamerabild als seelisches Sprachrohr
5.) Suggestive Atmosphäre
6.) Metaphern und Motive

B) Fazit

A) Einleitung

„Auch einen Roman von Arthur Schnitzler, Traumnovelle, möchte ich verfilmen, begonnen habe ich damit jedoch noch nicht. […] Es [das Buch] untersucht die sexuelle Ambivalenz einer glücklichen Ehe und versucht die Bedeutung sexueller Träume und hypothetischer Möglichkeiten [engl. Might-have-beens] mit Wirklichkeit gleichzusetzen. Schnitzlers Gesamtwerk ist psychologisch denkbar brilliant […].1

So äußerte sich der Regisseur Stanley Kubrick in einem Interview über seine Inspiration der „Traumnovelle“2 von Arthur Schnitzler und seiner angehenden Verfilmung. Dem Autor Schnitzler, der als „Meister des Atmosphärischen gilt“3, wie ihn seine Zeitgenossen nannten, gelingt ein sinnliches und ästhetisches Werk, welches eine „traumwirkliche“ Atmosphäre generiert. Auch Schnitzler hatte ein ausgeprägtes Filmverständnis und arbeitete an einem Drehbuchentwurf für die „Traumnovelle“, die er für die filmische Umsetzung anpasste. Jedoch kam es nicht zur Realisierung, da der Regisseur Georg Wilhelm Pabst Angst vor einer gescheiterten Verfilmung hatte.4 Erst unter Kubrick im Jahre 1999 kurz vor seinem Tod, gelang eine Verfilmung der literarischen Vorlage unter dem veränderten Titel Eyes Wide Shut.5 Die Herausforderung für Kubrick, bestand darin, entsprechende filmische Äquivalente zur literarischen Vorlage zu finden. Diese Hausarbeit soll nun unter Berücksichtigung der jeweiligen Medienspezifik die Umsetzung des Fluktuierens zwischen Traum und Wirklichkeit im Film und Literatur miteinander vergleichen und mögliche medienspezifische Differenzen aufzeigen. Um den intermedialen Übergang zwischen literarischer Vorlage und Film untersuchen zu können, werden beide Formen zunächst getrennt voneinander analysiert, da es sich um unterschiedliche Zeichensysteme und damit eigenständige Medien handelt. Auch der kulturelle und geschichtliche Kontext der Vorlage soll nicht vernachlässigt werden, da dieser sowohl für die „Traumnovelle“ als auch für Eyes Wide Shut konstituierend ist und eine werkimmanente Betrachtung das Konzept der Traumwirklichkeit nicht vollständig erfassen würde. Die Darstellung der Traumwirklichkeit in der „Traumnovelle“ und in Eyes Wide Shut ermöglicht eine interessante Vergleichsgrundlage zwischen den beiden Medien, die trotz der intermedialen Beziehung und ihrer einhergehenden Diskrepanzen eine vergleichbare Wirkung erreichen. Bevor allerdings auf die Analyse der beiden Medien eingegangen wird, soll zunächst der Begriff der Literaturverfilmung und seine Ambivalenz erläutert werden.

I.) Literaturverfilmung

Die Bezeichnung Literaturverfilmung ist ein vager und ambivalenter Begriff, der seit Jahrzehnten zu Spannungen zwischen zwei wissenschaftlichen Disziplinen führt. Auf der einen Seite die Filmwissenschaftler, die ihr neues Medium als eigenständige Kunstform etablieren möchten und dazu tendieren, ihren Gegenstand als eigenständig und emanzipiert gegenüber der Literatur zu betrachten. Einzig und allein, so heißt es, sei die Literatur nur zu der Anfangszeit des neuen Mediums als Gehhilfe dienlich gewesen bis der Film das Laufen lernte. Auf der anderen Seite die Literaturwissenschaft, welche sich der Gefahr ausgesetzt fühlt, ihres auratischen und originalen Charakters durch die Verfilmung beraubt zu werden. Zumal der Film wegen seiner spezifischen Darstellungsform als bewegtes Bild nicht in der Lage sei, den literarischen Stoff adäquat und unverfälscht wiederzugeben. Hinzu kommt, dass das audiovisuelle Medium immer populärer wurde und die Literatur ins intellektuelle Abseits zu drängen drohte. Diese Vorurteile und Behauptungen beider Parteien bestehen latent weiter, jedoch ist festzustellen, dass der Film sich mittlerweile vom reinen Reprodukteur hin zum eigenständigen Geschichtenerzähler etabliert hat.6 Entsprechend auf das Konkurrenzdenken reagierte auch André Bazin in seinem „Plädoyer für Adaption von Literatur“7, in dem er ausführt, dass das Medium Film sein eigenes Handwerk bereits erlernt hat und nun im Stande sei, seine spezifischen Ausdrucksmittel sinnvoll zu nutzen, sodass eine Literaturverfilmung um 1960 gar als Erweiterung der Literatur angesehen wird und sich als durchaus fruchtbar für das Literarische erweisen kann.

Analog zu der Auseinandersetzung der beiden Wissenschaften lässt sich auch der als lange Zeit vage und uneindeutig verwendete Begriff der Literaturverfilmung beleuchten. So wird er im Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft als „Prozeß und Produkt der Umsetzung eines schriftsprachlich fixierten Textes in das audiovisuelle Medium des Films“ definiert. Diese Definition birgt jedoch noch eine Menge an Unklarheiten und lässt das nach wie vor unterschiedliche Verständnis von Literaturverfilmung erahnen, welches sich in den letzten 100 Jahren der Filmgeschichte herausgebildet hat. Spricht man von einer Literaturverfilmung, sobald die Literatur nur als stofflicher Ideengeber fungiert oder gehört mehr dazu? Ist das Drehbuch gemäß der Definition als ein „schriftsprachlich fixierter Text“ schon eine Art Literaturverfilmung, die von Schrift ins Bild transformiert werden muss oder gehört das schon zum filmischen Produktionsprozess? Ein Versuch den Begriff enger zu fassen, der eine breite Anwendung in der Forschungsliteratur erreicht hat, wurde unter anderem vom Literaturwissenschaftler Helmut Kreutzer gemacht, der 1981 vier verschiedene Arten von Literaturadaptionen bestimmt hat, welche auch heute für die Unterscheidung häufig genutzt werden. Dabei schließt er die lyrischen Texte aus, da sie für eine Verfilmung ungeeignet erscheinen und unterscheidet lediglich zwischen dramatischen und epischen Vorlagen. Diesen zwei Formen widmet er eine Typologie für die filmische Umwandlung und sortiert sie nach dem Grad ihrer Werktreue. Er unterscheidet zwischen der Aneignung des bloßen Stoffes, der abgesehen vom Sujet, keine Ähnlichkeiten zur Vorlage aufweist, der Adaption als Illustration, die lediglich eine Bebilderung der Literatur ist, und der interpretierenden Adaption, welche unter Berücksichtigung der medienspezifischen Bedingungen sowohl Inhalt- und Formbeziehung als auch stilistische Besonderheiten beibehält.8 Diese Formen bieten einen groben Überblick über die Möglichkeiten von Literaturverfilmungen und zeigen, dass sich nicht alle literarischen Werke gleichermaßen für eine Verfilmung eignen, was mit der Komplexität der Handlung, dem Umfang des literarischen Werkes, der Visualität ect. zusammenhängt. Die Adaption Eyes Wide Shut wird der interpretierenden Transformation zugeordnet und erfährt mit der Einteilung einen breiten Konsens in der Forschungsliteratur.9 Bevor auf die interpretierende Transformation eingegangen wird, soll zunächst die literarische Vorlage hinsichtlich der Umsetzung der Traumwirklichkeit untersucht werden.

II.) Traumwirklichkeit in der Traumnovelle (Arthur Schnitzler)

1.) Die „Traumnovelle“ und die Psychoanalyse

Das Werk, das Kubrick zu tiefst inspiriert hatte und dessen Verfilmungsrechte er schon 1971, sprich 28 Jahre vor Produktionsbeginn, erworben hat, stellt eines der rätselhaftesten Werke Schnitzlers dar und ist ein Resultat aus einer jahrelangen Beschäftigung mit der Psychoanalyse Freuds. Allein deshalb scheint es unumgänglich, auf Arthur Schnitzlers Werk näher einzugehen. Zumal Schnitzler kein gewöhnlicher Literat war, sondern ein Filmkenner, dessen Schaffensperiode eine enge Medienbeziehung zwischen Literatur und dem damals neuen Medium pflegte und damit auch einen großen Einfluss auf die Filmproduktion ausübte.10

Seinen ersten Entwurf schuf der österreichische Autor 1907 und arbeitete Jahrzehnte lang an dem stark psychoanalytischen geprägten Sujet bis er Dezember 1925 erstmals in der Zeitschrift Die Dame erschien. Wie der Buchtitel schon offen legt, handelt es sich um eine Novelle, deren Leitmotiv der Traum ist.

Die „Traumnovelle” erweckt den ambivalenten Eindruck sich zu gleicher Zeit in einem Traum und der Wirklichkeit zu befinden, es geht um Ohnmacht und Macht, Liebe und Hass, Treue und Untreue, Flucht und Zuflucht. Mit diesen dichotomischen Beziehungen, versucht Schnitzler in Anlehnung an Freuds Psychoanalyse mit der er sich kritisch auseinandersetzte, die zwiespältige Psyche des Menschen aufzuzeigen, welche zwischen Bewusstsein und Unbewusstsein changiert. Schnitzler erweitert Freuds formuliertes Verhältnis um das zentrale Gebiet des Mittelbewusstseins als einem Ort, der ununterbrochen verfügbar ist, und an dem die Elemente ins Bewusstsein hochsteigen oder ins Unbewusste sinken.11 Anders als Freud, der behauptet, dass die Träume aus dem Unterbewusstsein entspringen, sieht Schnitzler das Mittelbewusstsein als den Ort, an dem verborgene Gefühle verdrängt werden und das im Gegensatz zum Unterbewussten dennoch zugänglich ist.12

Seine Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse exemplifiziert Schnitzler an der „Traumnovelle” und schafft daraus ein psychologisches Experiment. Die Handlung lässt er in der Großstadt, in Wien zu Zeiten des Fin de siècle, stattfinden, in der das Individuum in seiner freien Entfaltung eingeschränkt war und sich den Wert-und Normvorstellungen der bürgerlichen Gesellschaft unterordnen musste. Vor allem außereheliche sexuelle Fantasien, die mit den gesellschaftlichen Konventionen nicht vereinbar waren, wurden tabuisiert. Das Augenmerk setzt Schnitzler auf die sexuelle und geistige Unterdrückung der Frau in der patriarchalen Gesellschaft.

Die Äußerung bisher unterdrückter Wünsche Albertines löst eine Existenzkrise bei Fridolin aus. Beide scheinen aufgrund internalisierter Wert- und Normvorstellungen für den Weg zum „Mittelbewusstsein“ psychisch nicht gewappnet zu sein und entfremden sich zunächst voneinander. Angedockt durch das Hervortreten verborgener Fantasien, flüchten beide in eine Art „Traumwelt“. Albertine im Rahmen eines wirklichen Traumes und Fridolin mittelbewusst in seine nächtlichen Odysseen, die uneindeutig zwischen Traum und Wirklichkeit schwanken. Der Traum fungiert hier als eine Verbindung vom Bewusstsein ins „Mittelbewusstsein“ und dient als Ort, an dem sich die unbefriedigten Wünsche verwirklichen lassen. Während Albertine die Fähigkeit zur Selbstbeobachtung hat und als erste den Mut fasst, ihrem Ehemann von ihren geheimen Gedanken zu erzählen, muss Fridolin erst die Erfahrung mit seiner Innenwelt machen. Dies erklärt auch, weshalb Fridolin zunächst nicht als Erzähler, sondern als handelnde Person auftritt, der wir durch ihr Abenteuer folgen.

Das „Erzählen“ fungiert in der „Traumnovelle” nicht nur als literarisches Erzählprinzip, sondern auch als Mittel der Bewusstwerdung innerhalb der Fiktion. Erst durch das sukzessive Erzählen überwindet das Ehepaar den Entfremdungsprozess und findet wieder zu einander. Die Versöhnung als „Aufstieg ins Bewusste“ beendet der auktoriale Erzähler mit einem „sieghaften Lichtstrahl durch den Vorhangspalt und einem hellen Kinderlachen [...]“ (Schnitzler 2006: S. 97), welches sowohl die wiederhergestellte Harmonie aufzeigt beziehungsweise das Aufsteigen aus dem Mittelbewusstsein in die Realität.

Darüber hinaus verdeutlicht die Synthese aus realen und surrealen Eindrücken in Fridolins nächtlichem Erlebnis, dass eine objektive Einschätzung der Realität innerhalb der Bewusstseinsprozesse unmöglich ist. Genauso wie Fridolins Zweifel über das Erlebte aufkommt, so ist es auch dem Leser unmöglich, eine Aussage über den ontologischen Status zu machen, zumal sein Herumtreiben aus seiner subjektiven Wahrnehmung beschrieben wird und eine neutrale Instanz fehlt. Der Exkurs in die Psychoanalyse als bedeutender Kontext, ist insofern signifikant, als dass er nicht nur den Inhalt prägt, sondern auch das dramaturgische Grundgerüst der Handlung bestimmt.

Mit welchen adäquaten Einsatz erzähltechnischer Mittel Schnitzler das Changieren zwischen Traum und Wirklichkeit beschreibt, und somit den Leser in den Zwischenraum des Mittelbewusstseins rückt, soll im Folgenden analysiert werden.

2.) Erzählinstanz nach Franz K. Stanzel

Bereits die Komposition des Titels aus „Traum“ und „Novelle“ beschreibt das ästhetische Verfahren Schnitzlers, der den Traum sowohl auf erzählerische Weise umsetzt als auch die dafür geeignete Gattungsspezifik der Novelle für die Darstellung des Traumhaften zu nutzen weiß.13 Wie schon erwähnt erlebt Albertine einen wirklichen Traum, während Fridolin ein traumwirkliches Erlebnis erfährt. Da es in dieser Arbeit jedoch um die Vermittlung des ambivalenten Verhältnisses zwischen Traum und Wirklichkeit geht, sollen im Folgenden die erzählerischen Mittel beschrieben werden, die die Uneindeutigkeit der Wirklichkeitsebenen evozieren. Demnach liegt das Augenmerk weniger auf Albertines Traum, sondern vielmehr auf Fridolins nächtlichen Odysseen, die den größten Teil der Novelle ausmacht. Zumal Albertines Traum ebenso surreale Elemente aufweist und somit als Äquivalent zu Fridolins „Erlebnissen“ gelten kann.14 Ihre inneren Wünsche und Träume sind insofern für Fridolins „Traum“ ausschlaggebend, als dass sie den Auslöser für seine nächtliche Irrfahrt bilden.

Den überwiegenden Teil der Erzählung bestimmen also die Odyssee Fridolins und seine Rekapitulation am nächsten Tag. Diese versuchten Aufklärungen zeigen Fridolins subjektive Handlung als Reaktion auf äußere Reize. Demzufolge verwendet Schnitzler zur Vermittlung dieser Ereignisse einen personalen Erzähler in der dritten Person Singular an, der die äußere Umwelt und die Innenwelt aus der Sicht des Hauptprotagonisten vertritt. Er bringt dem Leser die Gefühle, Gedanken und Empfindungen Fridolins auf seinen nächtlichen Stationen nahe. Der personale-Er-Erzähler gehört jedoch nur scheinbar der Welt der Figur an, da sich diese Instanz tatsächlich zwischen der Figur und der fiktiven Welt befindet. Sprich, er erfüllt die Rolle eines getarnten Ich-Erzählers beziehungsweise eines auktorialen Erzählers mit der Perspektive auf Fridolin, in denen jedoch die Seinsbereiche des Erzählers und der Figur nicht deckungsgleich sind.15 Dieser Erzähltypus ist prädestiniert, um die grundsätzliche Annahme einer fiktiven Wirklichkeit mit einer unzuverlässigen Erzählung zu konterkarieren, deren Wirklichkeitsstatus uneindeutig bleibt.16 Der Leser muss sich folglich immer wieder fragen, was von Fridolins Wahrnehmung noch Realität und was Phantasie ist. Als Erzählform wählt Schnitzler im großen Umfang die erlebte Rede, welche die Gedanken der Figur wiedergibt, aber gleichzeitig den Erzählrahmen durch eine dritte Person und das Imperfekt zumeist beibehält. Ein kennzeichnendes Merkmal der erlebten Rede ist, neben der Unmittelbarkeit, die dem Leser vermittelt wird auch ihre Ambivalenz, in welchem sich nicht nur Erzähler und Figur überlagern, sondern sich auch unterschiedliche grammatische Formen vermischen, sodass es sich oftmals nicht von einem Erzählerbericht oder einer indirekten Rede abgrenzen lässt. Bevorzugt findet die erlebte Rede Anwendung, wenn Fridolin sich über das Erlebte unklar ist oder sich seiner Introspektive zuwendet. Der Leser wird in die Handlung hineingezogen und erlebt somit Fridolins nächtliche Wanderung sowie seine Rekonstruktionsversuche am nächsten Tag mit. Einen Einblick in Fridolins Wahrnehmung, bekommt der Leser z. B., als er die für ihn aufgeopferte Leiche betrachtet:

[…] dann schlang er seine Finger wie zu einem Liebesspiel in die der Toten, und so starr sie waren, es schien ihm, als versuchten sie sich zu regen, die seinen zu ergreifen; ja ihm war, als irrte unter den halbgeschlossenen Lidern ein ferner, farbloser Blick nach dem seien; und wie magisch angezogen beugte er sich herab. (S. 92)

Hier ist offensichtlich, dass sich Fridolin die Reaktion der Toten imaginiert und ihre Bewegung herbeiwünscht, um sich sicher zu sein, dass es sich um seine Retterin von letzter Nacht handelt.

Doch vor allem die Erlebnisse in der Maskenverleihanstalt sowie der Höhepunkt der exzessiven Maskenzeremonie können sowohl Traum bzw. Imagination als auch Realität sein, da diese Textpassagen stark von einem Oszillieren der erlebten Rede geprägt sind und unmerklich Übergänge in Dialoge oder Erzählerberichte vollziehen.

Hatte er nicht Fieber? Lag er nicht in diesem Augenblick nicht daheim zu Bett, - und all das, was er erlebt zu haben glaubte, waren nichts als Delirien gewesen?! Fridolin riß die Augen soweit auf als möglich, strich sich über Stirn und Wange, fühlte nach seinem Puls. Kaum beschleunigt. Alles in Ordnung. Er war völlig wach. (S. 57).

Diese Passage erscheint irreführend und unzuverlässig für den Leser zu sein, da hier Erzähler und Figur miteinander verschmelzen: Seine Diagnose des völligen Wachseins (Vgl. S. 57) kann seiner Wahrnehmung innerhalb eines Traums entsprechen oder auch die Bestätigung des Erzählers, dass seine nächtlichen Erlebnisse real sind. Da dem Leser eine auktoriale Referenz fehlt, um das Geschehen richtig einzuordnen, ist er gezwungen, sich Fridolins Urteilsvermögen anzunehmen. Hier überträgt sich die Unsicherheit Fridolins auf den Leser, sodass auch er unentschieden zwischen Traum und Wirklichkeit schwankt.

Neben der erlebten Rede setzt Schnitzler auch vereinzelt die Form des inneren Monologs (personaler Ich-Erzähler) ein, der den höchsten Grad an Identifikation mit der Figur stiftet. Hier sind die Seinsbereich identisch, weshalb die Erzählinstanz unsichtbar ist. Der Erzähler fungiert als Reflektorfigur und gewährt dem Leser die vollständige Mitsicht in Fridolins Gedankengänge. Eingesetzt wird diese Darbietungsform vor allem um spontane und affektive Gedanken zu vermitteln. Angesichts seiner mysteriösen Umgebung in der geheimen Gesellschaft schießen ihm plötzlich die Gedanken in den Kopf: „Wo bin Ich? Dachte Fridolin: Unter Irrsinnigen? Unter Verschwörern? Bin ich in die Versammlung irgendeiner religiösen Sekte geraten? Doch für einen Maskenscherz schien ihm alles zu ernst, zu eintönig, zu unheimlich.“ (S. 44) Der Übergang zum inneren Monolog wird durch das verbum crecendi „dachte Fridolin“ angedeutet. Doch wie das Zitat zeigt, geht der innere Monolog bei Schnitzler oftmals in die erlebte Rede über, sodass die Präsenz des Erzählers kaschiert wird. Ein auktorialer-Er-Erzähler wird in dagegen sparsam eingesetzt, da Fridolins Erlebtes im Fokus steht. Lediglich die Einstreuungen von Dialogen, Erzählerberichten und Zusammenfassungen werden von der auktorialen Instanz übernommen, um auch über Albertines emotionalen Zustand zu informieren. Gerade durch die Kombination aus auktorialer Einbindung Albertines und der vorherrschenden subjektiven Perspektive auf Fridolin, gelingt es Schnitzler zwei ontologische Ebenen aufzubauen, die sich zwischen Traum und Wirklichkeit bewegen. Eine Bedeutung wird jedoch dem auktorialen Ich-Erzähler zugeschrieben, da der Akt des Erzählens der Figuren (bzw. Intradiegese nach Genette) die Schwelle von der fiktiven Wirklichkeit zur Imagination kennzeichnet. Für diese Schwelle sorgen die beiderseitigen Geständnisse zu Beginn, der Traum Albertines in der Mitte der Handlung und die angedeutete Beichte Fridolins am Ende der Novelle. Nach Vorbrugg findet der Akt des Erzählens auf der realen Handlungsebene statt, der subjektive Inhalt der Erzählung (Erinnerung, Träume) dagegen entspringt der Welt der Träume.17 Demzufolge initiiert das Eingeständnis der beiden den ausschlaggebenden Konflikt, worin Fridolin in seine Odyssee flüchtet und Albertine ihren Traum erlebt, der als „Antwort“ auf Fridolins „(Alp-)Traum“ gedeutet werden kann. Durch die nachträgliche Vermittlung ihres Traumes verarbeitet sie ihre Abgründe und kehrt in ihr Bewusstsein zurück. Auch Fridolins angedeutete Beichte „Ich will dir alles erzählen“ (S. 96) markiert sein „Erwachen“ korrespondierend mit dem „sieghaften Lichtstrahl durch den Vorhangsspalt“ (S. 97). Um die Traumwirklichkeit seines Werkes zu akzentuieren, inszeniert Schnitzler somit auch auf der intradiegetischen Ebene äußerst kunstvoll einen Kontrast zwischen der allwissenden Erzählhaltung der Figur einerseits, und ihren subjektiven nebulösen Kontakt mit dem Unbewussten anderseits.18

[...]


1 Ruschel, Christian: Vom Innen und Außen der Blicke. Aus Arthur Schnitzlers Traumnovelle wird Stanley Kubricks EYES WIDE SHUT. Mainz 2002, S. 35.

2 Schnitzler, Arthur: Traumnovelle. Michael, Scheffel (Hrsg.). Stuttgart 2006.

3 Wolf, Claudia: Arthur Schnitzler und der Film. Bedeutung. Wahrnehmung. Beziehung. Umsetzung. Erfahrung. Karlsruhe 2006, S. 130.

4 Wolf, Claudia: S. 140 ff.

5 Kaul, Susanne / Palmier, Jean-Pierre: Stanley Kubrick. München 2010, S. 117.

6 Roloff, Volker: Intermedialität zwischen Film und Literatur der Romania. In: Ders. Volker Roloff (Hrsg.): Kino-/(Ro)Mania. Intermedialität zwischen Film und Literatur. Tübingen 1999, S. 9 ff.

7 Bazín, André: Für ein unreines Kino - Plädoyer für die Adaption. In: Wolfgang, Gast (Hrsg.): Literaturverfilmung. o.O.: o.V. 1993, S. 38.

8 Kreutzer, Helmut: Arten der Literaturadaption. In : Wolfgang Gast (Hrsg.): Literaturverfilmung. Bamberg 1993, S. 27.

9 Hanuschek, Sven: Traumnovelle (Arthur Schnitzler – Stanley Kubrick). In: Anne, Bohnenkamp: Literaturverfilmungen. Stuttgart 2005, S. 177.

10 Wolf, Claudia: S. 6.

11 Koch, Susanne: LiteraturFilmUnterricht. Bewertungsgrundlagen und didaktisches Potenzial der Literaturverfilmung für den Deutschunterricht am Beispiel von Eyes Wide Shut. Würzburg 2009, S. 362.

12 Freytag, Julia: Verhüllte Schaulust. Die Maske in Schnitzlers Traumnovelle und in Kubricks Eyes Wide Shut. Bielefeld 2007. S. 14.

13 Freytag, Julia: S. 15.

14 Koch, Susanne: S. 352.

15 Koch, Susanne: S. 309.

16 Ruschel, Christian: S. 27.

17 Vorbrugg, Miriam: Imagination des Begehrens. Arthur Schnitzlers Traumnovelle und Stanley Kubricks Eyes Wide Shut. In: Literatur für Leser 25 (2002), H. 3, S. 161.

18 Koch, Susanne: S. 306 - 311.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Traumwirklichkeit in "Traumnovelle" von Arthur Schnitzler und "Eyes Wide Shut"
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
25
Katalognummer
V298515
ISBN (eBook)
9783656947431
ISBN (Buch)
9783656947448
Dateigröße
643 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
traumwirklichkeit, traumnovelle, arthur, schnitzler, eyes, wide, shut
Arbeit zitieren
Claudia Jaworski (Autor), 2013, Traumwirklichkeit in "Traumnovelle" von Arthur Schnitzler und "Eyes Wide Shut", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/298515

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